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Untertauchen in Berlin

Am 8. Mai soll es jetzt endlich soweit sein: nachdem die Eröffnung des Liquidroms am Anhalter Bahnhof aus technischen Gründen bisher zweimal verschoben werden musste, gibt es jetzt diesen neuen Termin. Wir drücken die Daumen!

Wer sich Musik optisch vorstellen will, wählt vorzugsweise die Wellenform. Den hörbaren Schwingungen einen sichtbaren Verlauf zuzuordnen, ist ein beschauliches Spiel: Hinter geschlossenen Augen bzw. auf dem Bildschirm hüpfen Melodien und Rhythmen wie vom Wind zerzauste Ozeane oder man fühlt sich an das Wasserglas erinnert, in dem ein Sturm tobt, der mit seiner eigenen Tonspur identisch ist. Der Zuschauer sitzt davor und weiß immerhin dieses: nur weil die Musik als Welle dargestellt ist, werde ich nicht nass. Ich sitze fest auf dem Stuhl im Trockenen, ich schwappe nicht über, this is not the ocean, der Wellengang ist von mir getrennt.

Aber was ist, wenn einen das Wasser plötzlich doch vom Scheitel bis zur Sohle umspült, von der Kniekehle bis zum Trommelfell, glücklicherweise nicht mit kaltem, sondern mit körperwarmem Wasser? Wie fühlt es sich an, wenn die Welle nicht nur auf der Sound- und Grafikkarte im Computer tanzt, sondern wenn sie den eigenen, bekanntermaßen ziemlich wässrigen Körper mit in Schwingung versetzt, im Tidenhub ozeanischer Gefühle?

Dass unsere Hörerfahrungen in der Regel im Trockenen stattfinden, ist uns so in Fleisch und Blut eingegangen, dass die Vorstellung, Klangschwingungen könnten auch anders als durch vibrierende Luftmoleküle übertragen und wahrgenommen werden, beinahe abseitig wirkt. Diese Annahme ändert sich natürlich schlagartig, wenn man ein Wal ist beziehungsweise als Mensch einen Konzertsaal betritt, der mit Wasser gefüllt und für musikalische Unterwasser- erlebnisse eingerichtet ist.
 
Eine solche Einrichtung gibt es nun in Berlin: das Liquidrom, der letzte, krönende Baustein im Neuen Tempodrom am Anhalter Bahnhof, wo die Kultur nicht aufhört, abzufahren. Jetzt geht sie baden. Das hauptstädtische Kurkonzert wird zur Klangmassage im amphibischen Theater. Hier spielt das innere Erleben die Hauptrolle, das „Baden in Licht und Musik“ in einem öffentlichen Raum, der durch das Genussmittel Wasser definiert ist. Man geht aus, um sich von Klang und Wellen gemeinsam tragen zu lassen, halb träumend, halb tanzend. Architektur und Gestaltung schaffen Klarheit: Die Inszenierung regt Fantasie und Sinne an und bringt auch die leisen, meditativen Töne zur Geltung.

Im Wasser erzeugte und wahrgenommene Schwingungen haben eigene physikalische, physiologische, psychologische und ästhetische Qualitäten; sie kommen näher an einen heran und gehen schneller durch einen hindurch, sie sind räumlich nicht zu orten und scheinen aus einer Weite zu kommen, die zwar nicht-alltäglich aber dennoch vertraut wirkt. Der weiche, durchlässige Zustand der badenden Konzertgäste stellt die Unterwassermusiker vor eine besondere Herausforderung: denn was an Land so klingt, als würde es gut zum Wasser passen, tut dies oftmals eben nicht. Dafür entfalten andere Klänge im Wasser – und nur im Wasser – eine überraschende Prägnanz. Eine politisch korrekte Unterwassermusik gibt es nicht, statt- dessen eine Vielfalt der Stile, die das Wasser als wirkliche Bühne und Konzertsaal versteht. Auf der neuen CD „Liquid Sound Vol. 01“ (free form records Hamburg) sind Ambient-Rhythmen versammelt, die sich beim Wasserpublikum als besonders körperfreundlich bewährt haben.
 
Dem Tempodrom ist der Kulturaustausch zu Wasser, zu Lande und zur Luft schon in die Wiege gelegt und bestätigt seinen Ruf als Veranstaltungsort mit grenzüberschreitendem Einfallsreichtum.

So wie das Tempodrom das Zirkuszelt mit neuem Leben erfüllt hat, so verhilft das Liquidrom dem Thermalbad zu einer neuen Bestimmung.

Die Gemeinsamkeiten zwischen Liquidrom und mit einer herkömmlichen Badeanstalt beschränken sich darauf, dass beide über Wasser verfügen, in das man nach dem Umkleiden und Duschen hineingehen kann. Doch beim Liquidrom stehen nicht Sport, Spiel und Spannung im Mittelpunkt, sondern ein eher schwebendes Musikerleben im körperwarmen, salzhaltigen Wasser. Dies macht einen Besuch auch für diejenigen interessant, die in Bädern, bei denen man hauptsächlich geradeaus schwimmt, eher selten anzutreffen sind.

Das Liquidrom Konzept basiert auf zehn Jahren Erfahrungen mit „Liquid Sound“, das in der Toskana Therme Bad Sulza (Thüringen) beispielhaft verwirklicht wurde. Dort hat sich gezeigt, dass Reisen mit den Ohren unter Wasser manchmal weiter führen, als es der äußere Anblick – rein ins Bad, relaxen, raus aus dem Bad – vermuten lässt.

Die Psychologin Renate Maerten hat dies in einer Erhebung mit Fragebögen und Interviews herausgearbeitet. Es fängt damit an, dass die Mehrzahl der Testpersonen während der Liquid Sound Session spontan, ohne Anleitung, die Augen geschlossen hatten (in welchen anderen Bädern ist das noch zu beobachten?) und es endet damit, dass sich einige mühelos in transpersonale Bereiche hinein gefloatet haben, besonders in der Verbindung mit Körperarbeit im Wasser (Aqua Wellness).

Nur weil ein Liquid Sound / Liquidrom Bad von keinerlei metaphysischen Hemmschwellen umgeben ist, und weil es die Kunst der Selbstfindung durch Nichtstun zelebriert, heißt das nicht, dass es dort nur Belangloses zu erwarten gibt. Doch da es sich, siehe oben, um einen offenen, öffentlichen Raum handelt, sind die intensiveren Erlebnisformen nicht Pflicht, sondern Kür. Es spricht auch nichts dagegen, wenn – wie geschehen – ein Zen-Meditierer unter der Dusche zu dem Resumee findet: „Die Sache ist sinnlich und zwecklos,

Näheres über die Liquidrom – Therme im Neuen Tempodrom und Veranstaltungen im Rahmen der Eröffnung unter www.liquidrom.com

Info und Kontakt:
Askanischer Platz 4, D-10963 Berlin
Tel: *49-30-74737171
Fax: *49-30-74737172
E-mail: liquidromberlin@aol.com

Eingang: Möckernstraße 10

Öffnungszeiten:
täglich 10.00 – 22.00 Uhr – freitags/ samstags 10.00 – 24.00 Uhr / bei Vollmond 10.00 – 02.00 Uhr

Wechselnde Unterwassermusik- und Lichtprogramme täglich. Eintritt: 16.- Euro für 2 Stunden/ 4.-Euro für jede weitere Stunde

 

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