Heilung durch achtsamkeitsbasierte Sexualität in der Partnerschaft…

von Matthias Grimm

Gelebte Sexualität ist eigentlich ein wesentlicher Teil unseres Lebens. Sexualität gibt uns die Möglichkeit, uns in den tiefen Ebenen unserer Körperlichkeit zu begreifen und auch auf diesen Ebenen in Kommunikation zu gehen. Es ist eine Kommunikation umfassender Körperlichkeit mit der ihr eigenen Intelligenz. Und es ist im besten Sinne geerdete Herz-Kommunikation zwischen geliebten Partnern. Eine bewusst gelebte Sexualität fördert ganzheitlich das eigene Befinden und schafft auch ganz neue Spielfelder partnerschaftlicher Prozesse. In diesem Sinne kann die Einführung einer körperlichen Paarmeditation ein gemeinsames Ritual werden, um in Hingabe und Flow Beziehungsfähigkeit, Konfliktfähigkeit und die Kapazität innerer Reserven zu erweitern.

Emanzipation der Sexualität

Es wurden in den letzten Jahrzehnten viele Ansätze entwickelt, die uns an die unter Scham und Konvention verschüttete Sexualität heranführen können. Die Vielzahl der Auslegungen im Neotantra, in Ekstaseschulen und körperpsychotherapeutischen Ansätzen haben dabei eine wesentliche Öffnung ermöglicht. Die Gärten der Lust wurden in oft wilder Rebellion erobert. Ein wichtiger und nötiger Befreiungsschlag, der Raum für Neues schuf. Diese Bewegung, die sich aus dem Minenfeld der Erstarrung entwickelte, blieb allerdings auch vom Durchschreiten hedonistischer Untiefen, blanker Kommerzialisierung und der oberflächlichen Jagd nach dem nächsten Kick nicht verschont.

Verletzungen und Egomanien waren oft Begleiterscheinungen. Entwicklung setzt aber gerade in der körperlichen Nahzone einen fortgeschrittenen Grad innerer Klärung und Selbstverortung voraus. Die starken Prozesse im empfindlichen Bereich der Intimität bergen eben genügend Kellergeister und Schatten. Inzwischen sind zu den ekstaseorientierten Bewegungen tiefere, meditationsorientierte Ansätze gekommen. Inspiriert durch die aufkommenden Achtsamkeitstrainings, Erfahrungen der Körperarbeit und Traumaforschung haben vor allem therapieorientierte Lehrer Konzepte entwickelt, die in ihrer Arbeit die tiefen Erfahrungen der Meditation mit neuen Erkenntnissen aus der neuro-psychologischen Forschung verknüpfen konnten. So entstanden Ansätze, die ohne großen spirituell-theoretischen Überbau tiefe Wirksamkeit im bloßen Erfahren entfalten können.

Entschleunigung des Feuerreigens

Neben der SlowSex-Schule der Sexualtherapeuten Michael und Diana Richardson entwickelte auch das Therapeutenpaar László Németh und Ulrike Kleynmans-Németh klar strukturierte und praktikable Systeme entschleunigter Sexualität. In Zusammenarbeit mit Yatro Kornelia Werner von SkyDancing Tantra entstand die wunderbare, einbettende Praxis der Sexuellen Energiemassage S.E.M. Der Némethsche Ansatz aus der Sexualtherapie beruht auf der Erkenntnis, dass Sexualität zum einen die starke Ausrichtung auf Fortpflanzung, aber auch soziales und psychisches Reinigungspotential hat. Sexualität ist demnach eine der mächtigsten Möglichkeiten für Verbindungsfähigkeit, Selbstheilung und Hirnhygiene, die wir in uns tragen.

Orgasmus als Reset für das Gehirn

Die Némeths unterscheiden in der sexuellen Praxis ganz klar zwischen Klimax und Orgasmus. Während in der Klimax der sexuelle Reflex, also Ejakulation und vaginale Reaktion, überwiegt, geht der orgastische Zustand viel weiter. Die Némeths haben 13 grundlegende Thesen zum Orgasmus formuliert, aus denen die sexuelle Energiemassage als lösende Praxis entwickelt werden konnte. Sie definieren dabei Orgasmus als hirnpsychologisches Ereignis der chaotischen Entladung, das der energetischen Reinigung dient. Die orgastische Entladung breitet sich anfallartig als eine kurzzeitige Chaotisierung der bis dahin kontrollierenden mentalen Prozesse aus. Das wirkt wie ein Reset, der angestaute Spannungen auflöst und Raum für neue Verknüpfung freimachen kann. Die orgastische Entwicklung ist demnach mit dem Aufbau von Erregungsebenen aus Alltagsspannungen und Erlebniskonserven verbunden, die auf Lösung und Entladung drängen. Ein Orgasmus ist somit letztlich nicht erzeugbar, sondern ab einem bestimmten Erregungszustand „fällig“ und geschieht einfach. Orgastische Dynamik kann sich auch außerhalb eines sexuellen Kontextes entwickeln (ekstatisches Tanzen, Trommeln, das Bad in der Menge bei Rockkonzerten und im Club, Sport usw.), sie ist allerdings im sexuellen Kontext die wirkmächtigste Möglichkeit der Energieentladung.

Sex und Sexualität

In unserer modernen, stark individualisierten und leistungsorientierten Kultur wird Sexualität zunehmend als Selfsexpraxis (gemeint ist mit diesem Begriff nicht nur eine überbordende Masturbations- oder Selbsbefriedigungspraxis, sondern eine regelrechte Manie und Fixierung darauf) und vornehmlich auf die kurzzeitige, unverbindlich klimaxorientierte Entladung hin ausgeübt. Diese Form der Sexualität scheint überschaubar, ungefährlich und zeitorganisiert. Natürlich hat diese Orientierung auch Einfluss auf die Sexualität in den Partnerbeziehungen, die sich im ungünstigsten Falle zum geteilten Selfsex entwickeln können. Sex ist sozusagen die schnelle, konsumierende Variante im Gegensatz zu bewusster Sexualität und wird als Lustangebot inszeniert, das auf den schnellen Kick orientiert ist und oft genug mit Leistungsfähigkeit und Erwartungsdruck verbunden wird.

Wir tun uns damit allerdings keinen Gefallen. Die Selfsexorientierung stumpft die inhärente Erlebnisfähigkeit der Sexualorgane und Gefühlswelten ab und die Menschen verlieren den Zugang zu ihren tiefen, reinigenden und verbindenden Ebenen. Durch die entstehenden Routinen wird ein neuronaler Lernprozess befördert, der uns von den großen Potentialen körperlichen Erlebens wegführt.

Man kann es paradoxerweise als neue Art von Asexualität und Distanz zu unserer natürlichen Animalität sehen. Viele Störungen haben hier ihre Ursache. Eine Praxis wie die sexuelle Energiemassage bietet die Möglichkeit eines Zurückgehens zu den tiefen Quellen der natürlichen Sexualität. Und das in Verbindung mit einem Partner.

S.E.M. Achtsamkeit und Sexualität

„Es hat sich gelohnt“, berichten Frauen und Männer mit einem gelösten Lächeln, für die die Körpermeditation ein wertvoller Bestandteil ihres Liebeslebens geworden ist. Seit vielen Jahren begleiten wir in unseren S.E.M.-Trainings und Sessions Paare in sehr unterschiedlichen Lebensbezügen und Altersgruppen mit der Körpermeditation. Ein Paar kann sich so die nährende und beseelte Intimität miteinander erhalten und pflegen oder erfährt, wie es möglich ist, sich dieser wieder zu öffnen. Die Némethsche sexualtherapeutische Kernpraxis wurde für die daraus entwickelte sexuelle Energiemassage um eine vorbereitende Achtsamkeitsübung und Einbindung in ein sinnlich ritualisiertes Feld erweitert. Eine körperlich orientierte Vorbereitung und spätere Integration sind wichtige Teile der Workshops und ausgeübten Praxis.

Die Praxis der sexuellen Energiemassage ist in ihren Phasen klar strukturiert und dauert jeweils eine Stunde für einen Partner. Diese klare Struktur unterstützt die Eigenheit dieses Entwicklungsfeldes und hilft, die Praxis von der normal gelebten Sexualität, die selbstverständlich auch stattfinden sollte, abzusetzen. Die S.E.M. kann so ein eigener Bereich der Entwicklung im Paarleben werden, der nach einiger Zeit sogar seine Strahlkraft in andere Bereiche bekommen kann. Aber vor allem: Sexualität kann nun jenseits der üblichen Erregungsdramaturgie, Erwartungshaltungen, Erfüllungszwänge und Überfrachtungen erfahren werden und bekommt damit ihre ursächlich natürliche Funktion zurück.

Wie genau läuft so eine Massage ab? Es gibt im Setting der Körpermeditation einen begleitenden und einen empfangenden Part. Beide Partner sind Teil eines tiefen Geschehens von Hingabe und Flow. Im Verschmelzen von Aktion und Loslassen in den Rollen des Gebens und Empfangens kann ein Raum fast meditativer Entspannung für beide entstehen – tiefe Entspannung auch in Erregungsphasen. Berühren, Erspüren, Erregungsdynamik begünstigen ein Erfahren von Sexualität als tiefe Verbundenheit. In den ausgedehnten ersten Phasen wird der Erlebensraum bereitet. In diesen fast minimalistischen Phasen baut sich in sanft streichelnden Bewegungen eine tiefe Ebene von Vertrauen, Hingabe und Kommunikation auf.

Die streichelnden und kreisenden Berührungen führen in einen tiefen Entspannungszustand. Bindungshormone werden ausgeschüttet und fluten das System. Die Berührungen bleiben im gesamten Verlauf gleichwertig und sanft. Das mag eine Herausforderung sein, hilft aber, die übliche Konditionierung auf die bisher bekannte Erregungsdramaturgie neu zu sehen und zu verstehen. Während der gesamten Praxis wird nicht gesprochen. Die ganze Aufmerksamkeit sammelt sich nun in der Berührung und der Musik. Musik unterstützt den gesamten Prozess rhythmisch und in großen, sanften Stimmungsverläufen.

Streichende Bewegungen setzen sich über den gesamten Körper fort, berühren dann auch zunehmend ganz absichtslos die genitalen Regionen. Die Körpermeditation der sexuellen Energiemassage lehnt sich an den natürlichen Energieaufbau während des Liebens in Vulva (In Sanskrit Yoni = Ursprung) und Penis (In Sanskrit Vajra = Lichtstab, als Symbol für den reinen Geist) an. Dabei sind Rhythmus, Druck und Geschwindigkeit wesentliche Schlüssel für ein vollständiges orgastisches Erleben, das den gesamten Körper und das Gehirn erfasst. Hört sich technisch und erneut nach Leistung an? Ist es aber nicht. Im Gegenteil: Ein klarer Rahmen schafft Vertrauen für eine neue Dimension des Sich-Einlassens.

Erfahrung als Paar im Gruppenraum

Der klare Rahmen der Körpermeditation ist für beide, die empfangende wie für die massierende Person, ein verlässlicher Raum sich zu öffnen und einzulassen. Das schafft eine heilsame Basis. Bisher prägende Erfahrungen können leichter angenommen werden und lösen sich unter dem absichtslosen, liebevollen Streicheln auf. In belastenden Zeiten oder auch nach traumatischen Erfahrungen kann die Körpermeditation durch die „älteste Erfahrung des Gehirns“, das Streicheln, stabilisierend auf das gesamte Körper-Seele-Geist-Gefüge einwirken und zu einer substanziellen Erholung beitragen. Die Praxis in einer geschlossenen Gruppe kennenzulernen und zu verfeinern, bietet Gelegenheit, in einem gemeinsamen geschützten Feld Erfahrungen zu machen und sich von diesem Feld tragen zu lassen. Gemeinsame vorbereitende Praxis, Feedbackrunden und das Erleben der anderen Erfahrungen können Fenster zu einer weiteren Sicht auf das eigene Befinden öffnen. Wunderbarer Nebeneffekt: Es geschieht immer wieder, dass sich aus den Workshops Folgekreise bilden, die sich in den Austausch begeben und die Erfahrung vertiefen.

Workshop „Einführung in die Körpermeditation – Hingabe und Auflösung“ in Berlin am 26.-28.10.2018
Infos und Anm. über Yatro Kornelia Werner, kontakt@liebeswege-wachleben.de, www.liebeswege-wachleben.de

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