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Die “ufaFabrik” wird 30

Das Berliner Gemeinschaftsprojekt ufaFabrik feiert im Juni 30jähriges Jubiläum. Siegrid Niemer, eine Mitstreiterin der ersten Stunde, erzählt von den Visionen und Herausforderungen eines gemeinschaftlichen Lebens.

 

Im Sommer 1979 hatten die zukünftigen ufaFabrik-Bewohner genug geträumt und nahmen an einem schönen Junitag das ehemalige Berliner UFA-Kopierwerk friedlich wieder in Betrieb. Ihre Vision: Sie wollten einen interdisziplinären, multikulturellen Ort der Begegnung schaffen, eine lebendige, menschenfreundliche Oase, einen Ort für Kreativität, für künstlerische, gesellschaftliche und ökologische Schaffensprozesse.

Was einmal mit einer gemeinsamen Kasse und einem einzigen Telefon begann, hat sich in den letzten 30 Jahren zu einem weltweit beachteten Modell für das Leben in der Großstadt entwickelt. Von Anfang an wurde das Projekt getragen von der Idee, die bescheidenen finanziellen Ressourcen zu bündeln, zusammen zu leben, zu arbeiten und sich gemeinsam kreativ zu entwickeln und auszudrücken.
Originalton aus der „Fabrikzeitung“ von 1980, in der die damaligen Bewohner der ufaFabrik ihr Leben in der Gemeinschaft beschrieben: „Alle leben aus einer gemeinsamen Kasse, dies ist eine wichtige Voraussetzung. Da kommt alles rein, was wir erarbeiten, ob Handwerk, Veranstaltungen, egal. …Wir haben keine Taschengeldregelung, weil wir glauben, das schadet der Kommunikation unter uns. Wenn einer etwas braucht, dann sagt er das, damit fertig. Verschwendet einer Geld, was er im Vertrauen vom Kassenwart bekommen hat, so fällt das schnell auf und dann reden wir auf unserem Plenum mal da drüber.“

Persönlicher Verzicht für die Gemeinschaft

Ohne das totale Zusammenrücken und Experimentieren in den ersten Jahren gäbe es heute keine ufaFabrik. Tatsächlich haben die Bewohner in den ersten sechs Jahren auf persönliches Einkommen verzichtet, jeglicher gemeinsame Gewinn wurde sofort investiert. Zuerst wurden Räume instand gesetzt, die für Arbeit und Besucher wichtig waren: das Café Olé, der heutige Veranstaltungssaal, die Vollkornbäckerei, die Trainingsräume. Nebenbei und viel später kamen die sogenannten privaten Räume an die Reihe, die Gemeinschaftsküche, ein Badezimmer, der Gemeinschaftsraum fürs Plenum, Spielzimmer für die Kinder und einzelne Zimmer und Wohnbereiche.
Die ufaFabrik ist nicht am Planungstisch und auch ohne Subventionen entstanden. Vor allem in der Anfangszeit waren die konkreten Bedürfnisse der Beteiligten ausschlaggebend für alle Aktivitäten und Projekte, die umgesetzt wurden. In dieser Zeit konnte jeder sich auf vielen Gebieten ausprobieren, menschlich, intellektuell und künstlerisch. Es wurde Tag und Nacht musiziert, gezaubert, Theater gespielt und getanzt, diskutiert, aufgeräumt, geheizt, geputzt, abgewaschen, diskutiert, gebacken, renoviert und diskutiert. Die Idee, das Leben in einen gemeinsamen familiären und ökonomischen Rahmen zu bringen und dabei die Grenzen zwischen Lebens- und Arbeitswelt aufzulösen, beflügelte alle Beteiligten.

 

Veränderungen

Sicher, seit dieser Zeit hat sich vieles geändert. Es gibt heute eigene Zimmer, Küchen, Badezimmer, persönlich definierte Einkommen und etliche der bis auf 75 Personen angewachsenen Gruppe leben heute aus den verschiedensten Gründen nicht mehr hier, während andere hinzugekommen sind. Im Kern stimmt es jedoch noch immer: Herz und wichtigste treibende Kraft, den „Biomotor“ der ufaFabrik bilden die zirka 30 Frauen, Männer und Kinder, die auf dem Gelände leben und arbeiten.
Ein entscheidender Wendepunkt für das gemeinschaftliche Leben bildete der Umbau im Jahr 1990. Über sechs Jahre lang wurde geplant, wurden Finanzpläne aufgestellt und Fördermittel für ökologische Umbaumaßnahmen beantragt. Wie stellten sich die Kommunarden ihr zukünftiges gemeinsames Leben vor? Viele hatten nach den Jahren des engen Zusammenlebens klare Wünsche nach mehr Privatheit: ein eigenes Zimmer in der Nähe der Familie oder der besten Freunde, kleine Küchen für die Zwischenmahlzeiten, mehr Bäder für weniger Benutzer. Alle waren sich einig über eine große schöne Gemeinschaftsküche für das tägliche Miteinander, für Mittagessen und Festtage.
Schließlich wurde der Umbau realisiert, und seither gibt es auf dem Gelände eine klare Trennung zwischen öffentlich genutztem und privatem Raum. Das tägliche gemeinsame Mittagessen von Bewohnern und Mitarbeitern gibt es zur Zeit nicht, die Bedürfnisse haben sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Das heißt aber nicht, dass nicht gelegentlich gemeinsam gekocht, gegessen und gefeiert wird.

 

Vernetzte Arbeitsweise

Ein weitere große Veränderung geschah durch die nicht ganz freiwillige, grundsätzliche Veränderung des Wirtschaftens. Aus steuerrechtlichen Gründen musste Anfang der 90er Jahre das Prinzip der gemeinsamen Kasse aufgegeben werden. Aus dem Dachverein wurden einzelne Bereiche „ausgegründet“. Heute verwaltet der Dachverein das Grundstück und betreibt eine Bildungseinrichtung. Es gibt Firmen und gemeinnützige Vereine, die eigenständig Bereiche führen und verwalten – die Zirkusschule, das Gästehaus, die Bäckerei, den Laden, den Kulturbetrieb, das Nachbarschaftszentrum und anderes mehr. In diesem Zuge wurde die gemeinsame Kasse aufgelöst. Heute werden alle nach ihrer Tätigkeit bezahlt, die Unterschiede zwischen den einzelnen Einkommen sind jedoch gering und in keiner Weise mit den in unserer Gesellschaft üblichen vergleichbar. Die hier Lebenden zahlen eine Pauschale für den Wohnraum, den alle nutzen. Eltern zahlen nicht mehr als die anderen Erwachsenen.
Dennoch hat die vernetzte Arbeitsweise innerhalb der ufaFabrik bis heute einen hohen Stellenwert. Die einzelnen Arbeitsbereiche ergänzen sich und profitieren voneinander, viel Kreativität wird eingesetzt, um dies immer wieder möglich zu machen.

 

Die Gegenwart

Nach vielen Jahren des Diskutierens ist eine gewisse Routine im Zusammenleben eingetreten. Die Bewohner kennen sich untereinander gut und haben gelernt, sich in ihren Eigenheiten zu respektieren und zu achten und miteinander großzügiger zu sein. Der Rückhalt einer so gewachsenen Gemeinschaft ist vor allem in Zeiten persönlicher Krisen für alle Beteiligten von großem Wert. Kinder haben viel Bewegungsfreiheit, vertrauten Umgang mit verschiedenen Erwachsenen, gleichaltrige Freunde – insgesamt ein sehr anregendes, förderndes Zuhause.
Das Plenum, das gemeinsame Beschlussgremium aller Bewohner, findet heute nach Bedarf statt, sobald wichtige Entscheidungen anstehen, die das gesamte Projekt betreffen. Die Arbeitsbereiche regeln ihre Angelegenheiten professionell in täglicher Routine und internen Besprechungen. Privates wird in kleineren Runden besprochen. Und natürlich gibt es immer noch die vielen Gespräche am Rande, die alle Neuigkeiten in Windeseile über das ganze Gelände verteilen.
Die ufaFabrik ist durchaus mit einer Familien- oder Dorfstruktur vergleichbar. Jeder kennt jeden, man muss mit allen auskommen. Wenn’s gerade gut läuft, ist alles wunderbar. Wenn jedoch Schwierigkeiten auftreten, kann es für den Einzelnen sehr anstrengend und persönlich belastend sein. Niemand kann ausweichen, bis der Konflikt beigelegt ist, und das kann manchmal einige Zeit dauern. Die hier Lebenden führen eine stetige, intensive Form der Auseinandersetzung mit sich selbst und ihren Weggefährten.

 

Wertschätzender Umgang

Die meisten haben in den letzten 30 Jahren gelernt, friedlich und freundschaftlich miteinander umzugehen. Dies ist Teil des lebenslangen Lernprozesses, den alle miteinander, aber letztendlich jeder einzelne persönlich für sich gehen muss. In unserer Gesellschaft ist eine wertschätzende Kommunikation nicht unbedingt weit verbreitet – wer hat dies schon in der Familie oder in der Schule gelernt?
Ein Geheimnis des langjährigen Bestehens als Gemeinschaft ist sicherlich die Fähigkeit, die aufgestellten Ziele und Prinzipien des gemeinsamen Lebens und Wohnens immer wieder zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern. Es gibt keine Regel, die nicht in Frage gestellt werden kann, so wie sich auch die persönlichen Bedürfnisse des Einzelnen im Laufe seines Lebens verändern. Manchmal sind das langwierige, schmerzhafte Prozesse, doch am Ende lohnt es sich, weil das, was dann herauskommt, den Beteiligten ermöglicht, in Kontakt mit der Gemeinschaft zu bleiben und neue Kraft für das Gemeinsame zu entwickeln. Das Zusammenleben heute folgt anderen Regeln als vor 30 Jahren. Entscheidend ist, dass die Freunde von einst immer noch zusammen leben und mit vereinten Kräften an der Weiterentwicklung ihres Gesamtkunstwerks ufaFabrik arbeiten.


Bild 1: „Die Hausband“ Terra Brasilis in Aktion: nur eine der Attraktionen auf der Jubiläums-Party
Bild 2: Good old Times: Kommunenfeeling, wie man es sich vorstellt
Bild 3: Die Kommunarden kommen

FESTWOCHE

30 Jahre ufaFabrik
7. bis 13. Juni 2009

So, 7.6. Familiensonntag
Spiel und Spaß für die ganze Familie,
14-19 Uhr, auf dem ganzen Gelände, Eintritt frei

Di, 9.6. Geburtstagsfest und Gala
Galakünstler, Arnulf Rating, Kurt Krömer, Murat Topal, Katharina Joumana u.v.a.. Moderation: Juppy,
19 Uhr, Sommerbühne im überdachten Garten, 19, erm. 15 €

Mi, + Do, 10. und 11.6.
Chin Meyer und der Club der gierigen Herzen, Comedy Mix,
20.30 Uhr, Theatersaal, 19, erm. 15 €

Fr, 12.6.
The Incredible Herrengedeck. Straight to the Rabbits & DJ Tazmania, Rock, Blues, Funk, Techno, Dub,
21 Uhr, Theatersaal, 5 €

Sa, 13.6.
Terra Brasilis & Nachwuchsbands aus der ufaFabrik, Zum Geburtstag drehen die Power-Percussionisten so richtig auf: 15 Musiker, Nachwuchs und Gäste versprühen einen Sound voll mitreißender Energie und purer Lebenslust,
20.30 Uhr, Theatersaal, 14, erm. 10 €

Ort:

ufaFabrik
Internationales Kultur-Zentrum
Viktoriastraße 10-18,
12105 Berlin-Tempelhof

Info und VVK:
Tel. 030 – 75 50 30
www.ufafabrik.de
U-Bahn Ullsteinstraße,
Bus 170, N6, N84

2 Responses

  1. Werner Partner

    Schade!

    Alle Argumente sind richtig, aber in dieser Form wird diese Petition nur müdes Lächeln produzieren und keine Chance haben. Damit ist auch eine Chance vertan, ein venünftiges Verhältnis zu Fleisch zu entwickeln.

    Mir scheint ein adneres Vorgehen wichtiger:
    1. Ein Gebot, Fleisch nur noch über artgerechte Haltung und im Zusammenhang mit biologischem Anbau herzustellen.

    2. Fleisch dadurch und möglicherweise auch über zusätzliche Steuern (wie z.B. beim Alkohol) zu verteuern und zu verknappen.

    Ich bin nicht grundsätzlich gegen den Genuss von Fleisch, aber Fleisch sollte eine Besonderheit sein, ein Eiweißlieferant, der nicht alltäglich zur verfügung steht.

    Werner

    Antworten
  2. Felix

    bei dem anblick solcher seiten geht es mir besser,der aufstand der anständigen scheint immer mehr an fahrt zu gewinnen.
    vielen dank an die macher.
    liebe grüße,felix (-:

    Antworten

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