Einführung von Franka-Barbara Müller:
Wir reden über den spirituellen Weg, über Hingabe und Erwachen. Doch wollen wir wirklich dorthin, zu Gott? Könnte es sein, dass sich tief aus unseren Zellen eine Stimme erhebt, die warnt: Diesem Gott ist nicht über den Weg zu trauen. Er ist grausam, unberechenbar, willkürlich? Der “Zufall” wollte es, dass just in jenem Zeitraum, als mir dieses “Urthema” wieder einmal bewusst wurde und heftig in mir arbeitete, ich im zweiten Buchmanuskript von Karim die entsprechenden Passagen bearbeitete. Wenn du beim Lesen des Wortes Gott beginnst, rot zu sehen, dann empfehlen wir: Lies weiter.
Ich habe mit Menschen, die glaubten, sehr weit auf dem Weg zu sein, erforscht: Was bedeutet für dich Gott? Auf tieferen Ebenen kam immer wieder ein strafender Gott zum Vorschein. Trotz aller Konzepte über Einheit lebte in der Tiefe das Empfinden: Gott kann mir etwas antun. Ich muss es richtig machen. Diese Muster gehen sehr tief. Immer wieder zeigt sich die Idee von Strafe und davon, sich anstrengen zu müssen, um bei Gott sein zu dürfen.
Bevor du dich der Sehnsucht “nach Hause” zu kommen hingibst, überprüfe für dich: Ist es ein Zuhause, wo du mit offenen Armen empfangen wirst? Oder eines, an dem du, bevor du überhaupt zur Tür hinein darfst, dich selbst kasteien musst? Dich unendlich anstrengen musst, um dem “Hausherrn” gerecht zu werden? Finde für dich heraus: Ist “mein” Gott liebevoll, fürsorglich und immer vergebend? Wenn es wahrhaftig so für dich ist, ist es gut. Alles andere bringt dir immer wiederkehrende destruktive Erfahrungen, denn wenn du dein Leben an eine Kraft abgibst, die in einer tiefen Schicht von dir negativ besetzt ist, kann das nicht funktionieren. Vielleicht wendest du dich dann zu früh von Gott ab. Was auch gut ist – denn das Abwenden führt dahin, dass du dich wieder hinwendest.
Gott und Schuld
Das Untersuchen der Frage, was wir unter Gott verstehen, ist ein Prozess des Herzens. Warum ist uns diese Frage so unangenehm? Wir sehen, wenn wir uns mit ihr auseinandersetzen, wie gefangen wir sind. Gefangen in Selbstzentriertheit, Kontrolle, Gier – auch wenn es die Gier nach Gott ist. Gern vermeiden wir, dem ins Auge zu sehen.
Das Leben lehrt uns immer wieder, dass die Dinge anders laufen, als wir es planen. Wir können kaum wissen, was für uns das Beste ist. Sicher ist es an einem bestimmten Punkt wichtig, für sich sagen zu können, was gut ist und was nicht. Doch irgendwann kommt eine tiefere Ebene ins Spiel, auf der sichtbar wird, dass dieses Wissen relativ ist und darunter die Angst liegt, das nicht zu bekommen, was du dir wünschst – oder etwas zu bekommen, was du fürchtest. Nach meiner Erfahrung ist das Leben sehr leicht, wenn wir Gott an die erste Stelle setzen. Dorthin zu gelangen, hat nicht zuletzt etwas mit Reife zu tun. Es ist ein “Abrieb”-Prozess.
Es gibt Menschen, die hegen den Gedanken, sie hätten “sich selbst so gemacht, wie sie sind”, mit all ihren “Defiziten”. Hier geht es nicht nur um Schuld, sondern auch um Scham darüber, zu sein, was man ist – und möglicherweise auch noch verantwortlich für diese “Kreation” zu sein. Dahinter liegt mangelnder Glaube: in jene Kraft, die dich so erschuf, wie du bist. Das spirituelle Leben kann dann dazu benutzt werden, sich nicht mehr so falsch zu fühlen. Oft erfahren wir jedoch auf schmerzhafte Weise, dass wir in unserem eigenen Willen begrenzt sind. Wäre es an dieser Stelle nicht „geschickt”, jemanden anderen machen, ihn (Gott) die Regie übernehmen zu lassen? Hier stellt sich die Frage, wie dies möglich ist. Dies wird wohl immer ein Mysterium bleiben, da man Hingabe nicht „machen“ kann. Doch wenn wir uns öffnen und mit Weisheit auf unser Leben blicken, werden wir sehen, wie sinnvoll es ist, das Leben in Gottes Hand zu legen. Dies erfordert Vertrauen in den Rhythmus des Lebens selbst. Sowie Vertrauen, dass Gott jede Blume zu seiner Zeit öffnet und sie schützt in schweren Zeiten, wenn er die Blüte hin und wieder schließt. Oft glauben wir, wir müssten uns auf eine bestimmte Weise erleben, müssten eine bestimmte Gefühlsqualität aufweisen, um Gott vertrauen, um handeln zu können. Doch es ist umgekehrt. Durch Handeln wächst das Vertrauen. Durch Praktizieren wächst dein Verständnis von Gott, durch die Kontinuität. Dieses Praktizieren bedeutet für jeden Menschen etwas anderes. Manche Menschen kontemplieren nicht, sie beten täglich. Auch das “funktioniert” – und das ist das Einzige, was zählt.
Der persönliche Gott
Es ist sehr wichtig, dass wir immer wieder versuchen, Kontakt zu Gott, wie wir ihn verstehen, aufzunehmen – jenseits von Konzepten über das Einssein oder eingeübten Ritualen oder Gesten. Hier geht es nur darum, wie du mit deinem Gott kommunizierst. Denn es geht um dein Vertrauen. Seit ich mir erlaubt habe, eine persönliche Verbindung zu Gott haben zu dürfen, ist so viel Schuld von mir abgefallen. Gerade in Satsang-Kreisen übergehen manche Menschen eine solch persönliche Verbindung, weil sie an Aussagen wie: “Gott ist in allem”, “Gott ist unpersönlich”, “Gott ist in mir, nicht außen” meinen festhalten zu müssen, ohne dass sie es empfinden könnten. Ich – als Karim – habe das Recht, einen persönlichen Gott zu haben, zu dem ich bete, der mich führt, der mich durch schwierige Zeiten bringt. Früher war das für mich unvorstellbar, denn es galt: “Alles ist eins.” Das war sehr anstrengend, denn ich fühlte mich nun einmal getrennt. Das Schöne ist, dass “mein” Gott sagt: Wir sind zwar eins, Karim, aber bitte nimm mich trotzdem persönlich! Für mich ist dieser persönliche Gott wichtig. Ich brauche es, ihn ansprechen zu können. Ohne ihn, das weiß ich, wäre ich verloren. Ich kenne meine Geschichte. Ich weiß, woher ich komme, was ich durchgemacht habe.
Hinsichtlich der Scham, nicht richtig und wertlos zu sein, gibt es noch einen weiteren Aspekt. Du wirst, wenn du nachspürst, auf ein sehr verletztes Kind stoßen. Hier ist der erste Schritt, Mitgefühl für dieses Kind zu haben. Unsere Bemühungen gehen oft an ihm vorbei, wollen es umgehen. Das mag in seinem Empfinden klingen, als würden wir zu ihm sagen: “Reiß dich zusammen. Du musst jetzt endlich vertrauen! Begreife doch endlich, dass du dich nicht zu schämen brauchst.” Das erzeugt Druck und führt dazu, dass sich dieser kindliche Teil in sich selbst zurückzieht. Es ist viel Behutsamkeit nötig, Mitgefühl mit diesem Teil, der in sich gefangen ist und nicht anders kann. Auch braucht es Geduld und das Annehmen, dass aus einem Grund, den wir nicht wissen und verstehen müssen, sich dieser Teil falsch fühlt. Was das Leid verursacht, ist nicht das Gefühl an sich, sondern der Umstand, dass wir es nicht haben wollen.
Was projiziere ich auf Gott?
In uns sind zuweilen auch tiefe Vorbehalte in Bezug auf Gott und unsere Muster. Wir glauben grundsätzlich, dass Gott “alles vermag”, aber etwas in uns sagt: Gott vermag zwar alles, doch diesen Film (in mir) kann auch er nicht beseitigen. Ich habe schon alles probiert. Wenn ich es nicht hinbekomme, wird er es auch nicht können. An diesem Punkt kannst du fragen: Wie steht es um meinen Glauben? Habe ich Vorbehalte? Natürlich wird es immer einen kleinen Anteil an Misstrauen geben, das gehört zum Menschsein. Doch betrachte einmal, an welchem Punkt deine Vorbehalte bleiben. Von welcher Wunde fällt es dir schwer zu glauben, dass Gott sie heilen kann?
Mein Sponsor aus dem Zwölf-Schritte-Programm hat mich immer wieder gefragt, ob mein Gott fürsorglich, liebevoll und vergebend wäre. Meistens haben sich mir schon bei diesen drei Worten die Haare aufgestellt. Hätte er gefragt: Ist dein Gott strafend, unberechenbar und willkürlich, das hätte mehr resoniert. Indem ich mich dieser Frage immer wieder stellte, begegnete ich meiner Härte und Unbeugsamkeit mir selbst gegenüber, die ich nach außen – auf “meinen” Gott – projizierte. Wenn wir mit uns selbst in Liebe sind, dann ist auch Gott für uns liebevoll. In jenem Maße, wie wir sehen, dass unser Gott alles andere als liebevoll ist, können wir ermessen, wie hart wir uns selbst gegenüber sind; wie hart unser Verstand ist. Er hat genaue Vorstellungen davon, wie wir sein müssten, wo wir zu stehen haben – und wehe, wir entsprechen diesen Vorstellungen nicht.
Es ist immens wichtig, dass du herausfindest, was du auf Gott projizierst. Oft ist es das, was du mit deinen Eltern erlebt hast. Es hat mit Vertrauen zu tun. Vertrauen darin, dass für dich gesorgt wird; dass du immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort bist. Jeder von uns hat eine ganz andere Definition von Gott. Es ist völlig egal, wie perfekt deine Definition ist, ob dein Gott dual oder nondual ist. Einzig auf die Liebe zu Gott kommt es an. In der Bibel wird gesagt: “Du sollst dir kein Bildnis machen.” Daran ist viel Wahres. Wir machen uns Bilder von Gott, vom Leben. Doch Gott, die Essenz in der Tiefe, ist keine Vorstellung. Das Leben fließt jenseits von Konzepten.
Abb: © Günter Havlena - pixelio.de
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