Wie Feinsinnige ihre Veranlagung aktiv leben können

Sybille tritt auf die Straße. Die Ruhe des Hinterhofs ist mit einem Schlag vorbei: Laster rasen im Zentimeterabstand an ihr vorbei, die Tram fährt schrill quietschend um die Ecke und ein Passant rennt sie auf dem engen Gehweg fast um. Die Druckwelle der visuellen und vor allem akustischen Eindrücke raubt ihr fast den Atem. Schnell wendet sie sich nach rechts, eilenden Schrittes in Richtung U-Bahn, den Blick auf das Muster der Gehwegplatten gerichtet, um wenigstens von der bewegten Vielfalt des ganz alltäglichen Straßenverkehrs nicht noch weiter überflutet zu werden. Sybille ist hochsensibel.

Hochsensibilität ist eine Veranlagung. Wer sie in sich trägt, wird von ihr vom ersten bis zum letzten Tag seines Lebens geprägt. Hochsensibel zu werden ist daher recht einfach.

 

Fakten und Merkmale

Das Phänomen der Hochsensibilität, oder auch Hochsensitivität, wie manche es nennen, zeichnet sich durch eine deutlich intensivere Reizaufnahme und die entsprechende, intensive Informationsverarbeitung in Gehirn und Körper aus. Wer hochsensibel ist, sieht mehr, hört mehr, fühlt mehr, riecht mehr. Andrea Brackmann, deutsche Psychologin fasste es einmal so zusammen: mehr wahrnehmen – mehr fühlen – mehr denken.
Diese Disposition betrifft etwa ein Fünftel aller Menschen und auch bei Tieren wurde es inzwischen nachgewiesen. Noch steckt die Wissenschaft hierzu in den Kinderschuhen, aber die amerikanische Psychologin und Pionierin des Phänomens Elaine Aron trägt durch ihre Forschungen seit den 1990ern maßgeblich zur Erklärung der Disposition und dem Verständnis für die Betroffenen bei.
Woran können Sie nun erkennen, dass Sie oder ein Mitmensch möglicherweise zur Gruppe der Feinfühligen gehört? Einen klassischen Test mit Zahlen, Daten, Fakten gibt es derzeit leider noch nicht. Daher ist jeder, der diese Frage klären möchte, auf Fragebögen und Gespräche mit Fachkräften angewiesen, die sich zu diesem Thema fortgebildet haben. In Fragebögen werden typische Merkmale und Verhaltensweisen abgefragt, die sich aufgrund der entsprechenden Disposition bei den Betroffenen zeigen können. Wichtig zu beachten ist jedoch, nicht jeder Hochsensible reagiert auf die gleiche Weise oder in den gleichen Bereichen in ähnlicher Intensität überreizt. Hochsensibilität ist ein sehr komplexes Wesensmerkmal und so sind auch feinsinnige Menschen häufig recht komplex und eigenwillig.
Neben dem Hauptmerkmal der detaillierten Wahrnehmung gesellen sich noch spezifische Bedürfnisse, Verhaltensweisen und Empfindungen wie: den Dingen auf den Grund gehen; großer Gerechtigkeitssinn; starkes Harmonie- und Perfektionsbedürfnis; ausgeprägte Empathie; mögen keine großen Gruppen, lauten Orte, schlechten Gerüche; sehr empfindsam mit kratzigen Stoffen, Nähten Medikamenten oder Kaffee; denken häufig komplex und tiefgründig; lieber weniger, aber dafür tiefere Freundschaften; nehmen Schwingungen, Energien oder Belastungen anderer Menschen oder in Situationen stark auf u.v.m.
So speziell die Fähigkeiten und Gaben der Feinfühligen sind, so „ungewöhnlich“ sind zuweilen auch ihre Bedürfnisse. Wer beispielsweise sich 200prozentig in eine Aufgabe stürzt – weil es genau „mein Ding ist“, weil es perfekt sein soll, weil Oberflächlichkeit einfach nicht geht -, der braucht anschließend entsprechende Ruhephasen, braucht das konzentrationsfördernde Umfeld oder Mitmenschen, die mit dieser Intensität umzugehen wissen.

Die Komfortzone

Ein Lebensbereich, der in der Regel stark von einer Hochsensibilität beeinflusst wird, ist die sogenannte Wohlfühlzone. Aufgrund der intensiven Informationsaufnahme und –verarbeitung gestaltet sie sich anders.

In dem Spagat zwischen inhaltlicher Unterforderung – mir ist schnell langweilig, ich bin neugierig, brauche (neue) Informationen – und einer, wie oben beschriebenen sensorischer Überreizung schwindet die Komfortzone. Sie ist daher deutlich kleiner als bei normalsensiblen Menschen. Dies hat zur Folge, dass Feinfühlige häufiger als andere Menschen an ihre Grenzen kommen, sich schneller gelangweilt oder überreizt fühlen. Auch erzeugen so manche dieser Verhaltensweisen und Bedürfnisse im sozialen Miteinander – meist unbewusst – Reibung. Um sich mittel- und langfristig in der eigenen Haut wohl zu fühlen, ist daher die innere Auseinandersetzung mit dem eigenen Wesen und die stimmige Gestaltung der äußeren Lebensumstände von zentraler Bedeutung.

Hochsensibel sein

Hier beginnt die Herausforderung des hochsensibel Seins. Leider gestaltet sich diese Aufgabe zuweilen jedoch schwieriger als das „hochsensibel werden“.

Es beinhaltet, das eigene Leben der eigenen, speziellen Wesensart anzupassen und den eigenen Bedürfnissen und Grenzen Respekt zu zollen, auch auf die Gefahr hin, damit anzuecken. Denn im Wesen der Hochsensibilität liegen bestimmte Aufgaben für den Einzelnen, aber auch für die soziale Gruppe, in der sie oder er sich bewegt. Dies kann die besonders feinfühlige Heilerin, der Personaler mit dem umfassenden Blick für die Qualitäten seiner Bewerber sein oder aber der hochkreative ITler und die fantasievolle Lehrerin mit dem besonderen Händchen für das Zwischenmenschliche.

Werden diese Aufgaben nicht erkannt und gelebt, beginnt meist ein langer und leidvoller Weg der Irrungen und Selbstzweifel. Das muss aber nicht sein und Sie können es ändern bzw. vermeiden. In meinem Buch beschreibe ich diesen Weg der hochsensiblen Selbstfindung. Als Wegweiser fungiert das sogenannte HSP 4 Phasen-Integrationsmodell, anhand dessen Sie einen Eindruck erhalten, welches relevante Stationen auf dem Pfad Ihres Inneren sein und wie Sie damit umgehen können:

Phase 1: Erkenntnis       

Das Erkennen Ihrer eigenen Veranlagung ist der erste und wichtigste Schritt. Er ist das Startzeichen. Nicht immer wird die Erkenntnis als ein „Hurra“ empfunden, dies liegt aber mehr an den tatsächlich erfahrenen Belastungen in Ihrem Leben als an dem Phänomen als solches. Lassen Sie sich daher von – berechtigten – Zweifeln nicht abbringen. Die Zweifel dienen der Überprüfung, aber wenn Sie sich in dem Phänomen wiederfinden gehen Sie weiter zu Phase zwei.

Phase 2: Ablegen von Schutzmechanismen

Wenn ein Mensch in seinem ursprünglichen Wesen nicht erkannt und respektiert wird, führt dies zu seelischen Verletzungen. Die Reaktionen sind Schutzmechanismen, die in der Regel in der Kindheit entstehen und uns so lange begleiten, bis wir sie erkennen und lösen. Dies geschieht auch bei einer nicht erkannten Hochsensibilität. Nun gilt es, diese Schutzverhaltensweisen aufzudecken und zu ändern oder zu verabschieden. Dazu kann die Reflexion Ihrer verdrängten Gaben und Bedürfnisse gehören, aber auch der verstehende Blick in Ihre Vergangenheit, bei dem Sie frühere Erfahrungen unter dem Blickwinkel der Hochsensibilität neu bewerten und interpretieren. Zu dieser Phase des sogenannten Reframing  gehören Fragen wie: Wie sind meine Eltern o.a. mit meinen sensiblen Seiten umgegangen, was war mir immer unangenehm, wie und wo habe ich mich angepasst, konnte ich meine Identität entwickeln und wenn nicht, was fehlt mir heute.

Phase 3: Umfeld erneuern oder verlassen   

Parallel zur Phase zwei sollten Hchsensible auch schon an der Erneuerung ihres Hier und Jetzt arbeiten. Jetzt geht es um die konkreten Schritte. Knüpfen Sie neue Kontakte, denn mangels passender Identifikationsflächen in der Kindheit (immerhin sind 80 – 85 Prozent Ihrer Mitmenschen ja normalsensibel!) leidet die Identitätsfindung.

Beginnen Sie als Hochsensible auch, Ihr direktes Umfeld dergestalt zu verändern, dass es zu Ihren Bedürfnissen passt: mehr Ordnung oder weniger unruhige Flächen in der Wohnung, Ruhephasen für Sie, ruhige Wohnung bzw. Ihr Schlafzimmer zur ruhigen Wohnseite raus, Arbeitswege möglichst reizarm gestalten (eher Rad als Bahn, Platz wechseln, wenn es müffelt usw.). Die Liste könnte hier noch endlos weitergehen. Das Wichtigste ist, dass Sie herausfinden, was Sie benötigen, um sich wohl und sicher zu fühlen und es Schritt für Schritt umsetzen. Manchmal ist professionelle Unterstützung nötig. Dann scheuen Sie sich nicht, sich diese zu gönnen. Seien Sie es sich wert!

Phase 4: Mit der Sensibilität ins Licht treten    

 Diese letzte Phase befasst sich mit dem Schritt nach außen, ins Licht, in die Gesellschaft. In der Regel taucht irgendwann die Frage auf: „Wann sage ich es eigentlich wem?“ Diese Frage lässt sich nicht generell beantworten, aber ich empfehle, sehr achtsam mit diesem Schritt umzugehen. Noch sind leider einige Menschen nicht bereit, neuen und ungewohnten Informationen offen und akzeptierend zu begegnen. Achten Sie daher sehr auf Ihr eigenes Gefühl, Ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Angenommen sein und eröffnen ein solches Gespräch ggf. eher mit einer Frage zu dem Thema: „Ich habe da letztens was dazu gelesen. Haben Sie davon schon gehört?“, als sich selbst in die Schusslinie zu begeben.

Ein weiterer Aspekt kann der Wunsch sein, mit dem Thema Hochsensibilität zu arbeiten, entweder inhaltlich oder direkt mit hochsensiblen Menschen. Dieses Verlangen keimt meist auf, wenn die betreffende Person sich mit ihrer eigenen Veranlagung beginnt wohlzufühlen und diese Veränderung für so relevant hält, dass sie sie gerne mit anderen teilen möchte. Scheuen Sie sich daher nicht, wenn Sie einen solchen Drang verspüren, ihm zu folgen und sich die entsprechenden Menschen und Situationen in Ihr Leben holen. 

Fazit

Hochsensibel werden ist nicht schwer – hochsensibel sein dagegen … auch nicht mehr. Auch wenn Sie im Moment der Erkenntnis den Eindruck gewinnen, nun würden sich fast noch mehr Hürden auftürmen, da Sie nicht wissen, wie und wo Sie mit Veränderungen beginnen sollten, oder Ihr Umfeld scheinbar nur abwehrend reagiert, verzagen Sie nicht! Vertrauen Sie Ihrer Intuition und Umstand, dass eine gelebte Veranlagung stets für Erleichterung und Lebensfluss sorgt.

Suchen Sie Menschen Ihres Schlages, vor Ort oder im Internet, und beginnen Sie, all das zu tun, was sich für Sie gut und richtig anfühlt. Dies mag neu und ungewohnt sein, aber es ist der einzige Weg, gemäß Ihres Wesens und Ihrer Veranlagung zu leben. Sie werden für Ihren Mut reich beschenkt werden.

 

Buch:

Hurra, ich bin hochsensibel! Und nun? 
Cordula Roemer
Springer Verlag
ISBN: 978-3-662-53840-1
19,99€

Über den Autor

Avatar of Cordula Roemer

Cordula Roemer ist Dipl. Pädagogin, HSP-Beraterin u. –Coach, Dozentin und Autorin. Seit 2007 weiß sie von ihrer eigenen Hochsensibilität und gründete 2009 das Offene Berliner HSP-Treffen, das seither monatlich stattfindet. Vorträge, Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte, Beratungen für Betroffene und Sachbücher folgten.

Mehr Infos

Bücher:
Cordula Roemer: Hurra, ich bin hochsensibel! Und nun?, Springer 2017
Cordula Roemer: Perlen im Getriebe – Hochsensibel im Beruf, Humboldt 2018
Cordula Roemer und Anne Oemig: Ein hochsensibles Jahr mit Gustav, Springer 2018



2 Responses

  1. Gilsa Hausegger
    es ist gut hochsensibel zu sein 🙂

    danke ~ ich weiß ja schon länger daß ich anders bin…
    und daß es gut ist so wie ich bin 🙂
    daß meine sensitivität mir großen reichtum beschert.
    nun zu erfahren daß ich ~ doch ~ nicht allein bin 😉
    tut gut.
    früher dachte ich oft: „ich bin nicht lebensfähig “
    jetzt weiß ich daß ich für das leben auf der neuen erde gekommen bin <3

    Antworten
    • Katrin H.
      Herzlich willkommen auf der neuen Erde

      Hallo Gilsa,
      da geht es dir wie mir – schon lange weiss ich um meine Anders-Sein mit Hochsensibilität, aber es wert schätzen und achten kann ich erst seit Kurzem.
      Wenn du schreibst: „jetzt weiß ich daß ich für das leben auf der neuen erde gekommen bin <3", dann möchte ich dich dafür umarmen und begrüßen und rufen: ich auch! Aber das ist mir erst seit eher Kurzem bewusst 🙂
      Also alle, die ihr euch anders fühlt und evtl. fehl am Platz auf der Erde: Seid herzlich willkommen! Wir alle sind es, auf die wir gewartet haben.

      Antworten

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