Āyurveda ist heutzutage vor allem für Patienten in der Rehabilitation nach der konventionellen medizinischen Behandlung einer Krebserkrankung außerordentlich wertvoll.

von Dr. med. Ananda Samir Chopra

Die fast sechzigjährige Patientin hatte gerade eine intensive achtzehntägige Āyurveda-Behandlung in der Ayurveda-Klinik Kassel beendet. Acht Jahre zuvor war sie an Brustkrebs erkrankt, die erkrankte Brust war ihr operativ entfernt worden, sie war mit Chemotherapie und Bestrahlung behandelt worden. Über mehrere Jahre war bei regelmäßigen ärztlichen Kontrolluntersuchungen keine aktive Krebserkrankung mehr nachweisbar gewesen. Nun saß sie am Ende ihres Aufenthaltes in der Ayurveda-Klinik im abschließenden Arztgespräch. Sie erzählt, dass sie über die Jahre auch psychoonkologische und naturheilkundliche Behandlungsansätze in Anspruch genommen hat. Aber als sie am fünften Tag ihrer Ayurveda-Behandlung eine Ganzkörperölmassage durch zwei Therapeutinnen erhielt, sagt sie, habe sie zum ersten Mal seit ihrer Krebserkrankung wieder das Gefühl gehabt, ein ganzer Mensch zu sein.

Diese Aussage einer Patientin macht deutlich, worin gegenwärtig wohl die größte Bedeutung āyurvedischer Behandlungsansätze bei Menschen mit Krebserkrankungen liegt: Āyurveda ist heutzutage vor allem für Patienten in der Rehabilitation nach der konventionellen medizinischen Behandlung einer Krebserkrankung außerordentlich wertvoll. Eine fachgerechte āyurvedische Behandlung kann die Auswirkungen der Krebserkrankung selbst ebenso wie eventuelle Nebenwirkungen der Krebstherapie lindern sowie die Lebensqualität deutlich steigern.

Āyurveda bei Krebserkrankungen – die Möglichkeiten

Doch Āyurveda, wörtlich übersetzt etwa „Wissenschaft vom Leben“, ist ein umfassendes, wissenschaftliches medizinisches System, und auch wenn im Moment āyurvedische Therapie vor allem in der Rehabilitation nach der konventionellen Krebstherapie nützlich ist, so sei kurz darauf hingewiesen, dass Āyurveda durchaus andere Möglichkeiten in der Krebsbehandlung bietet. Untersuchungen zeigen etwa, dass es āyurvedische Heilpflanzen gibt, die bei Laboruntersuchungen direkt gegen Krebszellen wirken. Jedoch gibt es zu den meisten dieser Forschungen noch keine klinische Anwendung. Insofern muss man ganz klar feststellen, dass Āyurveda zum jetzigen Zeitpunkt keine Primärtherapie einer Krebserkrankung bietet.

Während einer konventionellen medizinischen Behandlung von Krebserkrankungen kann āyurvedische Therapie jedoch unerwünschte Wirkungen der konventionellen Krebstherapie lindern. So zeigen klinische Untersuchungen beispielsweise, dass āyurvedische Arzneien, die Ingwer enthalten, die Übelkeit bei bestimmten Chemotherapien reduzieren. Auch Auswirkungen der Krebserkrankungen können durch āyurvedische Behandlungsmöglichkeiten gelindert werden, wie eine kleine klinische Beobachtung vor rund 20 Jahren zeigte: Ein āyurvedisches Weihrauch-Präparat konnte die Flüssigkeitsansammlung reduzieren, die um einen Gehirntumor herum entstehen kann. Einzelne āyurvedische Behandlungsansätze können sogar die Wirkung der konventionellen Krebstherapie verstärken, wie sich in experimentellen Untersuchungen zeigen lässt.

Andererseits gibt es aber auch die Beobachtung, dass āyurvedische Behandlungsansätze gelegentlich die Wirkung konventioneller Chemotherapie abschwächen können. So kann etwa die Einnahme von großen Mengen Kurkuma (das so genannte „Gelbwurz“) die Wirkung bestimmter Chemotherapie- Mittel abschwächen. Wenn man also beabsichtigt, während einer konventionellen medizinischen Krebsbehandlung gleichzeitig āyurvedische Behandlung in Anspruch zu nehmen, empfiehlt es sich, dies mit einem Spezialisten abzuklären. Nach dem gegenwärtigen Stand der medizinischen Erfahrung kann man also feststellen, dass die vielfältigen Behandlungsoptionen des Āyurveda vor allem in der Nachsorge nach der Akutbehandlung oder auch begleitend zur konventionellen Krebstherapie nützlich sind.

Was ist Āyurveda? Konzept & Anamnese

Aus der Sicht des ayurvedischen Medizinsystems besteht der Mensch einerseits aus so genannten strukturellen Anteilen, wie etwa Knochen und Muskeln, andererseits sind im Menschen auch so genannte funktionelle Anteile wirksam: Der stete Wandel, die stetige Entwicklung des menschlichen Organismus wird nicht durch die strukturellen Anteile bewirkt, sondern durch die funktionellen Anteile, oft auch mit „Energien“ bezeichnet. Zu diesen „Energien“, die im Menschen wirken, zählen die so genannten drei Doṣa-s (Alternativschreibweise: Doshas – Anm. d. Red.).

Diese drei Kräfte, die in jedem Menschen wirken, kann man der Übersichtlichkeit halber aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Zum ersten regulieren diese drei Kräfte ganz normale Prozesse im Menschen. Der Doṣa namens Vāta ist verantwortlich für Bewegung oder Beweglichkeit auf allen Ebenen. Dies gilt auf körperlicher Ebene, etwa in der Atembewegung oder der Darmbewegung, wie auch auf psychischgeistiger Ebene, wo Vāta für geistige Flexibilität und Kreativität verantwortlich ist. Der zweite Doṣa namens Pitta reguliert im Menschen Umwandlung oder Transformation, wie etwa den Verdauungs- und Stoffwechselprozess, ebenso wie die Fähigkeit Dinge gut durchdenken zu können oder Erkenntnisse im wahrsten Sinne des Wortes umzusetzen. Kapha schließlich, der dritte Doṣa, ist verantwortlich für Stabilität, wie etwa ein stabiler Körperbau und auf geistiger Ebene Geduld und Langzeitgedächtnis.

Nun sind diese drei Doṣa-s zwar bei jedem Menschen stets vorhanden, aber man geht davon aus, dass jeder Mensch bereits bei Geburt eine besondere, individuelle Konstellation dieser drei Doṣa-s mitbringt. Je nach Stärke der einzelnen Doṣa-s prägen sich unterschiedliche Konstitutionsmerkmale aus. Diese Merkmale müssen bei der ärztlichen Anamnese und Untersuchung genau betrachtet werden. Zum Beispiel neigen Menschen mit einer vāta-dominierten Konstitution ein Leben lang zu einer trockenen Haut und kalten Gliedmaßen, sie sind geistig beweglich, kreativ und neigen zu Verstopfung, Einschlafstörung und innerer Unruhe. Eine pitta-dominierte Konstitution zeigt sich in warmen Gliedmaßen, regelmäßigem starkem Appetit, stabilem Körpergewicht, Zielstrebigkeit und Neigung zu Reizbarkeit und Oberbauchbeschwerden. Bei einer kapha-dominierten Konstitution neigt der Mensch zu Übergewicht, hat ein gutes Langzeitgedächtnis, lässt sich nicht leicht aus der Ruhe bringen und neigt zu schleimigen Erkrankungen der Atemwege.

Wie bereits gesagt, verfügt jeder Mensch von Geburt an über ein individuelles Mischungsverhältnis dieser drei Doṣa-s, bei dem meist Merkmale von zwei dieser Doṣa-s stärker zum Ausdruck kommen. Der erste Schritt in der āyurvedischen Diagnose ist es, die individuelle Konstitution, sozusagen den individuellen Normalzustand eines Patienten, festzustellen. Darüber hinaus müssen bei der Diagnose natürlich auch die Erkrankung und der aktuelle Zustand des Patienten berücksichtigt werden. Die individuelle Grundkonstitution eines Menschen beeinflusst natürlich auch, wie der Einzelne auf Belastungen reagiert: ob jemand zum Beispiel bei Stress zu Rückenschmerzen und Verstopfung neigt, ob es eher zu Magenbeschwerden kommt oder ob jemand einen „Kummerspeck“ entwickelt – all diese Reaktionsweisen sind aus āyurvedischer Perspektive durch die Konstitution bedingt.

Charakteristisch für den Āyurveda ist ein individuelles Vorgehen in Diätetik und Therapie. In der Praxis bedeutet das, dass nicht nur die Erkrankung eines Menschen bei der Planung der Therapie berücksichtigt werden muss, sondern zumindest auch die individuelle Konstitution.

Wie behandelt Āyurveda?

Die āyurvedische Auffassung von Therapie ist umfassend, auch Ernährung und allgemeine Lebensführung fließt hier ein. Das heißt, dass jede/r Patient/in nach Konstitution und spezifischer Erkrankungssituation individuelle Empfehlungen zu Ernährung und allgemeiner Lebensführung erhält. Das heißt auch, dass es im Āyurveda beispielsweise nicht eine Ernährungsempfehlung für Krebspatienten gibt, sondern dass auf der Basis der Grundkonstitution und der besonderen Erkrankung jeweils eigene Empfehlungen gegeben werden. Darüber hinaus gibt es spezifische Therapiemöglichkeiten, wie etwa eine differenzierte Pflanzenheilkunde und die so genannte Pañcakarma- Therapie. Pañcakarma (sprich: Pantschakarma) bezeichnet ein sehr wichtiges und wirksames Therapieverfahren des Āyurveda.

Es ist ein komplexes Therapieverfahren, zu dem differenzierte äußerliche Öl- und Wärmeanwendungen gehören sowie auch innerliche Behandlungen, wie etwa ein Abführtag oder besonders zusammengesetzte Darmeinläufe. Eine Pañcakarma-Therapie muss stets individuell geplant und durchgeführt werden, es empfiehlt sich eine solche Therapie unter ärztlicher Betreuung und stationär durchzuführen. Bei den äußerlichen Ölanwendungen, zu denen etwa die Ganzkörperölmassage, die āyurvedische Fußmassage oder auch der āyurvedische Kopfguss gehören, werden je nach Konstitution und Erkrankung spezielle Kräuteröle verwendet.

Auch die Wärmeanwendungen, wie jeetwa milde Dampfbäder oder auch Massagen mit erwärmten Kräuterstempeln, werden differenziert eingesetzt. Ziel der Pañcakarma-Therapie ist es, das Gleichgewicht des erkrankten Menschen wiederherzustellen. Zu diesem Zweck ist nicht nur die Art der Anwendungen von Bedeutung, sondern auch der Ablauf der einzelnen Therapien. Dabei ist es immer wieder beeindruckend festzustellen, wie tiefgreifend die Pañcakarma- Therapie auf Körper und Psyche regulierend wirkt. Bei Krebspatient/innen trägt eine individuell verordnete und durchgeführte Pañcakarma- Therapie nach unserer langjährigen klinischen Erfahrung dazu bei, die Lebensqualität merklich zu erhöhen. Unerwünschte Wirkungen der Krebserkrankung selbst oder auch der Krebstherapie werden häufig gelindert.

In der konkreten Behandlung von Krebspatient/ innen können natürlich all die angesprochenen Therapieansätze des Āyurveda kombiniert und Nutzen daraus gezogen werden. Am Ende der stationären Āyurveda-Therapie erhalten die Patient/innen auch ausführliche Empfehlungen zur weiteren Ernährung, allgemeinen Lebensführung und gegebenenfalls auch pflanzliche Arzneien.

 

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