© Lydia PoppeLeben mit Mut und Nähe 20. Mai 2026 2 Kommentare von Lydia Poppe Nach über fünfzehn Jahren möchte ich ein paar Tagebuchnotizen mit euch teilen. Denn viele Menschen haben eine ähnliche Erfahrung gemacht oder es steht ihnen bevor, den eigenen Partner bis zuletzt zu begleiten. Neben all der Schwere wächst einem die benötigte Kraft zu und diese Zeit kann auch tief bereichernde Momente schenken. Mein Mann hat seine Zuversicht verloren, wieder gesund zu werden. Wir sind gerade sehr still und viel zu Hause. Gestern hat er deutlich über seine Ängste vor Beeinträchtigungen und Schmerzen gesprochen. Es tat uns beiden gut, dass dieses Tabu gebrochen ist und wir jetzt offen reden können. Wir sind gerade beide etwas kraftlos, würden gerne eine Woche ans Meer fahren. Ich spüre Angst vor seinem Leiden und seinen Schmerzen. Gleichzeitig fühle ich mich stark und ganz und gar der Aufgabe ergeben, ihn zu begleiten. Nie zuvor war ich so vollkommen ohne Zweifel, dass ich hier am richtigen Platz bin und dass ich die Richtige für diesen Platz bin. Mein Mann sagt: „Dies ist meine erste weitgehend bis durchgehend glückliche Beziehung.“ Und: „Wenn das Leben aus dem Rahmen fällt, sind die richtigen Rahmenbedingungen da.“ Dieser verrückte Kerl. Manchmal ist der Sprung vom Arbeitsplatz zur liebenden Verbindung mit meinem Mann nicht leicht. Gestern hat er noch eine Chemo bekommen. Ich habe ihn abgeholt und versuche ihn zu unterstützen, so gut ich kann. Sein Jahresmotto war ja „Es darf auch leicht gehen“ und daran angelehnt habe ich heute mein Motto verkündet: „Ich darf auch weich sein“, also, fest geerdet und trotzdem fließend. Fürsorge und Sorgen Mein Mann hat Schmerzen und ist unzugänglich. Meine Fürsorglichkeit kommt nicht an, Ablenkung aber auch nicht. Er ist sehr erschöpft durch seine Chemo und ich kann jetzt mit ihm sein, ohne dass es mir selbst auch schlecht geht, das ist neu. Da erlebe ich etwas Seltsames: der Kugelschreiber, mit dem ich eben noch geschrieben hatte, verschwindet spurlos. Er ist auch nach Sucherei nicht aufzufinden. Ein Zeichen dafür, dass Wunder geschehen können? Es wird bald finanziell eng werden, wenn mein Mann in die Rente rutscht. Es werden unweigerlich Schwierigkeiten auf uns zukommen. Er ist gerade in einer kraftlosen Phase ohne viele Handlungsimpulse, gleichzeitig aber Ärger über praktische Widrigkeiten, die nicht im Fluss sind. Das ist eine neue Seite, die ich an ihm noch nicht kannte. Er möchte gerne einen spirituellen Wegbegleiter finden. Außerdem hat er meine Unterstützung erbeten für die Widrigkeiten. Er ist gerade ziemlich in der Enge und ich empfinde viel Mitgefühl. Morgen früh fliegen wir nach Mallorca. Fliegen wir wirklich nach Mallorca? Meine Vorfreude ist getrübt dadurch, dass es meinem Mann nicht gut geht. Er hat keine Chemo mehr gemacht und ist jetzt in Sorge, ob er die zwei Wochen gut überstehen wird. Ich bin auch in Sorge, wie es werden wird. Heute habe ich einen Moment geweint mit Freunden. Ich selbst brauche diese Reise, um mich wieder auszurichten, Kraft zu schöpfen und in Liebe mit ihm zu sein. Und ich stelle mir vor, dass wir es schön haben werden zusammen. Ich möchte wieder das große Rad des Lebens spüren mit der Mitte, die ewig ist… Chemo und Selbstmeisterung Wir waren nicht auf Mallorca. Dieser stornierte Urlaub hat mich in ein dunkles Tal gebracht. Und mein Mann hat die Chemo nachgeholt und war dann ziemlich schwach und antriebslos. Seit einer Woche ist aber Frühling nach diesem langen schneereichen Winter und auch die innere Sonne lockt wieder hervor… In der Paargruppe musste ich weinen. Mein Mann ist zurückgezogen und verlangsamt. Es ist ein Schweigen eingekehrt zwischen uns. Ich muss selbst für mich auch Rückzugsräume finden zum Lesen, Auftanken, Nähen. Jetzt sitze ich bei einer Freundin in meiner alten Heimat auf dem Gästebett, genieße dieses behagliche Gefühl der Muße, trinke Rosentee. Gestern hatten wir ein schönes Gespräch und einen herzlichen Kontakt. Frauen! Sie tun mir so gut. Ich habe eine Karte gezogen: Cobra, die Selbstmeisterung. Sie weckt die Seele aus ihrem Dämmerschlaf und macht uns mit Weisheit vertraut. Sie weckt die innere Meisterin in mir, die durch Innenschau jede Situation zur Erlösung alter Schatten und Transformation nutzen kann. Alles, was in meinem Leben geschieht, ist zu meinem Besten. Die zwei Tage haben mich in meine Mitte zurückgebracht. Mit den Freundinnen habe ich am meisten die körperliche Nähe und Zärtlichkeit genossen. Hatte fast vergessen, wie nährend das zusammen Liegen sein kann und der innige Kontakt von Frau zu Frau. Wir haben zusammen gesungen, gekuschelt, geredet, gegessen und Krafttierkarten gezogen. Wir haben über Vipassana geredet und das Bedürfnis nach „Weite“. Ich fühle mich jetzt wieder gut sortiert und ausgerichtet. Möchte mir also Pausen gönnen zum Ausruhen und Auftanken! Ich möchte auch morgens meditieren, mich öffnen für den Augenblick und seine Fülle. Ich habe genügend Lehrer und Inspiratorinnen in meinem Umfeld, die mir wichtige Hinweise geben. Und die Situation soll meine Meisterin sein. Offenes Gewahrsein, einfach spüren. Einfach da Sein. Ohne Urteil. Ohne Konzept. Offen. In der Frauengruppe durfte ich mich heute auf eine Matratze legen und alle haben ihre Hände auf mich gelegt. Nach einer Zeit des Wohlfühlens kam immer mehr Schmerz hoch. Ich weinte und weinte. Ich fühlte mich getragen und wurde ganz still, war entspannt und heiter. Das war ein tief beglückendes Erlebnis. Mut und Nähe Wir sind doch noch auf Mallorca! Ich sitze auf der Terrasse von unserem Hotel. Die Luft ist wunderbar frühlingshaft und es ist eine Freude, den ganzen Tag draußen zu sein. Die Krankheit ist ungeheuerlich. So läuft der dunkle Schatten weiter mit, dabei sind wir umgeben von Wärme und Strand, Pinienwald, freundlichen Menschen und mediterraner Schönheit. Ich sitze an einem runden Steintisch in lauschiger Stille am hellen Samstagnachmittag. Jetzt bin ich froh, dass wir noch einmal mutig diese Reise gemacht haben. Auch diesmal kann es sein, dass er ins Krankenhaus muss oder wir frühzeitig zurück müssen. Ich bin hier, um Kraft zu sammeln für die weiteren Aufgaben, die bevorstehen. Es ist still hier, ich höre nur die Brandung, das Pingpong von der Tischtennisplatte und vereinzelte Stimmen. Heute ist Montag und die Einheimischen müssen wieder arbeiten. Ein Baby weint, es wird gerade gewickelt von einem freundlichen polnischen Paar. Vogelstimmen kommen aus verschiedenen Richtungen, es ist wie ein entspanntes Frageantwortspiel. Hier im Halbschatten ist es ganz wunderbar und meine Stimmung ist lichtvoller als gestern. Hier verstehe ich wieder ein wenig, was Meditation ist: dieser Raum von Zeitlosigkeit, wo ich wahrnehme, ohne zu bewerten und zu vergleichen. Der Augenblick dehnt sich, das Lauschen wird tiefer und lebendiger. Seliges Alleinsein. Es gibt nichts zu tun, nur zu atmen und still zu schauen. Der Wind streichelt meine Haut. – Ich möchte meinem Mann eine präsente, starke Frau sein, schlicht für ihn da, ganz bei sich. Atmen, Sein. Ohne Anstrengung, ohne Trägheit. Mühelos, wach. Ich bin entschlossen es zu schaffen und danach weiterzuleben. Alles ändert sich und ich werde versuchen, einfach mitzufließen. Langsam finden wir in die Gelassenheit zurück. Heute haben wir lange am Meer gesessen. Ich lese ihm aus „Mut und Gnade“ vor. Wir sitzen den halben Tag am Meer, suchen uns dazu die schönsten Plätze im Pinienwald und genießen das Rauschen der Brandung unter uns. Nachmittags gehen wir spazieren und genießen die Bewegung, die relative Einsamkeit und die kleinen Entdeckungen: eine blühende Wiese, einzelne schöne Häuser und Villen, grüne Hänge inmitten der eher trockenen Landschaft. Abends speisen wir ausgiebig im Hotel und gehen früh schlafen. Es gibt eigentlich keinen Grund nicht das Leben zu genießen, die schöne Küstenlandschaft hier zu erwandern oder stundenlang zu schmusen. Zu Hause holen uns die Finanzthemen ein. Ich bin im Moment ruhig und denke, dass wir das schon meistern werden. Schön ist, dass wir uns wieder so nah sind. Die Aussprache war so herzöffnend und ehrlich, dass alle Lebensgeister zurückgekehrt sind. und uns beiden geht es besser. Ich habe noch ein Stück Gelassenheit aus „Mut und Gnade“ in mir. Im Buddhismus ist ja alles ganz unspektakulär: immer heißt es, ja dann ist es jetzt so. Und die Antwort auf die Frage „Was ist Erleuchtung?“ heißt „Geh weiter“. Ich brauche also nur ganz präsent im Moment zu sein. Ich brauche nichts zu ändern. Alles ist schon perfekt unvollkommen. Es ist immer noch erstaunlich viel Leichtigkeit möglich. Auch meinem Mann geht es viel besser als vor dem Urlaub. Gestern waren wir auf dem Weberfest, haben Gaukler, Akrobaten und feurige Volksmusik erlebt. Wenn wir Leute treffen, bin ich immer wieder baff, wie er über sich und seine Krankheit spricht. Ich versuche, meine Sorgen anzunehmen und mich damit zu entspannen. Darunter gibt es Kraft und Stärke. Sie werden genährt durch die fast tägliche Gartenarbeit und fließen in meine Schultern, Arme und Gedanken. Ich habe so unbeschreiblich zärtliche Gefühle für meinen Mann. Trotz Schmerzen ist er so wach und niemals schlecht gelaunt, ich bin immer wieder tief beeindruckt und entspanne mich auch selbst trotz der sich zuspitzenden Situation. Er spricht jetzt öfters mit seinen Freunden übers Sterben. Literaturtipp: Ken Wilber, Mut und Gnade, Die Geschichte einer großen Liebe – das Leben und Sterben der Treya Wilber, Fischer Verlag, 2009 Mehr von Lydia Poppe: hier 2 Responses Christin Scholz 31. Mai 2026 Danke Liebe Lydia Poppe, Ich habe eben Ihre Tagebucheinträge „Leben mit Mut und Nähe“ gelesen und finde sie sehr bereichernd! Vielen Dank fürs Teilhaben lassen an diesem menschlichen Weg! Herzlich. Christin Scholz Antworten Sybille 27. Mai 2026 Besondere Zeiten Bin berührt durch deine Worte. Wie ihr beiden es geschafft habt, auch im Hinblick auf das Sterben Freude zu fühlen und das Leben zu feiern. Die Bereitschaft, den Weg zu gehen und eure Liebe weiter zu leben trotz dem anstehenden Verlust. Auch das bewusste Hinbewegen auf Kraftquellen. So schön! Vielen Dank fürs Teilen! Antworten Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar Antwort abbrechenDeine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.KommentarName* E-Mail-Adresse* Name, E-Mail-Adresse und Website in diesem Browser für meinen nächsten Kommentar speichern. Überschrift E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.Auch möglich: Abo ohne Kommentar. Durch Deinen Klick auf "SENDEN" bestätigst Du Dein Einverständnis mit unseren aktuellen Kommentarregeln.
Christin Scholz 31. Mai 2026 Danke Liebe Lydia Poppe, Ich habe eben Ihre Tagebucheinträge „Leben mit Mut und Nähe“ gelesen und finde sie sehr bereichernd! Vielen Dank fürs Teilhaben lassen an diesem menschlichen Weg! Herzlich. Christin Scholz Antworten
Sybille 27. Mai 2026 Besondere Zeiten Bin berührt durch deine Worte. Wie ihr beiden es geschafft habt, auch im Hinblick auf das Sterben Freude zu fühlen und das Leben zu feiern. Die Bereitschaft, den Weg zu gehen und eure Liebe weiter zu leben trotz dem anstehenden Verlust. Auch das bewusste Hinbewegen auf Kraftquellen. So schön! Vielen Dank fürs Teilen! Antworten