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Das gibt es wohl nur in Berlin: Der Berliner Andreas Hegewald fand beim Fliesenschrubben in seiner WG zur Erleuchtung. Und fand es erst gar nicht witzig zu erkennen: Ich bin gar nichts. Dies ist nur eine leere Hülle, eine Art Roboter für programmierte Abläufe. Dietmar Bittrich sprach mit ihm über Gewinne und Verluste, wenn die Ich-Identifikation sich verabschiedet hat.

Erwachen beim Schrubben

Der Berliner Andreas Hegewald alias ANdy ist der schwergewichtigste Mann der Satsangszene. Und zugleich derjenige, der die Sache mit dem Erwachen und dem Wegfall des Ichs am leichtesten rüberbringt. Plaudernd. In Alltagssprache. Womöglich ist er auch der Einzige, der keine Reklame dafür macht. „Mach dich eher auf eine Enttäuschung gefasst“, sagt er. „Du willst etwas bekommen, und am Ende verlierst du alles, auch das, was du liebst – die Geschichte von dir, von deinem Leben, deinen Nächsten. Sogar dich selbst. All das muss fallen in dem Sehen, dass die Person nur eine Puppe ist. Es ist ein Tod.“ Wenn die Besucher in seinen Talks allzu beklommen dreinblicken, schiebt er nach: „Zugleich ist es die Befreiung. Am Ende ist es genau das, was jeder sich wünscht.“

Der 34-jährige Berliner hatte sein entscheidendes Erwachen beim Schrubben. Am Putztag in seiner WG. Wer ihn besucht, gewinnt den Eindruck, so ein erleuchtendes Saubermachen wäre mal wieder dran. Im funzelig beleuchteten Eingangsbereich liegen gefühlt dreißig Paar Schuhe. Man soll die eigenen ausziehen und muss hoffen, sie später wiederzufinden. Ein Karton mit Hinterlassenschaften einer längst geflohenen Mitbewohnerin steht im Weg, gefüllt mit Büchern und CDs, die sie nicht vermisst.

„Es ist, als ruderst du einen herrlichen Fluss hinunter.
Plötzlich merkst du: Da vorn kommt ein Wasserfall – und auf den geht es zu!
Jetzt ist es kein lustiges Abenteuer mehr. Du wirst fortgerissen.
Du kannst nichts tun. Du wirst verschlungen“

ANdy bittet ins Innere, in einen langen dunklen Gang. Richtig! Die Weisen dieser Erde haben ja immer schon in Höhlen gelebt. Die erleuchteten Essener zogen sich in Kavernen am Jordan zurück, der heilige Hieronymus hockte in einer Grotte bei Aleppo, Franziskus zog sich in ein Gewölbe im toskanischen Monte Penna zurück. Der eifrig verehrte Ramana Maharshi meditierte in wechselnden Höhlen des Arunachala, die heute bei westlichen Suchern als Erleuchtungsbeschleuniger gelten.

Advaita: Du wirst verschlungen

In ANdys Wilmersdorfer Wohnhöhle hausen noch sieben andere Leute, die der Besucher allerdings nie zu Gesicht bekommt. Nur eine Frau ist unübersehbar. Sie sitzt in ANdys Vorzimmer. Das ist Bella, seine beste Freundin. Durch ihren Raum führt der Pfad ins Wohn- und Satsangzimmer. Während ANdy seine Talks veranstaltet (das Wort Satsang ist ihm zu indisch), schaut Bella sich Filme von Pferdeflüsterern an. Mit Advaita oder Nondualität mag sie nicht mehr so viel zu tun haben.

ANdy versteht das. Sie habe sich mal für das Thema interessiert. Aber so ganz easy ist das ja nicht mit dem Erwachen. „Du willst es die ganze Zeit, und dieses Hinstreben ist auch schön“, sagt er. „Es ist, als ruderst du einen herrlichen Fluss hinunter. Plötzlich merkst du: Da vorn kommt ein Wasserfall – und auf den geht es zu! Jetzt ist es kein lustiges Abenteuer mehr. Du wirst fortgerissen. Du kannst nichts tun. Du wirst verschlungen. Als das bei mir geschah, habe ich meine Freundin angerufen und gefleht: ‚Hör auf, Advaita- Bücher zu lesen, es ist alles wahr; es gibt tatsächlich niemanden, die Person ist eine leere Hülle, es ist grausam, lies nicht weiter!’ Aber da ist nichts zu machen. Es passiert oder nicht.“

Bei ANdy ist es im Badezimmer der WG passiert, beim Schrubben der Fliesen. „Gewöhnlich findet ein innerer Kampf gegen so ein Putzen statt: Ich will nicht, das nervt, ich hab’ keinen Bock. An diesem Tag, ohne ersichtlichen Grund, wurde dieses negative Gefühl plötzlich eingeladen. Sonst habe ich immer eilig geputzt, um es hinter mich zu bringen. Jetzt wurde es ganz langsam. Der Widerstand löste sich. Auf einmal wurde gesehen: Es gibt niemanden, der gegen irgendetwas anderes kämpft. Das ist alles Leben. Das ist es bereits. Ich muss das jetzt nicht schnell hinter mich bringen, um anderswo hinzukommen, wo ich mich besser fühle. Im ‚Danach’ oder im ‚Später’ ist keine Erfüllung. Sondern genau dieses hier, dieses blöde Gefühl und das Putzen, das ist es schon. Nur das Kämpfen dagegen macht den Augenblick ungenügend.“

Körper und Geist: Marionetten

So oder ähnlich haben wir das schon mal gehört. Und gelegentlich beim Geschirrspülen erinnern wir uns sogar daran. Bei ANdy kam noch etwas hinzu, was die Wahrnehmung betraf. Die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, geht ja gewöhnlich nach außen. „Hier nun hat die Wahrnehmung auf einmal versucht, sich selbst wahrzunehmen. Es war genauso verrückt, wie es klingt. Als ob das Sehen sich selbst sehen wollte. Eine Person hatte da keinen Platz mehr. Ich war überflüssig. Es war auch kein Ich, das das begriff. Das Leben selbst begreift in so einem Moment, dass dieser Körper und Geist eine Marionette ist, eine Puppe, die keine Ahnung hat, was als Nächstes erscheint. Und die keine Wahl hat zu tun, was sie tut.“

Klingt eigentlich nicht so toll. Und das räumt ANdy auch ein. „Es ist das Gegenteil von dem, was du dir wünschst. Das Ich möchte etwas bekommen, etwas Gutes und Wertvolles für sein Leben, damit es bereichert wird, damit es sich weiterentwickelt, damit es glücklich wird. Doch das geschieht nicht. Stattdessen verliert es alles: seine Geschichte, die Geschichte von allem, was es liebt, die Geschichte, die es ‚mein Leben’ nennt. Es selbst geht verloren. Das ist ein Schreckensszenario, und es kann sich wie ein Todeskampf anfühlen. Zugleich ist es eine unglaubliche Erleichterung. Verloren geht ja auch die Vorstellung, eine abgetrennte, ums Überleben kämpfende Instanz zu sein.“

„Wer will schon sehen,
dass er nicht wirklich existiert?“

Viel psychisches Leiden fällt weg

ANdy hat erstmal ein paar Tage lang nur dagesessen, in seinem Zimmer mit den Fenstern zur Nassauischen Straße. Das darf doch nicht wahr sein, hat er gedacht, ich bin gar nichts. Dies ist nur eine leere Hülle, eine Art Roboter für programmierte Abläufe. Der Sinn des Lebens war weg. Die Zukunft bedeutungslos, die Vergangenheit wie ausgelöscht. „Es ist auch ein Preis, der da gezahlt wird. Es ist auch ein hoher Verlust.“

Gesehen wird nämlich auch, dass die Liebe zu den Mitmenschen nur eine Geschichte ist. „Es gibt weder diese Person, die sich als Liebender wähnt, noch die Person dort, für die Liebe empfunden wird. Diese ganze Beziehung ist nur ein Puppenspiel des Seins.“ Aus der Sicht des Ichs ist das, was Erwachen genannt wird, nicht wirklich das, was gesucht wird. „Wer will schon sehen, dass er nicht wirklich existiert?“Aber eine Menge psychisches Leiden fällt dabei auch weg. Gedanken wie „Ich bin nicht gut genug, ich bin nichts wert“ finden keinen fruchtbaren Boden mehr.

„Sehen kommt, Sehen geht, Leiden kommt, Leiden geht.“

Und ein paar Tage später, als ANdy lange genug seine hell gestrichenen Wände angestarrt hatte und den alten grünen Kachelhofen und den Kühlschrank, den Wäscheständer und das Bügelbrett, „da war dann einfach so eine Akzeptanz da“. Da wurde auch das „Oh, nein, das darf doch nicht wahr sein!“ als bedeutungslose Erscheinung gesehen, als Leben, wie es gerade gespielt wird. „Sehen kommt, Sehen geht, Leiden kommt, Leiden geht. Das, was du in der Essenz bist, zeitlos, bedingungslos, ohne Eigenschaften, das bleibt.“ Uff. Erleichterung.

„Erwachte“ Eigenheiten

Und so ganz und gar ohne Bedingungen und Eigenschaften läuft ANdys Leben seither ja auch nicht. Er betreibt immer noch seinen Beruf als Video-Editor und macht Geräusche beim Hörspiel. Er ist immer noch Fan von Audrey Hepburn und Byron Katie. Und er ist hingebungsvoller „Brony“, also ein Liebhaber jener bunten Pferdchen mit Augenaufschlag aus der Serie „My Little Pony“. Einige vollsynthetische Exemplare namens Rainbow Dash, Fluttershy und Twilight Sparkle hat er im Zimmer stehen, neben dem Bett und auf dem Lautsprecher.

Mit so etwas müssen die Leute sich abfinden, die zu seinen Talks kommen. So wie die Besucher von Nisargadatta sich damit abfinden mussten, dass ihr Meister unablässig qualmte. Oder die Devotees von Ramana Maharshi, dass sie auf kahlem Boden hocken mussten, während ihr Meister auf einer Chaiselongue ruhte und meist nicht mal ihre Fragen beantwortete. Wer ANdy besucht, wird auf wackeligen Stühlen sitzen müssen oder auf der Gästematratze. Und die Fragen werden beantwortet, gelegentlich auch ausführlicher als gewünscht. ANdy ist nicht das Gegenteil von redselig.

Aber er ist down to earth. Er hat die Fähigkeit, das vermeintlich Ferne nahezubringen und das scheinbar Mystische in Alltagssprache zu übersetzen. Und egal, was er sagt, das Erfrischende ist diese total relaxte Präsenz von jemandem, der niemanden mehr überzeugen will, der kein Selbstbild mehr verteidigt, der offen ist bis zur Wehrlosigkeit. Diese echte Tiefenentspannung geht auf die Gäste über. Sie erleben das, was Karl Renz mal „Ferien vom Ich“ genannt hat. Zehn Euro kosten diese Ferien bei ANdy, in neunzigminütiger Länge.

 


 

Talk-Andreas-HegewaldTalks mit Andreas Hegewald
jeden Donnerstag, 19:30-21 Uhr
Nassauische Str. 36 (Klingel WG Neumann)
10717 Berlin
U7 Berliner Str. oder Blissestraße

Info und Kontakt über
Tel.: 0174-2152585
oder
andy@daswunderdesseins.de
www.daswunderdesseins.de

 

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