Sich mit seinem eigenen animalischen Teil zu versöhnen ist ein Abenteuer. Die Kraft der Tiere kann uns dabei unterstützen, diesen Prozess zu meistern, etwa der Wolf, das Lamm und sogar das Biest.

von Sebastian Polmans

Ein Bild der Hoffnung

Dann weidet der Wolf beim Lamm, der Panther liegt neben dem Ziegenböcklein; gemeinsam wachsen Kälbchen und Löwenjunges auf und ein Kind kann sie hüten. (Jesaja 11,6)

Der Prophet Jesaja erzählte vor etwa 2700 Jahren von einem Kind, das im Spannungsfeld absoluter Gegensätze für Ausgleich sorgt. Es ist ein Ausdruck der Hoffnung und Zuversicht und klingt fast wie ein Märchen – zu schön, um wahr zu sein.
Scheinen im Außen Krisen, Konflikte und Kriegsszenarien das Weltbild zu beherrschen, wirkt die Prophezeiung Jesajas wenig Erfolg versprechend. Und doch kann sie wahr werden, wenn wir schauen, was sich in uns tut.

Wenden wir uns ab vom Außenweltgeschehen und blicken nach Innen, setzt das automatisch Einsichten frei, die einen Entwicklungsprozess anstoßen, der wie eine Geburt wirkt, eine innerliche Geburt. Dann werden wir das Kind, von dem Jesaja spricht, jede und jeder für sich auf unnachahmliche Weise.

Neu ist wirklich neu

Die Erfahrung lehrt uns, dass Wolf und Lamm, Panther und Ziegenböcklein, Kälbchen und Löwenjunge unvereinbare Gegensatzpaare bilden. Sie stehen für den nie enden wollenden Kampf zwischen Gut und Böse.
Wagen wir es nach Innen zu blicken, auch wenn etliche Ablenkungen versuchen uns davon abzuhalten, kann sich, was noch nie zusammenpasste, mehr und mehr als lebendiges Zeichen der Versöhnung offenbaren. Dann wird Unmögliches möglich und wir setzen Neues frei, wirklich Neues, für uns Selbst und die Welt.

Wenn wir uns unsere eigenen Widersprüchlichkeiten bewusst machen und mit ihnen versöhnen, kann Neues entstehen im schöpfungsfreudigen Zusammenspiel. Oftmals erleben wir dabei Durchbruchsprozesse, als Wehen, wie kurz vor einer Geburt, die das Wunder neuer Lebendigkeit zum Ausdruck bringen.
Schließen wir nichts mehr aus, auch nicht das vermeintlich böse Fiese, wird jedes Teilchen als wesentlich und wertvoll für’s Ganze erkannt und Ganzheit wirklich erfahrbar. Und dann muss das vermeintlich böse Fiese gar nicht mehr böse und fies sein.

Wirksame Wandlung

Im Schöpfungsmythos der biblischen Genesis erscheint das Tierische vor dem Menschen, der ein Abbild des Göttlichen ist und sich so gesehen ganz natürlich auch mit seinem göttlichen Abbild entfaltet.
Lehnen wir in unserem Mensch-Sein weder unsere animalischen Aspekte ab noch unsere göttlichen, entspricht es unserem Wesen, das niederste Instinkte und höchste Weisheit in sich vereint. Sich diesen Kräften, die unvereinbar scheinen, zu stellen, ist gewiss nicht immer leicht, und doch entspricht diese Entwicklung unserer menschlichen Natur. Das zeigt sich gerade in Zeiten von Krisen und Konfliktsituationen, in denen sich oftmals erst im Scheitern der Schlüssel für wahre, wirksame Wandlung finden lässt.

Tier, Mensch und Göttliches

Wie uns die Tiere an dieser Stelle helfen können? Sie sind absolut gegenwärtig, leben voll im Augenblick. Tiere sind einfach. Sie erfüllen sich im Brüllen und Balzen, in ihrer Beute und im Bild ihrer Spuren. Wenn sie fressen, fressen sie. Und singen sie, dann singen sie. Tiere sorgen achtsam und liebevoll für ihre Brut. Gleichsam können sie gnadenlos sein in Revierkämpfen.
Ihr Planungsspielraum entfaltet sich selten über eine Minute hinaus. Doch wirken ihre Nester und Bauten von genialer Architektur, ihre Flugrouten, wie von langer Hand geplant.

Im Aufbau seines Körpers und seiner Organe entspricht der Mensch einem Säugetier. Was ihn vom Tier unterscheidet ist, dass er sich seine tierischen Instinkte und Triebe bewusst machen kann und sich darin und darüber hinaus als göttliches Wesen erfährt. Im Laufe seines Lebens darf er es immer erfüllter spüren und erfahren.

Der Balsam vom Biest

Seit dem Sommer 2024 fallen mir Buntstiftbilder und kleine Gedichte ein, die ich Seelenbotschaften nenne und auf Papier zeichne. Sie machen mir die animalischen Aspekte meines Mensch-Seins bewusst und im selben Augenblick meine Göttlichkeit. Manchmal überraschen mich die Einsichten der Tiere, wie die Entdeckung eines hellen Schatzes in tiefer Dunkelheit, ein Licht, nicht am Ende des Tunnels, sondern in mir. Als Mensch stehe ich dann nicht mehr zwischen dem Einen und dem Anderen, zwischen Tierischem und Göttlichem. Ich muss mich nicht entscheiden für Licht oder Dunkelheit, für Liebe oder Macht, weil mir bewusst wird: Ich eine Beides in mir, als Liebesmacht, und brüte damit etwas ganz Neues aus.

Oftmals werde ich im Außen durch Ereignisse und andere Menschen aufmerksam darauf, was wie ein wildes Biest unbewusst in mir tobt. Und erst hier, in mir, kann es sich vollenden, weil ich es jetzt aus einer höheren Perspektive erkennen kann. Ich töte das Biest damit nicht, ich begegne ihm in Liebe. Statt es zu verurteilen und mich zu verteidigen, umarme ich es. Dann verwandelt sich das Biest, wie im Märchen, nur das es jetzt Wirklichkeit ist.
Ich habe es erlebt mit einer Erfahrung, die das Biest mir geschenkt hat. Seine Seelenbotschaft klingt so:

 

          Der Balsam vom Biest

          Das Biest, Wurzel der Entfaltung all Deiner niederen Instinkte.
          Vom Gipfel aus lauschst Du seinen Brüllern, die als Echo verklingen.
          Du weißt, es ist vorbei, legst ihm sanft Deine Hand auf die Wange.
          Bis hinunter ins Tal strahlt leuchtend Eure Regenbogengirlande.

          Womit Du bislang nicht fertig werden konntest, vollendet sich hier.
          Du nimmst Abschied vom Biest, es nimmt alle Ängste von Dir.
          Dein Herz schwingt ungeheuer hoch, freundlich verknüpfen sich Welten.
          Was bleibt vom Biest? Ein heiliger Balsam. Die pure Freude der Zellen.      

 

Ein Märchen wird wahr

Vielleicht wird das Märchen wahr in jeder und jedem von uns, wenn wir dem Biest in den Winkeln unseres Bewusstseins begegnen.
Vielleicht tobt es bei der Einen wütend in schattigen Fluren umher, vielleicht sitzt es beim Anderen tieftraurig im Kerker. Nicht selten braucht seine Wandlung Zeit und wirkt in Wellen. Manchmal halten wir ihm erst einmal die Hand durch die Gitterstäbe und sagen ihm, dass wir es lieb haben, bevor wir die Gefängnistür öffnen und es umarmen.

Wer sich in jedem Fall am meisten freut über diese Umarmung, ist das Biest selbst. Denn jetzt erfüllt es sich, so wie eine Frucht, die im Verwesen neue Samen frei gibt.
Mit der Neusaat erleben wir dann vielleicht, wie es sich anfühlt, wenn der Wolf beim Lamm weidet und der Panther neben dem Ziegenböcklein liegt.
Womöglich staunen wir dann zusammen und jede und jeder für sich, wie ein Kind. Und wir freuen uns, weil es am Ende kinderleicht ist.

 

Zeichnungen: © Sebastian Polmans

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