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Feingefühl

Rund 20 Prozent aller Menschen sind hochsensibel – sie nehmen mit ihren Sinnen intensiver wahr als die meisten anderen.
Viele wissen nichts von ihrer Disposition und fühlen sich daher oft überlastet und vom Leben überwältigt. Wer allerdings diese Feinfühligkeit in sich erkennt und lernt, konstruktiv mit ihr zu leben, findet einen Schatz von großer Sinnhaftigkeit und Tiefe.

 

Was ist Hochsensibilität (HS)? Eine Modeerscheinung? Eine neue Dimension des Mensch-Seins oder schlicht die Entschuldigung, nicht voll im Leben stehen zu können? Nein, HS ist eine neuronale Disposition, also eine ererbte Veranlagung. Sie betrifft 15 bis 20 Prozent aller Menschen und auch andere Lebewesen. Das Nervensystem nimmt Informationen und Stimulationen feiner wahr und verarbeitet sie intensiver als beim Rest der Menschen. Lärm erscheint lauter, Schaufenster bunter und voller, Licht greller, die Stimmungen anderer Menschen intensiver. Andererseits nehmen hochsensible Personen (HSP) auch mehr Details wahr, erkennen Probleme oder Zusammenhänge schneller, sind oft perfektionistisch und gerechtigkeitsliebend. Der Begriff “Hochsensibilität” sorgt im deutschsprachigen Raum immer wieder für Irritationen, vor allem das Wort sensibel. Oft erhalte ich auf die Bezeichnung “hochsensibel” die Antwort: ”... aber sensibel sind wir doch alle irgendwie!” Richtig, soweit es um Sensibilität im Sinne von Mitgefühl und Empathie geht. Im Englischen wird jedoch von der High Sensitive Person gesprochen, also einer sensitiven Person. Sensitivität steht hier für die neuronale Empfänglichkeit, das heißt die Empfänglichkeit sämtlicher Sinne, mit denen wir wahrnehmen können. Eine überempfindliche Haut (kratziger Pullover) gehört genauso dazu wie die Wahrnehmung feiner Schwingungen, Energien oder Emotionen.

 

Das rechte Maß finden

Die Aufnahme der Reize geschieht größtenteils unbewusst. Allerdings können wir Betroffenen die Fülle der wahrgenommenen Stimulationen sehr wohl an unserem Wohlbefinden spüren. Habe ich “zu viel” aufgenommen, also nicht rechtzeitig meine Grenzen gesetzt, fühle ich mich schneller überlastet, gereizt oder erschöpft. Das liegt aber nicht daran, dass ich als HSP nicht belastbar wäre. Es ist allerdings so, dass dann, wenn aufgrund der viel offeneren Kanäle der Hochsensiblen deutlich mehr Informationen ins Nervensystem gelangen, das System natürlich auch mehr Zeit braucht, diese ganzen Informationen zu verarbeiten. Stellen Sie sich vor, Ihre Nachbarin kommt mit einer Tüte vom Einkauf zurück, Sie mit fünf Tüten – wer hat mehr auszupacken und einzuordnen?
Die große Herausforderung für HSP ist daher die “Suche” nach dem individuell richtigen Maß der Stimulation (gehe ich zur Party oder nicht?). An diesem persönlichen Maß der ausgewogenen Stimulation, der sogenannten Komfortzone, gilt es die eigenen Lebensbedingungen auszurichten. Dies kann leicht zu Konflikten mit Partnern oder KollegInnen führen, da diese das Bedürfnis nach Ruhe oder Regeneration unter Umständen gerade nicht nachvollziehen können.

In unserer reiz-vollen Leistungskultur brauchen wir HSP dringend Ruhephasen und Auszeiten, um das schnell stimulierte Nervensystem wieder zu entlasten. Mit dem spirituellen Wissen kamen Entspannungsmethoden wie Yoga, Meditation oder Tai Chi nach Europa. Sie sind hervorragend zum Entspannen und Beruhigen des feinfühligen Nervenkostüms einer HSP geeignet. Ein weiterer Vorteil dieser Methoden: Sie sind inzwischen vielerorts anerkannt! Hochsensible haben dadurch einen akzeptierten Rückzugsraum und müssen keine Ausreden mehr erfinden, um sich die benötigten Ruhephasen zur Regeneration zu gönnen.

 

 

Hochsensible Kinder

Hochsensibilität ist keine Krankheit und auch keine Störung! Durch die intensivere Wahrnehmung belastender Situationen neigen HSP jedoch bei ungünstigen Lebensbedingungen, vor allem im Kindesalter, schneller zu psychischen Irritationen oder Störungen. Grenzen ziehen zu lernen ist dann besonders wichtig.

Für hochsensible Kinder ist die Aufgabe der Grenzsetzung jedoch schwer zu bewältigen, da sie in der Regel von der Achtsamkeit und dem mitmenschlichen Verständnis der Erwachsenen in ihrer Umgebung abhängig sind. Interpretieren diese die Grenzsignale des Kindes nicht richtig bzw. übergehen sie schlichtweg, ergibt sich für das Kind ein innerer Druck. Die Reize im System werden zu viel, es bräuchte mehr Zeit und Ruhe, um sie zu verarbeiten. Die bekommt das Kind jedoch nicht, also erhöht sich der Druck weiter. Zwei Möglichkeiten bleiben dem Kind: 1. Es kann sich in sich zurückziehen, still werden, in sich gekehrt sein, um sich so vor weiterer Reizüberflutung zu schützen. 2. Es kann unruhig werden, überdrehen, Konzentration verlieren und in die Hyperaktivität gehen, um zumindest den inneren Druck zu verringern. In Amerika sind mittlerweile auf der Basis des erforschten Wissens um Hochsensibilität ein Großteil der AD(H)S-Diagnosen revidiert worden...

 

Pass-genau und eigen-sinnig?

Da wir Hochsensiblen in der Regel von Nicht-Hochsensiblen umgeben sind (80 Prozent), neigen wir leicht dazu, uns anzupassen, teilweise zum Preis der eigenen Identität. Diese Anpassung beginnt bereits im zarten Kindesalter und endet mit der Bewusstwerdung und der Akzeptanz des Anders-Seins. Diese Bewusstwerdung erfordert von uns HSP ein großes Quantum Mut und Einsatz, gilt es doch auch in mögliche Untiefen unserer Geschichte zu blicken. Allerdings haben wir mit unseren Fähigkeiten der differenzierten Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen ein hervorragendes Werkzeug dafür im Gepäck. Bleibe ich als HSP jedoch in der Anpassung verhaftet, kann es möglicherweise zum Problem werden, meine inneren Potenziale zu leben und mich zufrieden durchs Leben zu bewegen. HSP haben den Hang zum Perfektionismus, der auch in der Anpassung zum Tragen kommt: Ich will es richtig machen! Ich will es besser machen, damit jeder sehen kann, dass ich gut genug und richtig genug bin! Als Folge sind Burnout oder andere Erschöpfungssymptome fast unvermeidlich.

Hochsensibilität birgt auch viele Gaben für die Betroffenen. Viele HSP sind sehr kreativ, multitalentiert, empathisch oder spüren heilende Kräfte. Ähnlich der Hochbegabung können die speziellen Fähigkeiten hochsensibler Menschen in förderlichen Bedingungen aufblühen und sich entfalten. In welchem Bereich ein Mensch hochsensibel ist, kann ganz verschieden sein. So sieht der eine vielleicht kleinste Farbnuancen in Gemälden oder Kleidung, während die andere eine hohe Empfänglichkeit im Hören oder emotionalen Fühlen hat. In der Regel sind wir aber in mehreren Bereichen hochsensibel.

 

Hochsensibel = spirituell?

Eines ist offensichtlich allen HSP gemein: Das Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit im Leben ist sehr ausgeprägt und der Motor dafür, verschiedene Berufe oder Partnerschaften auszuprobieren, bis die innere Berufung, Aufgabe oder der eigene Platz im Leben gefunden ist. So ist es keine Seltenheit, dass eine HSP nach der Ausbildungszeit nicht weiß, was sie beruflich machen möchte. Lange wird nach dem richtigen “Job” gesucht und erst ab zirka Mitte Dreißig oder später, so schreibt E. Aron, finden manche HSP zu ihrer Berufung. Haben sie ihre Aufgabe gefunden, können HSP wahre Arbeitstiere sein. In unpassenden Arbeitsverhältnissen fühlt sich eine HSP dagegen unwohl, wenig kreativ und wirkt schnell unmotiviert.

“HSP sind gemeinhin nicht mit Zielen zufrieden, die nicht durchtränkt sind von Bedeutung – von ultimativer spiritueller Bedeutung” schreibt Aron in ihrem Buch “Hochsensibilität in der Liebe”. Es scheint also, als ob der Zugang und die Verbindung zur spirituellen Lebensweise schon von Hause aus angelegt ist. Und in einer Kultur, die eine Hälfte unseres Seins, nämlich die geistigen Lebensweisen, seit Jahrhunderten ausgrenzt, fallen Menschen, die diese Lebensbereiche fühlen und füllen können, natürlich auf – sofern sie davon wissen und sich damit zeigen. In spirituellen Zusammenhängen finden HSP Akzeptanz und Verständnis ihrer Andersartigkeit, die so anders gar nicht ist. Hier sind sie nicht “komisch, spinnen, sind zu empfindlich oder zu mimosenhaft”. Im Gegenteil, ihre feine Wahrnehmung ist für spirituelle Praktiken wie Hellsehen oder Geistheilung geradezu prädestiniert; gilt es doch feine Schwingungen und Energien zwischen den Zeilen und jenseits der materiellen Erscheinungswelt wahrzunehmen und damit umzugehen. Allerdings sind nicht alle HSP offen für Spiritualität, aber es sind deutlich mehr als im Durchschnitt der Nicht-HSP.
Die Wahrnehmungsfähigkeit Hochsensibler ist wie ein filigranes Werkzeug, mit dem sie spezielle Aufgaben meistern können, zum Beispiel frühzeitig auf Probleme und Erfordernisse hinweisen, komplexe Zusammenhänge bearbeiten oder spirituelles Wissen und Praktiken in die Welt tragen – Fähigkeiten, die für ein ausgewogenes Zusammenleben dringend benötigt werden.
Sind HSP eine neue Art des Menschen? Nein. Lediglich die Tatsache, dass unsere Kultur überlebenswichtige Bereiche ausgeschlossen hat, lässt HSP mit ihren spezifischen Empfindungen so erscheinen. Die Forschung steht noch am Anfang und viele Fragen bleiben offen. Austausch und Gespräche können helfen, dieses faszinierende Phänomen und die spannenden und bereichernden Gaben hochsensibler Menschen besser kennen zu lernen, die unsere Gesellschaft in diesen Zeiten so dringend benötigt. 

 


Abb: © Hao Wang - Fotolia.com

 


Autoren Info
Cordula Roemer

Cordula Roemer

Dipl. Pädagogin, Körper-Rhythmuslehrerin, Dozentin und Beraterin, entdeckte 2007 ihre eigene Hochsensibilität. Der Umschwung, der durch dieses Wissen in ihrem Leben stattfand, veranlasste sie, aktiv zu werden. Seit 2009 hält sie Vorträge zu den Themen: Was ist Hochsensibilität?, Hochsensible Kinder und Hochsensibilität in der Liebe.

Tel: 0173 - 627 00 20

http://www.sensibel-beraten.de

Die Erfahrungen aus Vorträgen und Gesprächen zeigen, dass es einen großen Informationsbedarf gibt, gerade auch in pädogogischen, psychologischen und medizinischen Berufsfeldern.

Ihre Beratung wendet sich an Hochsensible, Eltern hochsensibler Kinder und Fachkräfte aus den o.g. Bereichen.

Nächster Vortrag: “Hochsensibel – rundherum!” am Di, 22.6., 18.00 Uhr in Gudruns Kulturraum, Böckhstr. 40,
Kosten: 5 €,
tel. Anm. erforderlich

Seminare: auf Anfrage und in Vorbereitung (auch für Institutionen oder Teams)

Infos und Kontakt: www.sensibel-beraten.de,
Tel: 0173 - 627 00 20


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Leser Kommentare:


Am 30. August. 2010 geschrieben von Cordula Roemer

Liebe Frau Bader,

die DVD ist noch in der Bearbeitung, wird aber noch in diesem Herbst erscheinen!
Sie können sich gerne auf meiner Webseite über den konkreten Erscheinungstermin informieren. Dann wird dort auch die Bestellung möglich sein.

Ich danke für Ihr Interesse!
herzliche Grüße
Corduöla Roemer


Am 14. August. 2010 geschrieben von Sabine Bader

Hallo Frau Römer,

ich habe auf www.sein.de den Artikel "Feingefühl" mit Interesse gelesen.
Am Ende des Beitrags stand in einem Leserkommentar, dass es zu Ihrem Vortrag "Hochsensibel - rundherum" einen Livemitschnitt auf DVD gibt.

Kann man diese DVD noch erwerben? Wenn ja zu welchem Preis und wo zu bestellen?

Vielen Dank im Voraus für Ihre Auskunft.

Liebe Grüße
Sabine Bader


Am 28. Juni. 2010 geschrieben von Thomas Prausse

Frau Römer hat den Vortrag als Livemitschnitt aufzeichnen lassen und kann ihn als DVD für Interessierte zur Verfügung stellen



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