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Auf dem dritten Philosophiefestival der Liebe geht es um die Erforschung der Ko-Kreativität, die die entscheidende Ressource auf dem Weg in die Zukunft sein kann.

Von Maik Hosang

Die Menschheit steht wahrscheinlich am Beginn eines neuen Zeitalters. Einerseits getrieben durch die ökologischen und seelischen Nebenfolgen der bisherigen Gesellschaftsstrukturen und andererseits ermöglicht durch die Informations- und Kommunikationspotenziale des Internets, werden soziale, technische und kulturelle Entwicklungen denkbar, von denen frühere Generationen kaum zu träumen wagten. Man merkt es an der wachsenden Zustimmung für ein bedingungsloses Grundeinkommen, oder an der zunehmenden Diskussion für freiere und kreativere Bildungsformen.

Doch die dafür geeignete neue Informationstechnik ist nur das Skelett von Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Verwirklichung der durch sie möglichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen gelingt erst durch entsprechenden kulturellen Geist, durch Ideen, die auch das menschliche Potenzial auf die Höhe dieser Technik erheben und begeistern.

Doch welche neuen Ideen vermögen dies? Haben nicht die politischen Experimente des 20. Jahrhunderts gezeigt, dass alle konkreten Utopien letztlich beschränkt sind und daher freie und soziale Marktwirtschaft der beste Kompromiss zwischen unfreiem Sozialismus und Raubgier-Kapitalismus ist? In gewisser Weise ist das so.

Doch es gibt etwas, auf dem all das basiert. Etwas, das ich Ko-Kreativität nenne. Es ist keine Utopie, sondern eine moderne Aktualisierung, Verstärkung, Befreiung und Intensivierung der großartigen Ursprungsideen von freier Individualität, Demokratie und sozialer Marktwirtschaft. Hinter all dem wirkt letztlich dieselbe evolutionäre Urkraft, welche Teilhard de Chardin in Anknüpfung an alle großen Religionen und Philosophien als „Energie Liebe“ bezeichnete.

Doch weil das Wort „Liebe“ so alltäglich und vielfältig verwendet wird, verdeckt es oft den tieferen Sinn dieses Begriffs: die Integration der beiden stärksten Pole menschlicher und universeller Existenz – Verbundenheit und Freiheit. Daher braucht es einen neuen, modernen Begriff dafür: „Ko-Kreativität“. Denn kein anderer Begriff integriert so deutlich wie dieser die drei Dimensionen, die der Begriff „Liebe“ mehr oder weniger unbewusst schon immer umfasst.

Drei Dimensionen der Ko-Kreativität

Zum Ersten die Bejahung und kreative Freiheit des eigenen oder anderen Ichs, die sich entfaltet, wenn Einzelne sich ihrer einzigartigen Existenz und Begabung bewusst werden.

Zum Zweiten die bei aller Einzigartigkeit des Individuums immer wirksame Resonanz mit anderen Individuen, woraus die Freude vieldimensionaler Verbundenheit und eine das Potenzial des Einzelnen manchmal unendlich übersteigende gemeinsame Kreativität erwachsen kann.

Zum Dritten den tieferen Sinn jeglicher Kreativität, die nur dann wirklich gute und schöne Werke oder Innovationen hervorbringt, wenn sie nicht egohaft abgespalten, sondern als einzigartige Mitschöpfung der Evolution verstanden, gefühlt und verwirklicht wird.

Wie wichtig die im heutigen Kreativitätshype oft vernachlässigte zweite und dritte Dimension ist, lässt sich kurz mit Verweis auf zwei anerkannte Forscher umreißen: Abraham Maslow, maßgeblicher Mitbegründer der Humanistischen Psychologie, unterschied primäre und sekundäre Kreativität. Sekundäre oder spezielle Kreativität erzeugt neuartige Stühle oder Autos.

Doch primäre oder selbstaktualisierende Kreativität erwächst aus tieferer Seins- oder Evolutionsverbundenheit. Aus dem Zusamenspiel beider, das er integrale Kreativität nannte, entstehen Intuition und Inspiration für unerwartete neue Möglichkeiten in Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Kunst.

Die Positivitätsforscherin Barbara Frederickson beschreibt in ihrem Buch „Die Macht der Liebe. Ein neuer Blick auf das größte Gefühl“ erstaunliche Forschungen dazu, inwiefern zwischenmenschliche Resonanz eine entscheidende kreative Energie sowohl für Gesundheit und Glück der Einzelnen als auch für die Zukunft unserer Welt ist: „Liebe ist nicht das, wofür wir sie halten. Sie ist kein dauerhaftes und exklusives Gefühl, das an die Beziehung zu einem besonderen Menschen gebunden ist. Liebe besteht aus Sekundenbruchteilen emotionaler Verbundenheit, die unsere Psyche, unseren Körper und unser soziales Umfeld positiv beeinflussen. … Unser ganzes Leben profitiert von diesen kurzen Momenten der Verbindung zu anderen Menschen, die wir nicht einmal kennen müssen. Sie erweitern unsere Wahrnehmung, unser Bewusstsein und unsere Kreativität … Diese Art von Liebe lässt sich fördern und sie hat die Macht, unsere Welt zum Guten zu verändern.“

Ko-Kreativität als Kern einer neuen Kultur

Viele gesellschaftlich engagierte oder kreativ tätige Menschen kennen inzwischen das ursprünglich vom amerikanischen Sozialpsychologen Claire Graves entdeckte Modell kultureller oder gesellschaftlicher Evolution, das als „Spiral Dynamics“ bekannt ist. Es beschreibt die geschichtlich aufeinander folgende Herausbildung immer komplexerer und zugleich tendenziell reflexiverer Wirtschafts-, Gesellschafts- und Kultur – formen. Immer dann, wenn anfangs erfolgreiche Strukturen irgendwann unzureichend werden zur Lösung der Probleme, die sie im eigenen Schatten erzeugen und verstärken, beginnen sich neue menschliche Potenziale und geeignetere gesellschaftliche Strukturen herauszubilden. Da – wie bereits eingangs erwähnt – die global zunehmenden ökologischen und seelischen Krisen gegenwärtig trotz aller Bemühungen im Rahmen der bisherigen Strukturen nicht lösbar sind, entstehen dementsprechend heute solche ganz neuen Wirtschaft-, Gesellschafts- und Bewusstseinsformen.

In seinen Forschungen dazu zeigte Graves, dass sich im integralen (einem sehr fortgeschrittenen) Zyklus die Evolutionslevel des Ursprungs-Zyklus auf neue, bewusstere Weise wiederholen. Nach vielen Jahrtausenden, in denen Menschen früher in kleinen, voneinander abgeschotteten und oft einander feindlichen Stämmen lebten, gab es vor zirka 10.000 Jahren einen Kultursprung, der im Spiral-Dynamics-Denken kurz als „rot“ bezeichnet wird. Er impliziert eine starke Qualität aktiver Weltveränderung, die sich jedoch vor allem in patriarchaler Weise, das heißt, durch mehr oder weniger egomanische Männer vollzog. Diese verbanden die vormals tausende kleinen (und einander oft bekriegenden) Stämme zu den großen Reichen des alten Sumer, Ägypten, Persien, Indien, China, Rom etc. Gegenwärtig gibt es weltweit sehr viele und verschiedene Ansätze (Stämme) für neue, nachhaltige Wirtschafts- und Gesellschaftsformen: Greenpeace und Ökofeminismus, Yoga und Anthroposophie, Ökodörfer und Yogazentren bis hin zur kürzlichen Gründung der bundesdeutschen Grundeinkommenspartei.

Doch all dies wirkt bisher nicht aktiv zusammen und reicht so nebeneinander offensichtlich nicht aus, um den Selbstzerstörungstendenzen der modernen Gesellschaften durch erfolgreiche Gestaltung neuer, nachhaltiger Kulturen, Wirtschaften und Gesellschaften zu begegnen. Vielleicht braucht es dafür eine integrale Neuauflage jenes Levels, das damals vormodern bzw. „rot“ (siehe oben) die aktive bewusste Weltgestaltung durch Menschen einleitete. Dieses neue integrale „Rot“, das oft auch kurz als „Koralle“ bezeichnet wird, muss zwar erneut starke Aktivitäts- und Gestaltungskraft freisetzen, doch nicht in jener klassisch-roten egomanischen Form. Es braucht eine neue Qualität mindestens ebenso starker und wirksamer Gestaltungskraft, die jedoch zugleich frei von den Schatten des Egomanischen ist. „Ko-Kreativität“ in dem Sinne, wie ich sie oben kurz umrissen habe, könnte diese integrale Kernqualität einer neuen menschlich-kulturellen Gestaltungs- und Transformationsintensität sein.

Ko-Evolution und Ko-Kreativität

In der Naturforschung wurde inzwischen erkannt, dass die biologische Evolution nicht wie früher postuliert primär konkurrenzgetriebene Auslese des Stärksten, sondern ein ko-evolutionäres Geschehen ist. Ko-Kreativität ist daher in gewisser Weise bewusste kulturelle Ko-Evolution. Der Begriff Ko-Kreativität ist noch relativ jung. Er taucht jetzt auf, weil die Evolution bzw. Geschichte der Menschheit an einem entscheidenden Punkt angekommen ist: Freie menschliche Kreativität schuf all die wundervollen Fortschritte von Wissenschaft und Technik, die ein relativ sorgenfreies und erfülltes Dasein der jetzt und künftig lebenden Menschen ermög – lichen kann.

Doch um dies auch zu verwirklichen und nicht mit einfacher Fortsetzung bisheriger Tendenzen die irdischen Lebensgrundlagen zu gefährden, braucht es neue Dimensionen menschlicher Kreativität: wirkliche Ko-Kreativität. Diese Idee der Ko-Kreativät ist natürlich nicht völlig neu. Auch in der bisherigen Geschichte gelangen viele bedeutsame technische, gesellschaftliche oder kulturelle Innovationen nur im Zusammenspiel kreativer Einzelner. Doch bisher waren dies häufig eher Zufälle und selten Ergebnisse bewusst verwirklichter Ko-Kreativität. Nun ist es an der Zeit, ihre Wirkungsweisen und Entfaltungsbedingungen selbst zu erforschen und somit bewusster, freier und erfolgreicher anwendbar zu machen.

Die transdisziplinäre Erforschung und Anwendung bewusster Ko-Kreativität anzustoßen, steht im Fokus des nunmehr dritten Philosophiefestivals der Liebe.


Das dritte Philosophiefestival der Liebe findet vom 7.-9. April 2017 im Berliner Biohotel Essentis statt.
Näheres unter www.becomelove.de

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