© Nika Akin auf Pixabay49 Tage im Dunkelretreat 11. Juni 2026 von Saskia John 49 Tage in völliger Dunkelheit liegen hinter mir. Die Erfahrung war so tief, dass ich sie auch dreieinhalb Monate später noch nicht abschließend auswerten kann. Sie endet nicht in dem Moment, in dem wieder Licht auf die Augen fällt. Sie wirkt weiter – in meinem Körper, meinem Nervensystem, meinen Beziehungen und in der Art, wie ich mir selbst begegne. Ich trat am 15. Februar 2026 nach sieben Wochen absoluter Dunkelheit wieder ins Licht. Seitdem beschäftigt mich vor allem, wie ich das, was im Dunkel sichtbar wurde, in meinen Alltag integriere. Innerlich ist etwas neu geordnet und schwingt auf einem anderen Energieniveau. Doch im Außen – in Räumen, Dingen, Gewohnheiten und Abläufen – begegnet mir noch vieles, was eher zur alten inneren Ordnung gehört. Integration bedeutet derzeit, mein äußeres Leben Schritt für Schritt mit dem in Einklang zu bringen, was in mir klarer, stiller und wahrer geworden ist. Zugleich geht der innere Wandlungsprozess weiter: das Erkennen alter Muster und die Aufräumarbeit in jener tiefen Kelleretage meines inneren Hauses. die sich mir im Dunkelraum gezeigt hat. 49 Tage ohne Tageslicht. Keine gewohnte Orientierung. Kein Blick in ein Gesicht, kein Griff zum Handy. Was sich immer wieder zeigte – und bis heute zeigt –, ist Begegnung: mit dem eigenen Körper, mit Schutzbewegungen, mit Stimmen, die ich lange für meine eigenen hielt, mit Angst, Enge, Sinnlosigkeit – und mit einer tieferen Kraft jenseits der Flucht. Viele stellen sich ein Dunkelretreat still, friedlich oder mystisch vor. Solche Phasen gibt es. Doch für mich waren diese 49 Tage vor allem ein Forschungsraum: Was geschieht, wenn ein Mensch nur noch mit dem sein kann, was im Augenblick ist? Dunkelheit macht nicht automatisch friedlich Eine Erkenntnis zeigte sich in diesem Retreat erneut sehr deutlich: Dunkelheit beruhigt nicht einfach. Sie nimmt zunächst nur das Außen weg. Was dadurch entsteht, ist nicht automatisch Stille. Manchmal wurde es innerlich sogar lauter: Wenn die gewohnten Ablenkungen fehlen, treten Gedanken, Gefühle und Körperreaktionen deutlicher hervor. Dass innerlich unglaublich viele Prozesse ablaufen – insbesondere Gedanken – hatte ich bereits in meinem ersten Dunkelretreat erfahren. In diesem 49-tägigen Retreat zeigte sich mir jedoch eine vollkommen neue, zuvor nicht bewusst zugängliche tiefe Schicht. Ich konnte sie aus dem unmittelbaren Fühlen heraus der Zeit vor und kurz nach meiner Zeugung sowie den ersten Wochen der Schwangerschaft meiner Mutter mit mir zuordnen. Sie wurde energetisch und körperlich klar spürbar – obwohl ich zuvor keine bewusste Erinnerung an diese Zeit hatte. Was ich im Dunkel fühlend erfuhr, deckte sich erstaunlich genau mit dem, was ich aus früheren Gesprächen mit meiner Mutter wusste: über ihre Beziehung zu meinem Vater vor meiner Konzeption und während ihrer Schwangerschaft mit mir, über ihr Erleben dieser Schwangerschaft und über meine Geburt. Alles, was in meinem Alltag durch Tun, Sprechen, Planen oder Funktionieren überlagert wurde, kam im Dunkelraum viel deutlicher ins Bewusstsein. In den sieben Wochen tauchten immer wieder Phasen auf, die sich schwer, eng und hoffnungslos anfühlten. Wenn ich ihnen Worte gab, klangen sie etwa so: „Alles ist sinnlos.“ – „Es passiert nichts.“ – „Ich vergeude meine kostbare Lebenszeit.“ Das waren keine bloßen Gedanken. Es waren innere Zustände, die mein ganzes Erleben färbten. Gerade darin zeigte sich mir eine wesentliche Spur: Nicht jeder Gedanke, der in mir auftauchte, kam wirklich aus meinem eigenen Wesen. Vieles von dem, was ich gedacht, gefühlt und wie ich mich verhalten hatte, war übernommen – oder als Reaktion auf das entstanden, was ich in meiner Herkunftsfamilie erlebt hatte. Unzählige Überzeugungen stammten aus frühen eigenen Erfahrungen, aus familiären Feldern, gesellschaftlichen Erwartungen oder alten Schutzmechanismen. All das war keine Theorie, sondern körperlich so deutlich, dass ich es nicht mehr übersehen konnte. Der Körper reagiert schneller als der Verstand Eine der eindrücklichsten Erfahrungen war, wie unmittelbar mein Körper auf eigene und übernommene Gedanken und Gefühle reagierte. Manchmal war mein Verstand noch dabei, etwas einzuordnen, während mein Körper längst geantwortet hatte: mit Enge im Hals und im Bauch, starker Spannung im Nacken, Druckschmerz im unteren Rücken oder einem Zusammenziehen im Herzraum. Im Alltag wäre ich über manche der subtileren Reaktionen viel leichter hinweggegangen. Ich hätte weiter funktioniert, mir etwas erklärt, mich beruhigt, mich abgelenkt oder die Körperempfindung einfach beiseitegeschoben. Im Dunkel war das kaum möglich. Denn sobald ich unbewusst in alte Anpassungsmuster rutschte und nicht mehr als Erwachsene präsent war, wurde die Spannung sofort stärker. Der innere Widerstand schwoll an und körperliche Schutzreaktionen aus sehr frühen Schichten meiner Entwicklung traten deutlicher hervor. Dabei wurde mir bewusst: Mein Körper reagiert nicht nur auf das, was gerade tatsächlich geschieht. Er reagiert auch auf die Bedeutung, die ein Ereignis in mir bekommt – auf verinnerlichte fremde Gedanken, eigene Bewertungen, Gefühle, Erinnerungen, Prägungen und alte Erfahrungen, die vergangen sind und dennoch weiterwirken. In meinen inneren Bildern erschien eine dieser Schutzreaktionen wie eine Kralle. Sie hielt sich fest, zog sich zusammen, wollte sich absichern, schützen und überleben. Als Reflex, ohne zu denken. Ich nahm wahr: Diese Ebene ist vorsprachlich und reagiert unmittelbar: auf oder zu. Angespannt oder entspannt. Sie ist über Worte und Gedanken nicht erreichbar. Und der Körper bringt diese Bewegung sofort zum Ausdruck – noch bevor ich sie als Erwachsene erkennen und einordnen konnte. Erst mit der Zeit wuchs in mir die Fähigkeit, ihr innerlich zu begegnen und Halt zu geben. Zunächst wirkte die Kralle wie ein starkes Hindernis, das mich an meine Grenzen brachte. Etwas, das mich im Bruchteil einer Sekunde eng werden ließ, lähmend müde oder hochgradig angespannt machte. Doch je länger ich mit ihr blieb, desto klarer wurde mir: Sie war nicht mein Feind. Sie war eine sehr frühe Bewegung in mir, die einst gebraucht wurde, um Halt zu finden. Ein Teil von mir, der sich schon sehr früh instinktiv zu schützen wusste. Diese Erkenntnis veränderte etwas Wesentliches. Ich hörte auf, gegen sie zu kämpfen und sie weghaben zu wollen. Ich lernte, ihr als Erwachsene mit Herz zu begegnen. Erkennen allein reicht nicht Im Dunkel wurde mir wiederholt deutlich, dass Erkenntnis allein oft nicht genügt. Ich konnte schnell erkennen, dass ein Gedanke nicht wirklich aus meinem eigenen Wesen kam. Ich konnte ihn zuordnen, verstehen und benennen. Dennoch blieb die starke körperliche Reaktion bestehen. Das war ziemlich ernüchternd. Ein Teil von mir hätte sich gewünscht, dass Bewusstheit genügt, um Spannung, Angst oder Enge zu lösen. Doch so einfach war es nicht. Die Veränderung begann dort, wo ich nicht nur erkannte, sondern auch zugewandt blieb: bei der Enge, der Angst, der Sinnlosigkeit und dem Anteil in mir, der sich festhielt. Entscheidend war meine Haltung: weder analytisch noch kontrollierend, nicht mit dem Ziel, schnell wieder symptomfrei zu sein, sondern warmherzig, präsent und ohne inneren Druck. Immer wieder erlebte ich: Etwas begann sich in der Tiefe zu lösen, wenn ich aufhörte, den körperlich und emotional sehr herausfordernden Zustand nicht mehr als Störung zu betrachten, sondern als Ausdruck einer Schicht in mir, die gesehen, gehalten und ernst genommen werden brauchte. Insbesondere an den Plätzen, die sich anfühlten, als ginge es um mein Leben. Je mehr ich als Erwachsene mit Klarheit und Liebe bleiben konnte, desto mehr entstand eine zarte Beziehung zwischen uns. Diese Beziehung wirkt wie ein tragender Boden für die Kralle: ein Halt, der existenzielle Angst langsam in Sicherheit und Vertrauen wandelt. Das braucht Zeit und Geduld. Beides bekommt dieser kleine Anteil von mir. Wieder und wieder. Ich bin da. Ewig. Zeitlos. Und diese Liebe wirkt heilsam. Bleiben statt Durchgehen Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus diesen 49 Tagen: Es ging nicht darum, durch die Angst hindurchzugehen. Es ging darum, bei ihr zu bleiben. Früher hatte ich oft das Bild, Transformation bedeute, durch das Tal der Angst zu gehen. Im Dunkel zeigte sich mir etwas anderes. Es gab Zustände, in denen mein ganzes System auf Flucht ausgerichtet war. Alles in mir wollte weg. Nicht verstehen, nicht analysieren. Einfach nur entkommen. Doch gerade dort lag die eigentliche Schwelle. Unter dieser Angst lagen tiefere Fragen: Bin ich sicher? Kommt jemand? Bleibt jemand? Bin ich allein? In diesen sehr frühen Schichten meiner Entwicklung war Angst kein psychologisches Konzept, sondern instinktive Überlebenslogik – nicht rational, aber aus der Sicht dieses jungen Anteils vollkommen sinnvoll. Die Übung bestand darin, als Erwachsene an diesen angsterfüllten Stellen zu bleiben: mit Klarheit, Wärme und innerem Kontakt. Je häufiger mir das gelang, desto mehr begann die Spannung etwas nachzulassen – weil diese Schicht in mir zum ersten Mal nicht mehr allein blieb. Was vom Dunkel bleibt 49 Tage Dunkelheit sind keine Wellness-Erfahrung. Sie greifen tief ein – in Wahrnehmung, Zeitgefühl, Schlaf, Körperempfinden und Selbstbild. Für mich war diese Zeit sehr kostbar. Sie machte Schichten fühlend sichtbar, die mein Leben beeinflusst hatten, ohne dass es mir zuvor in dieser Tiefe bewusst war. Die Integration begann noch im Dunkelraum und setzt sich täglich fort: im Alltag, in Beziehungen, im Kontakt. In den kleinen Momenten, in denen alte Muster wieder auftauchen und ich bemerke, ob ich mich verliere – oder bei mir bleibe. Mein Dunkelretreat ist nicht beendet, nur weil ich wieder im Licht bin. Die Erfahrung wirkt weiter. Manches ordnet sich erst jetzt. Anderes braucht noch Zeit. Vielleicht ist genau das eine der wesentlichsten Erkenntnisse: Transformation geschieht in ihrem eigenen Rhythmus und nicht nur an besonderen Orten. Sie zeigt sich darin, wie ich lebe, wenn ich zurück bin – im Licht, im Gespräch, im Alltag. Buchtipp: Im Dunkelretreat – 26 Tage Dunkelheit. Ein Bewusstseins-Experiment Saskia John Reichel Verlag Copyright Cover: Reichel Verlag Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar Antwort abbrechenDeine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.KommentarName* E-Mail-Adresse* Name, E-Mail-Adresse und Website in diesem Browser für meinen nächsten Kommentar speichern. Überschrift E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.Auch möglich: Abo ohne Kommentar. Durch Deinen Klick auf "SENDEN" bestätigst Du Dein Einverständnis mit unseren aktuellen Kommentarregeln.