von Thomas Rottenbücher

Ich bin im Grunde frei, niemand sagt mir, was ich zu tun habe. Eigentlich könnte ich glücklich sein. Doch ich bin es nicht. In mir schwelt eine immerwährende Traurigkeit, die mich die Welt wie durch ein verdunkeltes Glas sehen lässt. Eine unbestimmte Angst umgibt mich wie eine schwere düstere Wolke, die niemals weicht. Egal, was ich tue. Ich weiß nicht, wovor ich Angst habe, sie ist einfach immer da. Im Hintergrund dröhnt sie leise und unablässig mit ihrem schweren matten Klang. Ich spüre sie wie einen Knoten in meinem Magen, kurz unter den Rippen. Sie pocht und drückt, nur wenn ich high oder betrunken bin, spüre ich sie für eine Weile nicht mehr. Ich kann diese Welt nicht mehr ohne Betäubung ertragen.

Ich habe eine große Sehnsucht nach Stille. Im Grunde sehne ich mich schon lange nach dem Tod, der Erlösung, dem großen Licht. Meine Seele findet nur im Rausch für eine Weile Ruhe. In den Büchern, die ich gelesen habe, ist von einem göttlichen Licht die Rede, das jedem Menschen innewohnt. Ich glaube das auch, aber ich finde die Türe nicht, die mich dorthin führt. Sie ist fest verriegelt und verschlossen, ich weiß auch gar nicht, wo ich nach ihr suchen sollte. Ich habe dieses Licht schon einmal vor vielen Jahren in einem Haschischrausch gesehen. Heute kann ich es nicht mehr finden, vielleicht werde ich ihm im Tod wiederbegegnen.

Eine Vision im Haschischrausch

Ich spiele Gitarre und singe dazu orientalisch anmutende Töne und Melodien. Fips trommelt auf den Bongos und Christian spielt auf einer Blockflöte dazu. Stefan liegt zugedröhnt mit geschlossenen Augen auf einer Matratze. Wir sind alle total high, die Reise nimmt an Fahrt auf. Jetzt bin ich in einer riesigen Kathedrale, schwebe hoch oben im Gewölbe und schaue hinunter. Unten im Kirchenschiff befindet sich eine große Anzahl von Mönchen in weißen Gewändern, die einen gewaltigen Choral anstimmen und sich dazu langsam im Kreise drehen. Die Musik ist ein brausender Strom, der immer lauter und immer rasender fließt. Sie ist gewaltig und dröhnt laut in meinem Kopf. Es gibt keine Zeit mehr, nur noch gegenwärtige Ewigkeit. Jetzt erscheint hoch oben in der Mitte der Kuppel eine kreisrunde Öffnung. Durch sie senkt sich langsam ein weiß glühender Ring herab, der kurz unterhalb der Öffnung schweben bleibt. Er beginnt, sich zu der rasenden Musik zu drehen, immer schneller und heller und strahlender.

Der Klang der kosmischen Musik nähert sich einem Höhepunkt. Dann sehe ich, wie glühende Flammen aus dem gleißenden Ring auf die Gemeinde unten im Kirchenschiff herabtropfen und in die Köpfe der Mönche einsinken, die sich in einer wogenden Menge zu ihrem beseelten Gesang ekstatisch hin und her bewegen. Die Flammentropfen bestehen aus Liebe, nein, sie sind pure Liebe, sie sind Gott, der sich mir zeigt. Diese Vision beobachte ich eine lange Weile, bin Teil davon, bin mitten darin, fühle sie. Zuletzt werden die Liebe und das Gleißen des Ringes so gewaltig, dass ich es nicht mehr ertrage. Ich höre auf zu singen und zu spielen, ich versuche, wieder Halt in der normalen Welt zu bekommen. Es dauert lange, bis ich den Weg zurück in den Kellerraum finde. Ich bin erschöpft, fühle mich aber unglaublich glücklich und voller Liebe. Dieses Erlebnis ist der reine Geist und ich spüre eine Woge des Verstehens. Leider erlebe ich danach nie wieder eine auch nur annähernd so kraftvolle Vision, eine solch wundervolle und mystische Erfahrung. Sie brennt sich auf ewig in meinen Geist ein.

In Indien

Im Dorf und am Strand mir sind in letzter Zeit junge hübsche Mädchen aufgefallen, die sehr glücklich wirken und die zu einer neuen amerikanischen Sekte gehören. Sie nennen sich „Die Kinder Gottes“ und die Mitglieder, vor allem aber die Mädchen, sind immer auf der Suche nach Menschen, die sie von Ihrer Religion überzeugen können. Das heißt bei Ihnen „Flirty Fishing“. Die Kinder Gottes sind wie Missionare unterwegs und werben ziemlich aggressiv um neue Mitglieder für ihre Sekte. Ich bin ihnen bereits aufgefallen, sie haben mitbekommen, dass ich dringend Hilfe benötige. Eines Tages sprechen sie mich auf dem Marktplatz an und sie bieten mir an, für mich zu beten. Mir ist das überhaupt nicht geheuer, ich möchte mit ihnen eigentlich nichts zu tun haben. Da es mir aber wirklich dreckig geht, willige ich ein. Sie bestellen mich für den Nachmittag in ihre Hütte am Dorfrand. Als ich eintreffe, warten schon ein paar Männer und Frauen auf mich. Ich soll mich in einem ansonsten leeren Raum auf eine Liege legen und die Augen schließen. Ich tue es, ich gebe mich diesen Menschen hin. Ich bin mittlerweile so verzweifelt, dass ich nach jedem Strohhalm greife, der mir helfen könnte, am Leben zu bleiben. Ich habe Todesangst, alleine an diesem unendlich weit von zu Hause entfernten Ort zu verrecken.

Sie sitzen um meine Liege herum und nehmen meine Hände, andere legen einfach ihre Hand auf meinen Körper. Ich habe die Augen geschlossen und ich höre, wie sie leise anfangen zu singen und Gebete für mich zu sprechen. Ich werde von einer Welle von Trauer und Selbstmitleid gepackt und beginne zu weinen. Die Tränen lassen einen Teil meiner Last von mir abfallen, ich lasse ihnen einfach freien Lauf. Ich kapituliere vor meiner Not und ich bin bereit, mich den Kindern Gottes ganz hinzugeben. Sie beten und singen, ich weine, ich heule und schluchze all meine Not hinaus. Nach einer Weile, ich weiß nicht wie lange sie dauert, hören sie auf zu singen und zu beten, nehmen ihre Hände von mir und sagen, dass Christus jetzt seine heilende und liebende Gnade über mich ausgegossen hat. Er wird mir helfen, ich solle einfach abwarten. Die Kinder Gottes wollen nichts weiter von mir, ich solle gehen und mich für das Wunder bereithalten, das mir mit Sicherheit widerfahren wird. Ich empfinde diesen fremden Menschen gegenüber eine warme Dankbarkeit und verlasse ein wenig gestärkt ihr Haus.

Kapitulation

Ohne die jahrelange Betäubung meiner Sinne und meiner Seele fühlen sich die nächsten Tage, Wochen und Monate wie eine Neugeburt in ein völlig verändertes Leben an. Ich erlebe zum ersten Mal seit langer Zeit wieder die Schönheit der Natur, das Abendlicht auf den Blättern eines Baumes oder den unverbrauchten Glanz eines neuen Morgens. Ich lerne, wieder zu riechen und zu schmecken. Ich lerne, meine Gedanken und Gefühle zu reflektieren und mit anderen Menschen zu teilen. Ich erkenne, dass Angst, Zorn und Mutlosigkeit nicht das Ende bedeuten, sondern ein Neubeginn sein können, wenn ich es wage, mich diesen Gefühlen zu stellen und über sie zu sprechen. Und so vieles anderes mehr. All dies geschieht natürlich nicht über Nacht. Es ist ein mühsamer Weg zu mir selbst, zu meinen Fähigkeiten, zu meinen Unfähigkeiten, zu dem Menschen, der unter den Trümmern seiner Selbstzerstörung verschüttet war. Und es ist ein spannender Weg zu anderen Menschen und zur Liebe. Das Lernen hört bis zum heutigen Tag nicht auf. Offenbar will ich doch leben.

Fazit

Seitdem sind fast 50 Jahre vergangen. Ich durfte lernen, anderen Menschen und mir selbst zu vertrauen. Lernen, dass Rausch und Betäubung keine Lösung, kein Ausweg aus den Kümmernissen des Lebens sind. Diese Jahre würden den Stoff für ein weiteres Buch hergeben. Es würde eine lange und erfahrungsreiche Story werden. Eine Geschichte über das Erwachsenwerden, über das Lernen und über die Entwicklung einer fast verlorenen Seele zu einem selbstsicheren Menschen. Ein Buch über Menschen, Begegnungen, Enttäuschungen und Erfolge. Und über die Liebe.

 

Lesungs-Termine:

21.02.26 – 19 Uhr   Café Racha & Roger, Straße der Einheit 24, 14806 Bad Belzig
29.03.26 – 19 Uhr  Kulturstall Netzen, Netzener Dorfstr. 9A, 14797 Kloster Lehnin

 

Buchtipp:

Das Leuchten des Abgrunds

Autor: Thomas Rottenbücher
In der vorliegenden autobiographischen Geschichte verfolgen wir die Flucht eines sensiblen Jungen aus einem bedrückenden Elternhaus und begleiten ihn auf seinem schmerzhaften Weg durch die Wirren der 60er und 70er Jahre in Westdeutschland und im Orient. Sie erzählt vom Verlust der einst gehegten Träume, von gescheiterten Beziehungen zu anderen Menschen und letztlich von der Kapitulation vor dem Dämon Alkohol.
Das Buch ist direkt beim Autoren erhältlich über seine Musikerseite www.rottenbuecher.com (und im Onlinehandel). 

Über den Autor

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Mehr Infos

Thomas Rottenbücher wurde 1951 in München geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte. Die Zeit des Deutschen Wirtschaftswunders in den 50er und 60er Jahren erlebte er als Schüler eines altsprachlichen Gymnasiums. Er machte erste Bekanntschaft mit Alkohol und Drogen, die seinen weiteren Lebensweg bestimmen. 1969 wechselte er nach West-Berlin, wo er bis 1971 ebenfalls das Gymnasium besuchte. 1973 begab er sich mit einer Freundin auf eine lange Reise, die ihn durch die Länder des Orients bis nach Indien führte. Nach der Rückkehr schlug er sich die nächsten Jahre mit verschiedenen Gelegenheitsjobs durch. 1976 fand er in einer Berliner Suchthilfe-Einrichtung zur Abstinenz. Als Autodidakt erlernte er den Beruf des Töpfers und legte 1999 die Meisterprüfung im Keramiker-Handwerk ab. Von 2000 bis 2017 war er Leiter der Suchthilfe SCARABÄUS e.V. in Schmerwitz. Heute lebt und arbeitet der Autor in dem kleinen Ort in Brandenburg als Keramiker und Musiker.

Kontakt
Thomas Rottenbücher
mobil: 0178-49 29 331

 



Eine Antwort

  1. Ilona Buhn

    Dieses Buch hat mich maßlos berührt, überwältigt und beeindruckt! Es ist unfassbar, was dieser Autor erlebt und überlebt hat. Was für eine schonungslos ehrliche, fast schon distanzierte Beschreibung seiner Kindheit und Jugend. Und bei aller Entsetzlichkeit immer wieder diese unglaublich zarten Passagen, die von einer zutiefst sensiblen Seele zeugen.
    Wieviel Mut und Kraft gehört dazu, so ein Buch zu schreiben.
    Jeder, der irgendwo mit seinem Leben hadert, sollte dieses Buch lesen – es ist ein Dokument der Kraft und der Hoffnung!

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