Wie kann es sein, dass auf der einen Seite der Existenz etwas vorhanden ist wie Erwachen und Erleuchtung und auf der anderen Seite so ein bedrängendes Leid, das uns in Bedürftigkeit und Sehn-Sucht hineinstürzt? Wie passt das zusammen?

von Ludmilla & Roland

„Die Fülle des Lebens ist erst dann in seiner vollen Blüte erfahrbar, wenn wir dauerhaft im SELBST gegründet verweilen.“

Heute betrachten wir das Thema Erwachen und Erleuchtung und den denkbar größten Kontrast dazu: die menschliche Bedürftigkeit, die sich in verschiedenen Sehn-Süchten nach Vergnügungen, Konsum und Ablenkungen zeigt. Gefühle der Liebe, der Wunsch nach Nähe und Beziehungen und auch die spirituelle Suche können in diese Polarität hineingeraten. Es scheint ein Paradox zu sein, beides unter einen Hut zu bekommen.

Bedürftigkeit als Hauptantrieb

Bedürftigkeit wird oft als Haupt-Antriebsmotor für unser Menschsein gesehen. Viele Menschen handeln aus Bedürftigkeit heraus, und oftmals nimmt das sogar Formen von Sucht an. Es fehlt irgendetwas, Liebe oder auch materielle Dinge und wir spüren irgendwie eine Sehnsucht nach einem Partner, nach mehr Freude und Glück, und nach einem letztendlichen „Nach-Hause-Kommen“. Eine der Hauptursachen, warum wir uns überhaupt in Bewegung setzen. Bedürftigkeit und Sehnsucht scheinen ein ganz wesentlicher Antriebsmotor für menschliche Aktivität zu sein. Völlig fern der hohen Idee, dass wir vielleicht aus bedingungsloser Liebe motiviert sein könnten etwas zu tun, aus Nächstenliebe, oder aus allumfassendem Mitgefühl, oder vielleicht noch umfassender, so einer Art Gottesimpuls nachgehen, der im tiefsten innersten Raum in uns entsteht und uns ganz natürlich in die Aktivität trägt.

Wo ist die Verbindungsstelle zwischen der menschlichen Bedürftigkeit, die in verschiedenen Verkleidungen auftritt, in Form von Mangelempfinden, seelischem Schmerz, Unglücklichsein, Sehnsucht nach Gemeinschaft und Geborgenheit und der absoluten Freiheit des Vollständig-Seins, wenn wir von Erwachen und Erleuchtung sprechen?

Dazu ist es gut zu untersuchen, wie das Gefühl von Bedürftigkeit und Sehnsucht überhaupt entsteht. Was für Voraussetzungen müssen in uns sein, um ein Empfinden von Bedürftigkeit und Mangel zu erzeugen? Was für ein Weltbild und Ich-Bild ist Voraussetzung für das Empfinden von Bedürftigkeit? Wie entsteht das Gefühl von Mangel wenn unser natürlicher Zustand Glückseligkeit ist?

Das Gefühl von Bedürftigkeit setzt voraus, dass wir dem Empfinden von Getrenntheit folgen. Was würde geschehen, wenn wir einmal annehmen, dass es Getrenntheit gar nicht gibt? Was geschähe dann mit der Bedürftigkeit? Ja, genau, sie würde verschwinden.

Die Idee des getrennten Seins ist eine Illusion!

Das was wirklich ist, was wir alle sind, ist außerstande getrennt zu sein. Wir können zwar die Idee von Getrennt-Sein haben, aber das ist keine wahrhaftige Realität. Die einzige Realität ist Einheit, ungetrenntes Bewusstsein, reines Sein. Ewig. Und weil wir uns von der Erfahrung unseres wahren Selbstes abgetrennt haben, erfahren wir Getrennt-Sein.

Wir können dieses Spiel der Trennung unbegrenzt fortführen und alles immer weiter aufspalten und auftrennen und die Dinge für unabhängig voneinander existierend ansehen. Wir können uns von der Welt trennen, von der Natur, von der Familie. Man kann sich von allem abtrennen.
Es ist wahrscheinlich, dass man sich am Ende sehr einsam, sehr alleine, und sehr bedürftig fühlt.

Das Nicht-Gewahrsein unserer wahren Natur zwingt uns in einen Glauben an die Welt der Formen als einzige Realität. Es ist die Abtrennung von uns Selbst, die uns denken lässt, die Welt sei real. Wir nehmen uns selbst dann nicht mehr wahr als reines Sein, Unendlichkeit, Ewigkeit, Frieden und Glückseligkeit, sondern in dieser Abtrennung erleben wir ganz natürlich auch Not. Denn durch die Begrenztheit, an die wir glauben, scheinen wir wie eine kleine Person in einer großen Welt zu sein, und wenn wir dies glauben, dann entsteht ganz natürlich ein Gefühl von Bedürftigkeit. Und ganz natürlich entsteht der Wunsch das ein für alle mal zu beenden. Wir begeben uns auf die spirituelle Suche. Je größer unser Leid, desto dringender wird die Suche in uns. Manchmal wird sie auch zur Sucht, zu einem inneren Zwang, zu einem Gefängnis, das wir uns selbst bauen.

In dem Moment, wo wir anhalten und den Geist zur Ruhe bringen, endet zwangsläufig jegliche Idee von Getrennt-Sein und jegliche Idee von „Ich“ als Person. Wir fallen hinein in das was wir wirklich sind und sind frei. Das kann z.B. in der Meditation geschehen, aber auch in der Aktivität, wenn man im Flow einer Tätigkeit ist und der Geist still wird. Denn es ist der Geist, der das Spiel der Zerteilung spielt.
Im Selbst gegründet, in dem, was wir wirklich sind, ist das Dasein ganz einfach, ein simples Sosein. Es gibt darin keine Idee von Bedürftigkeit, von Wertlosigkeit, von Einsamkeit usw. Es ist ein unveränderlicher Zustand von Vollständigkeit. Auch wenn bestimmte Dinge erledigt werden müssen und wir uns um bestimmte Dinge kümmern müssen – es geschieht nicht aus dem Erleben von Bedürftigkeit heraus, sondern aus dem ganz natürlichen Sein von Vollständigkeit. Das ist die Basis allen Seins.

Unser Handeln ist folglich ein völlig anderes, wenn wir aus der realen Erfahrung der Fülle, der inneren Wonne und der Barmherzigkeit motiviert sind.

Folgen wir stattdessen der Idee des Getrennt-Seins, indem wir unser Inneres auf andere Menschen projizieren, unser Handeln davon bestimmt wird, und wir damit genau die Dinge in der Welt manifestieren, die wir gar nicht haben wollen, dann könnte es problematisch werden.
Wir erschaffen immer entlang unserer Irrtümer. Diese Irrtümer, die sich in unserem geistigen Hamsterrad angesammelt haben, gilt es aufzuspüren und loszulassen. Wenn der Geist zur Ruhe gebracht wird und dieses Hamsterrad stoppt, endet jegliches Angehaftet-Sein an diese irrtümlichen Ideen, Annahmen und Vorstellungen. Und nur das, was wirklich wahr ist, bleibt übrig. STILLE. Von dort aus lässt sich vortrefflich Schauen, was eigentlich wirklich los ist. Von dort aus lässt sich so handeln, dass die eigenen Wünsche vollständig in Erfüllung gehen. Aus der Fülle heraus, kann jeder Wunsch nur in Erfüllung gehen.

Das Leben wird dich immer wieder neu herausfordern und dich auf die Aspekte in dir aufmerksam machen, die sich noch in Trennung glauben, die noch einem Irrtum aufsitzen. Das heißt, nur die tatsächliche, innere Fülle deines Seins spiegelt sich dann auch in diesem scheinbaren Außen wider. Das Außen, was es ja so nicht wirklich gibt, weil du dieses Außen gleichermaßen bist. Solange Gedanken und Aspekte da sind, die sich in dir in Trennung glauben, hast du den Eindruck, es gäbe ein Außen, und dieses Außen könnte dir etwas geben, was dich dauerhaft erfüllt. Doch das ist nicht möglich.

Individuelle Realität

Die Lösung des Problems von Bedürftigkeit und Sehnsucht liegt nicht darin, dass wir die Welt in Gut und Böse teilen und dann nur noch das Gute, das Schöne, das Lichte und Helle suchen, sondern, dass wir unser wahres Selbst erkennen und darin verweilen.

Dein Weg zum wahren Selbst führt immer durch deine individuelle Realität, die du jetzt gerade durchlebst. Nur durch die Annahme dessen, was jetzt, in diesem Augenblick, deine Realität ist. Und wenn deine Realität Bedürftigkeit und Sehnsucht ist, dann ist es gut dies wahrzunehmen und anzuerkennen, indem du es bezeugst. Nicht indem du im äußeren und inneren Handeln etwas dafür oder dagegen tust, sondern einfach still und wertfrei.

Es ist die Annahme von Bedürftigkeit, die dich tiefer fallen lässt, die dich unter Umständen sogar direkt zu deinem wahren Selbst bringen kann. Denn starke Sehnsucht hat im Moment des totalen Loslassens die sagenhafte Kraft der völligen Umkehr zu DIR selbst.

Es ist also nichts Verkehrtes daran, Bedürftigkeit, Sehnsüchte und Wünsche zu nutzen, um zum wahren Selbst zu gelangen. Es muss nur in Bewusstheit geschehen, in Klarheit, in Wachsamkeit, in Ehrlichkeit, in Hingabe, in dem Wissen, dass das, was du wirklich bist, immer Vollständigkeit ist, dass das, was du wirklich bist, immer Fülle ist.

Das Leben spiegelt ganz verlässlich immer das, was du bist. Wenn etwas „schief“ läuft, nimm es als einen Weckruf für dich, nach Hause zu kommen. Dich SELBST zu erkennen. Das Leben ist da eine sehr große Hilfe. Es ist die größte Chance, die wir haben. Weil wir es nicht betrügen können. Es wird uns immer das vor die Füße legen, was wir sind. Wenn du das weißt und in Bewusstheit damit lebst, dann ist ganz viel gewonnen. Dann verstehst du direkt die Weckrufe des Lebens und wendest dich DIR wieder zu und siehst welcher Idee du aufgesessen warst.

Das ganze Leben dient ausschließlich dem einzigen Zweck: Erwachen ist der unerhört radikale Switch von der Idee einer getrennten Person zur Erfahrung des Nicht-getrennt-Seins. Von der Idee der Bedürftigkeit zur Erfahrung der Fülle und der Vollständigkeit. Von der Idee der Dualität hin zur Erfahrung der Ganzheit. Es ist die unmittelbare, direkte, reale Änderung deiner Lebenserfahrung.
Die einzige Aktivität, die wichtig ist, ist, dass du zurückkehrst zu dir SELBST. Das ist der Sinn des Lebens und die einzige Freiheit, die du als Mensch wirklich hast. Es geht immer nur darum, zurückzukehren. Radikal, und es ist völlig egal, ob dir das bewusst ist oder nicht. Das Leben lässt es nicht zu, dass du auf Dauer in einer Illusionsblase lebst.

Mit dem Erwachen zum wahren Selbst und mit dem Dauerhaft-darin-Verweilen, fällt das Gefühl von Mangel und Bedürftigkeit und jegliche Ursache für Sehn-Sucht weg.

Es ist dann etwas anderes da. Etwas Unendliches, Ewiges, das uns das Gefühl von Geborgenheit, Versorgt-Sein und Vollständigkeit vermittelt. Dieses „Andere“ ist auch jetzt schon da. Du bist das. Es gibt nur DAS. Und in dem Moment, wo du das erfährst, fällt alle Anstrengung zur Erfüllung deiner Sehnsüchte von dir ab. Du bist zu Hause.

Author: Redaktion

Über den Autor

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sind spirituelle Lehrer in Berlin, die ihr Leben dem Thema Aufwachen, Erwachen und Erleuchtung gewidmet haben, Dinge, die für sie unterschiedliche Bewusstseinszustände darstellen. Zu diesen Themen organisieren sie Kongresse und Webinare und sind zudem die Begründer der „Schule der Neuen Rishis“. Sie haben außerdem das Netzwerk- Erleuchtung ins Leben gerufen, eine Community, die bundesweit an verschiedenen Standorten sowie im Internet tätig ist und sich zur Aufgabe gesetzt hat, interessierte Menschen, die nach Erwachen und Erleuchtung streben, zu vernetzen.

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Eine Antwort

  1. Jenny
    Aufgabe der Bedürftigkeit

    Es ist genau auf den Punkt gebracht, ich denke besser hätte man es nicht vormulieren können, sehr schön geschrieben 😊.

    Antworten

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