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ZEN und TAO: zwei verwandte geistige Wege

TAO UND ZEN stehen im Westen hoch im Kurs. Zahllose Bücher tragen Titel wie „Das TAO des …“ oder „ZEN in der Kunst des …“ und für die Pünktchen kann man nun alles einsetzen, was einem in den Sinn kommt. Keine Sache scheint zu gering, als dass sie nicht mit TAO oder ZEN in Beziehung gesetzt werden könnte. Ein anderes Indiz für die Popularität z.B. des TAO ist das Tai Chi-Symbol, der Kreis mit den Yin-Yang-Fischen im Innern. Man findet es heute überall, wo man, zu Recht oder nicht, auf einen geistigen Gehalt verweisen will, egal welchen.
Einmal abgesehen vom Verkaufstrick, erfolgreiche Titel (z.B. „ZEN in der Kunst des Bogenschieflens“ oder „Das TAO der Physik“) einfach zu kopieren, um den Erfolg zu wiederholen, scheint im TAO und ZEN etwas zu liegen, das sich dafür eignet, auf alles angewandt zu werden.

TAO und ZEN stammen aus Ostasien, das TAO aus China, ZEN in der heutigen Form aus Japan. Als legendärer Begründer des Taoismus gilt Lao-tse mit seinem Werk „Tao Te King“ (um 500 vor Chr.). Bis heute ist der geistige Weg des TAO in China lebendig geblieben. Auch wenn er eine wechselvolle Geschichte hatte, sich in viele Richtungen entwickelte und oft unterdrückt wurde, gilt er neben Konfuzianismus und Buddhismus in China als prägende geistige Kraft, die die chinesische Kultur durchzieht. Insbesondere baut die traditionelle chinesische Medizin auf den taoistischen Prinzipien auf.

Auch ZEN ist ursprünglich in China als eine Verschmelzung von Taoismus und dem aus Indien kommenden Buddhismus entstanden. Bodhidharma, ein indischer Mönch reiste um 500 nach Chr. nach China und lehrte dort eine bestimmte Ausrichtung des Buddhismus, die auf Chinesisch „Chan“ genannt wurde. Im Shaolin-Kloster, das zu jener Zeit gegründet wurde, entwickelte er der Legende nach in neunjähriger Meditation in einer nahegelegenen Höhle aus indischen Meditationstechniken und taoistischen Körperübungen das Shaolin-Kung-FU, den Ursprung aller Kampfkünste. Vor etwa 1000 Jahren wanderte der „Chan“-Buddhismus nach Japan aus und entwickelte sich dort zum heutigen ZEN.

Während der philosophische Taosimus in Deutschland schon Anfang dieses Jahrhunderts unter Literaten viele Anhänger hatte, ist ZEN in Deutschland erst nach dem Krieg insbesondere durch die Bücher von E. Herrigel und K. Graf Dürckheim bekannt geworden. Sie hatten viele Jahre in Japan gelebt und ZEN dort kennengelernt. Als  einer der ersten Vermittler des geistigen Gehalts des ZEN im Westen gilt der japanische ZEN-Meister und Philosophie-Professor D.T. Suzuki.

Doch eine breite Akzeptanz der ganzen Lehre und insbesondere auch der für diese Wege so wichtigen Praxis geschah erst, nachdem sie in den USA ab den 50er Jahren begeistert aufgenommen worden waren, insbesondere von jungen, rebellischen Leuten, den Beatniks und Hippies, denen die ganze gesellschaftliche Entwicklung in den USA nicht passte. Im TAO und ZEN fanden sie das geistige Gegengewicht, nach dem sie suchten.
Da mehr und mehr asiatische Meister in den Westen kamen und lehrten, wurde nun zum ersten Mal im Westen der ganze geistige Reichtum und praktische Nutzen dieser Wege bekannt und mit Begeisterung und immer weiter zunehmender Wirkung aufgenommen.

Was war es, das die rebellischen Jungen, die Literaten und Studenten, Wehrdienstverweigerer und Aussteiger, Harley-Davidson-Fahrer und Computer-Freaks, aber auch „gebildete“ Schichten wie Professoren, Priester und Politiker an diesen geistigen Wegen damals faszinierte und auch uns heute so fasziniert?
Ohne auf die Lehre im eigentlichen Sinn einzugehen, die sich jeder Interessierte anhand der reichlich vorhandenen Originalliteratur oder in der direkten Unterweisung selbst erarbeiten sollte, möchte ich hier nur ganz unsystematisch auf einige wichtige Aspekte eingehen, die Ursache der größten Faszination und raschen Verbreitung auch heute noch sind. Jedenfalls sind es die Aspekte, die mich persönlich am meisten angezogen haben und weshalb ich zum TAO gekommen bin.

In einer von logischer Vernunft beherrschten Welt wie die unsrige, in der nur gilt, was „wissenschaftlich“ erwiesen ist, müssen TAO und ZEN geradezu als die langersehnte kühle Quelle in der Wüste erscheinen, aus der das klare Wasser der wahren Erkenntnis sprudelt. Für mich als Mathematiker war es jedenfalls so und es gibt eine ganze Reihe von Mathematikern und Naturwissenschaftlern, denen es ähnlich geht.
Schon der Beginn des wichtigsten taoistischen Werks, des Tao Te King, ruft in seiner logischen Widersprüchlichkeit Begeisterung hervor: „Der Name, der nennbar, ist nicht der ewige Name“. Mit einem Satz wird das verabsolutierte wissenschaftliche Denken, das logisch widerspruchsfreie, begrifflich-sprachliche Argumentieren an den gebührenden Platz gestellt. Es ist ungeeignet auf die wichtigsten Fragen im Leben Antwort zu geben, auf die Fragen nach Leben und Tod, nach Sinn und Warum.

Ein ganz aktuelles Beispiel: die Transplantationsmedizin hat mit der Festlegung des Todes als Gehirntod eine klare Definition gegeben. Doch dies wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet, angesichts der Tatsache, dass es vorkommt, dass Hirntote sich noch bewegen, während man ihnen das Herz herausoperiert um es einem anderen einzusetzen. Wie tot sind Hirntote wirklich?
Wer auf der Suche nach Sinn und Richtung in seinem Leben ist, wäre schlecht beraten, wenn er wissenschaftlich argumentierend vorginge. Das Leben ist eben nicht logisch, widerspruchsfrei und  klar definiert. Es ist eher irrational, komisch, undurchschaubar, voller offener Fragen, denen wir oft fassungslos gegenüberstehen, fähig nur noch zu einem: wie ist das möglich?

Da TAO und ZEN sich ganz und gar auf das Leben einlassen, nicht in jenseitige Sphären abdriften, spiegelt sich in ihren Schriften und ihrer Praxis diese Seite des Lebens: voller Humor, Widersprüche, Irrationales, kindlich Naives, Hintergründiges, aber auch voll von Sprüchen und Handlungen, die man als Unsinn von großer Tiefe bezeichnen könnte. Sie sollen das Rationale aufbrechen, sodass Intuition, Spontaneität, neues Sehen, Denken und Handeln möglich werden, so neu wie das Leben selbst in jedem Moment.
Mit den „Koans“ hat sich ZEN eine verwirrende Methode geschaffen, um den Alltagsgeist blitzartig aufzubrechen, die Rationalität zu knacken. Mit „unauflöslichen“, weil widersprüchlich-absurden Aufgabenstellungen wird der ZEN-Schüler vom Meister konfrontiert, an denen er sich ein Leben lang abarbeiten kann, um vielleicht irgendwann plötzlich mit des Rätsels Lösung die Erleuchtung zu erlangen.

Bodhidharma, der Buddhist und Begründer des ZEN, sagte: „Die letzte Wahrheit befindet sich jenseits der Worte“. Und radikal wie er war, verwarf er das gesamte überlieferte buddhistische Schrifttum. Es zu rezitieren sei nutzlos, wenn der Geist fehle. Das rationale Denken sei zu überwinden, wenn der Mensch zu seiner „Natur“ vordringen wolle.
Auch das TAO möchte dem Menschen den Zugang zu seiner „Natur“ öffnen. Diese „Natur“ ist  natürlich, so banal es klingen mag. Eine Natur, die nicht durch Zivilisation, Konvention, Ritual, Hierarchie, gesellschaftliches Ansehen überformt und deformiert wird, ein „zurück zur Natur“, wie es im abendländischen Denken auch formuliert wurde. Es ist das Kind in uns. „Werde wie ein Kind“, sagen Taoisten und meinen die Neugier, Offenheit, Aktivität und Beweglichkeit eines Kindes. Das Symbol ist der „unbehauene Klotz“, ein Stück Natur an sich.
Dass dies keine leichte Aufgabe ist angesichts des ungeheuren Erziehungsdrucks in Familie, Schule Kirche, Ausbildung und Beruf, vom Militär ganz zu schweigen, leuchtet ein. Wieder zur Natürlichkeit eine kleinen Kindes zurückzufinden, erfordert intensives Üben und Vertrauen. Denn die ganze Gesellschaft arbeitet dagegen: Überall in der Welt. Disziplin, Ausdauer, Geduld sind dazu nötig, daher sind sie die Grundlage aller Praxis des TAO und ZEN.
Kein Wunder, dass diese Ideen in einer Zeit rationaler Spitzfindigkeiten in Wissenschaft, Technik und Gesellschaft und einer daraus resultierenden oft sehr brutalen und unnatürlichen Praxis auf fruchtbaren Boden fallen, zu unserer Zeit, aber auch zu jeder anderen Zeit. Lao-tse selbst erging es vor 2500 Jahren nicht anders.
Ein wichtiger Aspekt für die Wertschätzung von TAO und ZEN ist sicherlich, dass in ihrer Lehre nicht von einem „Gott“ einem höheren Wesen in außerirdischen Gefilden, das uns in der Hand hat, ausgegangen wird. Angesichts einer bigotten Welt, in der im Namen von Religionen und Gottesglaube andere Menschen seit Jahrtausenden verfolgt und gemordet werden, ist dies ungeheuer befreiend: ein geistiger Weg ohne Gott über sich.
Beim „philosophischen“ Taoismus ist dies evident. Doch gilt es auch für ZEN, obwohl mit Buddha eine gottähnliche Gestalt im Zentrum steht. Allerdings verlegt ZEN Gott von außen ins Innere, in den eigenen Geist. Nur dort ist Buddha zu suchen und zu finden. Als der Kaiser Bodhidharma fragte, was der Inhalt seiner Lehre sei, sagte er: „Offene Weite, nichts von heilig“.

Schließlich „ist alles was du tust ZEN“ (Bodhidharma). Es kommt nicht auf ein bestimmtes Tun, wie Beten, Singen, Kirchgang nach Mekka reisen, Opfern usw an. Alles der gesamte Alltag, alle deine Verrichtungen sind ZEN. Und ZEN-Meister haben dies oft sehr drastisch ausgedrückt. In allem ist die Möglichkeit zur Erleuchtung. Nur darum geht es. Daher lass nichts außer Acht. Sei achtsam in jeder deiner Handlungen, denn sie könnte die Letzte sein, sie könnte dir die Erleuchtung bringen.
Ein anderer wichtiger Aspekt und möglicherweise der wichtigsten für viele, sich auf diese geistigen Wege einzulassen, die man nicht als Religionen bezeichnen kann, ist, dass sie friedlich und wehrhaft sind. Der Ursprung des ZEN ist die berühmteste Kampfkunstschule der Welt: das Shaolin-Kloster. Das dort seit frühesten Zeiten von Chan-Buddhisten geschaffene Kung-Fu ist das höchstentwickelte Kampfkunstsystem, das alle anderen asiatischen Kampfkünste beeinflusst hat. Doch jeder ausgebildete Kämpfer ist Mönch und damit ein auf dem geistigen Weg Unterwiesener.

Das TAO hat mit dem Tai Chi Chuan die sanfteste und damit wirkungsvollste Kampfkunst entwickelt. Im Unterschied zum Shaolin-Kung-Fu gilt Tai Chi als innere Kunst. Die zentrale Idee ist, durch Nachgeben zu siegen, ganz in Übereinstimmung mit dem Tao Te King „kämpfen ohne zu kämpfen“.Dies ist ein tiefes geistiges Prinzip, das zu realisieren umso schwerer fällt, aber auch umso wirkungsvoller ist, als alle Welt in der Unnachgiebigkeit den Königsweg zum Erfolg sieht. Doch im TAO gilt: – „das Schwache bezwingt das Starke, das Nachgiebige bezwingt das Unnachgiebige“(Tao Te King). Nur wer in seinem Bemühen um Tai Chi weit genug vorgedrungen ist, kann die Wirksamkeit dieses Prinzips ermessen. Nachgiebig sein heißt nicht, Opfer sein, sondern dem Starken und Starren die Kraft zu nehmen. Daher genießt Tai Chi Chuan in der chinesischen Kultur allerhöchstes Ansehen, was auch der Name ausdrückt. „Tai Chi“ heißt „das höchste Letzte“. Gemeint ist damit der Ursprung allen Seins. Tai Chi Chuan ist die Bewegungskunst, die dich zum Ursprung führt.

Auch wenn Kampfkünste eine martialische Seite haben, in ihrem inneren Gehalt dienen sie dazu, den inneren Krieger zu erschaffen, den geistig ringenden Menschen, der mit Geduld und Ausdauer und Selbstdisziplin die letzten Dinge zu erfahren sucht. Dies gilt für TAO und ZEN gleichermaflen.
Doch es gibt auch Unterschiede zwischen TAO und ZEN. Z.B., zeigt es sich schon an den benutzten Symbolen. Für ZEN steht der leere Kreis dafür, dass alles leer ist, die fundamentale Erkenntnis der buddhistischen Lehre. Für das TAO steht das Tai-Chi-Symbol: ein strukturierter Kreis. Die Struktur wird dargestellt durch die beiden fischartigen Elemente Yin und Yang. Sie drücken Bewegung aus. Durch diese beiden polaren Kräfte kam das ungeschiedene Eine in Bewegung, sie halten alles in Gang. So entstehen alle Dinge. Dies die fundamentale Erkenntnis der Lehre des TAO.

Diese unterschiedlichen Symbole werfen zugleich ein Licht auf die unterschiedliche Praxis von ZEN und TAO. ZEN-Praxis dient der Suche und der Erkenntnis der Leere in allem. Jedes noch so unbedeutende Ding oder Tun ist der Beachtung wert. Der Geist soll Leere und damit Freiheit von allem erreichen, die Erleuchtung.
Im TAO dienen Meditation und insbesondere die Bewegungsübungen (Tai Chi, Chi Kung) dem Ausgleich von Yin und Yang, der Suche nach Harmonie zwischen beiden. Die Energien sollen harmonisiert, gesammelt, gesärkt und in höhere Formen umgewandelt werden. Ziel ist es, durch innere und äußere Bewegung in Fluss mit dem TAO zu kommen. Taoistische Meditationen enthalten eine Vielfalt innerer Aktivitäten und Bewegungen und werden „Innere Alchemie“ genannt. Sie dienen dazu, das „goldene Elixier“, Unsterblichkeit als höchstes Ziel zu erlangen.
Da die Chinesen sehr praktisch-pragmatische Menschen sind, fällt für diejenigen, die dieses höchste Ziel nicht erreichen, dennoch etwas Wunderbares ab: Langlebigkeit. Die taoistische Praxis  vom Chi Kung bis zur Inneren Alchemie, führt zu einem Ausgleich der Energien und damit zu strahlender Gesundheit. Langlebigkeit machte für die Chinesen nur Sinn, wenn sie nicht einherging mit Krankheit und Siechtum. Sie entwickelten Methoden zur „Lebenspflege“. Jeder kann auch heute davon profitieren, ob Taoist oder nicht. Die Menschen im Westen werden immer älter, sie sollten diese Methoden nutzen, um Krankheit und Gebrechlichkeit im hohen Alter zu vermindern oder vermeiden. Sei lebendig wie ein Fisch im Wasser und bleibe es auch im Alter!
Um dieses Schwimmen wie ein Fisch im Wasser kreist das ganze Bemühen des Menschen des TAO. Eintauchen in das TAO und sich treiben lassen in seinem Fluss. Das gilt als die höchste Kunst auf dieser Welt. Sie heißt „Wu Wei“, „Tun durch Nichttun“, „Handeln ohne Einzugreifen“, „absichtsloses Wirken“. Der Weise strebt danach, denn es ist das Wirkprinzip des TAO. Wer es erreicht, ist „erleuchtet“, – ein Unsterblicher.

Eine kommentierte Literatur-Liste kann angefordert werden.

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