Anzeige

Manchmal sperren wir lebenslangen Ärger und tiefe Verletztheit in uns ein und widersetzen uns allen Friedensangeboten und Versuchen der Verständigung. Doch plötzlich stirbt derjenige, mit dem wir diese unbarmherzige Fehde geführt haben. Ist damit die Chance, Frieden zu schließen, vertan? Nicht, wenn wir uns dem Tod und dem Abschiednehmen wirklich stellen, sagt die Bestatterin Susanne Jung.

 

Tod und Vergebung

Herr Grothe* hatte seinen Vater seit Jahren nicht mehr gesehen, als ihn der Anruf seiner Schwester erreichte. Ihr Vater lag im Sterben, ob er nicht kommen wolle, um sich zu verabschieden. Herr Grothe lehnte brüsk ab. Nur das nicht. Wie lange hatte er gebraucht, um sich vor den verbalen Schlägen seines Vaters zu schützen, wie oft hatte er eingesteckt und hinterher seine Wunden geleckt, anstatt gesehen zu werden und Anerkennung zu ernten. Irgendwann hatte er aufgehört, sich diese Begegnungen zuzumuten. Und jetzt, da „der Alte“ auf dem Sterbebett lag, erwartete er nichts Besseres. Nein, um keinen Preis würde er kommen. So starb Herr Grothe senior, ohne seinen Sohn noch einmal gesehen zu haben – und wie es aussah, würde er diese verkrachte Vater-Sohn-Beziehung mit ins Grab nehmen.

Herrn Grothes Schwester sprach mit mir über die unglückliche Beziehung zwischen Vater und Sohn. Beide konnten aus ihrer Haut nicht heraus und hatten sich gegenseitig die Schuld am Scheitern ihrer Beziehung zugewiesen. Zum Ende seines Lebens hatte Herr Grothe senior wieder und wieder seine Verzweiflung zum Ausdruck gebracht – doch beide wollten nicht nachgeben, und so blieben die Fronten verhärtet. 

Die großen Themen Schuld, Scham und Reue treten sowohl für die Sterbenden als auch für die Hinterbliebenen am ­Ende eines Lebens prägnant in den Vordergrund und können bei den Sterbenden zu einem quälenden Sterbeprozess führen – und bei denen, die weiter ­leben, endlose Schuld- und Reuegefühle bis hin zu Krankheiten auslösen. ­Konflikte lassen sich seltsamerweise oft nicht zwischen den Lebenden lösen, wohl aber, wenn der Tod eingetreten ist.

 

Im Angesicht des Todes

Die Möglichkeit, auch nach dem Tod Heilung, Vergebung und Frieden zu finden, besteht zum Beispiel durch eine Aufbahrung. Dabei wird der Verstorbene, je nachdem, was die Angehörigen wollen oder können, gemeinsam angekleidet und in den Sarg gebettet. Wenn das nicht gewünscht ist, dann übernehme ich diese Aufgaben. Ich lade die Angehörigen jedoch  immer dazu ein, denn manchmal ändert sich eine schwierige Situation, wenn die Angehörigen merken, dass es nicht schwer oder unmöglich ist, sondern eine tiefe Befriedigung schenkt, diese letzten Liebesdienste selber oder in Gemeinschaft zu verrichten. Sicher ist dies bei einer schwierigen Situation wie bei Herrn Grothe eher nicht der Fall, aber die Wahlmöglichkeit zu haben ist wichtig. Manchmal sind  Sargbeigaben eine Alternative – ein Brief, Fotos, ein Bild, von einem Kind gemalt, eine Blume aus dem Garten oder die Lieblingsschokolade – was immer passend erscheint. Dieses letzte Geschenk ist dann Friedensangebot, Wiedergutmachung oder schlicht der Ausdruck von Liebe. Ganz sicher sind es Rituale des Abschied-Annehmens und beginnender Trauerverarbeitung.

In einem geschützten Raum Zeit zu haben, um sich zu verabschieden, ist bewegend und wird seit jeher als kostbar betrachtet. In dieser besonderen Zeit ist vieles möglich. Traditionelle Totenwachen sind in einer Stadt wie Berlin kaum mehr bekannt und auch vom Raumangebot her fast unmöglich. Stirbt ein Mensch zu Hause, so besteht die Möglichkeit, ihn 36 Stunden aufzubahren. Danach greift die gesetzliche Vorgabe und der Verstorbene muss in Kühlräume überführt werden.

 

Der Mut des Abschiednehmens

Der Tod ist eine gewaltige Zäsur und bringt mit einem Schlag ein anderes Bewusstsein ins Spiel. Wohl wissend, dass das letzte Geschenk der Verstorbenen oft ein sehr überraschendes ist, schlug ich der Schwester vor, ihrem Bruder das Angebot zu machen, sich am Sarg zu verabschieden. Sie sah mich ungläubig an, machte ihm aber den Vorschlag. Zum Erstaunen aller sagte Herr Grothe junior zu. 

Wir trafen uns im Krematorium. Ein etwas schüchtern wirkender, nicht mehr ganz junger Mann kam auf mich zu. Er wich meinem Blick aus und ich merkte, wie besorgt er war. Wir setzten uns und ich erklärte ihm behutsam den Ablauf. Wenn man einen Menschen lange nicht gesehen hat, dann ist das Wiedersehen unter Umständen mit vielerlei Gefühlen verbunden, die nicht immer einfach sind – schon gar nicht, wenn der andere tot ist. Wir sehen den Tod zwar andauernd im Fernsehen, aber da ist er erfreulich weit weg. Doch einen Verstorbenen zu sehen, zu berühren und in dessen ­Gegenwart zu sein ist ein ganz besonderes Ereignis und für die meisten Menschen völlig neu. 

Ich sagte Herrn Grothe, dass er zu jeder Zeit entscheiden könnte, was er machen möchte, was wir gemeinsam tun sollten und was er mir überlassen wollte. So gingen wir in den Raum, in dem sein Vater in einem Sarg lag, in einem Hemd und einer Hose, die seine Tochter für ihn ausgesucht hatte. Langsam näherten wir uns dem Sarg und ich versicherte Herrn Grothe, dass er seinen Vater anfassen dürfe, sollte ihm danach sein. Schweigend und sehr blass stand Herr Grothe am Sarg. So hielten wir eine ganze Zeit inne, dann fragte ich ihn, ob er alleine sein wollte – er nickte.

Ich ging hinaus und setze mich in den Vorraum. Nach einer Weile hörte ich ein Wimmern. Ich stand auf und blickte durch die abgedunkelte Scheibe. Da stand Herr Grothe und aus seiner Kehle kamen wie aus einem tiefen Brunnen Seufzer, Jammern, Klagen und ein Weinen, das sich beständig steigerte. Die Mitarbeiter des Krematoriums kamen besorgt über das inzwischen deutlich hörbare Klageweinen zu mir und fragten nach, ob alles in Ordnung sei.

Ich erklärte, dass wir das aushalten müssten, denn dieser Mensch dort beweinte gerade die nicht gelebte Beziehung zu seinem Vater, all die Verletzungen und abgewiesenen Gefühle. Der Schmerz bahnte sich seinen Weg aus dem Herzen heraus und riss dabei alle Schranken und Mauern nieder. Ich ging in die Knie. ­Dieses Weinen war herzzerreißend und ich fühlte mit ihm. 

 

Die Angst vor der Trauer

Oft erleben Trauernde, dass ihr Umfeld sorgsam auf Distanz geht oder sich geradezu kaltschnäuzig verhält. Das ist keine Böswilligkeit, sondern geschieht, weil die direkte Nähe zur Trauer wie ein Katalysator wirkt und die eigenen Wunden bloßlegt. Mitfühlen und trösten heißt auch, sich selber der Trauer zu stellen, die ein Mit-Mensch empfindet. Im Wissen, dass es dieses Mal der Andere ist, der den Schmerz und die Trauer verkraften muss – das nächste Mal trifft es vielleicht mich. Trauern und Trost schenken sind universelle Gefühle, um die alle Menschen und Tiere intuitiv wissen. Gleich­zeitig fürchten wir uns vor den Tränen und den damit verbundenen Gefühlen wie Schwäche und Hilflosigkeit und umgeben uns mit einem Mantel aus scheinbarer Gleichgültigkeit oder Ablehnung. 

Inzwischen fühlte ich mich von den an- und abschwellenden Wellen des Schluchzens völlig durchdrungen. Da ebbten sie mit einem Mal ab, die Schluchzer wurden weniger und ­flacher. Erschöpfung machte sich breit, dann Ruhe, und schließlich kehrte Frieden ein.

Ich stand auf und ging hinein. Herr Grothe stand am Sarg seines Vaters und hatte seine Hand auf die des Verstorbenen gelegt. Er schniefte und sagte: „Das war jetzt gut.“

Wir setzten gemeinsam den Deckel auf, dann wurde der Sarg in den Nebenraum gerollt und  auf die Rampe gesetzt. Die Tür des Ofens hob sich, der Sarg fuhr in die Kammer und die Tür schloss sich. Materie und Geist trennten sich jetzt endgültig. 

Wenn ich den Vorschlag mache, eine Einäscherung zu begleiten, ernte ich oft verwunderte Blicke – das will doch niemand sehen? Ich halte dagegen, dass man die Beerdigung eines ­Sarges ja auch sieht und dass man seinen Angehörigen auf diese Weise tatsächlich bis zum Ende begleitet. Vielen Menschen nimmt dieses Erlebnis schlicht die Angst.

 

Befreit durch den Tod

Anschließend  nahm ich Herrn Grothe im Auto mit zurück in die Stadt. Schweigend verbrachten wir die Fahrt. Als ich anhielt, um ihn aussteigen zu lassen, sah er mich an – er lächelte und wirkte müde, aber entspannt.

Wochen später erzählte mir seine Schwester, dass ihr Bruder einige Tage nach der Einäscherung zu ihr gekommen sei. Er erzählte nichts von seinem Erlebnis im Krematorium, aber er wollte seine Beziehung zu ihr ändern. Sie ­berichtete auch, dass er aufgehört habe zu trinken. 

Manchmal ist der Tod ein Befreier oder Erlöser. Ich habe immer wieder erlebt, dass Menschen sich nach dem Tod von nahen Angehörigen aus persönlichen Schwierigkeiten befreien oder noch einmal einen ganz neuen Lebens­abschnitt beginnen konnten. Wir können nicht mit Gewissheit sagen, was für Auswirkungen die Verabschiedung am Sarg auf die Verstorbenen hat – dazu wissen wir zu wenig über die nachtodlichen Prozesse. Meine Beobachtungen zeigen, dass sich in dem Maße, wie sich die Angehörigen in Ruhe und mit genügend Zeit verabschieden, auf den Gesichtern der Verstorbenen Entspannung und manchmal sogar ein Lächeln zeigt. So war es auch bei Herrn Grothe senior. Kurz bevor wir den Deckel auf den Sarg setzten, bemerkte sein Sohn, wie friedlich sein Vater nun aussähe. 

Zwei große Kriege haben eine ganze Gesellschaft in die Abwehr getrieben. Wir haben ­unsere Bestattungskultur fast gänzlich verloren und wissen mit einem unausweichlichen Ereignis, das  jedem von uns einmal bevorsteht, nichts anzufangen. Der Tod wird oft per se negativ bewertet, dabei ist bei der Geburt schon klar, dass wir eines Tages sterben werden. Was hilft es, den Tod als fiesen Verräter in die Ecke zu stellen? Ihn zu ignorieren, zu tabuisieren und zu verschweigen? Nichts. Ändert man die Einstellung, dann wird man erstaunt fest­stellen, dass er unendlich viel zu bieten hat: Wachstum, Vergebung, Frieden, Freiheit und vor allem die Liebe zum Leben. Ganz langsam ändert sich gerade die gesellschaftliche Sicht auf den Tod und wir haben die wunderbare Chance, uns auf eine zutiefst menschliche, positive und liebende Haltung zu besinnen. Herr Grothe hatte sich dieses Geschenk gemacht.

 


* Name von der Redaktion geändert
Abb: © jrwasserman – Fotolia.com

Über den Autor

Avatar of Susanne Jung

arbeitet seit 10 Jahren als Bestatterin in Berlin. Sie versteht sich als Förderin einer neuen Abschiedskultur und hat das Netzwerk PortaDora mitbegründet. Sie macht Veranstaltungen, Ausstellungen und Workshops rund um das Thema Tod und Sterben bei den ­Funeral Ladies in Schöneberg. 2013 erschien ihr Buch „Besser leben mit dem Tod“. www.Susanne-Jung-Bestattungen.de

Kontakt
Tel.: 030-252 994 61

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*