Anzeige

Vieles deutet derzeit darauf hin, das sich das Gefüge der Welt in den nächsten zwei Jahren drastisch verändern wird. Die Länder der Zweiten und Dritten Welt scheinen nicht länger bereit, die Ausbeutungen durch den Westen zu erdulden, wollen nicht länger Kolonien des Kapitalismus und Opfer seiner menschenverachtenden Auswüchse sein.

Besonders Südamerika ist zu neuem Selbstbewusstsein erwacht: So stellte Ecuador 2008 die Rückzahlung seiner Schulden ein erklärte die Schulden der Dritten Welt für „nicht rechtmäßig und unmoralisch“. In Bolivien hat sich das Volk mit 90% Wahlbeteiligung eine neue Verfassung gegeben, die international ihresgleichen sucht und Präsident Evo Morales hat dank dieser Widerstandsbewegung nun die Macht, über 200 ausländische Konzerne zu übernehmen und ganz neue wirtschaftliche Bedingungen zu schaffen. Plötzlich hat der bitterarme bolivianische Staat das Geld, sein Volk aus dem Unglück und dem Hunger zu führen.

 

Wirtschaftliche Abkopplung

Bank des SüdensDas sind nur zwei Beispiele für die weitreichenden Verschiebungen auf dem Kontinent. Und es geht noch viel weiter. In Kürze wird die Bank des Südens ihre Arbeit aufnehmen, eine gemeinsame Entwicklungs-Bank von Argentinien, Brasilien, Venezuela, Bolivien, Paraguay und Uruguay, welche die Staaten aus den erpresserischen Zwängen des IWF und der Weltbank befreien soll. Denn mit einer eigenen Entwicklungsbank wird man keine Kredite mehr bei IWF und Weltbank aufnehmen müssen und muss darum auch deren Bedingungen nicht erfüllen, so dass die südamerikanischen Regierungen ihren Links-Kurs fortsetzen können. Mit 20 Milliarden US-Dollar an Grundeinlagen übertrifft die Größe der Bank alle Erwartungen und gibt den südamerikanischen Staaten in Zukunft eine ganz neue Verhandlungsposition.

Und es geht noch weiter: Die ALBA-Länder (Antigua und Barbuda, Bolivien, Dominica, Ecuador, Honduras, Kuba, Nicaragua, Vincent und die Grenadinen, Venezuela) haben bekanntgegeben, 2010 den Sucre (Sistema Unitario de Compensación Regional de Pagos) als gemeinsame Währung einzuführen. Damit wollen die Länder Lateinamerikas und der Karibik ihre Abhängigkeit vom US-Dollar und von den USA noch weiter abbauen. In der Erklärung zu der neuen Währung stellen die Länder einhellig fest, dass Kapitalismus und Imperialismus die Existenz der Menschheit und der Heimat der Erde gefährde – dazu wollen die ALBA-Staaten einen Gegenpol bilden.

Und auch die Afrikaner melden sich langsam zu Wort. Vor dem Uno-Klimagipfel in Kopenhagen sprachen die afrikanischen Staaten erstmals mit einer Stimme: Sie verlangen von den Industriemächten Geld für die Folgen des Klimawandels, der Afrika besonders hart trifft. Mindestens zehn Milliarden Euro werden die Staaten wahrscheinlich fordern.

 

Der Albtraum des Westens

Damit tritt langsam aber sicher ein, was die westlichen Institutionen unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe seit Jahren erfolgreich zu verhindern versuchen: Kooperation und eine Infrastruktur zur gegenseitigen Hilfe entsteht. Selbsthilfe zur Selbsthilfe sozusagen. Überall, wo eine solche Struktur in den letzten Jahrzehnten entstanden ist, wurde sie durch Staatsputsche und Kriege verhindert und so mancher südamerikanische Präsident kam unter mysteriösen Umständen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Immer wieder gelang es den Konzernen und Regierungen des Westens, in vielen Ländern korrupte Herrscher einzusetzen, die Ausbeutungsverträge unterschrieben und das eigene Volk im Elend hielten.

Alle Staaten der Dritten Welt wurden durch angebliche Entwicklungs-Kredite – welche die Bevölkerung nie erreichten – tief in die Schuldenfalle getrieben. Kredite, die immer an Bedingungen geknüpft waren, die es den Unternehmen der Industrieländer ermöglichten, die wirtschaftliche Infrastruktur des Landes zu unterwandern und die Länder regelrecht auszusaugen.

Dabei gehören die angeblichen Entwicklungsländer oft eigentlich zu den reichsten der Erde und quillen vor Bodenschätzen wie Erdöl, Gold und Edelsteinen nur so über. Diese Reichtümer werden jedoch von westlichen Firmen geplündert und außer der korrupten Oberschicht verdient innerhalb des Landes niemand daran. Wenn sich das ändert, die Länder untereinander kooperieren und die Schuldenpolitik des Westens als ausbeuterisch und menschenrechtswidrig erkannt wird, dann wird sich das Machtgefüge der Welt für immer ändern.

 

Aufstand des Gewissens

Auf einen weiteren Aspekt macht der Soziologe und Politiker Jean Ziegler aufmerksam, er sieht für die Zukunft einen „Aufstand des Gewissens“ voraus, einen ausbrechenden „Hass auf den Westen“ (so heißt auch sein neues Buch).

Die ausgebeuteten Staaten der Dritten Welt erwachen seiner Ansicht nach langsam aus den Traumata, die ihnen die jahrelange Unterdrückung seit der Kolonisation zugefügt hat.

„[…] man weiß nicht, warum ein verwundetes Bewusstsein, ein fürchterliches Verbrechen, zwei, drei Generationen braucht, bis es zu Bewusstsein kommt. Dasselbe erleben jetzt die Völker des Südens. Die Sklaverei und das Kolonialmassaker sind zwei fürchterliche Wunden, die im Gedächtnis fortleben. Erst heute, Generationen nach diesen Massakern, wird dieses verwundete Gedächtnis zum politischen Bewusstsein,“ sagt er im Interview mit Telepolis.

Die unzähligen Verbrechen, die der Dritten Welt zugefügt wurden und sie bis jetzt in einem Zustand der Ohnmacht gehalten haben, dringen nun langsam in das politische Bewusstsein der Menschen vor und werden als Unrecht erkannt. Die Länder des Südens erwachen zu neuer politischer Erkenntnis: Ein Kind, das jetzt, in diesem Moment, an Hunger stirbt, wird ermordet. Und die Sklavenhaltung hat nur ihren Namen geändert.

„[…] 350 Jahre Sklavenhandel, dann 150 Jahre lang die Kolonialmassaker und die Territorialbesetzung. Heute gibt es die Tyrannei des globalisierten Finanzkapitals. Dieses Finanzkapital […] hat eine Macht, die nie zuvor in der Geschichte der Menschheit ein König, ein Kaiser oder ein Papst gehabt hat. Diese Finanzdiktatur wird von den südlichen Völkern als letzte Etappe der Ausbeutung und Unterdrückungsstrategie des Westens gesehen. Die Sklavenhalter sitzen heute in den Börsen […] und sind – wenn auch der Allgemeinheit nicht sichtbar – verantwortlich für den Hunger hunderttausender Menschen. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren. […] Und das auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt.“ so Ziegler weiter.

Das verwundete Bewusstsein wird nun nach Gerechtigkeit verlangen, die Länder des Südens werden die ihnen zustehende Position in der Welt einfordern – und damit wahrscheinlich Geschichte schreiben.

„Die tatsächliche Geschichte, die Geschichte der Mobilisation, des Widerstandes, wo Leben entsteht und Solidarität zur politischen Kraft wird, geschieht heute im Süden. Was heute im Andenhochland an Mobilisierung entsteht, was in Venezuela oder Ecuador entsteht, das ist radikal neu. […] Die kreative, gemeinschafts- und solidaritätsschaffende Geschichte findet auf den Anden, in den 12 000 indianischen Stämmen, die Bolivien ausmachen, statt. In vielen Teilen Südamerikas wird Geschichte geschaffen, und wir sollten von ihnen lernen,“ rät Ziegler.

Und wahrscheinlich ist das tatsächlich eine gute Idee.

 

Weitere Artikel zum Thema auf Sein.de

Statt EU-Vertrag lieber die Verfassung Boliviens

Historische Entscheidungen in Südamerika

Bank des Südens: Südamerikanische Staaten einigen sich

 

 

Bilder

Dritte Welt: Roke / Wikimedia
Bank des Südens: Presidencia de la N. Argentina
Sklavenaufstand: Muntuwandi / Wikimedia

 

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*