Die alternative Entwicklung im Hohen Fläming

Die Kreisstadt Bad Belzig liegt mitten im Naturpark Hoher Fläming. Nach der Wende siedelte sich hier, rund 70 km entfernt von Berlin, eine interessante Mischung von Menschen an. Um das ZEGG zu gründen, kamen 1991 achtzig Zuzügler aus Westdeutschland, Österreich und der Schweiz nach Belzig. Zeitgleich begann die in Berlin ansässige Suchthilfegemeinschaft „Synanon“ (heute „Scarabäus“) in der Nähe, im Ort Schmerwitz, unter anderem einen ökologischen Landwirtschaftsbetrieb aufzubauen. Künstler und andere Hauptstadtflüchtlinge entdeckten den preiswerteren Charme der Kleinstadt; Spätaussiedler zogen hierher.
Mit den Jahren veränderten sich die Projekte. Aus dem ZEGG zogen Menschen aus und gründeten kleinere eigene Projekte, zum Beispiel in den Ortschaften Reetz und Grützdorf. Aus dem ZEGG-Umfeld heraus entstand ein größeres Gemeinschaftsprojekt in Lübnitz. „Synanon“ gab seinen Stützpunkt im Fläming auf; einen Teil der Arbeit übernahm der Verein „Scarabäus“. Auf seinen landwirtschaftlichen Flächen hatte Synanon einen wichtigen Grundstein gelegt für einen ökologischen Anbau, der von dem landwirtschaftlichen Betrieb „Gut Schmerwitz“ und einigen Gemeinschaftsprojekten weitergeführt wurde.
Zahlreiche Wohngemeinschaften und Einzelpersonen siedelten sich wegen der Nähe zum ZEGG und der entstehenden interessanten Alternativregion hier an; oft Menschen mit eigenen Vorhaben und viel Tatkraft.

Aus diesem bunten Gemisch entwickelten sich mit der Zeit immer mehr selbst bestimmte Initiativen, die versuchen, ein anderes Miteinander in vielen Lebensbereichen umzusetzen: so in den Bereichen Bildung, nachhaltige Energieversorgung, gesunde Ernährung, Kunst, Heilung, Sport, Spiritualität, Unterstützung von Asylbewerbern. „Die Gesundheitskasse Artabana“, die zur Zeit daran arbeitet, als Alternative zu den Krankenkassen anerkannt zu werden, verfügt im Fläming mittlerweile über drei eigenständige Gruppen. Seit Oktober 2010 gibt es die Regionalwährung „Steintaler“, mit der die wirtschaftliche Vernetzung der Region gefördert und langfristig ein zinsfreies Wirtschaften ermöglicht werden soll.
Manchmal sagen Menschen aus dem ZEGG stolz, das alles habe sich entwickelt, weil ihr Projekt hier sei. Das ist auch nicht verkehrt, denn sicher wären viele Menschen ohne das ZEGG nicht in den Fläming gekommen. Ist es doch immer wieder ein Treffpunkt und bietet mit seinen vielfältigen Veranstaltungen auch für die Region Angebote, die nicht dem üblichen Landleben entsprechen. Tatsache ist allerdings, dass viele Menschen und Faktoren zur Entstehung des heutigen Netzwerkes beigetragen haben. Dabei wurde die Entwicklung dieser Alternativregion von niemandem konzeptionell ausgedacht und geplant; sie wächst organisch wie von selbst. Menschen entdecken andere Menschen, die etwas vorhaben oder machen, das zu dem passt, was ihnen selbst vorschwebt, seien es nun soziale Lebensformen, Heilungsmethoden, gesunder Nahrungsmittelanbau, Musik- oder Theaterprojekte. So wächst und verändert sich die Region von innen heraus. Vielleicht existiert im Menschen immanent ein Bild von dem, was wir am Leben lieben und zum Leben brauchen, und daraus entsteht eine natürliche Entwicklung.

Wie bei jedem organischen Wachstumsprozess läuft auch im Fläming nicht alles geradlinig; Initiativen zerfallen oder formieren sich neu, Schwerpunkte der Akteure verändern sich. Dabei entwickelte sich jedoch Solidarität unter vielen Beteiligten; man begann, die Entwicklung der anderen zu begleiten und sich gegenseitig zu unterstützen und zu inspirieren.
Noch verläuft die beschriebene Entwicklung von einigen Ausnahmen wie der Förderung durch Spezialprogramme der EU oder des Landes abgesehen parallel zur offiziellen Regionalpolitik. Die Stadt Bad Belzig scheut noch das Neue und setzt mehr auf klassische touristische Konzepte, wie die Entwicklung als Heil- und Kurort Bad Belzig mit Reha-Klinik, Steintherme und geplantem Vier-Sternehotel. Besser sieht es schon im nahe gelegenen Wiesenburg aus. Trotz Finanzknappheit der Kommune unterstützt zum Beispiel die Bürgermeisterin in vielfältiger Weise Projekte des kulturellen Aufbruchs. So wurde die alte Reithalle des Ortes zur Kunsthalle und die alte Grundschule zu einem Kulturprojekt; ein brach liegendes Gelände am Bahnhof war im Spätsommer 2010 Schauplatz des internationalen Alternativcamps „Ökotopia“. Wiesenburg wurde übrigens 2010 mit der Goldmedaille der Initiative „Unser Dorf hat Zukunft“ auf Bundesebene ausgezeichnet.
Eine Qualität einer Entwicklung von unten ist allerdings, dass Menschen gar nicht mehr darauf warten, offiziell gefördert und anerkannt zu werden, sondern ihr Leben selbst in die Hand nehmen, Initiativen starten und sich vernetzen. Im Fläming wurde und wird die Vernetzung stark durch den „Fläming-Verteiler“ unterstützt, einen Email-Verteiler, der über 400 Menschen erreicht. Zudem findet einmal im Jahr ein Regionaltreffen statt, bei dem Menschen und Gruppen sich in einer „Open Space“-Veranstaltung ein Wochenende lang zusammensetzen. Diese Regionaltreffen fanden in den ersten beiden Jahre im ZEGG statt; anschließend war Wiesenburg Gastgeber, und inzwischen wandert das Treffen in andere umliegende Ortschaften weiter.
Im ZEGG selbst hat sich der regionale Blick im Laufe von 20 Jahren stark verändert. Anfangs führte die Vision der Ganzheitlichkeit dazu, alle Themen ins eigene Projekt ZEGG hineinzuholen. Inzwischen ist jedoch klar, dass auch eine noch so komplexe Gemeinschaft nur einen Teilbereich aller menschlichen Themen abdecken kann und für vieles wie zum Beispiel die Energie- und Nahrungsmittelversorgung, Bildung und die ganze Breite der Kunst die Region eine viel sinnvollere Einheit bildet. So engagieren sich auch Menschen aus dem ZEGG in vielen der genannten regionalen Initiativen. Eine Zukunftsvision an dieser Stelle ist eine größere gemeinsame Ausrichtung all dieser Projekte auf das Ziel, auch in der Kommunalpolitik eine stärkere Stimme zu haben.

Der immer größer werdenden Entfremdung in der konzerngesteuerten Globalisierung können wir mit dem Aufbau von starken Regionen entgegenwirken. Ein realistischer Traum ist der, hier im Hohen Fläming unser Leben aus eigener Initiative nachhaltig und menschenwürdig zu gestalten. Ein Modell dafür ist die „Transition-Town“-Bewegung aus England. Die möchte viele Projekte im Geiste des ökologischen Landbaus, der Energieversorgung aus regenerierbaren Energien, des solidarischen Wirtschaftens, einer freier Bildung und Kultur entstehen lassen, so dass möglichst schnell die Gestaltung des tiefgreifenden Wandels beginnt, der durch den Rückgang der wichtigen Rohstoffe und die Verödung und Zerstörung immer größerer natürlicher Bereiche der Erde zwangsläufig kommen wird. Zum Glück wissen wir: Entwicklungen, die große Veränderungen nach sich ziehen, verlaufen nicht linear, sondern eher in Sprüngen.
Hoffentlich sind wir in zwanzig Jahren schon viel weiter als wir es uns heute erträumen.

Bild: © Achim Ecker