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Ein alternatives Bestattungskonzept

Für viele Menschen sind Tod und Beerdigung ein Tabu-Thema. Man will den Tod nicht beschreien, indem man sich mit ihm beschäftigt, oder gar laut darüber redet. Doch viele Hinterbliebene sind beim Tod eines geliebten Angehörigen eben wegen dieses Schweigens meist hilf- und ratlos. Aus der Schweiz hat nun seit einigen Jahren ein alternatives Bestattungskonzept in Deutschland Einzug gehalten: der Friedwald.

Seit November 2001 ist die Bestattungsform des Friedwaldes – neben der Seebestattung – als einer der wenigen Gegenentwürfe zu konventionellen Friedhöfen auch in Deutschland erlaubt. In 13 Bundesländern existieren inzwischen ausgewiesene Wälder für diesen Zweck, viele Genehmigungsverfahren laufen derzeit noch. Anfang Juli 2006 wurde jetzt im brandenburgischen Fürstenwalde der erste Friedwald im Osten Deutschlands eröffnet.
Die Asche des Verstorbenen wird in einer biologisch abbaubaren Urne zu den Wurzeln des ausgewählten Baumes zur letzten Ruhe gebettet – so schließt sich der Lebenskreislauf.
Ob nun anonym bestattet, mit kleiner Gedenktafel, einzeln oder in Gemeinschaft: mit bis zu zehn Personen kann man hier seinen Familien- bzw. Freundschaftsbaum aussuchen. Bezugspunkte in friedlicher, unbezwungener Naturlandschaft, die schon zu Lebzeiten ausgewählt und von vielen „Baumbesitzern“ auch regelmäßig und liebevoll besucht werden. Seinen persönlichen Baum darf man sich ganz nach Bauchgefühl selbst – mit Hilfe der Förster des jeweiligen Friedwaldes – aussuchen und erhält nach Vertragsabschluss eine Verleihungsurkunde über das Nutzungsrecht. Da die Bäume genau vermessen und kartographiert sind, kann man mit einer Waldkarte und den Daten, die man über seinen Baum bekommt, diesen jederzeit wieder finden.
Corinna Brod, Pressesprecherin der Friedwald GmbH, im Gespräch mit SEIN (Shermin Arif):

SEIN: Ist ein Friedwald ein abgegrenzter Waldfriedhof oder Teil eines natürlichen Waldes? Kann man zufällig in ihn hinein geraten?

Corinna Brod: Die Friedwälder sind allesamt natürliche, weitgehend unberührte Wälder mit einem langlebigen Baumbestand, die nicht umzäunt sind. Auf dem Parkplatz vor dem Wald befindet sich eine Waldtafel, die auf die Besonderheit des Ortes aufmerksam macht. Ansonsten sind die Bäume auf der vom Weg abgewandten Seite – zwecks Organisation – mit kleinen Nummern versehen und gegebenenfalls natürlich mit einer kleinen Gedenktafel.

SEIN: Wurden die Grundstücke gestiftet, gekauft oder von der Gemeinde zur Verfügung gestellt?

Corinna Brod: Die Friedwälder sind im Allgemeinen kommunaler Stadtwald, der sich im Besitz der Gemeinde befindet. Da in Deutschland Friedhofspflicht besteht, muss dieser zum Friedhof umgewidmet werden. Die Friedwald GmbH ist also Betreiber, aber nicht Träger und Besitzer der Wälder.

SEIN: Die Friedwälder sind ja glaubensunabhängig. Sind aber dennoch religiöse Symbole auf den Gedenktafeln denkbar? Also Kreuz, Koran Sure, Ankh (ägyptische Hieroglyphe, Anm. d. Red.), ein Buddha oder ein Pentagramm? So etwas wäre gerade für Menschen mit alternativen Lebenskonzepten interessant.

Corinna Brod: Nun, die Friedwälder gelten – ebenso wie konventionelle Friedhöfe – als konfessionell nicht gebundene Bestattungsplätze. Natürlich sind Symbole wie ein christliches Kreuz und ähnliches erlaubt. Wir hatten auch schon den Fall, dass auf die Gedenktafel ein Ying-und-Yang-Zeichen eingraviert wurde, oder ein Gingko-Blatt. Aber natürlich halten wir uns hier an die gesetzlichen Vorlagen. Im Fall des Pentagramm-Symbols müsste aber zunächst recherchiert und dann darüber entschieden werden.

SEIN: In welcher Tiefe wird die Urne beigesetzt? Doch sicherlich nicht so tief wie bei herkömmlichen Gräbern?
Corinna Brod: Nein, die biologisch abbaubare Urne wird in einer Tiefe von 70 cm in circa zwei Metern Entfernung vom Baumstamm beigesetzt. Der Förster sucht eine geeignete Stelle zwischen den Wurzeln aus, damit der Baum auch nicht verletzt wird.

SEIN: Wurden Sie schon mit ausgefallenen Zeremonien oder Wünschen konfrontiert?
Corinna Brod: Hm… Jein… Es gibt sehr ruhige, stille Beerdigungen, wo z. B. nur die Witwe zur Urnenbeisetzung mitging. Wir hatten aber auch schon den Fall einer Jazz-Band, die eines ihrer Bandmitglieder im Stil von New-Orleans-Beerdigungen zur letzten Ruhe geleitete – eine getragene, feierliche Prozession auf dem Hin- und eine gelöste, tanzende auf dem Rückweg. Oder Hinterbliebene haben hinterher ein Picknick am Baum gemacht, komplett mit blauweißer Tischdecke im Bayern-Look. Eine Beisetzung zum Sonnenuntergang oder Sonnenaufgang – mit dieser starken Symbolkraft – ist natürlich auch kein Problem.

SEIN: Wie viel kostet eine Bestattung mit einem natürlichen Wald als Grabpfleger eigentlich?
Corinna Brod: An jedem Baum können bis zu zehn Urnen beigesetzt werden. Ein Einzelplatz zu Füßen eines Gemeinschaftsbaumes kostet 770 Euro. Ein Baum allein beläuft sich auf 3350 Euro. Bei einem Familien- oder Freundschaftsbaum kann man sich die Kosten mit zehn Leuten teilen, das wären dann 330 Euro. Pro Beerdigung kommen noch 189 Euro an Beisetzungsgebühren hinzu.

SEIN: Wie lange ist die Grabstelle geschützt?
Corinna Brod: Der Baum ist vertraglich 99 Jahre vor einer Abholzung geschützt. Im Vergleich hierzu ist ein traditionelles Grab – wenn es nicht verlängert wird – im Schnitt circa 25 Jahre gesichert.

Information: 
Weitere Informationen über die Friedwälder in Deutschland, die als Friedwald-Partner arbeitenden Bestatter und den Verein FriedWald e.V. sind unter www.friedwald.de nachzulesen.

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