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Es gibt einen Zusammenhang zwischen Sucht und Suche. Ist unsere Suche erfolglos, folgt oft die Sucht. Doch wonach suchen wir als Menschen, und warum suchen wir? Der israelische Heiler Amir Weiss beschreibt die Wurzeln und Folgen des Suchtphänomens, in dem wir alle mehr oder weniger verfangen sind.

Wonach suchen wir eigentlich die ganze Zeit? Von außen betrachtet haben wir –zumindest in der westlichen Welt – scheinbar alles. Dennoch sind wir auf der Suche nach mehr. Was ist es, das uns immer weiter suchen lässt? Ist es die Unfähigkeit, zufrieden zu sein, nicht erfüllt zu sein?

Viele Menschen sind von irgendetwas abhängig, seien es Alkohol, Zigaretten, Zucker, Computerspiele, das Internet oder der Kaufrausch. Nur allzu leicht verheddern wir uns in einem ewigen Wiederholungsdrang oder -zwang. Auch wenn die Gründe dafür ganz verschieden und individuell sein können, liegt dem meistens eine Suche oder eine Sehnsucht zugrunde. Warum sind wir also nicht einfach mit dem zufrieden, was wir haben?

Die Gründe hinter der Sucht: was wir uns wirklich wünschen

In meiner täglichen Praxis als Therapeut für Sucht- und Zwangsentwöhnung begegne ich ständig Menschen, die von ihren Süchten befreit werden wollen, und wenn ich frage, was sie sich von der Behandlung erhoffen, ist die Antwort für mich oft überraschend: Die wenigsten wollen nur ihre Abhängigkeit beenden; viele beschreiben, dass ihre Sucht sie darin blockiert, ihre Wünsche und Ziele zu erreichen. Und diese Blockade wollen sie durchbrechen.

Sie wünschen sich, frei zu sein, sich nützlich zu fühlen, bessere Beziehungen zu haben, sinnerfüllt zu arbeiten, glücklich zu sein oder sich dem Leben wieder nahe zu fühlen. Und es sind meist die Abhängigkeiten, die dem im Wege stehen.

Oftmals fühlen sie sich in ihrem momentanen Leben fehl am Platz, oder haben das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Der Kontakt zum innersten Antrieb ist auf ein Minimum geschrumpft oder ganz unterbrochen. Sie sind auf der Suche nach Veränderung, die weit über das Beenden der Sucht hinausgeht.

Manchmal ruft es nach einer Veränderung der äußeren Umstände, die einengen oder nicht mehr passen, zum Beispiel eine Arbeit, die einem nicht (mehr) entspricht und nur noch lustlos erledigt wird, oder eine Partnerschaft, in der unserer Meinung nach nichts mehr läuft wie es sollte. Manchmal ist es aber auch die Sehnsucht nach Lebendigkeit, die irgendwo auf dem Weg eingebüßt wurde.

Wie kommt es, dass wir unsere innere Lebendigkeit verlieren können?

Geprägt in einer Gesellschaft, die im Wesentlichen nicht auf menschlichen, sondern wirtschaftlichen Werten aufgebaut ist, haben viele von uns schon in jungen Jahren gelernt, sich eher anzupassen, als auf die eigenen Sehnsüchte zu hören und dem eigenen Lebenssinn zu folgen.

Stattdessen wird uns ständig die Illusion verkauft, dass wir nur dieses oder jenes haben oder erreichen müssten, um endlich zur Ruhe zu kommen und zufrieden sein zu können. Und dennoch funktioniert das nicht – auch wenn wir es ständig und immer wieder versuchen. Denn wenn das stimmen würde, hätten wir ja nie wieder das Bedürfnis, etwas Neues zu kaufen oder neue Ziele zu erreichen. So tappen wir also in die Konsumfalle, oder rennen wie der Hase der immer zu hoch hängenden, unerreichbaren Möhre nach, anstatt unserem Lebensweg zu folgen.

Der Mensch ist nicht dazu gemacht, permanent in einem glückseligen Zustand des Stillstands und Nichts-Tuns zu leben. Das Streben nach dem „endgültigen“, gar „erleuchteten“ Zustand ist nicht Teil des menschlichen Sinn und Zwecks. Wir sind dazu geschaffen, uns zu erforschen, zu verändern, unser Bewusstsein zu erweitern und uns zu entwickeln. Wird dieser Drang unterdrückt oder lassen wir uns einreden, dass Stillstand gleich Zufriedenheit ist, kann das dazu führen, dass wir sang- und klanglos in der Bequemlichkeit untergehen. Oder wir übersetzen diesen Drang nach Erfüllung in uns dahingehend, ständig neue Möbel, das neueste elektronisches Spielzeug oder den nächsten Alkoholrausch haben zu wollen. Auch kann es sich in einer – oft schuldbeladenen – Unzufriedenheit äußern oder darin, dass wir immerzu etwas im Außen ändern wollen, anstatt in unserem Inneren nach Antworten und Lösungen zu suchen.

Erfüllte Gefühle sind durch Betäubung nicht zu erreichen

Das Einzige, was uns wirkliche Freude und Zufriedenheit bringen kann, ist die Entdeckungsreise zu uns selbst. Begreifen wir diese Entdeckungsreise als eine wesentliche Antwort auf die Frage, warum wir auf diesem Planeten sind, und üben uns darin, diese Entdeckungsreise zu vertiefen und auszufüllen, folgt eine natürliche Erfüllung. Es ist ein ständiger Prozess der Verfeinerung und Weiterentwicklung, deren Gefühl der Erfüllung auf einer völlig anderen Ebene liegt als das des schnellen Rausches.

Diese Reise, diese Suche, ist stark mit der Frage verknüpft „Was will ich?“. Fragen und beantworten wir sie immer wieder aufs Neue, kommen wir dem Kern unserer Lebensreise näher und näher. Erlauben wir es uns, dieser Frage wirklich auf den Grund zu gehen, kann sie uns zu einer sehr gesunden Form der Suche führen, die unserem menschlichen Sinn und Zweck gerecht wird.

Was aber, wenn wir die Frage nach dem „Was will ich?“ jedes Mal mit einem Stück Kuchen beantworten und unsere Suche dort endet? Wenn die Sucht einen so großen Raum in unserem Leben eingenommen hat, dass wir an solchen automatisierten Antworten nicht mehr vorbeikommen, können wir nur noch schwer in tiefere Schichten unserer Selbst vordringen und mit unserem Wesenskern in Verbindung treten. Die profaneren Ebenen unseres Lebens haben durchaus ihren Platz und ihre Berechtigung, doch es war nie so gedacht, dass wir ausschließlich auf ihnen hängen bleiben.

Diese Erde ist aus spiritueller Sicht eine Zwischenstation für uns. Sie ist unser Trainingsfeld für die weitere Reise. Ein gutes Trainingsfeld. Es ist ein wunderbar angelegter Ort, um zu forschen, zu entdecken, zu erleben, uns zu verändern und weiterzuentwickeln. Und doch war es nie Teil des göttlichen Plans, dass wir in uns in der planetarischen Erscheinungswelt fixieren in Gedanken und Handlungen.

Selbstverständlich sollen uns ein Paar schicke, neue Schuhe erfreuen dürfen. Wenn der Schuhkauf oder die nächste alkoholgeschwängerte Party jedoch zum Aufregendsten und Wichtigsten in unserem Leben geworden sind, ist Vorsicht geboten.

Die nächste Zigarette oder der nächste Zuckerrausch können unsere wahren Bedürfnisse nicht stillen; das Einzige, was sie können, ist uns für einen kurzen Moment einen Kick zu verschaffen. Diese Scheinbefriedigung kann – in Ermangelung echter Erfüllung – gerade genug sein, dass wir uns nach dem Abflauen des Blutzucker-, Alkohol- oder Nikotinpegels im Blut gleich wieder den nächsten Kick suchen – und schon sind wir auf bestem Wege in die Abhängigkeit.

Wohin wollen wir? Die Taxi-Analogie

Gestatten Sie mir, dass ich im Weiteren Text DU zu Ihnen sage, damit der Text Sie besser erreichen kann.

Ich lade Dich zu einer Analogie ein. Stell Dir für einen Moment vor, Du bist ein Taxi. Du bist das unglaublichste Fahrzeug, das momentan im Universum zu haben ist. Du bist mit einer der atemberaubendsten Technologien ausgestattet, die nicht nur den physischen, sondern auch den feinstofflichen Bereich umfasst und wahrnimmt. Dieses Auto steht Dir für Deine Zeit auf der Erde zur freien Verfügung, um damit Dich und die Welt zu entdecken und zu fahren, wohin immer Du willst.

Du bist jedoch nicht allein das Taxi selbst, im Fahrzeug sitzt auch ein Fahrer bzw. eine Fahrerin. Er oder sie lernt, das Auto zu bedienen und zu fahren, kümmert sich um Ölwechsel, Winterreifen und Sonnenverdeck. Neben dem Fahrer sitzt der Navigator. Den brauchst Du zum Kartenlesen und Navigieren, damit Du den Weg finden kannst, den Du einschlagen willst.  

Der wichtigste Teil in dieser Analogie ist der Fahrgast selbst. Der sitzt hinten und entscheidet, wo Du hinfährst und welche Gegenden Du erkunden wirst. Dieser Fahrgast entspricht Deinem Wesenskern und hat Verbindung zum größeren Ganzen. Er oder sie sitzt auf der Rückbank und ist darauf bedacht, die Zeit, die Du im Auto zur Verfügung hast, für eine sinnvolle Reise zu nutzen. Der Kartenleser oder die Kartenleserin auf dem Beifahrersitz ist hauptsächlich dazu da, die Wünsche des Fahrgastes zu übersetzen und eine Route auszuarbeiten, um dessen Ideen in die Realität umzusetzen.

Im Idealfall arbeiten all diese Teile in Dir harmonisch zusammen und machen Deine Lebensreise zu einer spannenden und sinnvollen Expedition, die Dir ermöglicht, Dich nach dieser Fahrt neuen Abenteuern zuzuwenden.

Wenn aber die Verbindung zwischen dem vorderen Teil des Autos und dem Fahrgast wie durch eine abgedunkelte Trennscheibe unterbrochen ist, und die Wünsche des Fahrgastes nicht mehr gehört werden, irrst Du ziel- und planlos mit Deinem Taxi durch die Gegend und verbringst kostbare Tage in Sackgassen oder der nächsten Vorstadtsiedlung. Immer mit dem vagen Gefühl, dass Du doch eigentlich ein Ziel hattest, irgendwo hin wolltest, etwas Bestimmtes vorhattest, aber ohne Dich wirklich erinnern zu können.

Diese Trennung kann verschiedene Ursachen haben. Sie tritt beispielsweise auf, wenn auf Dauer die Diskrepanz zwischen dem, was Du im Innersten fühlst und dem, was Du durch Deine Prägungen glaubst, tun zu müssen, zu groß wird. Oder wenn Du den leeren Versprechungen des Haben-Wollens zu sehr auf den Leim gehst. Dann kann es durchaus passieren, dass Du dem Druck von außen zu weit nachgibst und Dich mit Haut und Haar vereinnahmen lässt. Ohne ausreichenden inneren Freiraum kannst Du dann oftmals Deinen „Fahrgast“ nicht mehr hören. Was auch immer die Ursache ist, mangelhafte Kommunikation mit Deinem Kern macht Dich anfällig für Sucht. Und diese wiederum legt sich auf die Trennwand im Taxi wie ein zäher, zuckerig-klebriger Brei.

Wir suchen, weil es als Teil unserer menschlichen Aufgabe in uns angelegt ist. Und es ist ganz natürlich, dabei manchmal auf Irrwege zu geraten. Doch eine dauerhaft fehlgeleitete Suche, die sich ständig nur auf der nächsten Kick bezieht, kann uns in einen schwer zu durchbrechenden Kreislauf bringen.
 
Wenn wir die beeindruckende Technologie unseres Taxis und unsere Zeit auf diesem wundervollen Planeten nicht dazu nutzen, um die Welt und unseren Platz im Universum zu entdecken – jeder auf seine eigene einmalige Weise – dann wartet als Alternative ein langsames Dahinwelken und das Verpassen unseres Lebenszweckes. Und wenn wir dann alle möglichen Ablenkungsmanöver erfinden, statt uns konsequent auf die Suche zu machen, um die Stimme unseres Fahrgastes wieder hören zu können, entfernen wir uns nur noch weiter von der inneren Verbundenheit zu der Stimme. Und das Taxi fährt dann Runde um Runde um Runde im Kreisverkehr, und wir betäuben uns, um die Langeweile und den Mangel an echten Lebensaufgaben aushalten zu können. Solange bis es uns – hoffentlich – eines Tages reicht, und wir beschließen, unser Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Ein erster Schritt kann sein, uns zunächst von den ablenkenden und vernebelnden Abhängigkeiten zu befreien, um uns dann wieder ernsthaft der Entdeckung unserer wahren Wünsche und Sehnsüchte zu widmen.

Also, starte mit Deinem Taxi durch und beginne, dieses wunderbare Universum zu erkunden!

3 Responses

  1. Johannes
    Suchtforschung ...

    Gib doch mal in der Wikipedia „Suchtforschung“ ein, da finden sich allerhand Institute, Prävention u.ä.

    Antworten
  2. Jörg
    guter Artikel

    Gefällt mir, geht für mich in die gleiche Richtung wie der Beitrag „ein Vertrag mit dem Leben „

    Antworten
  3. Jens
    Da fehlt auch noch die Flucht!

    Ich hab jetzt gut 20 Jahre Erfahrungen an der „Front“, also da wo Drogensüchtige aller Art ihre Karriere beginnen oder auch beenden, gesammelt.

    Natürlich habe ich auch eigene Erfahrungen mit Sucht und Drogen gemacht. Als ich dann merkte, dass manche, die später problematische, unkontrollierbare Konsummuster entwickelten, die Drogen nicht nur nehmen, um Spaß zu haben, sondern auch um zu kompensieren, fing ich an zu hinterfragen. Von einigen bekam ich sehr tiefe Einblicke, die ein behandelnder Therapeut wohl nur ganz selten bekommt.

    Ein Ergebnis ist auch, dass da eine Suche stattfindet und diese oft unbewusst ist oder versteckt wird. Die Allermeisten haben ihre Probleme schon aus der Kindheit. Fast immer gab es familiäre Probleme wie Scheidungen, Verluste, psychische/emotionale/körperliche Gewalt, Missbrauch usw….auf den Punkt gebracht, da fehlte die elterliche Liebe, Aufmerksamkeit und Anerkennung oder es gab schwere Verstöße dagegen.

    Man sucht nach menschlicher Wärme und Geborgenheit, nach echter, gefühlter Liebe…und das meistens vergebens. Als Therapeut hat man nur dann gute Chancen, wenn man auch einen sozialen Kontakt eingeht, ansonsten erfährt man nicht viel persönliches von den Leuten. Der Fahrgast ist verletzt, beleidigt und bockig und der redet doch nicht mit einem der sich nicht daneben setzt…

    Und es gibt noch eine andere Ursache und das ist die Flucht. Oftmals vor Schuldgefühlen, eigenem so empfundenem Versagen oder auch Ängsten aller Art. Das fehlt hier im Artikel völlig.

    Ganz allgemein meine Sichtweise: Unsere Gesellschaft ist wie geschaffen dafür Süchte zu erzeugen, weil sie, wie im Artikel leider nur angerissen wird, soziale Bedürfnisse einfach nicht beachtet – man redet zwar davon, aber man weiß gar nicht was das ist. Wen interessiert schon noch das innere Wesen und die Bedürfnisse des anderen? An der Arbeit jedenfalls keinen, beim Fußball auch nicht…wo dann?

    Also trifft man sich zum Saufen, Fixen oder Kiffen, um soziale Kontakte zu haben…und kann sich dann manchmal sogar ein bisschen öffnen.

    Im Übrigen wird unsere Gesellschaft fast ausschließlich von Süchten angetrieben, zu meist stoff-ungebundene Süchte – Erfolgssucht, Geltungssucht, Egomanie usw. alles Eigenschaften die eine „gute“ Führungskraft haben muss, um sich überhaupt durchsetzen zu können…die sind „hungrig“ (O-Ton eines Managers) persönlich geht es denen nicht ums Geld…und so rasen in ihrem Taxi mit 200 Sachen durch die Einkaufspassage…gerne auch noch diverse Aufputschmittel dazu und dann läuft das wie geschmiert an der Börse!

    Jeder ist auf der Suche nach einem angenehmen biochemischem Klima im Kopf…wir sind alle süchtig! Abhängig von unseren Botenstoffen und deren Auslöser und das beste Zeuch ist und bleibt die Liebe.

    Mich würde mal die Erfolgsquote des Weis-Institutes interessieren, nach meiner Erfahrung haben Sucht-Therapien nur Zufallserfolge, die vor allem vom Willen des Betroffenen getragen werden.

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