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Eigentlich klingt es ganz einfach: Um achtsam essen zu können, sollten wir nichts anderes tun als eben: essen. So können wir unsere körpereigenen Signale für Hunger und Sättigung besser wahrnehmen und uns im besten Falle auch danach richten. Warum machen wir es also nicht? Dr. Edda Breitenbach über die Vorteile des Essens mit voller Aufmerksamkeit.

Ein Beispiel, das Sie vielleicht selbst kennen: Sie haben mehr als genug zu tun, Sie planen und sortieren gedanklich Ihre Aufgaben, um noch alles, was Sie sich vorgenommen haben, zu erledigen (Arbeitstermine, noch schnell zum Einkaufen fahren, Kinder abholen etc.). Irgendwann stellen Sie fest, dass ihnen den Magen knurrt und Sie mal wieder das Essen vergessen haben. Was jetzt? Den Zeitplan verändern, um eine Essenspause zu machen? Geht nicht, Sie sind ja in Eile. Also schnell zum Kühlschrank und etwas Käse im Stehen essen oder zum Bäcker und ein süßes Teilchen holen, das Sie dann noch im Gehen verzehren, um Zeit zu sparen. Wie fühlen Sie sich dabei? ­Gesättigt? Zufrieden? Wahrscheinlich nicht …

Viel zu oft essen wir beiläufig. Wir essen beim Autofahren oder an unseren Schreibtischen. Vielleicht bekommen wir gerade noch mit, wie wir etwas in halsbrecherischer Geschwindigkeit in uns hineinschlingen oder beim Arbeiten nebenbei eine Mahlzeit vertilgen. Achtloses Essen ist ein Symptom unseres schnelllebigen Alltags, der sich wie ein Hamsterrad unaufhörlich dreht.

Laut Untersuchungen wird die Art unseres Essen tatsächlich dadurch negativ beeinflusst, dass man seine Aufmerksamkeit auf zwei Tätigkeiten verteilt. Teilnehmer einer Studie hörten beim Essen einer Mahlzeit eine Krimisendung an. Die Frauen, die durch die Sendung abgelenkt waren aßen etwa 15 Prozent mehr und genossen ihr Essen weniger als diejenigen, die sich einfach aufs ­Essen konzentrierten.

Na und? So ist das eben manchmal – das muss doch kein Problem sein, oder? Für viele Menschen ist es das auch nicht, für andere ist es eine mehr oder weniger große Katastrophe, weil

  • sie sich dadurch dauerhaft unzufrieden mit sich und ihrem Körper fühlen
  • sie immer öfter unkontrolliert und wahllos essen
  • sie erst ihren Hunger ignorieren, um dann festzustellen, dass sie kaum noch ein Sättigungsgefühl wahrnehmen können
  • sie sich immer mehr in einem Kreislauf von Kontrolle und Überessen verlieren.

Essen als Nebensache

Während des Essens andere Dinge zu tun, lässt Essen als eine unwichtige Sache erscheinen. Es ist interessant, dass Menschen sehr viel Geld ausgeben, um Wege zu finden, wie sie ihr Essverhalten verbessern können und trotzdem so ­damit umgehen, als wäre es eine ­Nebensache – nicht wichtig genug, um sicherzustellen, dass man seine volle Aufmerksamkeit darauf richtet.

Achtsames Essen ist eine Gelegenheit, sein Tempo zu drosseln. Man stellt die Verbindung zwischen Gehirn und Magen wieder her. Das bedeutet nicht, dass es lange, gemächliche Mahlzeiten mit Leinentischtuch und Kerzenschein sein müssen. Es geht darum, dem Essen seine volle Aufmerksamkeit zu schenken, ob es für fünf Minuten oder eine halbe Stunde ist.

Gerade Menschen mit Essproblemen und/oder Übergewicht stellen rund um das Essen oft Regeln auf, statt auf ihren Hunger in dem Augenblick zu hören, in dem er auftritt. Sie lassen die Regeln bestimmen, was sie essen, statt im ­jeweiligen Moment zu entscheiden, was angebracht ist. Menschen, die häufig Schlankheitskuren machen, hängen besonders an Ess­regeln. Viele suchen nach einem System, das es ihnen erleichtert, den „ungesunden“ Lebensmitteln zu widerstehen. Es erscheint mühe­loser, Regeln zu haben, denen man einfach ­folgen kann, als jede einzelne Entscheidung, ob und was oder wie viel man essen will, zu durchdenken. Beispielsweise heißen sie:

1) kein Zucker, 2) nichts nach 18 Uhr essen und 3) keine Butter (höchstens halbfett)…

Ironischerweise verstärken Regeln häufig achtloses Essen. Sie sind zu wenig individuell und zu rigide, um dauerhaft eingehalten zu werden. Sie fördern den Zusammenbruch der vielleicht mühsam gehaltenen Selbstkontrolle bei dem nächsten Süßhungeranfall nach dem Motto: „Jetzt ist es sowieso egal.“ Zurück bleiben Schuldgefühle – und der Kreislauf des Sich-Beherrschen-Wollens und daran Scheiterns beginnt von Neuem. Es ist möglich, diesen Kreislauf dauerhaft zu beenden – mit mehr Achtsamkeit beim Essen.

 

Was bringt Achtsamkeit beim Essen?

Wenn man auf den gegenwärtigen Augenblick achtet, verändert sich Folgendes: Zum einen ist man weniger reaktiv. Denn wer sein Tempo verlangsamt, denkt klarer. Man geht auf die ­Situation ein, statt automatisch zu reagieren. Achtsam zu sein hilft also, zu merken, wie man unbewusst und bewusst auf Stress reagiert, und unterstützt, neue Wege zu finden mit der Situation umzugehen, ohne sich aufs Essen zu stürzen. Zum anderen hilft sie, den Körper zu entspannen. Wenn man in einer achtsamen Verfassung ist, sind Stresssymptome wie erhöhte Herzfrequenz und Schweißabsonderung nachweisbar geringer. Ist man entspannt, denkt man in der Regel klarer und neigt auch dazu, klügere Ess-Entscheidungen zu treffen.


Abb: © Alliance-fotolia.de

Seminar: „Achtsam essen – gesund ­genießen“ in der Zeit vom 21.1.-25.3.2015 an neun Terminen, ­jeweils mittwochs von 17-19 Uhr. 

Die Kosten für Ernährungstherapie und Kursangebote werden von vielen Krankenkassen bezuschusst.

 

Info und Kontakt unter Tel.: 030-219 624 90 oder post@koerpererleben.de, www.koerpererleben.de

Literatur: Albers, Susan: Essen, trinken, achtsam ­genießen. Arbor Verlag 2010

Über den Autor

Avatar of Dr. Edda Breitenbach

ist Ernährungswissenschaftlerin, Heilpraktikerin und seit zehn Jahren in eigener Praxis tätig mit Schwerpunkt Essstörungen, Adipositas, achtsames Essen. Einzelberatungen, Kursangebote zum achtsamen Essen, Säuglings- und Kinderernährung und Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Fortbildungen und Seminare. Körpertherapie.

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