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„Tief einatmen“, „langsam ausatmen“, „1-2-3-4 – Atem halten“ … vielleicht haben Sie das schon mal gehört. Atemarbeit: Ob in der Grundschule, in der Yoga- und Pilatesstunde oder im Management-Seminar – es werden immer mehr Menschen angeleitet, wie sie atmen sollen. Dabei fließt der Atem doch von allein – oder etwa nicht?

Allen traditionellen Atem-Lehren ist das Wissen gemeinsam, dass das Atmen eine zentrale Bedeutung für die körperliche, emotionale und geistige Gesundheit hat. Die unterschiedlichen Atempraktiken waren damals ursprünglich in einer spirituellen Lebens- und Seinsweise eingebunden und wurden in einer Meister-Schüler-Beziehung gelehrt. Die frühste bekannte Form von Atem – arbeit war das vedische Yoga in Indien, zirka aus dem 6.-7. Jahrhundert v. Chr., das aus Mantren, Atemübungen und Meditation bestand. Die Atemübungen beschäftigten sich mit dem Bewusstsein des Atems, der Bewegung des Atems durch verschiedene Räume und in verschiedene Richtungen und dem Atem als Vermittler zwischen der materiellen und spirituellen Welt.

Aus dem vedischen Yoga entwickelte sich das klassische Yoga mit einer Wissenschaft des Atems namens „Pranayama“, die vielfältige Atemtechniken beinhaltet. „Prana“ steht dabei sowohl für „Lebenskraft“ als auch für „Atem“. Das Pranayama lotet das Potenzial des Atems aus, zum Beispiel in der Wechselatmung, bei der man durch ein Nasenloch ein- und durch das andere ausatmet, im „Khumbaka“, bei dem der Atem angehalten wird, oder im Feueratem, einem kräftigen Atmen mithilfe der Bauchmuskulatur. Darüber hinaus gibt es viele weitere Arten von Yoga mit den dazugehörigen Atemübungen.

Buddhistische Atempraktiken wie Vipassana oder Zazen-Meditation fokussieren dagegen mehr darauf, das Atmen bewusst wahrzunehmen, da der natürliche Atem als Lehrmeister des Lebens selbst angesehen wird.

Atem = Energiefluss

Auch in den taoistischen Lehren in China aus dem 4.-5. Jahrhundert v. Chr. wurde der Körper als ein Gefäß für den Atem und das Lebewesen als ein Gefäß göttlichen Bewusstseins angesehen. Der Atem wird mit Energie gleichgesetzt, die als kosmischer Atem von außen nach innen fließt und im Körper als innerer Atem zirkuliert. Die taoistische Atemarbeit „Tuna“ enthält zum Beispiel den „Dantian-Atem“, der der Bauchatmung entspricht, und den „Embryo- Atem“, einen sehr feinen, inneren Atmen. Es gibt im Taoismus auch eine Art zirkuläres Atmen namens „Mikrokosmischer Kreislauf“.

Tuna ist Bestandteil von Qi Gung, einer Bewegungsmeditation, die durch die Koordination von Atem und Bewegung den ganzen Organismus stärkt und ins Gleichgewicht bringt. Wie in der altgriechischen, tibetischen und der vedischen Medizin wird auch in der traditionellen chinesischen Medizin jegliche Störung im Organismus als Störung des Energieflusses, gleichbedeutend mit Atem, angesehen. So ist Atemarbeit zentraler Teil chinesischer und fernöst – licher Lebensweise, in der auch Kampfkünste wie zum Beispiel Tai Qi und Aikido sich auf ein Verständnis der Natur des Atems als Energiefluss stützen, um wirkungsvoll und effizient auf die sich ständig verändernden Gegebenheiten des Kampfes reagieren zu können.

Jede spirituelle Praxis, inklusive der mystischen Traditionen monotheistischer Religionen, beinhaltet Atempraktiken. Teile des Gebets sind oft das Tönen von Lauten, Wurzelkonsonanten, Vokalen, heiligen Namen und Worten, die meist mit Bewegungen und Gesten begleitet werden. Im Taoismus gibt es zum Beispiel die „Sechs Heilenden Laute“ für bestimmte Organe, im „Dhikr“ der Sufis werden beim Ein- und Ausatmen heilige Konsonanten und Worte getönt und durch Überatmen (= Hyperventilation, ein Hinausatmen über den momentanen körperlichen Bedarf) und Wiederholung ein tranceartiger Zustand hervorgerufen, und jüdische Mystiker zählen beim Ausatmen mit dem Tönen eines Buchstabens seinen jeweiligen numerischen Wert.

Der Atem war und ist also in vielen Traditionen zentral für alle Aspekte der Gesundheit, der Entwicklung von Bewusstsein und der Verbindung mit göttlichen Kräften. Da für die alten Weisen diese zentralen Bereiche des Lebens eins waren, konnte man sie mit Atemarbeit erforschen, unterstützen und kultivieren.

Atembewusstsein

Ein Weg dieser Erforschung und Kultivierung ist die bewusste Beobachtung des Atems. Indem man ein objektiver Zeuge des Atemgeschehens ist, kann man die Natur des Lebens verstehen lernen. So, wie einem das Leben gegeben wird, ohne dass man etwas dafür tun muss, so fließt der Atem von alleine. Die Art und Weise, wie man das Leben als Geschenk erfährt und annehmen kann, bestimmt, wie man lebt – mit sich selbst und mit anderen. Durch die bewusste Beobachtung des Atems verbindet man sich mit den Rhythmen der Natur, die von unseren frühen Vorfahren gleichzeitig als göttliche Rhythmen verstanden wurden. Der Atem lehrt einen die kontinuierliche Veränderung und die Vergänglichkeit alles Irdischen zu akzeptieren. Das schafft Ruhe und Gelassenheit.

Wenn man den Atem beobachtet, erfährt man auch, dass das Atmen ein Austausch ist, zwischen dem Außen und dem Innen, zwischen den anderen und einem selbst. Es gibt dabei keine Hierarchie und auch keine Brücken, die man bauen muss, sondern es ist ein kontinuierlicher Prozess zwischen Lebewesen. Vom Atem kann man daher auch das angebrachte Maß an Mitgefühl und Respekt lernen, das man für sich selbst und im Austausch mit anderen Lebewesen braucht, um in Harmonie zu leben.

Natürliches Atmen

Heutzutage ist die bewusste Beobachtung des Atems immer noch Teil aller traditionellen Formen der Atemarbeit und vieler Meditationsformen. Hinzugekommen sind die Arten der Atemarbeit, die „Natürliches Atmen“ lehren. Pioniere der Natürlichen Atemarbeit erkannten, dass die meisten Menschen durch die Industrialisierung und die damit einhergehende Mechanisierung aller Lebewesen zunehmend die Verbindung zu den Rhythmen der Natur und somit zu ihrem eigenen Rhythmus verloren haben – und der beste Indikator für den eigenen natürlichen Rhythmus ist der Atem. Gleich ob man körperlich, geistig oder seelisch angeregt, angestrengt, ausgeglichen etc. ist – alles spiegelt sich unmittelbar im Atem wider. Schenkt man dem Atem allerdings keine Beachtung, bekommt man das gar nicht mit. Die Idee war darum, den Kontakt mit sich selbst über das Atmen herzustellen und auf diese Weise das natürliche Atmen wieder zu erlernen. Am wichtigsten war dabei, das Atmen zulassen zu können, es bewusst zu erlauben, Ein- und Ausatem abzugeben und geschehen zu lassen. Dieses Zulassen war – und ist bis heute – der Dreh- und Angelpunkt aller natürlicher Atemarbeit.

Atem zulassen

Die Gymnastiklehrerin Elsa Gindler lehrte das Zulassen des Atmens, indem sie den Fokus auf die Wechselwirkung von Entspannung und Spannung im Atmen legte. Angeblich heilte sie sich selbst von Tuberkulose, indem sie mit ihrer gesunden Lunge atmete und ihre kranke Lunge ruhen ließ. Der Sänger Cornelis Veening fand seine Stimme wieder, nachdem er von den Atem- und Gesangslehrerinnen Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen gelernt hatte, auf den Atemimpuls zu warten und ihm zu folgen. Sein Fazit: „Es ist also nicht gemeint, eine festgelegte Atemform zu übertragen, sondern den Atem, so wie er sich zeigt, anzunehmen …“. Er selbst lehrte die Erfahrung des Zulassens des Atems in einer Kombination aus Psychotherapie, beinflusst von der Psychologie Carl Gustav Jungs und Gustav Heyers, und den taoistischen Lehren.

Veenings berühmteste Schülerinnen waren Herta Grun, die seine Lehre weiterführte, und die lange Jahre in Berlin wirkende Ilse Middendorf, die schließlich ihre eigene Methode, den „erfahrbaren Atem“, entwickelte. Ilse Middendorf, wie Elsa Gindler von der Gymnastik kommend, war davon überzeugt, dass die Menschen erst wieder in Kontakt mit ihrem Körper kommen mussten, um den Atem überhaupt wahrnehmen zu können. Sie lehrte den Körper als Raum zu erleben und ihn durchlässig zu machen für den Atem, vor allem durch einfache, überall durchführbare Bewegungen, die die Körperempfindung stärken und die Atemfunktion unterstützen. Ein Beispiel ist das Rollen über den Sitzbeinhöckern, welches das Becken erdet und gleichzeitig die Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule erhöht, was unter anderem mehr Raum für den Fluss der Atembewegung im unteren Rumpf ermöglicht.

Bauchatmung

Der zugelassene Atem ist gleichzusetzen mit der natürlichen Atmung und der Bauchatmung (Zwerchfellatmung), wie schon die alten Kulturen erkannt hatten. Da die Art und Weise, wie man atmet, alle Seinsebenen direkt beeinflusst – und umgekehrt –, ist die Arbeit am natürlichen Atmen sowohl eine Notwendigkeit als auch eine große Herausforderung. Notwendig darum, weil die meisten Menschen an unzähligen „Angststörungen“ und „unerklärlichen Symptomen“ leiden, die auch mit ungesunden Atemmustern und Überatmen im Zusammenhang stehen. Und herausfordernd, weil sich dann, wenn man den Atem zulassen kann, Gefühle und Empfindungen zeigen, die man vorher nicht wahrgenommen hat oder so gar nicht kannte. Wenn man zum Beispiel den Ausatem loslässt und wartet, bis der nächste Einatem von alleine wiederkommt, öffnet sich ein Raum, der als Leere empfunden werden kann. Diese Leere kann sowohl als Endlichkeit oder auch Unendlichkeit erlebt werden und einen mit damit verbundenen Ängsten konfrontieren. Kann man den Ausatem nicht loslassen, kann man allerdings auch den Einatem nicht zulassen (und umgekehrt). So kann ein „Lufthunger“ entstehen, der einen dazu antreibt, die Luft in die Nase hineinzuziehen oder durch den Mund einzuatmen, um mehr Luft zu bekommen. Beides führt zu Brustatmung statt Bauchatmung und einem chronischen Überatmen, das die Homoöstase des Organismus durcheinander bringt.

In den alten Atemlehren war ein natürlicher Atem die Voraussetzung für aktive Atemübungen, bei denen das Zwerchfell trainiert oder die Atemmuskulatur benutzt wird, um den Körper innerlich zu reinigen. Der natürliche Atem geht einher mit einer gesunden Atemkoordination. Wenn die Atemmuskulatur und die mit ihr verbundene Muskulatur verspannt ist, ist Bauchatmung nicht möglich. Bewegung und auch manuelle Therapie wenden sanft lösende oder anregende Herangehensweisen an, zum Beispiel das Aufdehnen der Muskulatur im Schulterblattbereich, oder das Schwingen um die eigene Achse, um mehr Beweglichkeit im Rippenbereich zu schaffen. Es gibt aber auch eher sprengende Herangehensweisen, wie bei den transformativen Atemmethoden.

Transformatives Atmen

Schon vor fast hundert Jahren erkannte der Psychiater und Sexualforscher Wilhelm Reich, dass traumatische Erlebnisse sich im Muskelgewebe festsetzen – er nannte das „Charakterpanzer“. Dieser schränkt nicht nur die natürliche Atmung ein, sondern verursacht auch verkrampfte Atemmuster, zum Beispiel ein flaches Atmen, um die Wahrnehmung schmerzhafter Gefühle zu vermeiden. Um den Charakterpanzer zu lösen, arbeitete Reich unter anderem mit absichtlichem Überatmen. Dabei atmet man mehr oder weniger kräftig ein und aus, ohne Pause. Einerseits lösen sich dabei Emotionen, die in der Atemmuskulatur gespeichert sind, andererseits setzt Überatmen durch eine Senkung des CO2-Gehalts die kognitive Verarbeitung außer Kraft. Dadurch werden individuelle oder kollektive traumatische Erfahrungen gelöst und eine Verbindung mit innewohnenden göttlichen bzw. natürlichen Kräften geschaffen.

Wilhelm Reich war einer der Vorreiter der „Transformativen Atemarbeit“ im Westen, aber das transformative Atmen an sich geht auf die alten Traditionen zurück. Das rhythmische Sprechen ohne Unterbrechung und/oder in Verbindung mit rhythmischen Bewegungen wie beim Sufitanz oder das kräftige Einatmen beim Trance- Tanz im Schamanismus basierten schon auf der Wirkung des Überatmens. Leonard Orr, der Gründer des Rebirthing, nutzte es dann in unserer Zeit, um die Traumen der eigenen Geburtserfahrung zu verarbeiten. Der Psychater Stanislav Grof, der das „Holotrope Atmen“ begründete, entdeckte zudem, dass extemes Überatmen die gleiche Wirkung haben kann wie eine LSD-basierte psychedelische Therapie. Das Holotrope Atmen geht über das Wiedererleben von Geburts- und biografischen Erfahrungen hinaus und berührt transpersonale Phänomene.

Atem als Ressource

Gleich wie effektiv das transformative Atmen und jegliche Form von Atemtechnik, vom Atemanhalten bis zum Sekundenzählen während des Atmens, sein können – sie greifen willentlich in die autonome Atemregulation ein und sind somit umstritten. Denn man benutzt den Atem, ohne ihn – in seiner natürlichen wie gestörten Form – kennengelernt oder bewusst erfahren zu haben. Das kann durchaus schädlich oder gefährlich sein. So ist zum Beispiel das Kontrollieren des Atems für jemanden, der schon sehr kontrolliert ist, eine zusätzliche Belastung, oder für jemanden, der sehr unstabil ist, kann ein extremes Überatmen der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Der Atem ist die reichhaltigste Ressource für körperliche, geistige und seelische Gesundheit, die wir haben. Wie eine Sufi-Weisheit besagt: „Jeder Atemzug ist eine Perle von unschätzbarem Wert. Sei deshalb aufmerksam und hüte jeden Atemzug gut.“

 


 

Dank an Jane Egginton, Dr. Christopher Gilbert und Silke Schulze für ihre Mitarbeit an diesem Artikel.

Literaturtipps:

Norbert Faller: Atem und Bewegung, Springer Verlag Wien 2009

Ilse Middendorf: Der Erfahrbare Atem, Junfermann Verlag, 9. Edition 2007

Leon Chaitow, Dinah Bradley, Christopher Gilbert: Recognizing and Treating Breathing Disorders, Churchill Livingstone 2014

Sharon G.Mijares (Editor): The Revelation Of The Breath, Excelsior Editions, State University of New York Press, Albany 2009

Dennis Lewis: The Tao of Natural Breathing, Rodmell Press, Berkley, California 2006

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