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„Sich selbst erkennen, heißt sich selbst vergessen. Sich selbst vergessen, heißt sich selbst wahrzunehmen in allen Dingen, das ist das Abfallen von Geist und Körper“.

Wer nach dem Sinn des Lebens fragt, wirft damit auch die Frage nach der Sinnlosigkeit auf. Den Sinn des Lebens suchen wir nämlich nur dann, wenn wir das Gegenteil, nämlich Sinnlosigkeit, empfinden. Diese Suche kann intelligent sein, immer aber ist sie zutiefst konventionell. Weise dagegen ist es, den Zustand der Sinnlosigkeit grundlegend zu verlassen, womit die Suche nach einem Sinn hinfällig wäre. Wie aber hebt man die empfundene Sinnlosigkeit auf? Indem man aufhört, Sinnlosigkeit zu kreieren! Doch auf welche Weise ist das möglich?

Als Sokrates dem Wissen auf den Grund ging, fand er mehr als Nichtwissen. Er fand die wahre Natur des Menschen, die jenseits ist von Wissen und Nichtwissen. So erklärt sich, dass das Wort „Psyche“ nicht nur Geist meint, sondern ebenfalls Atem und Blut. Tatsächlich sind wir nicht aus dem Paradies gefallen, sondern lediglich der Illusion verfallen, wir wüssten. Eine Tatsache, die der Sprachphilosoph Wittgenstein mit der „Verhexung unseres Geistes durch die Mittel der Sprache“ begründet. Deshalb lehrte der christliche Mystiker Meister Eckehart:
„Weil die Gedanken vergehen, sollst du keinen gedachten, sondern einen sinnlichen Gott haben“. Das können wir übertragen auf die Liebe. Für einen Gläubigen ist ein gedachter Gott sicher so unbefriedigend wie die gedachte Liebe. Worauf aber treffen wir, wenn wir der Liebe selbst auf den Grund gehen? Dann ist da niemand mehr, der liebt. Dann bist du die Liebe selbst. Im selben Augenblick ist die Sinnlosigkeit verschwunden.

Den sinnlichen Kern erkennen

Endlich zeigt sich diese Erkenntnis auch in der Neurophysik. Diese ist dabei, den lähmenden Unsinn zu überwinden, der das Sinnliche, das Fühlen oder die Emotionen dem Unbewussten überantwortet. Stattdessen spricht z.B. Antonio R. Damasio von einem „Kernbewusstsein“ und einem „Erweiterten Bewusstsein“. Wenn man im Zen oder im Aikido-Zen von „Mitte“ spricht, dann meint das – sofern man Damasios Beschreibung zugrunde legt – das Nichteinsperren des Bewusstseins in einen Käfig aus Gedankeninhalten und Vorstellungen. So wie stilles Wasser die Wirklichkeit spiegelt, so erfassen wir in der Stille unseren emotionalen und sinnlichen Kern; deshalb die Bezeichnung Kernbewusstsein. Was sichtbar wird, ist ein Bewusstsein des Ganzen, die Integrität von Denken und Handeln. In die Vergangenheit schauend, sieht Damasio derartige Integrität noch bei den alten Griechen realisiert. Im Gegenwärtigen verankert aber zeigt die Praxis des Aikido-Zen auf, dass dieses Bewusstsein des Ganzen zeitlos ist; deshalb sagt man im Zen, dass dieser Augenblick Medizin ist. Man sagt aber auch: „Zen ist Liebe“ und meint damit unser Aufgehobensein in diesem Augenblick (lieben können wir schließlich nur im Jetzt), der ohne Anfang ist und ohne Ende.

Wir leiden also nicht an einer realen Trennung oder Gegensätzlichkeit, sondern daran, dass wir unsere Gedankeninhalte in den Rang von Wirklichkeit erheben. Wir erleben sinnliche Wirklichkeit nicht mehr direkt, sondern über die Gedanken, als eine Art Reflexion des Wirklichen. So kreieren wir ein Selbstbild, das nur noch aus Vorstellungen besteht und dem Sinnlichen keinen Platz mehr einräumt. Dieser Rückzug vom Lebendigen gebiert den Mangel, der uns nach einem Sinn suchen lässt.
Deshalb fordere ich von denen, die bei mir Aikido-Zen praktizieren, den Mut und die Entschlossenheit, sich dem Leben zu stellen, das Leben direkt und sinnlich zu erfassen.

Momente der Erleuchtung

Zwar realisieren wir alle immer wieder für kurze glückliche Momente unsere wahre und erleuchtete Existenz. Diese kurzen Durchbrüche aber reichen nicht aus, ein Bewusstsein des Ganzen herbeizuführen. Der Musiker, der eins ist mit seinem Spiel, der Handwerker, der in vollkommener Selbstvergessenheit eins ist mit seinem Tun, das Kind, das selbstvergessen spielt, der Jogger, der solange läuft, bis das Vegetative über die verselbständigte Motorik des Verstandes dominiert, das Liebespaar, das in der Ewigkeit des Augenblicks aufgeht, sie alle realisieren sich selbst, die universelle Dimension ihres Seins. Der dafür verwendete Begriff des „Flow“ stammt aus dem Leistungs- und Extremsport und beschreibt Momente, in denen wir unsere wahre Existenz realisieren. Wenn Dogen Zenji schreibt, dass der Alltagsgeist der Weg (Do) ist, dann weist er auf den gewöhnlichen Kern des Außergewöhnlichen hin. Aikido-Zen hat als Übungsweg allein die Aufgabe, Authentizität und Integrität im Alltag sichtbar zu machen. Das Bewusstsein des Ganzen verlangt nicht ein Ausdehnen des Bewusstseins auf die sinnliche Wirklichkeit, vielmehr müssen wir aufhören, uns zu reduzieren auf Gedankeninhalte.
Es wäre unsinnig zu sagen, Aikido-Zen sei jenseits von Sinn und Sinnlosigkeit. Ich bin es. Diese Person, die hier am Notebook sitzt und schreibt, die auf der Matte steht, die den Übenden selbst als Weg aufzeigt, sie ist jenseits von richtig und falsch. Die Praxis, die ich dafür verwende, heißt Aikido-Zen oder Zen, der Weg aber bist du selbst. Wenn Lao-tse darauf hinweist, dass das Weiche das Harte besiegt, dann ist jene Weichheit gemeint, die sich natürlicherweise einstellt, sofern wir eins sind mit uns. Wer eins ist mit sich, hat den Meister in sich gefunden.

Leichtigkeit durch Einssein mit sich selbst

Die Silben „Aiki“ sprechen davon, dass man mit der Leichtigkeit, mit der man mit einem Taschentuch winkt, starke Menschen bewegen kann. Was wir aber als normal erleben, ist die Ineffektivität von Menschen, die uneins sind mit sich selbst. Sie glauben, Körper zu haben und sind sich damit nur selbst im Weg, weshalb Bodhidharma sagt: „Solange du einen Körper hast, solange leidest du“. Besser wäre es, zu sagen: „Solange du glaubst, einen Körper zu haben, solange leidest du, denn damit sperrst du das ursprüngliche Bewusstsein des Ganzen in einen Käfig ein. Obwohl dessen Gitterstäbe imaginär sind, lebst du in einem Bewusstsein, das die sinnliche Wirklichkeit aussperrt“.
Kinder haben Alpträume, in denen sie in einzelne Glieder auseinander fallen. Erwachsene aber haben diesen Alptraum in den Alltag geholt und sich an ihn gewöhnt. Sie haben Füße, um darüber zu stolpern und sie glauben, all die Glieder koordinieren zu müssen, anstatt sie natürlich aus dem Zentrum heraus zu dirigieren. Vollkommene Beherrschung aber kommt ohne Beherrschung aus.

Der Schritt der Befreiung

Im Aikido-Zen geht es um den Alltag, um das Unendliche im Endlichen. Wir sind emotionale, sinnliche, des Denkens fähige Wesen. Diese Fähigkeit aber darf nicht zu einer Verstrickung in Vorstellungen führen. Es geht im Aikido-Zen nicht um Leben oder Tod, nicht um Sein oder Nichtsein. Derart dramatische Dimensionen hat unser Alltag in der Regel nicht. Es geht aber um jenen Schritt der Befreiung, der unsere wahre Existenz offenbart. Diese ist jenseits von Leben und Tod, jenseits von Sein und Nichtsein, jenseits von Sinn und Sinnlosigkeit. Dualität existiert allein in einem Bewusstsein, das nichts anderes ist als eine Anhäufung von Festgehaltenem.
Kläre diese Verständnisfragen mit einem Lehrer und beschränke die Auseinandersetzung mit dir allein auf das Dojo, allein auf die Praxis, die du im Dojo übst. Im Alltag aber verhalte dich frei und ungezwungen, höre auf, dich jeden Augenblick als Mangel zu kreieren. Wir können nicht anders, als uns mit dem Verlust des inneren Friedens auseinanderzusetzen, doch wir sollten es professionell machen, sonst verwandeln wir unseren Alltag in einen Kriegsschauplatz und kämpfen permanent gegen uns selbst und unsere nächste Umgebung. Als ich anfing zu meditieren, war ich überrascht über den fortwährenden Strom der Gedanken. Ich machte mir klar, dass ich 24 Stunden pro Tag Zeit dafür habe, diesen Gedanken zu folgen. Und zog daraus die Konsequenz, mir für die kurze Zeit des Za-Zen frei zu nehmen vom Denken. Ich kämpfte nicht gegen das Denken, aber wenn Gedanken kamen, vertröstete ich sie auf die Zeit nach dem Sitzen.

Die Verrücktheit des Loslassen-Wollens

Ein Zen-Meister begründete das Mönchstum in unserer Zeit damit, dass wir neunzig Jahre alt werden und dass es weise sei, 10 Jahre davon zur Klärung seiner Integrität zu verwenden. Aikido-Zen verfolgt eben dieses Ziel, aber außerhalb des Klosters.
Überall wird gelehrt, du müsstest loslassen. Das ist falsch, dieses Loslassen ist eine weitere Verrücktheit, mit der du dich nicht sein lässt. Die Instanz, die meint, loslassen zu müssen, besteht aus nichts anderem als aus Festhalten. Wie aber kann das Festhalten loslassen? Wenn es das täte, verlöre es doch sogleich seine Existenz. So wie ein Gewichtheber unfähig ist, sich selbst hochzuheben, so kannst du nicht loslassen. Statt dessen musst du aufhören, festzuhalten. Du hörst auf, festzuhalten, wenn du aufhörst, Opfer deiner verselbständigten Gedankeninhalte zu sein.
Gelingt dies nicht, verhältst du dich wie ein Esel, der einer Mohrrübe hinterherläuft. Du strebst nach Liebe, Sinnlichkeit, Stärke, Durchsetzungsvermögen usw. ohne jemals das Gefühl zu haben, eines dieser Ziele dauerhaft zu erreichen. Tatsächlich aber müssen wir nicht stärker, glücklicher, erfolgreicher, sinnlicher oder glücklicher sein, sondern nur damit aufhören, fortwährend uneins mit uns zu sein. Da ist kein Subjekt, das denkt, fühlt, wahrnimmt, liebt. Wir sind das Denken, Fühlen, Wahrnehmen, die Liebe selbst! So, wie das Streben nach Entspannung nicht denkbar wäre ohne Verspannung oder wie positives Denken nicht möglich wäre ohne eine negative Ausgangssituation, so ist jeglicher Sinn die Kehrseite von Sinnlosigkeit, ja, der Sinn ist Teil der Sinnlosigkeit. Wer einen Sinn findet, muss fürchten, ihn wieder zu verlieren, wer sich entspannt hat, muss die Rückkehr der Verspannung fürchten, wer positiv denkt, muss dessen Scheitern fürchten. Stets aber muss man also etwas tun, nie ist man richtig. Das zerstört auf Dauer den inneren Frieden und kann nur in Ermüdung oder im Desaster enden.

Über den Autor

Avatar of Gerhard Walter

entschied sich zwanzigjährig für Aikido und Zen. Er war enger Schüler mehrerer japanischer Aikido-Meister in Europa, u. a. war er Uchi Deshi (ein in der Schule des Lehrers lebender Meisterschüler) bei M. Noro in Paris und lehrte bei Graf Dürckheim in Todtmoos/Schwarzwald. Vor 25 Jahren brachte er Aikido nach Berlin und gründete das Institut für Aikido-Zen. All die Jahre lebte er für mehrere Monate pro Jahr als Laienmönch im Zen-Kloster Hosshinji. Aikido trainierte er in dieser Zeit bei dem vor wenigen Jahren verstorbenen Saigo Yamaguchi im Hombu Dojo, der Schule des Aikido-Begründers Ueshiba. Gerhard Walter war Yamaguchis Repräsentant in Deutschland, hat den 7. Dan Aikido und ist autorisierter Zen-Lehrer.

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