„The stilled mind frees an ecstatic body.“ Bradford Keeney

Was will der Leib? – Die Mysterien unseres Körpers zu ergründen wird wohl nie gänzlich gelingen. Wer sich aber daran macht, seine Schätze nach und nach zu heben, darf sich auf eine aufregende Reise begeben voll Faszination, Verblüffung, Inspiration und Leidenschaft. Eine große Hilfe hierbei sind die Praktiken vieler religiöser und spiritueller Traditionen, die erkannt haben, dass wir gerade durch den Körper auch unsere Transzendenz und kosmische Natur erfahren können. Denn nur was körpersinnlich erfahrbar ist, kann wahrgenommen werden, wird nicht nur verständlich sondern auch wirklich begreiffbar. Vipassana, Yoga, Tao, Tantra, die Kampfkünste und andere Bewegungsschulen – die Vielzahl der Übungswege spiegelt das reichhaltige Potential und die unterschiedlichen Zugänge unseres Körpers wieder. Diesen Pfaden konsequent zu folgen ist allerdings nicht immer leicht. Je weiter wir vordringen, desto komlpexer werden die Anforderungen. Körperbeherrschung, Atemkontrolle und Energielenkung können äußerst diffizile Formen annehemen. Sicherlich macht auch hier wie so oft Übung den Meister, doch laufen wir dabei Gefahr, das meistern zu wollen, was selbst Meister sein kann: unseren Körper. Wenn wir den aber tatsächlich ansehen als Tor zur Erfahrbarkeit des all-einen Kosmos, wenn wir an eine dem Körper innewohnenden, natürlichen Weisheit, Intelligenz und Verbundenheit zur Schöpfung glauben, müssen wir keine Übungsanleitungen studieren und keiner Schule beitreten. Wir können ihn selbst fragen, was er uns zu vermitteln hat, was er uns offenbaren will. Lauschen wir doch einfach seinem evolutionären Wissen und lassen uns leiten in ein direktes Erleben seiner und somit unser aller Ganzheit.

Du stehst mitten im Raum. Alleine, mit anderen zusammen, das ist für dich jetzt nicht wichtig. Du schließt die Augen und bist ganz bei dir selbst. Du lauschst der sanft fließenden Musik einer Tambura und einer Flöte, du atmest deren Rhythmus. Vielleicht hast du gerade getanzt oder dich locker gestretcht und die Energie vibriert noch in deinem Körper. Jetzt stehst du nur da, spürtst die Kühle des Bodens unter deinen nackten Füßen, dein Geist ist klar und offen. Du bist soweit …

Latihan (indonesisch: „Übung“) ist eine Bewegungsmeditation, eine spirituelle Praktik, bei der ich als Übender Bewegung nicht ausführe, sondern lediglich zulasse. Ich horche tief in meinen Körper hinein und achte auf seine feinen, subtilen Regungen. Ich erspüre, begrüße und ermutige sie, gebe ihnen freien Raum um aufzusteigen und sich auszubreiten. Ich folge dem, was kommt. Ich tue nichts, ich werde getan. Bleibe ich bereit und rezeptiv, wird mein Körper schließlich erfaßt werden von spontanen, unwillkürlichen, meist weichen und anmutigen Bewegungsabläufen. Diese sind an und für sich weder zweckorientert noch vorhersagbar, sie führen nirgendwo hin. Sie sind bloßer Ausdruck der universellen Lebensenergie, der Urkraft allen Seins, die mich durchdringt und der ich mich hier nun in Dankbarkeit und Demut, voll Vertrauen und Verwunderung, mit Liebe und Lust hingebe.

Du verläßt dich darauf, daß das geschehen wird, was geschehen will. Erwartungen, Vorstellungen und Zweifel könnten die ersten leisen Impulse leicht überlagern und deiner Erfahrung entziehen. Du entläßt all deine Gedanken. Dein Körper, die Musik, die Luft um dich herum, alles schwingt im harmonischen Einklang. Du fühlst dich ungeheuer geborgen. Da möchte sich mit einem Mal dein rechter Ringfinger anheben. Sachte und bestimmt zieht er den ganzen Handrücken mit, bis schließlich der gesamte Arm wie in Zeitlupe nach oben schwebt. Oder dein Kopf legt sich langsam in den Nacken, neigt sich nach links und die ganze Wirbelsäule beginnt, sich hin und her zu schlängeln. Deine Bewegungen sind stets sehr sanft und gemächlich, und je mehr du dich dieser Sanftheit hingibst, um so deutlicher, um so eindringlicher und intensiver erlebst du sie.

Zurückzuführen ist Latihan auf den Javaner Muhammad Subuh Sumohadiwidjojo, der später schlicht Bapak (in etwa: „ehrenwertes Väterchen“) genannt wurde. Er war kein spiritueller Sucher oder Lehrmeister, der nach Erleuchtung trachtete oder sie versprach, sondern Angestellter einer städtischen Verwaltungsbehörde und ein gläubiger Moslem. Latihan wurde von ihm nicht entwickelt, es wurde ihm zugetragen („nicht von einem Menschen“, wie er betonte). Es war 1924 nach einem langen, arbeitsreichen Tag, als es ihn auf dem Nachhauseweg das erste Mal spontan und völlig unvorbereitet überkam. Anfangs in panische Todesangst verstetzt, verspürte Bapak bald eine enorme Gelöstheit, Klarheit und inneren Frieden. Von nun an sollten sich solche Vorkommnisse über Jahre hinweg wiederholen und ohne der eigentlichen Ursache hierfür gewahr zu werden, erkannte er darin das Wirken Gottes und die Verbindung zur Urkraft des Universums. Schließlich machte sich Bapak daran, seine Erfahrung mit anderen Menschen zu teilen und es bildete sich die Vereinigung SUBUD. Dieser Name ist ein Akronym dreier Begriffe aus dem Sanskrit (Susheela, Budhi und Dharma) und bedeutet so viel wie: für das göttliche Wirken offen und bereit, diesem aus dem Innersten heraus zu folgen. SUBUD wird gerne dem Sufismus zugerechnet, begreift sich selbst aber als transreligiös und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die universelle Kraft Gottes für den Menschen direkt erfahrbar zu machen und somit real werden zu lassen. Das konkrete Verbinden dieser Kraft mit dem eigenen Wesenskern wurde als latihan kejiwaan (=“spirituelle Übung“) bezeichnet.

Inzwischen magst du möglicherweise schon durch den ganzen Raum wandeln oder dich am Boden reckeln. All das geschieht wie von alleine. Vielleicht macht es dir ein wenig Angst und du fühlst dich fremdgesteuert. Oder du kommst dir albern vor mit deinen Verrenkungen. Oder dir geht es zu langsam und du hältst es für nötig, dich richtig auszuagieren. Oder es wird dir langweilig … Du erlaubst dir, all diese Mechanismen wahrzunehmen, über die dein Verstand verfügt um wieder Herr der Lage zu werden. Auch wäre es eicht, einfach abzubrechen. Aber du bleibst dabei, deine Sinne offen zu halten, zu spüren und zu folgen. Manchmal bist du abgelenkt und verliertst den Kontakt. Oder ein Bewegungsablauf endet einfach. Dann ist es gut, in der momentanen Position zu verharren bis sich ganz von selbst etwas Neues auftut. Wenn du dann wieder richtig im Fluß bist, brauchst du dich um nichts mehr zu kümmern, kümmert dich nichts mehr, ist alles da.

Ich lernte Latihan kennen durch den indischen Mystiker und Meditationsmeister Osho, der es zum Teil in seine eigenen Methoden integriert aber auch zu einer stark kathartischen Form weiterentwickelt hat. Von ihm stammen eine Reihe „aktiver Meditationen“, die den Menschen über physische Betätigung schrittweise in die Stille führen wollen. Mir selbst bietet dieser körperbetonte, kinästhetische Ansatz den leichtesten Zugang in das Gewahrsein dieses Augenblicks, in die Meditation. Wenn ich bewußt in meinem Körper bin, bin ich hier und jetzt, präsent und sensibel, verwundbar und kosmische Urkraft. Und gerade im Latihan habe ich den Raum, die Zeit, die Gelegenheit und irgendwie auch die Verpflichtung, mich meinem universellen Ursprung zu stellen und ihm meine Ehre zu erweisen. Osho beschreibt es so: „Latihan ist ein Loslassen. Deine physische Energie stimmt sich ein auf die kosmische Energie und Dinge geschehen in deinem Körper“ … „Nach dieser Erfahrung fühlst du dich völlig gelöst, keine mentale Anspannung, keine Spannungen im Körper. Und eine große Freude steigt auf aus deinem Allerinnersten, was auch immer um dich herum los sein mag. Zum ersten Mal bist du dein eigenes Universum.“

Horch! – die Musik ist schon seit einem Weilchen verstummt. Du liegst auf dem Boden, regungslos. Dein Körper glüht, atmet, schwitzt leicht. Ein kühler Luftzug streicht über dich hinweg, nein, durch dich hindurch. Würde dich jetzt jemand nach der Uhrzeit oder deinem Namen fragen, du würdest laut lachen. In einer unsagbar fernen Zukunft wirst du aufstehen müssen und nach Hause gehen. Nach Hause?

Körpereigene Spontanbewegungen zur Erweiterung der Bewußtseinserfahrung haben eine lange Tradition. Zu nennen wäre hier der Sahaj Yoga, der „natürliche, angeborene Yoga“, das „spontane Qi Gong“ Zifa Donggong sowie diverse schamanische oder sufistische Praktiken. Und auch in neuerer Zeit greifen immer wieder Methodiken darauf zurück und vereinleiben sich Elemente daraus. So hat etwa der Tantrika Daniel Odier aus dem klassischen hinduistischen Tandava, dem „Tanz des Shiva“, ein schönes Meditaionsritual geformt, in dem sich der Körper aus seinen physischen Grenzen freischlängeln darf („make love with the space“). In ihrem Continuum Movement betont die Tänzerin Emilie Conrad, dass der Mensch Bewegung ist und sie nicht bloß macht und bringt ihn in eine Bewegungsmatrix, die über das reine Menschsein hinausgeht. Die „regenerierende Bewegung“ im Katsugen Undo des Japaners Haruchika Noguchi aktiviert Impulse aus dem autonomen Nervensystem, mit denen der Organismus sich selbst ausbalanciert. Die Craniosacrale Körpertherapie bedient sich u.a. der Technik des Unwinding, bei der der Therapeut Spannungszüge im Körper des Klienten mit seinen Händen erspürt und ihnen behutsam folgt bis etweder eine lösende Position erreicht wird oder die Spannung sich entwirrt hat. Mit etwas Übung lassen sich diese Muster auch im eigenen Körper erspüren und man kann ihnen, sozusagen in einem „Auto-Unwinding“, durch entsprechende Bewegungen nachfolgen. Die Trauma-Arbeit nach Peter Levine, Somatic Experiencing, geht vergleichbare Wege.
Natürlich kann auch Latihan für bestimmte Zwecke eingespannt und kanalisiert werden. Zum Beispiel kann ich gezielt meine Nackenverspannungen damit angehen, mich auf meine schmerzende Wirbelsäule konzentrieren oder meine innere Gefühlswelt erkunden. Vielleicht möchte ich dazu meine Mimik mehr mit einbeziehen oder meine Stimme (wie auch in der Devavani-Meditation, dem „Latihan der Zunge“) oder aus verschiedenen Ausgangsstellungen starten. Das alles mag Sinn machen. Beim eigentlichen Latihan jedoch fehlt jeglicher therapeutische oder sinnbehaftete Ansatz, es ist frei von Vorgaben. Latihan ist reines Geschehenlassen. Es geht um nichts weiteres als die pure Hingabe an unser Dasein, die bloße, leibliche Erfahrung unseres Eingebundenseins in den Kosmos. Denn gerade hierin liegt unser Heilsein.

Und du erhebst dich und erkennst dich jenseits von Raum und Zeit. „Zu Hause“ ist kein Ort – es ist dieser Zustand jetzt!

Vielleicht ist es gar nicht so treffend, die Praktik des Latihan als „Übung“ zu bezeichnen. Im Latihan erüben wir nichts, wir erlernen keine Fertigkeit, studieren kein Wissen. Sobald wir mit Latihan beginnen sind wir schon am Ziel, es gibt kein falsches oder zu korrigierendes Latihan. Jeder von uns vollführt seine ganz eigene, unverwechselbare und unnachahmliche Version. Ich mache mir gerne folgendes Bild: Nicht wir üben, die Existenz übt mit uns, durch uns und spielt damit, wie es wäre, körperlich zu sein – mit all den damit verbundenen Sinnen, Emfindungen und Gefühlen. Sie schlüpft in unsere Leiber und erleuchtet darin Wahrnehmung, Bewußtsein und Sinnlichkeit. Denn dieser Reichtum ist uns Menschen vorbehalten. Wir sind die Mittler zwischen den Polen dieser Existenz, zwischen Materie und Geist. Das macht unsere Ganzheit aus. Durch eine achtsam erlebte Körpersinnlichkeit erfahren wir die Welt nicht nur in ihrer irdischen, sondern auch in ihrer göttlichen Dimension. Durch sie erfahren wir uns selbst, unsere Haltung in und zu unserem Umfeld. Durch sie werden wir unserer Grenzen gewahr und unserer Verbundenheit. So wie wir in unserem Körper sind, sind wir in dieser Welt. Seien wir es bewußt, bewegt, freudvoll und dankbar.

Termine in Potsdam: jeden Freitag ab 18 Uhr,
Ansprechpartnerin ist Rosalind Honig rhonig(at)orientierungshilfe.net

© 2010 erschienen in der Zeitschrift CONNECTION TANTRA-SPECIAL – Der Körper als Tempel der Seele Nr. 87, August-Dezember 2010 – Verlag Connection Medien GmbH, Niedertaufkirchen. Autor: Prakash Frank Sanzenbacher www.prakash-koerperarbeit.de