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Aikido ist eine japanische Kampfkunst, in der man lernt, nicht zu kämpfen auch wenn die anderen kämpfen möchten. Mit Gelassenheit und Entspanntheit begegne ich meinen Partner/innen, kämpfe, lasse los und suche nach einer inneren Ruhe, mit der ich dem Leben begegnen kann!

Kampfkunst Aikido – Die Kunst, nicht zu kämpfen

Ein Raum mit weißen Wänden, auf dem Boden grüne Matten und auf einem Holzsockel ein Ikebana-Gesteck. Mehrere Personen in weißen Anzügen – einzelne tragen eine Art schwarzen weiten Hosenrock – üben die verschiedenen Griffe und Bewegungen. Es wird gelacht, ausprobiert, meist klappt es nicht sofort, die Übenden versuchen erneut und je weiter fortgeschritten sie sind, desto fließender und einfacher sehen die Bewegungen aus. Einige rollen und fallen geschmeidig während es bei anderen noch ein wenig holprig aussieht.

Ortswechsel: Eine Berliner U-Bahn, ein betrunkener Mann torkelt mit einer halbvollen Bierflasche in der Hand durch den Waggon. Auf spanisch redet er laut und aggressiv auf die Sitzenden ein, die vor allem hoffen, dass dieser Kelch und das ausschwappende Bier an ihnen vorbeiziehen möge. Ein junger Mann, des Spanischen mächtig, steigt ein und verwickelt den Betrunkenen in ein Gespräch – fünf Minuten später sitzen beide auf der Bank und unterhalten sich angeregt. Erstaunlich wie ein angemessenes und entspanntes Verhalten eine komplizierte Technik überflüssig machen kann! Und so praktizieren im Grunde genommen auch Menschen, die noch nie im Leben ein Aikido-Dojo betreten haben, die Kampfkunst Aikido.

Aikido – kämpfen oder tanzen?

Um Aikido als Kampfkunst zu üben wird man sich aber zunächst eher in ein Dojo als in die U-Bahn begeben. Eine Zeitlang fragten Freunde von mir, wenn ich trainieren ging: „Gehst du jetzt wieder kämpfen?“ Um ihnen einen Eindruck davon zu geben, was ich da jede Woche tat, zeigte ich ihnen eines Tages ein Video von Aikido. Ihr Kommentar änderte sich daraufhin zu: „Gehst du jetzt wieder volkstanzen?“ Ganz glücklich machte mich diese veränderte Wahrnehmung nicht aber sie verdeutlicht, dass der Kampf im Aikido leicht aussieht und dass von außen eher ein Zusammenspiel zweier Personen zu sehen ist als ein Gegeneinander.

Somit ist diese relativ junge japanische Kampfkunst unserem Verständnis eines Kampfes diametral entgegengesetzt. Aikido kennt weder Wettkämpfe noch Wettbewerb und ist ein Weg, auf dem man neben dem körperlichen Training Einsicht in sich selbst und sein Handeln gewinnen kann. Die grundlegende Idee ist es, eine Situation so aufzulösen, dass ein Kampf nicht mehr notwendig ist. So leicht wie es aussieht, so genau sind die Bewegungen, ihre Koordination sowie die Führung des Ukes, also des Angreifers. Der Nage (der Angegriffene) nimmt die Richtung des Uke auf und führt ihn manchmal weiter in seine Richtung, manchmal aber ändert er auch seine Richtung oder stoppt ihn sogar. Während die europäischen Kampftechniken, z. B. das Boxen eher punktuell denken und agieren, also auf einen Punkt schlagen, ist das Aikido von den Schwerttechniken beeinflusst, die mit schneidenden Linien arbeiten. Die Bewegungen des Aikido beschreiben Linien im Raum und stellen so Verbindungen zwischen den Partner/innen her. Die Aikido-Praktizierenden (die Aikidokas) bewegen sich mit ihrem ganzen Körper und versuchen die Griffe und Würfe mit dem geringstmöglichen Kraftaufwand auszuführen – ohne zu drücken, zu ziehen oder zu zerren – so dass eine tänzerische Qualität entsteht.

Das Aikido-Training

Wie aber erreichen die Aikidokas dieses Ziel? Körperwahrnehmung, Atmung, Dehn- und Kräftigungsübungen sowie ein gesundheitsbewusster Umgang mit dem Körper sind Bestandteile des Trainings. Im Ki Aikido üben wir zusätzlich sogenannte Ki Übungen, in denen wir durch Vorstellungsbilder den Körper beeinflussen und wahrnehmen, wie gleichzeitig der Körper unsere mentale Verfassung beeinflusst. Will mich jemand hochheben, stelle ich mir z.B. vor, dass wir eine Person sind und der andere also zusätzlich zu meinem Gewicht auch sein eigenes hochheben muss. Dieser körperliche Zustand befördert wiederum mein Selbstvertrauen.

Durch das Zusammenwirken beider Faktoren arbeiten wir an der Körperwahrnehmung, an einer flexiblen Standfestigkeit, sowie an körperlichem Selbstvertrauen. Was aber ist unter flexibler Standfestigkeit zu verstehen? Mit Standfestigkeit geht zumeist ja eher die Idee einer Verwurzelung einher, das sichere Stehen an einem Platz. Wenn aber bspw. ein LKW auf uns zugefahren kommt, wäre es höchstwahrscheinlich ratsamer zur Seite zu gehen als verwurzelt stehen zu bleiben! Stabilität sollte also nicht im Widerspruch zur Bewegung im Raum oder auch zur inneren Bewegung stehen, sondern mit dieser einhergehen.

Außerdem werden einfache Vorwärts- und Rückwärts-Rollen gelehrt, die sich aus dem Fluss der Techniken ergeben. Diese Fallschule ist ebenso im täglichen Leben bei unerwartetem Fallen oder Stürzen anwendbar und auch ältere Menschen können diese problemlos lernen. Aikido kann zudem in jedem Alter begonnen werden, da die Bewegungen entsprechend den Fähigkeiten ausgeübt werden: Jüngere werden eher große dynamische Bewegungen ausführen während Ältere eher kraftsparender und gezielter vorgehen. Da zudem Anfänger und Fortgeschrittene zusammen trainieren werden die Techniken in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden geübt: Wer anfängt, lernt die Techniken aus dem Stand und weniger detailgenau, die Fortgeschrittenen werden sich mit anderen Aspekten innerhalb der Technik beschäftigen. Die Aikidokas üben sowohl aus dem Stand als auch aus der Bewegung, Rhythmus und Timing kommen hinzu und es ergibt sich eine gemeinsame Bewegung von Uke und Nage.

Es entstehen Bewegungen, von denen eine Aikido Schülerin sagte: „Im Aikido bewege ich mich ganz anders als im Alltag und das tut mir gut!

 

Aikido ist Selbsterfahrung

Im Aikido üben wir eine möglichst entspannte und klare Haltung während eines Angriffes und sowohl der Erfolg als auch das Scheitern dieses Vorhabens ermöglichen es uns, Einsicht über uns selbst zu gewinnen. Selbst bei einem äußerlich ungleichen Paar wie einer kleinen Frau und einem schweren Mann (oder umgekehrt!) lässt sich beobachten, wie die kleinere Person die größere problemlos führen kann, während diese es trotz Kraftanstrengung bzw. gerade deswegen, nicht erreicht. Gerade wenn wir überzeugt sind, dass wir eine Technik wunderbar ausführen können, treffen wir vielleicht auf einen Uke, mit dem/der es an einer völlig unerwarteten Stelle hakt. In diesen Situationen können wir beobachten, wie wir uns verhalten: Wie fühlen wir uns wenn das Zusammenspiel leicht funktioniert? Werden wir angespannter nur weil der Uke angespannt ist? Wie gehen wir mit Widerstand um? Und wie verändert sich unsere Einstellung im Laufe des Übens?

Nicht jeden Tag wird natürlich eine solch intensive Auseinandersetzung stattfinden. Über die Jahre, die ich Aikido praktiziere, habe ich immer wieder unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt: Mal sind die Techniken und deren saubere Ausführung, für mich am interessantesten, dann sind es die psychologischen oder spirituellen Komponenten. Manchmal will ich der Idee von Ki auf den Grund gehen, mal Detailarbeit leisten. Dann wieder geht es auf eine philosophische Sinnsuche und alle diese Entdeckungen machen Aikido auch über die Jahre hinweg spannend und erkenntnisreich.

 

Was ist Ki?

Ein youtube Video: Morihei Ueshiba, der Gründer des Aikido, 85 Jahre alt in einem Aikido Dojo. Ein schmaler alter Mann, der seine wesentlich jüngeren Uke beinahe ohne Berührung zu Boden wirft. Es scheint, als würde er die Bewegung der anderen vorwegnehmen und diese in die Bewegung hinein führen.

Ein Essen unter Freunden: Eine Person berichtet vom Tod der Mutter. Eine betroffene Atmosphäre legt sich über die Versammelten.
Eine Pressekonferenz 2005: Es wird gemunkelt, dass Angelina Jolie und Brad Pitt ein Paar seien, gesehen hat man die beiden nicht zusammen aber es liegt „etwas in der Luft“.

Auf sehr unterschiedliche Art und Weise beschreiben diesen Beispiele Ki, das zumeist mit (Lebens-)Energie übersetzt wird, was jedoch der Vielschichtigkeit des Begriffes nicht gerecht wird. Guiseppe Ruglioni, ein hochrangiger Aikidomeister aus Florenz, beschreibt Ki als etwas, das gefühlt aber nicht klar gesehen werden kann – also etwas, das über das Körperliche hinausgeht.

Ursprünglich ist Ki ein Ideogramm aus China, das zusammen mit kulturellen, wissenschaftlichen und philosophischen Konzepten nach Japan eingeführt wurde und das noch heute im japanischen Sprachgebrauch existiert. Die Bedeutung von Ki variierte in den Jahrhunderten, historisch gesehen bestand das Schriftzeichen aus drei kurzen aufsteigenden Linien, die feine Materie, Ausatmung und Dampf bedeuteten. Später kam ein zweites Zeichen hinzu, kome, Reis.1

Die Geschichte und Spiritualität des Aikido

Anfang des letzten Jahrhunderts wurde Aikido von Morihei Ueshiba (1883-1969) aus den japanischen Budokünsten, vor allem aus dem Daito-Ryu, einer Form des Jujitsu, entwickelt. Als junger Mann meldete er sich zunächst noch freiwillig zur Armee, beschäftigte sich jedoch mit seinem Eintreten in die shintoistische Omoto-kyo Religionsgemeinschaft mehr und mehr mit dem Wechselspiel von Körper und Geist. Mit zunehmendem Alter gewannen die philosophischen und spirituellen Aspekte im Aikido an Bedeutung und es bedurfte immer größerer Mühelosigkeit in den Techniken, um die Kampfkunst auszuüben.

Die religiösen Wurzeln liegen des weiteren im Zen Buddhismus, so dass Formen von Meditation Bestandteil des Trainings sind oder in speziellen Übungsstunden geübt werden. Den Geist beruhigen, die eigenen Emotionen betrachten, anstatt sich von ihnen kontrollieren zu lassen, dies üben wir auch in den Aikidotechniken.

Es gründeten sich nach Morihei Ueshibas Tod unterschiedliche Schulen, die Aikido jeweils in ihrer Art interpretierten.
Die Idee, dass der Geist den Körper führt, wurde besonders von seinem Schüler Koichi Tohei (1920-2011) weiterentwickelt. Er entwickelte eine Schule, die sich Ki Aikido nennt und die heute von dem 61jährigen Kenjiro Yoshigasaki in Europa weitergeführt wird. Dieser begründete den Verband Ki No Kenyukai Internationale und entwickelt sowohl Techniken als auch Bedeutungen des Aikido immer weiter. So werden immer wieder neue Fragen gestellt, Techniken verändert, Theorien überprüft. Das heißt auch, dass sich Aikido immer wieder mit den Fragen des heutigen Lebens auseinandersetzt.

 

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Über den Autor

Avatar of Nicole Hartmann

ist Choreografin, Aikidolehrerin und Tanztherapeutin (BTD)
und studierte an der Universität Hamburg Performance Studies (MA). Seit 20
Jahren praktiziert sie Aikido und hat einen Lehrauftrag für Aikido am
Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin. Sie unterrichtet
Performancekunst und Aikido in Institutionen der Erwachsenenbildung und
konzipiert Performanceprojekte.

Regelmäßiges Training im BBSV, Neue Schönholzer Str. 32, , 13187 Berlin, Mi 19:30-21:00

Eine Antwort

  1. Burkard Geist, Hallerndorf
    Aikido für Jung und Alt

    Eine sehr schöne Beschreibung und Erklärung von Aikido und Ki-Aikido im Speziellen. Meine Begeisterung, Aikido zu praktizieren hält seit Jahrzehnten an und wird mich hoffentlich noch ins hohe Alter begleiten.

    Antworten

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