von Mike Kauschke

Die Meinungen zum Umgang mit Corona stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber. Woher können in solch einer Zeit Impulse kommen, die einer Spaltung des sozialen Miteinanders entgegenwirken? Wieder sind wir in einem harten Lockdown, wann er vorüber sein wird, ist unsicher. Das wirft aber schon ein Licht auf die existenzielle Situation, in der wir uns alle befinden: Unsicherheit, Ungewissheit.

Im ersten Lockdown vor einem Jahr nahmen viele Menschen diese Situation als eine individuelle Herausforderung und auch Gelegenheit an. Es wurde still, weniger physische Kontakte, weniger Reisen, mehr Zeit für die Familie, zum Lesen, für Gedanken an das Wesentliche. Die Entschleunigung stellte für einige Menschen die Frage neu: Was ist eigentlich das Wesentliche in meinem Leben? Was will ich wirklich? Es war eine Atempause, die uns auch zeigte, wir können auf Krisen reagieren, wenn wir nur wollen. Mit Hinblick auf den Klimawandel durchaus ein Hoffnungsschimmer.

Gemeinsame Ungewissheit

Im ersten Lockdown waren wir noch alle zusammen in diesem Aufschrecken über eine nie dagewesene Situation und der Ungewissheit, in die sie uns wirft. In den folgenden Monaten hat sich nun aber doch gezeigt, wie unterschiedlich wir mit dieser Unsicherheit umgehen.

Viele vertrauen den Reaktionen der Regierenden, an denen aber auch mehr und mehr Kritik laut wird. Für die einen wird zu wenig getan, sprich heruntergefahren, für die anderen zu viel. Andere vermissen eine langfristige Strategie oder schauen nach Schweden oder auf asiatische Länder für den besseren Weg. Daneben hat sich eine Gegenöffentlichkeit von alternativen Medien, Querdenkern und Verschwörungserzählungen gebildet, in der auch einige Menschen aus der spirituell-alternativen Szene einen Raum für ihre Bedenken finden.

Deshalb scheint mir, die kommenden Monate fragen uns nun als Kollektiv, als Gesellschaft nach dem Wesentlichen. Das Wesentliche für eine Gemeinschaft ist, dass sie eine Gemeinschaft bleibt und sich als solche weiter entfaltet. Eine Gesellschaft, die innerlich fragmentiert, gespalten, aufgezehrt ist, verliert ihre Lebendigkeit, ihre Kreativität, ihre Widerstandkraft, ihre Entwicklungsfähigkeit und ihre Fähigkeit, auf Herausforderungen zu antworten. Deshalb ist ein Zeichen für eine gesunde Gesellschaft ihre Fähigkeit zur Integration. Zum einen zeigt sich diese Fähigkeit darin, ob wir neue Informationen integrieren können. Vor Kurzem wurde bekannt, dass Forscher nun davon ausgehen, dass wir als Menschen mehr Dinge produziert haben, als es natürliche Biomasse auf der Erde gibt. Wir befinden uns also tatsächlich im Anthropozän, in dem die Klimaerwärmung fortschreitet und unzählige Arten sterben. Schon seit vielen Jahren haben wir als Gesellschaft nicht vermocht, diese Informationen wirksam zu integrieren, damit sie unser Handeln verändern.

Zunehmende Polarisierungen

Integration bedeutet aber innergesellschaftlich auch, die Vielfalt und Diversität der Menschen in ein lebendiges Ganzes zu integrieren. Vor diese Herausforderung waren wir während der Flüchtlingskrise gestellt und wir haben sie zunächst relativ gut gemeistert. Wie gut, wird sich aber wohl erst noch zeigen. Schon damals gab es eine Polarisierung in Befürworter und Gegner einer „Willkommenskultur“. Es bildeten sich polarisierende Bewegungen wie Pegida und schließlich nahm die AfD mit dieser Energie an Fahrt auf. Und so wie die AfD in der Flüchtlingskrise die Ängste vor zu vielen aufgenommenen Flüchtenden nutzte, versucht sie heute, die Proteste gegen die Corona-Politik zu instrumentalisieren und anzuheizen. Jetzt kommt „der Feind“ nicht mehr von außen, sondern das „Establishment“ von Politik, Medien und Wissenschaft wird die Legitimierung abgesprochen bzw. düstere Machenschaften werden ihnen nachgesagt. Es wird die Systemfrage gestellt. In dieses Fahrwasser passen dann auch die Panikerzählungen in alternativen Medien von einer „Corona-Diktatur“, obwohl sie oft auch andere Hintergründe haben. Teilweisen enttäuschte Linke, die jetzt die Chance zum Systemwechsel sehen, Blogger, für die Verschwörungstheorien zum Aufmerksamkeitsmagnet und Geschäftsmodell werden, oder „Berufsalternative“, die allem misstrauen, was irgendwie „etabliert“ ist. Das alles unter drastischer Filterblasenbildung in den sozialen Medien.

Gleichzeitig gibt es auch bei den Befürwortern der Corona-Politik oder den Forderern nach noch strengeren Maßnahmen häufig eine vorschnelle Abwehr jeder Kritik. Auch in den etablierten Medien werden Angstszenarien erzeugt. Psychologische, soziale und medizinische Folgen z. B. wegen unterlassenen Behandlungen anderer Krankheiten kommen kaum vor im öffentlichen Diskurs. Das alles aber in einer Zeit, wo nun täglich viele Menschen durch die Folgen des Virus sterben und sich eine Übersterblichkeit abzeichnet.

Sicher ist es so, dass solch eine Situation Ängste und individuelle und kollektive Traumen aktiviert, die sich in diesen Verwerfungen ausagieren. Ein Verständnis dieser Dynamiken wird essenziell sein, um diese Zeit als Möglichkeit zu begreifen und zu nutzen. Aber wofür?

Die nötige Transformation

Möglicherweise für eine Transformation hin zu einer integrierenden Gesellschaft, die aus Vielfalt, Spannungen und Konflikten, die Kreativität generiert, die wir brauchen, um in einer komplexen Welt achtsame, mitfühlende Handlungswege zu finden. Aber wo fangen wir an? Sicher bei uns selbst. Jeder von uns kann sich fragen, wo er oder sie zur Integration beiträgt. Zum Dialog, zum Verstehen. Das beginnt im Freundeskreis und geht weit ins gesellschaftliche Gefüge. Aber es geht auch um neue Prozesse gesellschaftlichen Sprechens, Entscheidens und Handelns.

In einem Gespräch mit dem integralen Denker Stefan Ruf kam ein einfacher Zugang zum Wesen der Integration auf. Das Wort „und“. Viele der momentanen Debatten sind getragen von der Trennung des „Gegen“, des „Entweder-oder“, des „Wir gegen die anderen“. Entweder bist du für oder gegen die Maßnahmen oder die Regierung. Mit diesen Positionierungen geben wir uns inmitten der Unsicherheit eine gewisse, aber scheinbare Sicherheit. Ich stehe auf der „richtigen“ Seite.

Aber was ist, wenn das Auf-einer-Seite-stehen das Problem ist? Damit meine ich keine Beliebigkeit oder das Verwaschen unterschiedlicher Positionen, sondern ein Gewahrsein für das Dazwischen. In einem evolve Salon beschrieb es kürzlich ein Teilnehmer so, dass die meisten Debatten gerade wie ein Ping-Pong sind, die Gegner schlagen die Argumente einander entgegen und hoffen, dass sie (irgendwann) gewinnen. Aber was wäre, so fragte er weiter, wenn es nicht um diesen „Schlagabtausch“, das Gewinnen, das Rechthaben ginge, sondern darum, den Ball möglichst lange in der Luft zu halten? Wenn der Ball sich in der Mitte dreht und sich darin zeigt, was sein könnte.

Der lebendige Zwischenraum

Das „Und“ eröffnet einen Zwischenraum des Gesprächs. Ich kann die Willkommenskultur vertreten und die Probleme in der Integration von Menschen aus islamisch geprägten Ländern in eine Demokratie ansprechen. Ich kann die Corona-Situation ernstnehmen, die vielleicht auch einschränkende Maßnahmen erfordert, und ich kann einige dieser Maßnahmen oder deren Umsetzung kritisieren. Ich kann unser demokratisches System verteidigen und eine Transformation desselben fordern oder andenken. 

Dieses „Und“ eröffnet zumindest die Möglichkeit für ein Gespräch. Damit dies gesellschaftlich wirksam wird, brauchen wir Lebensräume, in denen wir uns in diesem „Und-Bewusstsein“ begegnen können: Deine Sichtweise hat sicher auch berechtigte Perspektiven, so wie die meine. Deine Ängste haben ihren existenziellen Grund, so wie die meinen. Deine Visionen kommen aus deiner inneren Sehnsucht, so wie die meinen. Deine Ideen kommen aus deiner lebendigen Kreativität, so wie die meinen. Wenn der Zwischenraum offen und fruchtbar bleibt, können neue Lösungen entstehen. Es gibt immerhin schon konkrete Ansätze dazu in Bürgerräten oder Gemeinwohlkonventen, die wir gemeinsam weiterentwickeln und aktivieren können.

Es mag sich naiv anhören, aber ich glaube, die Spaltungstendenzen dieser Zeit rufen alle Menschen gleich welcher politischen Gesinnung, denen das verbindende „Und“ wichtiger ist als das trennende „Oder“, dazu auf, diesen Zwischenraum gemeinsam lebendig zu bewohnen. Damit sich der Ball unserer Zukunft in der Mitte zwischen uns drehen kann. Dann bauen wir alle mit an einer Gesellschaft, deren gesunder, demokratischer Kern ein fortwährender Dialog darüber ist, wer wir sein und werden wollen.

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