von Mike Kauschke

Meditation bringt mich in Berührung mit dem Bewusstsein, aus und in dem die Gedanken entstehen – als sinke ich aus den Wellen an der Oberfläche des Bewusstseins in tiefere Gewässer. Hier ist es möglich, die Wachheit des Bewusstseins zu erfahren, die allen Inhalten zugrunde liegt und vorrausgeht. Wenn ich morgens meditiere, erlebe ich das immer wieder als eine überraschende Befreiung aus der Zugkraft des konditionierten Denkens heraus und in die Gegenwärtigkeit eines weiten Seins hinein. Aus dem Sein und der Stille, die ich darin wahrnehme, ersteht das Denken, wenn ich mich ihm wieder zuwende, frischer und kreativer. Mit zunehmender Übung kann dann in jedem mentalen Prozess der Bewusstseinsgrund – frei, leer von Inhalten – hindurchschimmern und die Gedanken offener und verbundener sein lassen. Vielleicht sogar poetischer.

Die Ewigkeit als Liebe und Mitgefühl spüren

In diesem Urgrund des Bewusst-Seins habe ich teil an der ursprünglichen Einheit des Seins, die den Trennungen vorhausgeht. Körper und Geist werden ununterscheidbar, es ist ein offenes Gewahrsein als Körpergeist, als leiblich verkörperte geistige Anwesenheit. Diese Erfahrung ist in rationalen Begriffen, die immer auch auf Trennungen und Abgrenzungen beruhen, nicht zu fassen. Meditation wird im Zen auch so bezeichnet: Denke Nicht-Denken. Es ist ein Denken als bewusste, geistige Anwesenheit, die sich nicht auf bestimmte Gedanken oder Begriffe richtet, sondern im leeren offenen Gewahrsein verweilt. Die Gedanken ziehen wie Wolken vorbei, der weite Himmel bleibt unberührt. Dieser Himmel bin ich als wache Gegenwärtigkeit, bewusstes Bezeugen einer Seinsfreiheit, in der mein eigenes Wesen durchdrungen wird von der Weite einer lebendigen Leere. Diese Leerheit ist kein totes Vakuum, sondern Quellort des bewussten Daseins, das sich auch wieder in Gedanken und Gefühlen ausdrückt, die zum Handeln führen. Sie werden von innen her verwandelt durch die Erfahrung, über die Trennung von Körper und Geist, über meine Trennung von anderen Menschen, anderen Wesen, der Welt hinausgegangen zu sein. In dieser Leere leuchtet von tief Innen ein Wissen auf von der Ungetrenntheit der Wirklichkeit, die ich als Einsicht in die wahre Natur der Dinge erfahre; ein Wissen von der Ewigkeit des Seins, die ich als Freiheit erlebe, von meiner Einheit, Nicht-Zweiheit mit allem, was ist, die ich als Liebe und Mitgefühl spüre. Dies sind Erfahrungen des Erwachens zu unserem Wesen, die nicht im rationalen, auf Gegensätzen beruhenden Denken und einer daraus entstehenden Sprache nachvollziehbar und aussprechbar sind. Menschen haben in allen Kulturen solche Erleuchtungen mit poetischen Worten umschrieben, angesprochen, angedeutet. Der Finger, der auf den Mond deutet, wir es im Zen heißt.

Eine poetische Metapher für die Natur des Bewusstseins ist das Meer. Das Meer ist ein ungetrenntes Ganzes, das aus unzähligen Wassermolekülen besteht und sich in unergründliche Tiefen erstreckt. Auf der Oberfläche des Ozeans entstehen Wellen, sie schäumen auf und sinken zurück in die Einheit des Meeres. Das ungeteilte Bewusstsein ist wie das Meer, in dem wir alle eins sind, unsere individuelle Existenz entsteht wie eine Welle aus der Strömung des Meeres und sinkt wieder in den Ozean zurück. Jede Welle ist nichts anderes als das Meer, ist ein Ausdruck des Meeres. So ist auch jeder Gedanke wie ein Aufschäumen an der Oberfläche des Meeres. Meditation ist in diesem Gleichnis das Hinabsinken in die stille Einheit in der Tiefe des Ozeans, mit all seiner Weite, Offenheit und Unendlichkeit.

Das Denken wird offen wie das Meer

Die Erfahrung dieser Offenheit führt auch zum Eingeständnis meines Nicht-Wissens, denn es gibt so viel, was ich nicht in Gedanken erfassen kann. Das lässt mich der Welt und den Perspektiven anderer Menschen gegenüber offener sein. Ich muss nicht auf meiner Meinung beharren, kann zuhören. Die Gedanken können so freier fließen und sich schöpferisch mit den Gedanken anderer verbinden. Das Denken wird beziehungsfähig, offen für Dialog, Synergie und Synthese. Es ist ein »Denken ohne Geländer«, wie es Hannah Arendt nennt. Ein Denken, dass sich nicht nur im Bekannten der schon gebildeten Meinungen und des angehäuften Wissens bewegt, sondern auch Neuland erschließen kann, in dem es bisher unerkannte Zusammenhänge und Bezüge findet. Das erfordert eine Bescheidenheit in Bezug auf das, was wir wissen können. Die Demut, dass sich über den Horizont meines Schon-Wissens ein weiter, ein vielleicht unendlicher Horizont des Nicht-Wissens erstreckt.

Ein offenes, Neuland erschließendes Denken kann, wenn es im Gespräch mit anderen geteilt und bewegt wird, einen gemeinsamen Denkprozess ermöglichen. Das ist die Grundlage jedes echten Dialoges, in dem wir miteinander denken, wobei die unterschiedlichen Sichtweisen der Beteiligten in einem Ganzen bewegt werden und in eine synergetische Durchdringung finden. Anders als in einer Diskussion mit dem Widerstreit der Meinungen und Argumente – oder bestenfalls im offenen, wertschätzenden Diskurs, in dem das bessere Argument überzeugt – wird hier aus einem Gegeneinander ein schöpferisches Miteinander, dessen Sinn die Emergenz, das Entstehen neuer Erkenntnisse ist. Darin wird die Verschiedenheit der Perspektiven in eine Beziehung gebracht, die nicht in Fragmentierung auseinanderfällt oder in Konformität erstickt. In solch einem Gespräch bleibt die gemeinsame Mitte offen, niemand verstellt sie aufgrund von Druck, Macht oder dem Willen, das eigene Argument zum Sieg über die anderen zu führen. Eine Unterstützung dafür ist die Übung der Meditation, in der ich die Wesensmitte meiner Identität offenhalte, indem ich meine Gedanken beobachte. Wenn in einem Gespräch diese Mitte frei bleibt, dann wächst der Zwischenraum, in dem sich eine Intelligenz, ein Wissen, eine Weisheit zeigen, die mehr ist als die Summe der Beteiligten. Es ist, als ob aus dem gemeinsamen Bewusstseinsraum, aus der Verbindung der Sichtweisen neue Gedankenströme entstehen, die ein frisches Licht auf die Welt werfen, auch auf ganz konkrete Probleme und deren Lösungen. Unsere komplexen Krisen werden wir nur in einem solchen Prozess des gemeinsamen Denkens lösen können, in dem keine Sichtweise dominiert. Ohne diese Fähigkeit, verschiedene Perspektiven, Identitäten und Interessen in einem offenen Raum des Gesprächs zu halten, gibt es keinen Frieden. Keinen inneren und keinen äußeren.

 

Erstveröffentlichung in „Im Gespräch mit der lebendigen Welt: Poetische Weg zu einem schöpferischen und sinnerfüllten Sein

Über den Autor

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Mike Kauschke ist Autor, Redaktionsleiter des Magazins evolve, Dialogbegleiter und freier Übersetzer mit Schwerpunkt auf Büchern zum Thema Achtsamkeit, integralem Denken und Organisationsentwicklung. Er praktizierte Zen-Buddhismus bei Lehrern in den USA und Europa, erforschte eine integrale, transkonfessionelle Spiritualität und war als Krankenpfleger in der Palliativpflege und Hospizarbeit tätig. Er ist Autor der Bücher „Auf der Suche nach der verlorenen Welt – Eine Reise zur poetischen Dimension unseres Lebens“ und „Im Gespräch mit der lebendigen Welt: Poetische Weg zu einem schöpferischen und sinnerfüllten Sein“. www.mike-kauschke.de 

Angebote: Übersetzungen engl./dt., Journalistische Texte, Essays und Interviews, Lektorat, Textbegleitung, Lyrik, Lesungen, Vorträge, Dialogseminare

Buch: „Auf der Suche nach der verlorenen Welt – Eine Reise zur poetischen Dimension unseres Lebens“ und „Im Gespräch mit der lebendigen Welt: Poetische Weg zu einem schöpferischen und sinnerfüllten Sein“. Textbeiträge in „Metamoderne: Neue Wege zur Entpolarisierung und Befriedung der Gesellschaft“ (Vandenhoek & Ruprecht) und „Lebenskunst“ (Rosenkreuz Verlag).

Gedichte von Mike Kauschke auf der CD von Monika Cyrani
Der Stern in uns
Deutsche Eigenkompositionen, 2020

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