Ein Versuch, die Corona-Krise als Chance für ein kollektives Erwachen und einen weitreichenden Systemwechsel zu betrachten.

von Martin Wienicki

Ich habe sehr damit gerungen, das aktuelle Geschehen zu verstehen. Mein misstrauischer Geist wanderte ruhelos umher, untersuchte jede Theorie und mögliche Erklärung, und doch muss ich zugeben: Ich weiß nicht, was vor sich geht. Ich weiß aber, dass wir an einem wichtigen Entscheidungspunkt in der Menschheitsgeschichte stehen. In diesem Aufsatz werde ich nicht Behauptungen darüber aufstellen, „was gerade geschieht“.

Vielmehr möchte ich einen Raum eröffnen, der den Gegensatz zwischen „objektiver Realität“ und „subjektiven Gedanken oder Gefühlen“ überwindet, der den meisten Theorien, Vorhersagen und Handlungsaufforderungen in dieser Krise zugrundeliegt. Von einer spirituell geprägten holistischen Weltschau kommend, erwäge ich die Möglichkeit, dass wir als Menschheit – oder ein tieferer Teil unserer selbst, bewusst oder unbewusst – diesen Moment in die Existenz geträumt haben, als Katalysator für unsere kollektive Evolution und den Systemwechsel. Wenn das wahr wäre, wie würden wir dann handeln und reagieren? Covid-19 könnte dann für uns eine unwahrscheinliche Gelegenheit für kollektives Erwachen und weitreichenden Systemwechsel bereithalten.

Wie ein Traum, weder real noch irreal

„Dieser Ort ist ein Traum. Nur der Schlafende hält ihn für real. Dann erreicht dich der Tod wie die Morgendämmerung und du erwachst lachend aus dem, was du für deine Trauer hieltest.“ – Rumi

Seit über hundert Jahren versuchen Physiker und Philosophen, sich einen Reim auf die vielfältigen Wunder der Quantenphysik zu machen. Sie erkannten, dass subatomare Entitäten, z.B. Elektronen, sich auf wundersame und magische Weisen verhalten. Sie existieren nicht „an sich“ als feste, fertige Teilchen; sie tauchen im einen Moment als Welle und im anderen Moment als Teilchen auf, je nachdem, ob sie beobachtet werden oder nicht. Tatsächlich ist unsere Wahrnehmung der Welt nicht nur passiv, sondern auch schöpferisch – sie in-formiert „objektive“ Wirklichkeit da draußen und die angeblich rein „subjektive“ Erfahrung „hier drinnen“ unzertrennbar miteinander verwoben sind.

Wortwörtlich: ihr Wesen und ihre Wirklichkeit. Die Quantenphysik verführt uns in eine Sicht der Wirklichkeit, in der die scheinbar „objektive“ Wirklichkeit da draußen und die angeblich rein „subjektive“ Erfahrung „hier drinnen“ unzertrennbar miteinander verwoben sind. So wie die Figuren und Ereignisse eines Traumes nicht vom Träumer getrennt verstanden werden können, ist die Welt selbst – in den Worten des großen Psychoanalytikers C. G. Jung – ein lebendiges Symbol, eine Verkörperung tieferer Seelenteile unser selbst, die wir kollektiv in die Existenzträumen.

Tiefere Botschaften

Durch spirituelle Erfahrungen und Studien habe ich gelernt, dass Krankheiten selten ohne Grund in unser Leben treten. Sie tragen oft tiefere Botschaften in sich. Konflikte, Sehnsüchte und Lebenstriebe, die unser Verstand unterdrückt, können sich beispielsweise durch körperliche Symptome zu erkennen geben. Heilung geschieht oft in dem Moment, in dem wir erkennen, was wir unterdrückt haben und warum. Solche Erkenntnisse können das Leben verändern. In diesem Sinne können wir sagen, dass das Gegenmittel – oder in diesem Fall, das Anti-Virus – in der Krankheit selbst versteckt liegt, als Heilungsgeschenk einer transformatorischen Erkenntnis. Wenn wir ausschließlich die Symptome bekämpfen, ohne die tiefere Wurzel zu erkunden, werden wir die Krankheit vielleicht jetzt überstehen. Aber diese oder andere Symptome werden wahrscheinlich wiederkehren.

Was für eine individuelle Krankheit gilt, könnte auch auf Epidemien oder Pandemien zutreffen. In seinem provokativen Buch „Selbstzerstörung aus Verlassenheit“ schreibt der Psychotherapeut Franz Renggli die Große Pest im 14. Jahrhundert, der 30-60% der Bevölkerung im christlichen Europa zum Opfer fielen, dem Ausbruch einer Massenpsychose zu. Er schreibt:

Mein psycho- oder besser sozio-somatisches Modell ist die Psycho-Neuro-Immunologie: Nicht ein Bakterium oder ein Virus steht im Zentrum, sondern die Menschen einer Gesellschaft, welche durch eine Krise erschüttert worden sind. Dauert sie zu lange, ist sie zu heftig oder zu traumatisierend, wird das Immunsystem der Bevölkerung langsam schwächer und bricht schließlich zusammen. Die Menschen werden „offen” für eine Krankheit und schließlich für den Tod. Dieses Modell ist gültig für jede Epidemie und kann als Schlüssel verstanden werden zu einem neuen Verständnis der Geschichte.

Im Jahrhundert, das dem „schwarzen Tod“ voranging, so argumentiert er, begann die katholische Kirche, die Mütter anzuweisen, sich Tag und Nacht von ihren Kindern getrennt zu halten. Kinder, die im 13. und 14. Jahrhundert aufwuchsen, litten daher an einem kollektiven Trauma von früher Abweisung und Verlassenheit. Renggli zeigt, dass Regionen, in denen Mütter weiterhin körperlichen Kontakt mit ihren Kindern pflegten, von der Pest oft weitgehend verschont blieben.

Corona: Objektive Berechtigung für unterdrückte Angst

Könnten wir jetzt ein ähnliches Phänomen erleben? Wie konnte das Gespenst von Covid-19 die Menschheit derartig tyrannisieren und im Nullkommanichts zum Stillstand zu bringen? Weil das Narrativ ungeheuer stark mit etwas in Resonanz geriet, das sich latent im kollektiven Unbewussten der Menschheit befindet und tief unterdrückt wird.

Als Covid-19 anfing, Schlagzeilen zu machen und die Nachrichten zu dominieren, hatten Menschen plötzlich eine „objektive“ Rechtfertigung für die Angst und Verzweiflung, die sich unterbewusst schon lange in ihnen aufgestaut hatte.

Der „mentale“ Coronavirus verbreitete sich früher, schneller und deutlich effizienter als sein biologisches Pendant. Als Covid-19 anfing, Schlagzeilen zu machen und die Nachrichten zu dominieren, hatten Menschen plötzlich eine „objektive“ Rechtfertigung für die Angst und Verzweiflung, die sich unterbewusst schon lange in ihnen aufgestaut hatte. Zwischen dem stündlichen Ansturm angsteinflößender Meldungen in den Medien und den wachsenden ängstlichen Erwartungen in den Köpfen entwickelte sich eine Feedbackschleife, die die Menschheit in einem neurotischen Teufelskreis gefangen nahm.

Jeder neue Fall in der Nachbarschaft oder Region, jeder Huster in der U-Bahn, jeder Fremde, der zu nahe kommt, verstärkt das unheimliche Gefühl allgegenwärtiger Gefahr. Je mehr wir über Krankheit nachdenken, desto größer die Angst. Und je mehr Angst uns dominiert, desto schwächer wird tatsächlich unser Immunsystem und desto wahrscheinlicher bekommen wir Symptome. Selbst wenn wir diesen Mechanismus erkennen, können wir ihn nicht ohne Weiteres stoppen. Versuche nicht, an einen rosaroten Elefanten zu denken.

Es gibt viele Beweise dafür, wie konkret sich die psychisch-spirituelle Dimension auf die materielle Ebene auswirkt. Die erstaunlich weitreichenden Wirkweisen des Placebo-Effekts auf den menschlichen Organismus sind gut dokumentiert; ebenso zeigen Studien, wie emotioneller Stress, chronische Angst und Einsamkeit das Immunsystem gefährlich schwächen und unsere Gesundheit angreifen können.

Ich möchte damit nicht behaupten, dass Covid-19 ein „Hoax“ ist, noch ist es meine Absicht, die Tragödie, die so viele Menschen durchleben müssen, herunterzuspielen oder zu verleugnen. Vielmehr möchte ich dazu einladen, dass wir anders auf dieses Phänomen schauen: Was wäre, wenn Covid-19 keine von unserem Geist und unserer Seele unabhängige Gefahr darstellt, sondern es sich tatsächlich um ein Quantenphänomen handelt – ein gemeinsames Traum-Ereignis, das wir kollektiv in die Existenz gerufen haben? Die Verkörperung von etwas, das in den Tiefen des kollektiven Unterbewusstseins vergaben liegt und wir bislang noch nicht begreifen konnten? Das lebendige Symbol einer viel tieferen Infektion?

Mentale Viren und die Magie der Angst

Auf die mündlichen Traditionen verschiedener indigener Kulturen Nordamerikas zurückgreifend, schreibt der indianische Gelehrte Jack D. Forbes in seinem Buch „Columbus and Other Cannibals“: „Seit mehreren Jahrtausenden haben Menschen unter einer Pest gelitten, schlimmer als Lepra, eine Krankheit, schrecklicher als Malaria und entsetzlicher als die Pocken.“ Die Algonquin und andere indigene Völker bezeichneten die Geisteskrankheit des weißen Mannes, der im 15. und 16. Jahrhundert in ihren Heimatländern ankam, als „Wetiko“. Wörtlich übersetzt bedeutet das Kannibalismus: „der Konsum eines anderen Lebens für den eigenen privaten Nutzen oder Profit.“ Forbes schließt daraus: „Diese Krankheit ist die schlimmste Epidemie, die der Mensch jemals erlebt hat.“

Wetiko – oft als mentales Virus verstanden – verbreitet die tiefsitzende Illusion, als Mensch hoffnungslos im Käfig eines von der Welt getrennten Egos gefangen zu sein

Wetiko – oft als mentales Virus verstanden – verbreitet die tiefsitzende Illusion, als Mensch hoffnungslos im Käfig eines von der Welt getrennten Egos gefangen zu sein. Aus dieser Perspektive der Isolation erscheinen andere entweder als Konkurrenten oder (mögliche) Beute. In einem Weltbild der Angst erscheinen Kampf und Ausbeutung als rational – und Anteilnahme als lächerliches und sentimentales Gefühl.

Nach 5000 Jahren Patriarchat, 500 Jahren Kapitalismus und 50 Jahren Neoliberalismus bestimmt die Wetiko-Krankheit fast alle Bereiche unserer westlichen Gesellschaft. Dass wir ein ökonomisches System akzeptieren, welches die größtmögliche Vernichtung der natürlichen Welt als „Erfolg“ feiert, ist ein Symptom unserer Infizierung mit dem Virus. Wetiko hat unsere Herzen betäubt und macht es uns unmöglich, die Heiligkeit und den Schmerz des Lebens zu empfinden – weder in uns noch um uns herum. Unzählige Wesen gehen heute an dieser chronischen Unfähigkeit zum Mitgefühl zugrunde.

Von der zwanghaften Fixierung auf künstliche Werte wie die Profitmaximierung in der Ökonomie bis zur Pandemie gescheiterter und missbräuchlicher Liebesbeziehungen wurde die Wetiko-Krankheit so weit Teil unserer Normalität, dass sie kaum noch als Krankheit erkannt wird. Ein Kult von Selbstbezogenheit hat das soziale Gewebe der Menschheit von innen her verfault gemacht und die Erde entheiligt. Die Folge ist eine Welt voller Angst – Angst vor Trennung, Angst vor dem Tod, Angst vor dem Leben, vor Sexualität, vor Bestrafung, vor dem kommenden Kollaps… Hinter der Fassade bürgerlichen Anstands verbirgt sich ein psychologischer Untergrund, in dem die Folgen der strukturellen Angst ungehindert um sich greifen:

Dauerwut, allgemeines Misstrauen, Sucht, Depression, Langeweile, Perversion, zwanghafter Konsumismus, Kontrollzwang und eine heimliche oder offene Faszination für Gewalt. Das Narrativ von Covid-19 konnte die Menschheit deshalb in so kurzer Zeit in seinen Bann ziehen, weil die Angst in der Menschheit so unbewusst und tief eingefleischt ist. Wir können kaum noch wahrnehmen, was in uns tatsächlich geschieht.

Die Tragödie ist, dass das Wetiko-Virus im Schatten unseres Bewusstseins arbeitet. Wir infizieren uns und andere unwissentlich. Wie Forbes schreibt, wurden wir auf die Krankheit durch „autoritäre Familienstrukturen,“ „männliche Dominanz,“ „Unterwerfung von Frauen“ und „extrem negative Einstellungen zu Sex“ konditioniert – und auf einer ideologischen Ebene durch „Ansichten von rassistischer und kultureller Überlegenheit“.

Gegenseitig blinde Flecken und Schmerzpunkte unbewusst aktivieren

Einmal in diesem Käfig gefangen, geben wir die Krankheit gedankenlos in unseren täglichen Interaktionen an andere weiter, indem wir gegenseitig unsere blinden Flecken und Schmerzpunkte unbewusst aktivieren. Indem wir das, was wir innerlich fürchten, auf andere Menschen oder äußere Ereignisse projizieren, geben wir unserer Angst Bestätigung und verdrängen ihre wirkliche Quelle weiter. Weil wir glauben, die Gefahr sei außerhalb von uns, versuchen wir uns vor ihr zu schützen und handeln dabei oft auf eine Weise, die die Gefahr, vor der wir uns zu schützen versuchen, verstärkt. Der Psychologe C.G. Jung beschreibt diesen Teufelskreis als „Schattenprojektion“.

In dem Maß, wie wir uns unbewusst von Angst steuern lassen, werden wir anfällig für Manipulation. Wenn Millionen von Menschen ihre Schatten auf andere projizieren, beschwören sie die Gefahr herauf, der sie zu entkommen suchen. Wilhelm Reich hat während Hitlers Aufstieg diese Dynamik in deutlichen Worten benannt (siehe sein 1933 erschienenes Buch „Die Massenpsychologie des Faschismus“). Sie bilden bis heute das seelische Fundament jedes totalitären Systems.

Dieses System braucht immer Feinde. Nach dem 11. September wurde uns gesagt, dass die muslimische Welt unser Feind sei. Heute ist der „Feind“ unsichtbar. Er könnte uns an jeder Türklinke erwarten, in einem Kuss, jeder Umarmung oder sogar beim Atmen infizieren. Je extravaganter das neurotische Kino, das in unseren Köpfen spielt, umso leichter ist es für andere, uns zu kontrollieren und für ihre Interessen zu nutzen.

Die große Enthüllung

Der Covid-19-Ausbruch ist weit mehr als nur eine schwere Prüfung für die Menschheit. Er hält darüber hinaus die Möglichkeit einer kollektiven Heilung von der kannibalistischen Masseninfektion des Wetiko bereit. Wir können sie als eine globale Somatisierung – oder symbolische Simulation – der dahinterliegenden Wetiko-Krankheit verstehen. Wie bei jedem ernsthaften Krankheitsausbruch lösen sich nun die tieferen Muster und werden klar sichtbar.

Wir werden Zeuge, wie sich die Wetiko-Muster auf globaler Ebene gleichzeitig enthüllen, zusammenbrechen und gegenseitig verstärken: Auf ökologischer Ebene können wir Covid-19 als direktes Resultat der unstillbaren Gier unserer Zivilisation nach ökonomischem Wachstum verstehen. Wahrscheinlich haben Wildtiere das Virus zuerst auf Menschen übertragen, nachdem ihre natürlichen Habitate von einer Walze zivilisatorischen „Fortschritts“ vernichtet worden waren. Und nun beobachten wir erstaunt viele gleichzeitige Phänomene: wie schnell sich die Luft in China reinigt, die Tierwelt in die urbanen Gegenden zurückkommt und wie extrem umweltschädliche Unternehmungen wie die US-Fracking-Industrie vor unseren Augen zusammenbrechen.

Auf ökonomischer Ebene war Covid-19 der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und die Kettenreaktion eines längst überfälligen finanziellen Zusammenbruchs in Gang setzte. Indem ganzen Industrien von heute auf morgen still gelegt wurden, Millionen ihre Jobs verloren und Aktienmärkte einbrachen, haben die weltweiten Ausgehverbote unsere globalisierte Ökonomie in beispielloser Weise blitzschnell „pulverisiert“. Die Erdöl- und Gasindustrie steht vor der „größten Herausforderung ihrer 100-jährigen Geschichte“, von der sie sich womöglich nie wieder erholen wird. Die „Federal Reserve“ leiht den großen Banken zur Zeit zusätzlich eine Billion (!) US-Dollar pro Tag, was nichts Geringeres heißt, als dass die Weltwirtschaft gerade nur noch künstlich am Leben gehalten wird.

Auf der sozialen und psychologischen Ebene sehen wir sowohl eine kollektive Raserei extremer Wetiko-Verhaltensweisen als auch gleichzeitig viele Menschen, die sich von dem Wahnsinn befreien. Auf der einen Seite erreichen soziale Vereinzelung, das Verlangen nach Kontrolle und egoistische Panik surreale Spitzen. Wir erleben den starken Anstieg häuslicher Gewalt und wie sich liberale Gesellschaften binnen kurzer Zeit in Polizeistaaten verwandeln – selbst viele Linke bejubeln Regierungen, die jetzt autoritär durchgreifen und Bürgerrechte einschränken. Auf der anderen Seite sehen wir, wie von einem Tag auf den anderen Tausende lokaler Graswurzel-Initiativen entstehen, in denen Menschen gegenseitige Hilfe leisten.

Millionen finden jetzt seltene Momente der Besinnung und fragen sich: „Was ist wesentlich?“ Während wir in der Quarantäne gefangen sind, sind wir mit uns selbst, unseren Sehnsüchten, unseren Lebensfragen konfrontiert. Und viele merken, wie lange wir ohnehin schon „sozial distanziert“ waren – voneinander getrennt durch die Wettbewerbsideale eines prekären Arbeitsmarktes und unserer eigenen Unfähigkeit zu wahrem menschlichen Kontakt.

Menschheit am Scheideweg

Was als Nächstes geschehen wird, ist ungewiss. Aber wir können annehmen, dass die Kettenreaktion des ökonomischen Zusammenbruchs kaum noch aufzuhalten sein wird. Der globale Notstand könnte sich über längere Zeit hinziehen. Wir werden so bald nicht wieder zur Normalität zurückkehren – womöglich nie wieder.

Anstatt uns den Kräften der Entropie zu widersetzen und auf eine Rückkehr in die Normalität zu hoffen, gibt es eine ganz andere Möglichkeit. Was in den nächsten Wochen und Monaten geschehen wird, wird die Welt wahrscheinlich für viele Jahre prägen. Anstatt uns den Kräften der Entropie zu widersetzen und auf eine Rückkehr in die Normalität zu hoffen, gibt es eine ganz andere Möglichkeit. Die Zukunft wird sich für die entscheiden, die Chaos und Zerfall als Gelegenheit nutzen, um eine andere Vision für die Welt zu erkennen und zu ermöglichen.

Naomi Klein, Autorin von „Die Schock-Strategie“, sagt: „Wenn die Geschichte uns etwas lehrt, dann dass Momente des Schocks Zeiten großer Veränderungen sind. Entweder gehen wir in die Defensive, werden von Eliten betrogen und bezahlen über Jahrzehnte den Preis dafür. Oder wir erzielen Siege, die vor ein paar Wochen noch unmöglich erschienen. Jetzt ist nicht der Moment, unsere Nerven zu verlieren.“

Von astronomischen Schulden belastet und vom Imperativ exponentiellen Wachstums gefangen, ist der globalisierte Kapitalismus an eine unwiderrufliche Belastungsgrenze gestoßen. Die bestehenden Mächte werden entweder den Weg für einen Systemwechsel freimachen müssen oder stur fortfahren, ihre alte Ordnung mit immer brutaleren Mitteln aufrechtzuerhalten. Während sicher viele mögliche Zukünfte vor uns liegen, möchte ich die historische Wahl, vor der wir stehen, anhand zwei diametral entgegengesetzter Zukunftsszenarien verdeutlichen:

Systemwechsel Szenario #1: Überwachungskapitalismus

Nach vielen Monaten in Ausgangssperren haben die Menschen das neue Zeitalter der Quarantäne-Existenz akzeptiert. Regierungen haben die bürgerlichen Freiheiten, Menschenrechte und Umweltschutzregulierungen Schritt für Schritt abgebaut und unter dem Vorwand von Gesundheit und Sicherheit beispiellose Überwachungstechnologien eingesetzt. Mobile Apps verzeichnen nicht nur die Bewegungen und Aufenthaltsorte der BürgerInnen, sondern auch ihre biochemischen Reaktionen. Wie Gideon Lichfield schreibt, wird „die ständige Überwachung gegenüber der grundlegenden Freiheit, mit anderen Menschen zusammen sein zu können, als relativ geringer Preis betrachtet“.

Vor dem Hintergrund tagtäglicher angsteinflößender Nachrichten fahren Regierungen fort, die 99% der Bevölkerung weiter zu enteignen und ihren Wohlstand den reichsten 1% zuzuführen. Banken, Öl- und Luftfahrtindustrien werden von Regierungen mit Steuergeldern gerettet, während „die ständige Überwachung gegenüber der grundlegenden Freiheit, mit anderen Menschen zusammen sein zu können, als relativ geringer Preis betrachtet“ Sozialversicherungs- und öffentliche Gesundheitssysteme weiter demontiert werden. Sparmaßnahmen und die Abschaffung des Bargeldes drängen die Billiglohnempfänger, Arme und Obdachlose weiter an den Rand.

Generelle Apathie und Gleichgültigkeit haben ein Niveau erreicht, wo die tägliche Ermordung von ImmigrantInnen an den Grenzen und andere Grausamkeiten nicht länger einen moralischen Aufschrei provozieren. In ihren Wohnungen eingeschlossen, von Angst gesteuert und von digitalen Körpersensoren überwacht, haben die Menschen ihre Fähigkeit verloren, sich zu organisieren und Widerstand zu leisten. Sollte es dennoch zu größeren Protesten oder Streiks kommen, berichten die Massenmedien von der Ausbreitung neuer gefährlicher Infekte, so dass die Regierungen schnell weitere Ausgangssperren verhängen können, „im Dienst der allgemeinen Gesundheit“. Mit sich verschärfenden Klima-, Wasser- und Nahrungsmittelkrisen wird das System irgendwann nicht mehr in der Lage sein, den unvermeidlichen Kollaps zu kaschieren. Chaos, Gewalt, Kriminalität – „molekulare Bürgerkriege“ (Hans Magnus Enzensberger) – geraten jetzt außer Kontrolle. Während die Mehrheit der Menschen in zerfallenden urbanen Zentren gefangen sind, ziehen sich die reichen Elite in abgelegene, abgeriegelte Privatanlagen zurück.

Systemwechsel Szenario #2:
Ökologische und soziale Befreiung

In den Monaten der Unsicherheit und des ökonomischen Zerfalls organisieren sich Millionen von Menschen miteinander, lokal, von unten, um ihre Grundbedürfnisse zu sichern. In dieser Zeit der Not entdecken sie von Neuem die Kraft der Gemeinschaft, der Solidarität und der lokalen Selbstorganisation. Während Menschen sich durch Krankheit und andere Herausforderungen hindurch helfen, erwacht in ihnen ein Geist des Mitgefühls und der gegenseitigen Abhängigkeit. Nach vielen Monaten der Arbeitslosigkeit, des öffentlichen Chaos und Nahrungsmittelknappheit sind die Hoffnungen auf die Hilfe von Regierungen und eine Rückkehr zur Normalität endgültig gestorben.
In dieser Zeit der Not entdecken sie von Neuem die Kraft der Gemeinschaft, der Solidarität und der lokalen Selbstorganisation.

Viele merken, dass wir dem Kollaps entweder allein ausgeliefert sind oder wir ihn gemeinsam meistern. Die Notfall-Maßnahmen der Nachbarschaftshilfe wandeln sich in langfristigere Initiativen für soziale, ökologische und ökonomische Neu-Organisation. Menschen gründen Gemeinschaftsgärten und Kooperativen, um sich mit regionalen und organischen Nahrungsmitteln selbst zu versorgen. Sie bilden Arbeits- und Aktionsgruppen für Solarenergie, um ihre Energieversorgung zu dezentralisieren und demokratisieren. Immer mehr Menschen verlassen die Städte, um Gemeinschaften und Kollektive auf dem Land zu gründen, wo sie Ökosysteme regenerieren und radikale soziale Experimente starten und ein Zusammenleben in Wahrheit, Vertrauen und Liebe erforschen.

Einige progressive Regierungen arbeiten mit den Bewegungen zusammen an der großflächigen ökologischen Regeneration der Natur als Antwort auf die Klimakrise und unterstützen die erwachende Zivilgesellschaft, indem sie ein bedingungsloses Grundeinkommen einführt. Im Hintergrund dieser erstaunlichen sozialen und ökologischen Bewegung vollzieht sich eine tiefe kulturelle und geistige Transformation: ein Bewusstseinswandel vom Wetiko-Trieb nach Herrschaft zur Kooperation mit allen Wesen, von der Vereinsamung in anonymen Massengesellschaften zur Entstehung von Vertrauengemeinschaften, von der patriarchalen Verdammung des Eros und des Weiblichen zu einer Kultur, die die sinnliche Liebe in ihrer Freiheit und Würde feiert, von dem Drang, sich die Erde untertan zu machen, zur Anerkennung ihrer Heiligkeit, von der Angst vor dem Tod zur Erkenntnis unserer ewigen Existenz.

Systemwechsel –  Jetzt ist der Moment

Die Gefahren des Totalitarismus sind düster und ernst – und werden in vielen Ländern bereits Wirklichkeit. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass diese Maßnahmen das letzte Mittel eines Systems sind, das seinen Tod nur verzögern, aber nicht mehr verhindern kann. Im Moment wird der globalisierte Kapitalismus nur durch unsere Angstprojektionen und unseren Mangel an Vorstellungskraft künstlich am Leben gehalten. Mit anderen Worten: wenn Menschen die Angst hinter sich lassen und sich um die gemeinsame Vision einer gewünschten Zukunft versammeln, wird keine Macht den unvermeidlichen Systemwechsel aufhalten können.

Ich sehe die Schlüssel zum Systemwechsel in drei essentiellen Bereichen unseres Lebens:

Die geistig-spirituelle Ebene
Indem Covid-19 Wetiko undenkbare surreale Höhen getrieben hat, lädt es uns auf seltsame Weise zu einem Dimensionswechsel des Daseins ein. Wie Paul Levy, der Autor von „Dispelling Wetiko“, sagt, liegt das in der Wetiko-Krankheit verborgene Antivirus in seiner scheinrealen Traum-Natur. Diese Erkenntnis hat das Potential, unsere Welt radikal zu verändern.
Vertrauen versöhnt uns mit der Welt und unseren Mitgeschöpfen. Anteilnahme und Vertrauen sind letztlich die stärksten Anti-Viren zu Wetiko.

Wenn wir weiterhin auf die Verkörperungen von Wetiko, die uns umgeben (wie Viren, äußere Feinde oder die Gefahren des Totalitarismus, etc.), so reagieren, als seien diese von uns getrennt, nähren und unterstützen wir weiterhin genau die Phänomene, vor denen wir uns fürchten. Aber wenn wir wahrnehmen und erkennen, wie Wetiko in uns selbst operiert, verliert es seine Kontrolle über uns. Anteilnahme öffnet unsere Augen und Herzen für die Erkenntnis dessen, was wir bisher nur fürchten, verurteilen oder hassen konnten. Vertrauen versöhnt uns mit der Welt und unseren Mitgeschöpfen. Anteilnahme und Vertrauen sind letztlich die stärksten Anti-Viren zu Wetiko.

Vielleicht erwachen wir auf einmal und merken, wie alle Herrschaftssysteme nie „real“ an sich waren, dass ihre „Realität“ immer nur durch unser Einverständnis entstanden war. Geld, Autorität, Gesellschaft, Pandemien – jetzt erkennen wir die Traum-Natur von dem, was wir bisher für felsenfest und unveränderlich gehalten hatten.

Aus dem angstvollen Netz des Wetiko zu erwachen, ist gleichzeitig ein Erwachen in das Netzwerk der wechselseitigen Abhängigkeit und Verbundenheit allen Lebens. Es handelt sich dabei um einen so tiefen geistigen Sprung von den heute noch vorherrschenden Paradigmen der westlichen Welt, dass es schwer ist, dafür adäquate Worte wie Systemwechsel zu finden. Der angstgesteuerte Verstand fragt immer nach schnellen Schlussfolgerungen, Lösungen oder Reparaturen. Aber vielleicht gibt es in diesem Moment keine schnelle „Lösung“. Vielleicht ruft dieser Moment danach, all unsere Einstellungen von Selbstwichtigkeit, Überlegenheit und Herrschaft loszulassen und uns einer Intelligenz und Führung hinzugeben, die über den Menschen hinausreicht.

Vielleicht ruft dieser Moment danach, all unsere Einstellungen von Selbstwichtigkeit, Überlegenheit und Herrschaft loszulassen und uns einer Intelligenz und Führung hinzugeben, die über den Menschen hinausreicht.

Vielleicht geht es in aller Bescheidenheit darum, unsere Orientierung in Verbindung mit der Erde und der indigenen Weisheit jener Kulturen zu finden, in denen die Gemeinschaft des Lebens im Mittelpunkt steht. In dieser Erfahrung einer Kommunion mit dem Größeren liegt eine Wahrheit, die eindeutig, absolut und tief heilsam ist: Alles Leben ist heilig. Dies ist nicht nur ein privates Erlebnis, sondern vielmehr die Erkenntnis einer dem Leben selbst innewohnenden Matrix. Wer mit dieser Matrix in Resonanz gerät, steht außerhalb der Teufelskreise von Angst, Ansteckung und Gewalt.

Die soziale Ebene
Da Wetiko sich in den menschlichen Beziehungen abspielt, ist seine Auflösung ein kollektives Unternehmen; es ist ein geschichtliches Vorhaben, Formen des Zusammenlebens zu entwickeln, durch die wir unsere gestörte Beziehung zur Erde und zueinander heilen und tiefes Vertrauen untereinander entwickeln entwickeln.

Um Vertrauen aufzubauen, brauchen wir Lebensbedingungen, in denen wir nicht länger gezwungen sind, uns zu maskieren, zu lügen und voreinander zu schützen. Wir brauchen Formen des Zusammenlebens, Liebens und Arbeitens, durch die wir uns gegenseitig erkennen können und uns trauen, das zu offenbaren, was wir wirklich denken und fühlen, lieben und begehren. „Vertrauen“ ist ein häufig benutztes Wort, aber was bedeutet es in den sensiblen Zonen unserer Seele, in den Bereichen von Liebe, Sexualität und Spiritualität? Es bedeutet nichts Geringere als eine soziale Revolution. Dieter Duhm, einer meiner Mentoren und Lehrer und Autor des Buches „Die Heilige Matrix“ schreibt: „Vertrauen ist nicht nur ein seelischer, sondern vor allem ein politischer Begriff, der revolutionärste von allen, denn wir müssen das ganze gesellschaftliche System erneuern, um nachhaltiges, strukturelles Vertrauen zu ermöglichen.“

Diese Revolution kann sicher nicht sofort als Massenbewegung erfolgen, sie kann aber in kleinen Gruppen beginnen – den ersten kohärenten Zellen einer kommenden Gesellschaft – und sich von dort aus kraft eines wachsenden Bewusstseinsfeldes global ausbreiten. Auf 40 Jahren radikaler sozialer Forschung aufbauend, bietet der „Plan der Heilungsbiotope“ eine entsprechende Vision umfassender gesellschaftlicher Transformation, die in einen Systemwechsel mündet.

Die polit-ökonomische Ebene

Dauerhafte Freiheit und ein Systemwechsel hängt von unserer Fähigkeit ab, gegen die aktuell angedrohten Einschränkungen von Bürger- und Menschheitsrechten erfolgreich Widerstand zu leisten. Lasst uns in dieser Zeit der sozialen Distanzierung solidarisch zusammenstehen, insbesondere mit Minderheiten und Randgruppen, und jede Propaganda ablehnen, die soziale Gruppen gegeneinander auszuspielen versucht. 
Nun, da das globalisierte System scheitert, liegt in der Lokalisierung ein wesentlicher Schlüssel zu einer humanen Zukunft.

Jetzt ist der Moment, um zerstörte Ökosysteme zu regenerieren, Wasser-, Nahrungs- und Energieversorgungssysteme zu dezentralisieren, regenerative Landwirtschaft zu praktizieren, Saatgutbanken und -Tauschringe aufzubauen sowie regional-ökonomische Netzwerk für gegenseitige Unterstützung, Ressourcen-Sharing, da das globalisierte System scheitert, liegt in der Lokalisierung ein wesentlicher Schlüssel zu einer humanen Zukunft.

Lokalisierung ermöglicht nicht nur eine autarke Lebensmittelversorgung, sondern ist auch ein Weg zu politischer Autonomie. Indem Menschen ihre Grundbedürfnisse selbstorganisiert in die Hand nehmen, werden sie unabhängig von multinationalen Konzernen und nationalen Regierungen und können auf lokaler und regionaler Ebene die anstehenden Entscheidungen eigenständig fällen. Von verschiedenen Methoden der ökologischen Regenerierung über Permakultur, Saatgutbewahrung und Ökodörfern bis hin zu großen sozialen Bewegungen wie Extinction Rebellion und Experimenten radikaler ökologischer und feministischer Selbstverwaltung wie Rojava und die Zapatisten bietet diese Welt tausend Beispiele, dass dieser Weg möglich und realistisch ist.

Weil die geistig-spirituellen, sozialen und polit-ökonomischen Ebenen so unzertrennbar verflochten sind, wird ein erfolgreicher Systemwechsel auf einer gleichzeitigen strukturellen Transformation in allen drei Bereichen aufbauen müssen. Das bedeutet nicht, dass alle alles auf einmal tun müssen. Aber es bedeutet, dass wir uns gegenseitig unterstützen. Möge jede/r tief hinhören, worin seine/ihre Rolle in dieser großen Transformation besteht, und mögen wir gleichzeitig solidarisch zusammenhalten. Während Isolation und soziale Distanzierung drohen, uns ängstlich und getrennt zu halten, hängt unsere Fähigkeit, gesund durch diese Krise zu gehen, davon ab, neue Allianzen schaffen zu können und uns daran zu erinnern, dass wir Gemeinschaft sind.

Aus dem Englischen von Jana Mohaupt übersetzt. Originalfassung erschien am 13. April im „Kosmos Journal“. Eine deutsche Fassung steht auf auf https://infothek-waldkinder.atavist.com

Martin Winiecki ist Netzwerker, Autor und Koordinator des „Institut für globale Friedensarbeit“ in Tamera und der Defend-the-sacred-Allianz. 1990 in Dresden geboren, seit seiner frühen Jugend politisch aktiv, ließ er sich 2006 von der Schule beurlauben, um an der Friedensausbildung in Tamera teilzunehmen, und entschied sich zu bleiben. Reisen in Krisengebiete, Teilnahme an „Grace-Pilgerschaften” in Nahost, Kolumbien, Bolivien; Essayist für „Kosmos“ und andere Online-Magazine.
Kontakt unter igp@tamera.org

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