Kreatives Schreiben ist nicht nur ein wunderbares Fahrzeug, wenn es darum geht, Wünsche und Träume auf dem eigenen Weg auszuloten, Hindernisse zu überwinden und neue Perspektiven zu entdecken. Vielmehr kann es uns - wie singen, tanzen, malen oder meditieren auch - zu unserem innersten Kern führen. Dorthin, wo nicht mehr das Ich, sondern nur noch das Es schreibt.
Häufig wird Kreatives Schreiben lediglich als Möglichkeit gesehen, witziger, pointierter und mit neuem Dreh zu schreiben. All das leistet es, keine Frage, doch es gibt auch eine spirituelle Dimension in dem Ganzen, die meist unausgesprochen bleibt.
So, wie wir vielleicht schon erfahren haben, wie nach mehrstündigem Tanz oder Gesang all unsere Gedanken zur Ruhe gekommen sind, sich eine tiefe Stille in uns ausgebreitet hat und wir endlich wieder einmal ganz bei uns angekommen sind, so können wir all dies auch beim Schreiben erleben. Wir können aus der Stille heraus schreiben oder uns vom Schreiben in jene Stille führen lassen.
Durch meditatives Schreiben den Weg ins Innere ebnen
Julia Cameron spricht in ihrem Buch "Der Weg des Künstlers" die Morgenseiten an - mehrere Seiten in einem Block oder Buch, auf denen jeden Morgen all das landet, was ständig in unserem Kopf kreist, aber uns letztendlich nicht weiterbringt, sondern vielmehr blockiert: Sorgen um die Arbeit, die am Tag ansteht. Gedanken an den Streit vergangenes Wochenende. Planungen für die Feier kommenden Monat. Oder das, was uns manch fiese Stimme - die innere Kritikerin oder der innere Kritiker - Tag für Tag eintrichtert: Du bist nicht gut genug, du schaffst das nicht. Schau mal, jetzt bist du schon wieder so müde, wie willst du da den Tag bestehen? Am besten solltest du gleich liegenbleiben...
Haben wir all diese Gedanken nun schon einmal auf Papier gebracht - und zwar hemmungslos, egal ob selbstmitleidend, sich zigfach wiederholend oder drei Seiten nur aus demselben Satz bestehend - kann das, was eigentlich in uns schlummert - Geschichten, Ideen, bislang gut Verborgenes - an die Oberfläche kommen. Ganz so, als würden wir einen gut vergrabenen Schatz freilegen oder ein Stück Land bearbeiten und fruchtbar machen. Ebenso ist nun Raum für Essenzen, Wahrheiten, Inspirationen - und tiefe Stille. Denn durch unser Schreiben kann sich unsere eigene Weisheit, das Göttliche, das Universum, Mutter Erde oder welchen Namen wir auch immer benutzen wollen, ausdrücken.
Schreiben aus der Teife: Wenn "Es" schreibt
Eine Freundin erzählte einmal, dass sie, wenn es ihr schlecht geht, einen Brief an Gott schreibt. Darin notiert sie alles, was sie beschäftigt, ärgert, wütend macht. Sie hält nichts zurück, nimmt kein Blatt vor den Mund. Am Ende bittet sie um eine Antwort durch ihren Stift. Dann wartet sie einen Moment, hält inne und folgt anschließend dem ersten Gedanken, der ihr kommt. Sie schreibt sich selbst einen Brief - oder besser gesagt Es schreibt ihr einen Brief, mit all der Weisheit, Inspiration und den Antworten, die sie gerade braucht. Liest sie den Brief zu einem späteren Zeitpunkt nochmals, wird sie nicht sagen können D