Selbst aktuell mit ein paar Themen des Älterwerdens und ersten Veränderungen ihrer Hirnfunktionen beschäftigt, hat Lydia Poppe durch Selbstversuche und Lektüre Erkenntnisse gewonnen, die sie hier mit anderen teilen möchte. Sie weist darauf hin, wie unser Gehirn lange jung bleiben, lernen und reifen kann.

In anderen Kulturen weltweit und in früheren Epochen lebten die Generationen fruchtbar und sich gegenseitig unterstützend zusammen. In der Gegenwart der Industrieländer leiden viele alte Menschen unter Vereinzelung und geistiger Verarmung. Doch meidet der ältere Mensch Herausforderungen und lehnt sich bequem zurück, sendet er dem Gehirn die Botschaft, dass es nicht weiter zu wachsen braucht. Dies kann erwiesenermaßen fatale Auswirkungen haben.

 

Das Gehirn ist ein soziales Organ

Für unsere fortwährende Gesundheit und Langlebigkeit ist entscheidend, welche Einstellung wir zum Altern haben, ob wir unsere Beziehungen aufrecht erhalten und mit anderen in Verbindung bleiben. Dies vermitteln uns Erkenntnisse aus der Hirnforschung.

Die Fähigkeit zur Pflege von Beziehungen und zum sozialen Engagement wird durch frühe Beziehungen geprägt. Weit über das angeborene und vom autonomen Nervensystem gesteuerte Kampf-oder-Flucht-Reaktionsmuster hinaus  erfordern Pflege, Kooperation und kontinuierliche Beziehungen eine erwachsene emotionale Selbstregulation. Wir müssen in der Lage sein, uns um die zu kümmern, die wir lieben, auch wenn wir z.B. wütend sind und wir müssen die unbedingte Bereitschaft entwickeln, ihnen keinen Schaden zuzufügen.

Sichere Bindung fördert die Gehirnentwicklung. Zeit, Aufmerksamkeit, Zuneigung und Berührung fördern die Gehirnentwicklung. Das Gehirn ist ein soziales Organ. Unsere Beziehungen formen unser Gehirn. Chronischer Stress führt zu hohen Cortisolwerten, die das Leben verkürzen können. In einer ruhigen, sicheren und unterstützenden sozialen Welt wird dagegen unser Stressreaktionssystem gut reguliert.

Das Bindungsbedürfnis lässt im Alter nicht nach. Sinnstiftende Beziehungen sowie soziale Unterstützung durch andere Menschen geht bei älteren Menschen mit größerem Wohlbefinden und besserer Gesundheit einher.

 

Lernen in jedem Alter

Es ist erwiesen, dass herausfordernde Situationen ein Gehirnwachstum auslösen (Neuronale Plastizität). Die Fähigkeit neue Informationen zu lernen, verlangsamt sich zwar, doch die Fähigkeit sich zu binden und Emotionen zu regulieren, nimmt zu. Problemlösefähigkeiten und verbale Fähigkeiten nehmen zu, auch wenn das Tempo abnimmt.

Jeder Gehirnbereich altert anders und unterschiedlich schnell. Es ist noch nicht geklärt, warum wir altern und warum z.B. Ratten 30 Monate, Menschen 70-80 Jahre und manche Bäume Jahrhunderte alt werden. Es gibt sogar eine Reihe von einzelnen Organismen, von denen man annimmt, dass sie unsterblich sind (Süßwasserpolypen, Einzeller, Seegurken u.a. ).

Es gibt Beweise, etwa die gesunkene Lebenserwartung in Russland, dass Stress Auswirkungen auf die Lebenserwartung hat. Das Stresshormon Cortisol macht zwar Energie für Notsituationen verfügbar, bremst aber auch das Lernen und die Immunabwehr.

Je mehr Nervenmaterial wir im Laufe unseres Lebens gebildet haben, desto mehr können wir uns leisten zu verlieren (kognitive Reserve). Man nimmt an, dass Menschen mit besserer kognitiver Reserve sich besser ernähren, eine bessere Bildung haben und es im Beruf mit komplexeren Herausforderungen zu tun haben. Auch Faktoren wie Gehirngröße, frühes Lernen und größere berufliche Erfolge werden mit der kognitiven Reserve in Verbindung gebracht. Der altersbedingte intellektuelle Verfall kann durch Stimulation zum Stillstand gebracht oder rückgängig gemacht werden. Je besser die Neuronen im frühen Erwachsenenalter funktionieren, umso gesünder ist das Gehirn am Ende des Lebens. Personen mit hoher Bildung können zum Beispiel eine Alzheimer-Erkrankung zum Teil ausgleichen. Wenn wir das Gehirn durch stimulierende Aktivitäten aufbauen, können wir seine Gesundheit und Langlebigkeit unterstützen.

Das in unseren Kreisen so verbreitete „Ich entspanne mich“ kann also eine fatale Botschaft ans Gehirn sein. „Use it or lose it“ ist leider die Wahrheit.

Der „Anfängergeist“ des Buddhismus mit Neugierde, Offenheit, positiver Aufregung, Spiel, Affektregulation, Interesse, Enthusiasmus und Engagement scheint auch nach Erkenntnissen aus der Hirnforschung der optimale Geisteszustand für ein gesundes Gehirn zu sein.

 

Wachstum und Anpassung

Die Komplexität elektrischer Hirnaktivität nimmt von Kindheit bis in die sechziger Jahre hinein linear zu. Das soziale Urteilsvermögen und die Empathie verbessern sich. Ein fürsorglicher und unterstützender anderer Mensch schafft einen körperlichen und geistigen Zustand, der die Plastizität, das heißt das Lernen, begünstigt. Das gilt für Kinder wie auch für Alte.

Ein anwachsender Wissensfundus, tieferes Sinnverständnis, größere Komplexität des Denkens und umfassenderes Verständnis sind die Folge. Einsamkeit hingegen bedeutet einen Verlust an kognitiven Funktionen, Vitalität und Lebendigkeit. Ein Mangel an Herausforderung und Anregung sind Feinde der Gehirngesundheit.

 

Bindung und Weisheit

Es ist ein Quantensprung von einem oder einer Wissenden bis hin zu einer Weisen. Vorher müssen wir uns erst mal um andere Menschen kümmern, einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten und ein reifes Gehirn entwickeln (psychische, soziale und kognitive Aspekte). Eine Reifung des Denkens bedeutet z.B. eine zunehmende Komplexität, Bedächtigkeit und Emotionsregulation (Ertragen von Ungewissheit usw.). Wenn alles gut läuft, kann dann die Entwicklung von Weisheit ein altersgemäßer und natürlicher Vorgang sein.

Es gibt Entwicklungsimperative für den reifenden Geist. Dazu gehören z.B. Selbsterkenntnis, Selbstliebe, ein gutes und volles Leben, Urteilsvermögen, Integration unangenehmer Gefühle wie Schmerz und Verlust, uneigennütziges Geben, die Bereitschaft zur Veränderung sowie Hoffnung.

Sich um andere zu kümmern, ihnen etwas beizubringen, sie zu beraten, kann das Gehirnwachstum stark anregen. Menschen, die uns um Rat bitten, können unser Gehirn auf eine Art stimulieren, die uns nachdenklicher, verantwortungsvoller und fürsorglicher macht.

„Jeden Tag musst du etwas tun, das deinen Geist stärkt und deine Weisheit vertieft“ (Amerikanischer Ureinwohnen)

 

Die emotionale Reifung

Es findet ein lebenslanges psychisches Wachstum statt.  Die Psychoanalyse legt den Schwerpunkt des Wachstums auf die frühe Kindheit, das ist jedoch heute überholt.
Emotionale Reifung kann uns bei der Entwicklung von Weisheit helfen, indem sie es uns ermöglicht, auch in der Not offen und flexibel zu bleiben. Denn wir können nicht weise denken und handeln, wenn wir ängstlich, ärgerlich oder einsam sind, dies fördert eher Erstarrung als Weisheit.

Entgegen mancher Vorurteile sind ältere Menschen nicht mürrisch und pessimistisch, sondern haben eine eher positive Haltung, wie Untersuchungen belegen. Negatives wird von ihnen vergessen, die eigene Biografie positiver gesehen. Eine positive Lebenseinstellung steht in einer Wechselbeziehung mit körperlicher und geistiger Gesundheit. Optimistische Menschen neigen zu offensiven Bewältigungsstrategien wie Akzeptanz, Humor, Unterstützung, Umbewertung, Spiritualität (belegt durch Brustkrebsstudie). Optimismus und die Verminderung von Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktionen ermöglichen uns, unsere Grenzen zu transformieren, unser Mitgefühl zu bewahren und Befreiung zu erreichen.


Die Hürden der Weisheit

Das Erlangen von Weisheit erfordert die Integration von Erfahrung, emotionaler Reifung, Selbsterkenntnis und Mitgefühl. Und das, obwohl unser Gehirn immer noch von den Überlebensreflexen gesteuert ist.

Auf der ganzen Welt wird Weisheit mit Einkehr und Meditation in Verbindung gebracht. Dem Wahrheitssuchenden gibt jede freie Stunde die Möglichkeit sich nach innen zu wenden und die Mechanismen des Geistes und der Emotionen zu erkunden. Das braucht Zeit, Erfahrung und Geduld – keine Qualitäten von jungen Menschen.

Ältere Menschen haben beim Weisewerden Vorteile durch langsameres Tempo, ihre erweiterte Sichtweise und Erfahrung. Sie haben weniger Abwehr, eine klarere Sicht und mehr neuronale Netzwerke. Statt Tempo vorzulegen, reflektieren sie gründlich. 60-80jährige Menschen haben ein gleich gutes oder besseres soziales Urteilsvermögen als Jüngere.

Es erfordert Anstrengung, uns unserer eigenen Unzulänglichkeiten bewusst zu werden. Die Projektionen zurückzunehmen, zuzuhören und zu lieben, statt über andere zu urteilen. Unsere eigenen Ansichten in eine soziale Perspektive einzuordnen, unsere Vorurteile zu kennen, die Wichtigkeit menschlicher Beziehungen zu verstehen. Diese Art von Selbsterkenntnis, eine Folge unserer sich ständig entwickelnden Zivilisation, kann eine Voraussetzung für unser langfristiges Überleben werden.

Wir können unser Verhalten reflektieren, statt uns reflexhaft und zwanghaft zu verhalten. Dazu gehört, die Aufmerksamkeit von den Forderungen, Erwartungen und Details der äußeren Welt abwenden und sich der inneren Welt zuwenden zu können. Die Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis festigt sich in diesen Momenten der Stille. Diese tritt ein, wenn wir uns ruhig und sicher fühlen und nicht von äußeren Anforderungen gejagt oder emotional aufgewühlt sind. Auf diese Weise kann eine ruhige innere Welt geschaffen und jederzeit wieder aufgesucht werden. Dieser innere Raum schafft die Möglichkeit für ruhiges Nachdenken, Mitgefühl und Kreativität.

Im Parietallappen des Gehirns findet die Verknüpfung von Sinneserfahrungen mit bewusstem Denken statt. In Kontemplation und Meditation ist hier eine Aktivierung festzustellen. Die dadurch entstehende vermehrte graue Substanz steht zu einem späteren Zeitpunkt im Leben in Verbindung mit dem Phänomen der Selbsttranszendenz. Dazu gehören eine ausgereifte Kreativität, Offenheit und Verbundenheit. Der Parietallappen ist der Steuerungsbereich für die innere Erfahrung. Seine Vergrößerung ist für die Menschheitsentwicklung charakteristisch. Im Alter gibt es einen größeren neuronalen Verlust in den Frontallappen (die das Verhalten steuern) als in den Parietallappen. Dies könnte die Entwicklung von Achtsamkeit und Weisheit unterstützen.


Körper und Seele

Es gibt mannigfaltige Zusammenhänge zwischen Körper, Seele und Gehirnentwicklung. Eine bessere Nahrung trug zur Evolution bei. Heute hat eine Kalorienbeschränkung positive Auswirkungen auf das Gehirn und seine Lernfähigkeit. Auch körperliche Bewegung übt einen stimulierenden Einfluss auf das Gehirn aus. Erholsamer Schlaf ist ein entscheidendes Element, denn Schlafmangel wirkt sich auf Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis aus und wird mit einigen chronischen Krankheiten in Verbindung gebracht.

Der direkte Kontakt mit anderen regt vom Kindesalter an das Gehirn an. Wir brauchen sensorische und geistige Stimulierung von außen, sonst verkümmern wir. Am wichtigsten ist dabei das Erleben anderer Menschen. Berührung bewirkt Ausschüttung von Dopamin, Endorphinen und Oxytocin und ermuntert uns, Nähe und Kontakt zu suchen. Beruhigung, Sinken des Blutdrucks und Wohlbefinden sind die Folge.


Positiver Mythos

Ältere Menschen brauchen einen Lebenssinn und das Gefühl, respektiert und gebraucht zu werden. Wir verlieren viele Menschen auf unserem Weg ins hohe Alter. Anstatt zu leiden, können wir uns entscheiden, weiterhin zu lernen und zu lieben. Dies geschieht nicht automatisch, sondern erfordert Mühe. Erwartung ist Schicksal.

Häufig werden Überzeugungen, Meme, an die nächste Generation weitergegeben – so auch diskriminierende Vorstellungen über das Alter. Doch Meme können, anders als Gene, modifiziert werden. Dies hat gravierende Auswirkungen: ältere Menschen mit einem positiven Bild vom Altern haben ein besseres Gedächtnis, eine stabilere Gesundheit und leben im Schnitt 7,5 Jahre länger als die mit negativen Stereotypen.

Wir können also jetzt beginnen, für uns und andere und unsere ganze Kultur einen positiven Mythos vom Alter zu schaffen und zu verbreiten…

 

Literatur: Louis Cozolino, Ein gesundes alterndes Gehirn, arbor Verlag 2010

Foto: Marco Barnebeck / pixelio.de