Gedanken über Ost und West und mögliche Räume der Begegnung

Die Erfahrung von Zusammenbruch und Aufbruch, wie ihn viele Menschen im Osten nach der Wende erlebt haben, kann auch eine wertvolle Ressource sein in einer Zeit, in der wir uns als Kultur neu erfinden müssen. Ein Ausschnitt aus einem nachdenklichen Text über die Dynamik der Nachwendezeit bis heute. Den ganzen Text lesen

von Mike Kauschke

Ein tieferer Blick

Es wird ein tieferer Blick auf die DDR nötig sein, der sie nicht nur als zerstörerische Diktatur offenlegt, die sie zweifellos war, sondern auch als Lebensort erinnert, an dem Menschen mit Kreativität und Menschlichkeit ihr Leben gestaltet haben. Dabei muss ich an meinen Vater denken, der den Mangel in der DDR für seine Familie dadurch auszugleichen suchte, dass er wie viele andere auch Tauschgeschäfte machte. Wenn er für jemanden etwas Maurerarbeit erledige, bekam er dafür ein paar Hühner. Das würde man heute Sharing Economy nennen. In der Lebenswirklichkeit des Ostens war das tägliche Praxis, inklusive der Qualität von Beziehungen, die sich daraus bilden konnten.

Wie wichtig solch eine Wertschätzungskultur ist, wurde mir in einem anderen Gespräch deutlich, mit einer Schriftstellerin, die als Mitarbeiterin der Universität in Magdeburg die Wende und die Zeit danach erlebt hat, und sich auf das Erforschen von Biografien spezialisiert hatte. Nachdem mittlerweile die Dynamiken des DDR-Systems gut erforscht sind, ist es vielleicht Zeit, den Biografien und damit den Menschen einen verstärkten Raum der Aufmerksamkeit zu geben. Biografien, die voller Gefühle der Enttäuschung sind, die Kräfte wie die AfD auszunutzen wissen. Und aus denen sich auch die Gefühle der Angst vor dem Fremden schöpfen. Denn wenn ich nicht weiß, was eigentlich das Eigene ist und mich dessen nicht vergewissern kann, werde ich auf das Andere, Fremde, mit Angst reagieren.

Wie viele andere dachte ich nach den Wahlergebnissen gleich daran, wie man vielleicht Dialogforen anbieten könnte, oder irgendwie diese Kluft überwinden könnte, die scheinbar zu AfD-Wählern im Osten besteht. Aber dann hielt ich inne und erinnerte mich an die beiden erwähnten Gespräche und hatte den Eindruck, dass es vielleicht erst einmal eine Offensive des Zuhörens bräuchte. Es scheint manchmal selbst ein Teil der westlichen Lösungsorientierung zu sein, gleich zur Verständigung zu kommen. Aber vielleicht muss dafür zunächst ein Raum entstehen, um erstmal zuzuhören und Unterschiede sein lassen zu können, ohne sie zu harmonisieren. In den sozialen Medien wurde nach der Europawahl unter dem Hashtag #WirimOsten ein virtueller Raum initiiert, um den Menschen im Osten eine Stimme zu geben. Vielleicht wären auch Biografie-oder Erzähl-Cafés eine Möglichkeit, dass wir einander aus Ost und West mit unseren Geschichten hören. In solchen Räumen könnten dann vielleicht auch Geflüchtete ihre Geschichten erzählen. Bei meinem Vater habe ich immer wieder beobachtet, dass die unterschwellige Ablehnung gegenüber Ausländern nicht mehr haltbar ist, wenn er einen Menschen kennenlernt und seine Geschichte hört.

Ein tieferes Gespräch

Neben einer solchen Aufmerksamkeitsoffensive wäre wohl eine offensive Kulturbildung der ländlichen Räume nötig. In diesem Zusammenhang macht mir ein Projekt Hoffnung, an dem der integrale Change-Gestalter Matthias Ruf beteiligt ist und das in der Nähe meines Heimatortes entsteht. In dem ehemaligen Betonwerk Stolpe bei Angermünde soll ein Transformationslabor entstehen, in dem Kreative und Künstler mit den Menschen aus der Umgebung neue Lebenskraft in die Region bringen im Sinne einer nachhaltigen, kreativen und sozial verbundenen Lebensutopie. Dieser Ort will zu einem Modellprojekt für Orte werden, die in ländlichen Gebieten neue kulturelle Lebenskraft unterstützen können. Eine ähnliche Intention steht hinter dem Coconat, das ich bei der Arbeit an der evolve-Ausgabe zum Thema Stadt und Land kennenlernte. Hier ist in der Nähe des brandenburgischen Bad Belzig ein Workation-Zentrum entstanden, das neuen Lebenslinien zwischen junger urbaner und ländlicher Kultur schaffen möchte. Zu solchen Begegnungsinitiativen gehören auch das Zukunftszentrum Nieklitz in Meckelnburg-Vorpommern, das Haus Glaser in Dresden, das Lebensgut Pommritz bei Görlitz, die Initiative Raumpioniere Oberlausitz, das Projekt Poesie-Tankstelle von Uta Hauthal oder die Initiative Ost-West-Dialog von Barbara von Meibom, Dieter Kraft und anderen.

Solche Projekte haben auch deshalb Zukunftspotenzial, weil sie sich offensiv dem Thema zuwenden, das die AfD für sich beansprucht: Heimat, Zugehörigkeit, Verbundenheit mit einem Ort und dessen Geschichte. Für viele von uns, die sich global vernetzen, sind diese Themen scheinbar nicht mehr so wichtig. Aber die Folgen der Digitalisierung und ökologischen Krise zeigen auch, dass wir alle unsere Verwurzelung an dem Ort oder den Orten unseres Lebens neu überdenken müssen. Vor diesem Hintergrund entstehen dann vielleicht wirklich Dialogräume, in denen verschiedene Bezüge zu diesen Themen inklusive der gelebten Leben Gehör finden, um kulturell und sozial den Raum neu zu füllen, den rechte Gesinnungen ausnutzen wollen. Darin kann dann vielleicht auch aus den verschiedenen Erfahrungen in Ost und West und darüber hinaus ein Gespräch darüber entstehen, in welcher Zukunft, in welcher gesellschaftlichen Utopie, in welcher sozialen Heimat wir leben wollen.

Ein tieferes Verstehen

Vor einiger Zeit sprach ich mit einem evolve Leser, der uns in einer E-Mail dafür kritisiert hatte, dass wir zu einseitig über Populismus berichten und dabei nur den rechten Populismus erwähnen und in das allgemeine Aburteilen der AfD und ihrer Wähler einstimmen. Der Leser war in den Anfängen der AfD selbst Mitglied und sah die damals vor allem noch europakritische Bewegung als frischen Wind in der politischen Landschaft. Über diese Kritik war ich überrascht, weil wir bisher eher das Feedback bekommen hatten, dass wir als evolve zu sehr auf Dialog auch mit Menschen setzen, die den rechten Ideen der AfD anhängen. So wie wir es zum Beispiel in unserer Ausgabe „Liebe in Zeiten von Trump“ in einigen Beiträgen angesprochen haben. In unserem Gespräch kamen wir bei allen Unterschieden in unseren Sichtweisen darin zusammen, dass es einen tieferen verstehenden Blick dafür braucht, warum Menschen sich zu rechten oder nationalistischen Denken hingezogen fühlen. Und wir beide sahen in der integralen Perspektive, wie sie beispielsweise von Ken Wilber formuliert wird, eine mögliche Erweiterung der Sicht auf dieses Phänomen.

Die Kraft einer solchen Perspektive, die unter anderem die Entwicklung des Menschen und der Kulturen durch verschiedene Ebenen von Bewusstsein, Identität und Werten beschreibt, wurde mir wieder deutlich, als ich im Rahmen meiner Arbeit als freier Übersetzer einen Text von Richard Barrett übersetzte, der sich eingehend mit der Werteentwicklung beschäftigt hat. Im Grunde sieht eine integrale Sicht, dass Menschen auf bestimmten Bewusstseinsebenen bestimmte Werte und Bedürfnisse haben, die erfüllt sein müssen, um sich sicher und beachtet zu fühlen. Vor diesem Hintergrund wird das Bedürfnis, sich als Teil einer Nation und einer kulturellen Identität, eines Ortes und seiner Geschichte/Tradition zu fühlen als ein legitimes Bedürfnis verstanden. Aus solch einer Sicht kommen wir aus der Gegenüberstellung von globaler, liberaler Offenheit und lokaler, konservativer Zugehörigkeit hinaus und sehen, dass beides menschliche Bedürfnisse sind bzw. sein können. Aus dieser Perspektive kann sich ein Verständnisraum eröffnen, in dem wir dann die Frage stellen und erörtern können, was positive, konstruktive Formen der Erfüllung solcher Bedürfnisse sind. Das ist keine blinde Toleranz, denn natürlich braucht es auch Grenzen für das, was als Aussage oder Handlung toleriert wird. Es hilft nichts, wenn rassistische Botschaften einfach als Meinungsäußerung stehen gelassen werden. Hier braucht es von uns allen das Feingefühl und die innere Komplexität, um solchen Äußerungen und Handlungen klar entgegenzutreten und trotzdem zu verstehen, wie Menschen zu solchem Denken finden.

Eine tiefere Mitte

In diesem Sinne stehen wir als Gesellschaft vor der Herausforderung, eine lebendige Mitte, aus der eine offene Gesellschaft lebt und die glücklicherweise in Deutschland vorhanden ist, zu gestalten. Und jedes Gespräch, jede Begegnung – offline oder online – über Grenzen und Mauern hinweg, kann eine Möglichkeit dafür sein. In seinem Buch „Wer wir sein könnten“ ruft Robert Habeck zu einem „Wir des Gesprächs“ auf: Der Populismus, so schreibt er, teilt „die Gesellschaft in ‚Wir‘ und ‚Die‘. ‚Die Ostdeutschen‘ sagen Westdeutsche gern; ‚die Menschen da draußen‘ ist eine schlimme politische Phrase, die Politiker als eigene Kaste erscheinen lässt; ‚die Flüchtlinge‘ sagen die Eingeborenen; Jung gegen Alt; Stadt gegen Land; Hipster gegen Normalos – und alle vergessen, dass ‚die‘ ja zuhören und sich beim Hören ausgegrenzt fühlen. So unterschiedlich wir sind: Es gilt ein ‚Wir zu formulieren. Keines, das in allem übereinstimmt, doch eines, das Übereinstimmung auf den Prinzipien von Gleichheit prinzipiell für möglich hält.“

In diesem Dialog wird auch eine neu formulierte und gelebte spirituelle Lebenspraxis wertvoll sein, weil sie auf die gemeinsame Quelle unseres Menschseins verweist, die für uns alle eins ist. Diese existenzielle Beheimatung in der Tiefe des Lebens selbst wird eine nicht zu überschätzende Zukunftskompetenz sein. Gerade wenn wir über unsere Unterschiede sprechen, öffnet sich im Rückbezug zu dem, was uns im Innersten als Menschen verbindet, auch der Horizont einer gemeinsamen Zukunft. Einer Zukunft, in der unsere vielfältigen Erfahrungen zur bereichernden Vielstimmigkeit werden im mit-schöpferischen Prozess der Gestaltung eines gesellschaftlichen Organismus, in dem Offenheit und Zugehörigkeit wachsen und in dem wir Wertschätzung, Partizipation und Verantwortlichkeit leben und geben können.

 

 

Über den Autor

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Mike Kauschke

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1972 in Schwedt an der Oder in Brandenburg geboren.

Angebote: Übersetzungen engl./dt., Journalistische Texte, Essays und Interviews, Lektorat, Textbegleitung, Lyrik, Lesungen, Fotografie, Vorträge, Dialogseminare, Konsekutiv-Übersetzung (engl./dt.) bei Vorträgen



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