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Gedanken im Anschluß an Sören Kierkegaard

Authentizität und Vertrauen- eine philosophische Perspektive Gedanken im Anschluß an Sören Kierkegaard Authentisch zu sein, ist in den letzen Jahren zu einem weit verbreiteten Ideal geworden. Offensichtlich drückt sich in diesem Ideal die tiefe menschliche Sehnsucht aus, ganz wir selbst zu sein. Doch was bedeutet das überhaupt und wie geht das? Im Werk des Philosophen Sören Kierkegaard kann man eine ungewöhnliche und alltagstaugliche Antwort auf diese Fragen finden.

 

Pippi Langstrumpf als Modell für Authentizität

Wenn wir ein literarisches Beispiel für einen authentischen Menschen wählen sollten, dann fiele uns vielleicht Pipi Langstrumpf ein, die wir wohl deswegen so sympathisch finden, weil sie einfach sie selbst ist. Sie verstellt sich nicht. Sie ist unverwechselbar und tut, was sie will. Genau an diese Merkmale aber denken wir, wenn wir jemanden authentisch nennen: Einigkeit mit sich selbst, Ehrlichkeit, Unverwechselbarkeit und selbstbestimmtes Handeln. Nun könnte man sagen: Im Privatleben mag das noch angehen. Aber im Beruf? Tatsächlich muss Pipi Langstrumpf keine Steuererklärung abgeben und ihr Geld entnimmt sie einer mit Goldstücken stets gut gefüllten Schatzkiste. Sie braucht sich also weder mit Chefs noch mit Kollegen oder Kunden zu arrangieren. Müsste sie sich nicht anpassen, um ihr Geld selbst zu verdienen? Ist Authentizität also ein schönes, aber unrealistisches Ideal?

Andererseits: Verstecken wir hinter solchen Argumenten nicht oft unsere Angst und unsere Bequemlichkeit? Gibt es nicht immer wieder Menschen, die mit den verrücktesten Dingen Geld verdienen? Passen wir uns wirklich stets an äußere Zwänge an oder liegt der Zwang nicht meist in uns selbst und unseren Vorstellungen vom Leben? Viele müssten außerdem gar nichts Spektakuläres tun, um auf authentische Weise ihr Geld zu verdienen. So kenne ich eine Supermarktverkäuferin, eine Kellnerin und einen Getränkemarktbesitzer, die ihre Arbeit als Traumjob bezeichnen und gar nicht den Eindruck erwecken, als müssten sie sich anpassen oder verstellen.

Und doch scheint irgendetwas an der Pipi-Langstrumpf-Version von Authentizität für den Alltag nicht zu taugen. Letztlich fehlt ihr nämlich die Bereitschaft, die eigene Phantasie und Freiheit langfristig und mit Ausdauer im ganz konkreten, alltäglichen Leben zu verwirklichen. Dass auch das nötig ist, um wirklich man selbst zu sein, darauf macht der Kopenhagener Philosophen Sören Kierkegaard (1813 – 55) aufmerksam und kritisiert damit wohl nicht zuletzt sich selbst. Kierkegaard war auf seine Weise vielleicht ebenso exzentrisch wie Pipi Langstrumpf: Er war Theologe, Philosoph, Schriftsteller und ein stadtbekannter Dandy, der mit seinen Ausgaben für Bücher, Zigarren, Opern- und Kaffeehausbesuche stets deutlich über seinen Verhältnissen lebte – und genau dem Moment starb, in dem er das väterliche Erbe aufgebraucht hatte. Dennoch können wir bei ihm lernen, was es heißt, ganz wir selbst zu sein. Jedenfalls dann, wenn wir ihn etwas frei interpretieren. Was Kierkegaard meint, wird mit Blick auf verschiedene Formen des Selbstverlustes deutlich.

 

Selbstverlust aus Schwäche

So erzählt Kierkegaard von einem jungen Mädchen, das unglücklich verliebt ist. Würde der Geliebte sie ebenfalls lieben, dann könnte sie sich in höchst angenehmer Weise von der Verantwortung für ihr eigenes Leben ablenken. Da er das aber nicht tut, ist sie auf sich selbst zurückgeworfen und verzweifelt. Vermutlich wenden wir alle diese Strategie an: Die Liebe dieses Menschen, der Job, den ich hoffentlich bekomme, oder die baldige Berentung sollen mich (endlich) glücklich machen. In der Regel schließt diese Erwartung, das Glück von Außen geschenkt zu bekommen, ein großes Maß an Anpassung mit ein. Ich verhalte mich so, wie die anderen sich verhalten, damit ich bekomme, was ich mir ersehne. Ich versuche also erst gar nicht, ich selbst zu sein, sondern leihe mir ein Selbst, das ich äußerlich trage wie ein Kleidungsstück aus der gesamtgesellschaftlichen Kleiderkammer. Ich bin, wie Kierkegaard schreibt, zu einer „gangbaren Münze“ geworden, die leicht mitgeht im Handel und Wandel der Welt. Kierkegaard bezeichnet diese Strategie als Schwäche.

 

Selbstverlust aus Trotz

Einige von uns weisen eine solche Einstellung weit von sich. Schließlich kommt es darauf an, das eigene Leben den persönlichen Wünschen entsprechend aktiv zu gestalten: „Ich kontrolliere mein Leben und habe die Fäden in der Hand! Meine Position, meine Partnerschaft, der Erfolg meiner Kinder – all das ist mein Werk! Erfolg und Glück sind eine Frage des richtigen Rezepts und harter Arbeit.“

Letztlich stellt aber auch diese Lebensweise einen Verlust unserer selbst dar. Wenn wir nämlich alles kontrollieren und bestimmen wollen, dann lieben wir uns nicht so, wie wir nun einmal sind. Dann bauen wir ein Idealbild unserer selbst und versuchen krampfhaft, diesem Bild zu genügen. Dabei übersehen wir, dass wir nicht allmächtig sind. Zugleich überhören wir vor lauter Eigenmächtigkeit die Stimme unsere Intuition und spüren nicht mehr, was für unser Leben stimmt und was nicht. Kierkegaard bezeichnet diese Strategie als Trotz.

 

Das Motiv der Selbstaufgabe: Angst

Wir alle wenden diese beiden Strategien in unserem Leben an – und zwar aus einem zutiefst verständlichen Grund: Aus Angst halten wir uns entweder an bekannte, gesellschaftlich akzeptierte Bilder und verfallen der Anpassung. Oder wir versuchen, unser Leben aus eigener Kraft zu kontrollieren und so an Sicherheit zu gewinnen. Beide Strategien jedoch sind vergeblich. Wenn wir ehrlich sind, werden wir die Angst nicht los. Sie lauert in der Tiefe unserer Seele und beherrscht unseren Alltag, auch wenn wir sie nicht immer wahrnehmen. In Wahrheit ist unser ganzes Leben nämlich von Anfang bis Ende unsicher und gefährdet. Keine Versicherung, kein Bankkonto, keine Ausbildung und kein Fitnessprogramm können daran etwas ändern.

Aus Vertrauen leben

Was also hilft? Für Kierkegaard geht es darum, unser Bild von uns selbst und unsere Glücksstrategien loszulassen und Vertrauen zu schöpfen. Denn wenn wir vertrauen, dann können wir uns in die Weite des Lebens hinauswagen und zugleich unser konkretes, oft nicht besonders außergewöhnliches Leben leben. Kierkegaard ist Christ und nennt dieses Vertrauen „Glauben“. Gemeint ist ein Vertrauen in ein höheres, persönliches Gegenüber, in Gott. Für den Nicht-Christen mag Vertrauen andere Quellen haben oder sich einfach als Vertrauen in das Leben äußern. Wichtig aber ist die Befreiung aus den Zwängen von Anpassung und Kontrolle, Schwäche und Trotz.

Wenn wir einmal Vertrauen in uns spüren, dann machen wir eine faszinierende Entdeckung: Wir sind tatsächlich viel freier, als wir in unserer Angst immer dachten. Dann können wir uns, wenn wir wieder zu Schwäche und Anpassung neigen, an unsere Freiheit erinnern. Dann ist der Blick dafür frei, dass wir vielleicht wirklich anders leben wollen als bisher, etwa weil eine neue Aufgabe ansteht oder ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Oder weil wir erkennen, dass wir etwas ändern müssen, wenn wir uns treu bleiben wollen. Vielleicht treibt uns auch unsere Begeisterung zu neuen Ufern.

Wenn wir aus Vertrauen leben, können wir aber andererseits auch den Zwang loslassen, unser Leben aus eigener Kraft bewältigen zu müssen. Dann müssen wir keinem Idealbild mehr hinterher rennen, sondern nehmen unsere Eigenschaften und die Umstände, unter denen wir leben, an. Dann haben wir ein Gespür dafür, was wir in unserem Leben beibehalten und was wir verändern wollen.

 

Freiheit und Begrenzung

Wirklich wir selbst zu sein, beinhaltet also Freiheit und Begrenzung. Beide Seiten müssen wir in Einklang bringen: die Unendlichkeit der Möglichkeiten einerseits und die endlichen, begrenzten Umstände unseres Lebens andererseits. Denn nur in der unendlichen Weite unserer Möglichkeiten und den Träumen von einer besseren Welt können wir nicht leben. Stets müssen wir das Neue unter begrenzten Umständen verwirklichen und damit wieder zu einer begrenzten Wirklichkeit machen. Immer müssen wir aber andererseits darauf achten, nicht im Bestehenden stecken zu bleiben.

Wer so lebt, der ist einig mit sich selbst und ehrlich, einfach weil er sich in seinem Handeln und in seinem Verhalten an seinem Gespür für das Richtige orientiert und zugleich seine persönlichen Eigenschaften akzeptiert, statt sie zu bekämpfen. Damit ist er – auf eine vielleicht ganz unaufdringliche Art – unverwechselbar. Kurz gesagt, er – oder sie – ist authentisch und ganz er selbst. Darin ist er also Pipi Langstrumpf sehr ähnlich. Nur eins unterscheidet ihn von dieser faszinierenden Figur: Ein solcher Mensch lebt nicht nur im Reich der Phantasie und des folgenlosen Spiels. Er weiß um die die Notwendigkeit, die eigenen Träume und Werte unter begrenzten Umständen zu leben und in längerfristigen Projekten zu verwirklichen. Er vermag flexibel auf dieses Umstände zu reagieren, ohne sich anzupassen, und folgt dabei seinem Gespür für das, was stimmig und richtig ist. Kurz, er hat Phantasie und Realitätssinn zugleich.

 

Vertrauen: Aufgabe von Sicherheit

Bleibt die Frage, wie wir Vertrauen schöpfen können. Kierkegaard gibt uns den Rat, unserer Angst ins Auge zu schauen und uns immer wieder klar zu machen, wie vergeblich unser Streben nach Sicherheit letztlich bleiben muss. Manchmal entsteht dann in uns das nötige Vertrauen bzw., wie Kierkegaard sagt, der Glaube ganz von selbst. Dieser Rat setzt auf etwas, das wir nicht machen können: Wir haben das Leben nicht in der Hand. Diese Erkenntnis ist also der erste Schritt zum Vertrauen. Anders als Kierkegaard meinte, brauchen wir dennoch nicht einfach abzuwarten, sondern können aktiv nach einer Quelle des Vertrauens suchen. Diese Quelle aber finden wir nicht in der Außenwelt, sondern nur in uns selbst.

 

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