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DIE HEILIGE HURE LEBT IN JEDER FRAU

Maggie Tapert ist eine 52jährige Amerikanerin, die in Europa zwei Kinder großgezogen hat und mit ihrem Mann in Basel lebt und eine Heilpraxis leitet. Maggie Tapert ist aber auch die Heilige Hure. Drei Jahre lang übernahm sie diese Rolle in Männer-Workshops von John Belicchi und empfing Männer im Tempel der Liebe. Heute unterrichtet sie in eigenen Seminaren Frauen darin, ihre sexuelle Seite zu akzeptieren, zu leben und sie zu heilen.

Warum bezeichnest Du Dich als Heilige Hure?

Maggie: Seit ich zwei Jahre alt war, waren Sexualität und Spiritualität das Hauptthema meines Lebens. Als ich zum ersten Mal von der Rolle der Heiligen Hure hörte, war ich elektrisiert. Es war, als wenn Glocken anfingen zu läuten oder ein Licht anging. Es war, als ob ich diese Rolle bereits kannte. Es gibt immer wieder Frauen, wenn auch wenige, die, wenn sie diese Geschichte hören, so begeistert reagieren wie ich damals. Es ist eine Art inneres Wissen, daß wir diesen heiligen Raum betreten und sehr transformatorische Erfahrungen machen können.
Ich begann mit anderen Frauen innerhalb der Kurse von John Belicchi die Frauenarbeit aufzubauen, fügte immer mehr Übungen hinzu und entwickelte schließlich einen Kurs in der Frauengruppe.   

Lernen die Frauen dort, eine heilige Hure zu sein?

Maggie: Nein, nicht alle. Im Kurs hatten wir zu Anfang zwei heilige Huren, mich und eine andere Frau. Wir stellten schon ziemlich bald fest, daß wir die Frauen nicht einfach unvorbereitet in diese Situation bringen können, wo sie mit fünf oder sechs Männern Sex haben werden – es ist eine zu überwältigende Erfahrung. Trotzdem wollen die Frauen darüber mehr wissen und es erfahren.

Also schufen wir die Regel: wenn man diese Erfahrung machen wollte, mußte man durch einen bestimmten Prozeß gehen. In den Tempel gehen, Tempeldienste verrichten, und wenn die Frau immer noch dachte, das könnte ihre Rolle sein, wurde sie eingeweiht. Letztlich gab es sehr wenige Frauen, die diesen Weg gingen, weil das eine echte Berufung ist. Häufiger wollten sie einfach in der Gegenwart dieser phantastischen Energie-Erfahrung sein.

Über die Zeit wurde daraus eine eigene Erfahrung unter Frauen, und der Höhepunkt war der Tempel. Irgendwann merkte ich, daß die Frauenarbeit sehr stark wurde. Ich fühlte mich wie ein Kutscher, der die Pferde zurückhalten muß. Die Frauen wurden immer stärker. Die Männer blieben irgendwo stecken. Das spiegelt wider, was sich in der Gesellschaft abspielt.
Meine Frage war: wie können wir Männer und Frauen an einen Ort bringen, wo beide von ihren sexuellen Wunden heilen? Ich verließ die Arbeit mit John und begann mit meinen eigenen Kursen: Aphrodites Töchter. Ich kreiere einen Platz für Frauen, wo sie sich damit verbinden, wer sie sexuell sind. Wo sie die Rolle der Selbstverantwortung annehmen in allen Dingen einschließlich der Sexualität. So wunderbar und tief die Tempelerfahrung auch war, es mußte mehr Arbeit zur Vorbereitung getan werden.
Bevor Leute eine Partnerschaft aufbauen, müssen sie individuelle Erfahrungen machen und als Individuum wachsen. Das ist das gleiche mit der Sexualität. Eine Frau muß wissen, wer sie ist, was ihr Freude macht, wie sich ihre Freude anfühlt.

Geht es bei Deiner Arbeit in erster Linie darum, den Orgasmus zu lernen?

Maggie: Nein, aber du wirst wahrscheinlich einen Orgasmus bekommen, wenn du mitmachst. Ich arbeite nicht mit technischen Lösungen daran, Schwierigkeiten zu überwinden und Orgasmen zu bekommen. Ich arbeite damit, Ideen und Konzepte aufzulösen und gehenzulassen, die einen unfrei halten. Die Erfahrung ist eine sehr intensive, schnelle, transformierende Bewegung durch die eigene Scheiße hindurch bis zu dem Punkt, wo man sich selbst großartig und okay findet, so wie man ist. Wir verbringen nicht viel Zeit damit, herauszufinden, was falsch ist. Wir verbringen mehr Zeit damit, herauszufinden, was großartig und gut ist. Es geht um eine Wiederverbindung mit der lustvollen, köstlichen, orgastischen Seite jeder Frau.
Ich versuche eine Umgebung aufzubauen, wo Frauen radikal die Gedanken über ihre Körper verändern. Darüber sprechen, wie es schmeckt, riecht, sich anfühlt, wenn es blutet, wenn es nicht blutet. Nicht nur intellektuell darüber reden, sondern es erfahren. Ich arbeite energetisch mit Menschen und versuche, Situationen zu schaffen, wo sie das Denken vom Kopf herunter bewegen. So daß sie von einem anderen Platz sprechen können. Vom Bauch, vom Solarplexus, von der Kehle.  (Sie spricht mit hoher Piepsstimme:)
Viele Frauen sprechen so, ihre Energie ist ganz hier oben, sie ganz unverbunden. (Mit ganz tiefer Stimme:) Und da gibt es die Frauen, die ganz in ihren Wurzeln sind. Ich mache Übungen, die Energie im Körper herumzubewegen. So kann man die Energie in die Pussy bewegen und ihr erlauben, zu sprechen. Und das ist eine sehr faszinierende Erfahrung.  Ich stelle Herausforderungen und schaffe eine Umgebung, die sicher ist, und sage: Wenn ihr wollt, versucht das. Und die meisten Frauen versuchen es.

Macht das einem Mann Angst oder Lust?

Maggie: Zunächst einmal: ich mache diese Übung nur unter Frauen. Das ist klar. Es gibt sehr viele Dinge, die Männern Angst machen. Das gehört sicher dazu.

Wie wünschst Du Dir, daß der Mann darauf reagiert? Als Frau wünsche ich mir einen Mann, der mehr macht, als nur passiv zu sein…

Maggie: Allgemein gesagt: ihn zu fühlen, wie er in sich selbst präsent ist. Ich möchte nicht, daß er mich bedient. Ich will seine Energie fühlen. Das Problem ist immer und immer wieder, daß Männer unverbunden sind. Sie sind abgeschnitten von ihrem Schwanz, von ihrem Herz, sie können tagelang dasitzen und sprechen, über Sex oder andere Sachen, Autos oder was immer. Was ich total antörnend finde, ist wenn ein Mann in seinem Körper präsent und in der Lage ist, sich mit mir in dieser Art zu verbinden. Der Rest passiert dann von selbst. Wenn ich mit meinem Körper ganz verbunden bin und er auch, dann ist es wie ein Tanz.

Das Wort Heilige Hure bezeichnet schon den Zusammenhang von Sexualität und Spiritualität. Wie erlebst Du diesen Zusammenhang?  

Maggie: Mein Konzept von Spiritualität ist, daß Gott in allen Dingen existiert. In jedem Bissen, den wir nehmen, in jedem anderen Lebewesen ist Gott präsent. Ich liebe die Erfahrung der Heiligen Hure, weil dies ein Moment ist, in dem ich den Gott in der anderen Person ehren kann.
Die Frauen fragen mich: Wie konntest du das tun, mit jedem Mann, der in den Tempel kommt? Und das genau ist die Schönheit der Erfahrung: Es gibt mir die Gelegenheit, nicht einfach auf diesen physischen Teil des Menschen zu schauen, sondern tief zu ehren, daß er ein Aspekt Gottes ist mit allem, was er mitbringt. Und alles, was er ist, ist in Ordnung.
Ich glaube, daß die Heilige Hure in allen Frauen existiert. Sie ist ein Archetyp. Und diesen Hurenanteil in sich will die Frau meistens nicht anerkennen, nicht wirklich leben. Der Hurenaspekt lebt aber in jeder Frau. Einige Frauen hassen das und sagen: Ich habe keine Hure in mir. Aber wir alle haben es. Es ist sehr befreiend, diesen Anteil von uns anzuerkennen. Es bedeutet nicht, daß du jemanden anderen ficken mußt als deinen eigenen Partner. Es ist einfach der Teil von dir selbst, der anerkennen kann, daß du sexuell liebst und begehrst. Daß du dich öffnen und einen Mann empfangen kannst.
Es gibt einige Schlüsselaspekte, die kennzeichnend sind für eine Heilige Hure. Einer ist die Fähigkeit, den anderen loslassen zu können. Zwischen Männern und Frauen haben sexuelle Begegnungen oft so viel zu tun mit Beziehung, sich zu halten, sich zu verstricken. In meiner Rolle als Heilige Hure werde ich mich völlig öffnen und den Mann empfangen mit allem, was er bringt und ihn dann wieder ganz und völlig gehen lassen. Dies ist für mich eine der wichtigsten Lektionen, die ich in meinem Leben gelernt habe. Gehen lassen kann man so üben. Auch die Nahrung, die Du gegessen hast, läßt du wieder gehen, ver-daust sie und scheidest sie aus. Die Energie, die du aufnimmst, gibst du wieder ab. Und so läßt du den Mann ganz hinein und sagst dann, es war wunderbar, jetzt lasse ich es ganz gehen.

Welche Qualität brauchst Du, um Dich in Deiner Lust berühren zu lassen und danach wieder das Allein-Sein zu ertragen?
 

Maggie: Ich muß für mich selbst stehen können. Es ist doch so, wir wurden allein geboren und wir sterben allein. Wir haben Augenblicke während unseres Lebens, in denen wir mit jemanden vereint sind. Vielleicht für zehn Jahre, vielleicht für zehn Minuten. Und dann sind wir wieder allein. Und wenn unser Leben auf der Annahme basiert, daß ich nur eine vollkommene Frau bin, wenn ich jemanden habe, der mit mir geht, dann werden wir es schwer haben. Ich liebe es, in einer Beziehung zu sein. Aber ich bin mir sehr bewußt darüber, daß das eine völlig andere Erfahrung ist. Beziehungsfähig zu sein, heißt allein sein zu können. Allein stehen zu können, macht mich zu einem potentiellen Partner für jemanden. Die Leute vergessen das. Sie glauben, sie treffen eines Tages Mr. Right, und dann werden wir zusammen bleiben und alles ist super. Und wenn es mir nur gelingt, ihn zu halten, wird alles in Ordnung sein. Das ist eine Illusion, sie funktioniert nicht.   

Glaubst Du, daß Partnerschaft und die anonyme Erfahrung der Heiligen Hure sich gegenseitig ergänzen und brauchen?
Maggie: Ja, ich glaube, der Grund, daß ich den Mann wieder gehen lassen kann, ist, daß ich schon eine tiefe Partnerschaft habe. Ich suche nicht nach einem Partner. Ich habe schon einen. Und wenn Eifersucht oder Besitzergreifen auftauchen, frage ich, ist das wirklich das, was ich zur Grundlage meiner Handlungen machen will? Oder können meine Handlungen auf etwas anderem basieren?

Verändert Deine Arbeit auch etwas an der politischen Kraft der Frauen?  

Maggie: Absolut. Die Arbeit ist total transformierend. Der Feminismus hat Riesen-Vorteile für Frauen gebracht. Frauen sind heute sehr stark. Überall außer im Schlafzimmer. Frauen waren nicht in der Lage, diese Art von persönlichem Wachstum in die Sexualität zu bringen. Daran arbeite ich. Nicht das negieren, was der Feminismus erreicht hat. Aber diese Reife auch in die Sexualität zu bringen.
Männer sind immer noch sexuell dort, wo sie vor tausend Jahren waren. Und darum haben sie eine solche Angst. Sie sehen, Frauen wachsen, und sie wissen nicht, was sie damit tun sollen. Durch den Wald zu laufen um Mitternacht oder die schamanische Trommel zu schlagen, reicht nicht an Veränderung, die jetzt nötig ist. Darum werde ich ab Winter auch einen Kurs für Männer anbieten. Es soll Männern helfen, sich selbst zu ehren und zu einer erotischen Vereinigung mit Frauen zu finden. Wie gehen sie mit einer spirituell und sexuell erwachten Frau um? Frauen wollen lebendige, aktive, verbundene Männer in der Welt. Dafür wollen wir nicht unser Wachstum opfern, gar nicht.
Frauen sollen weiterwachsen. Und Männer müssen jetzt aufholen.

Danke für das Gespräch!

Eine Frau muß wissen, wer sie ist, was ihr Freude macht, wie sich ihre Freude anfühlt.

Allein stehen zu können, macht mich zu einem potentiellen Partner für jemanden.

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