von Elocina Trojahn

Es ist ganz normal, sich ab und an ohnmächtig zu fühlen. Um in der Balance bleiben zu können, ist die Wahrnehmung der eigenen Selbstwirksamkeit umso wichtiger, um Ohnmacht nicht als Dauerzustand zu erleben.

Hier in der Gegend wo ich wohne, sehe und höre ich oft Menschen, die es sich bewusst oder unbewusst zum Lebensziel gemacht haben, sich als ohnmächtigste Person auf der ganzen Welt zu fühlen. Ein flehender Blick, ein langes Seufzen, eine geduckte Körperhaltung und dann folgt ein Monolog der Verzweiflung: „Ach, was soll ich nur machen…ich kann eh nichts ändern!“. Das Gegenüber sollte dann möglichst mit Bestätigung antworten, um den Erwartungen gerecht zu werden. Alternative Vorschläge zur Verbesserung der Lebenssituation werden im besten Fall abfällig beantwortet und im schlimmsten Fall als persönlicher Angriff wahrgenommen. Ich frage mich oft, warum so viele Menschen diese Ohnmacht aushalten, ohne ihr entgegenzuwirken.

Es gibt sehr viele Faktoren, die Ohnmachtsgefühle verstetigen können. Da gibt es zum Beispiel die wahrgenommene Benachteiligung aufgrund: der Herkunft (ich wohne in Ostdeutschland), des allgemeinen Weltgeschehens, familiärer Beziehungen, beruflicher Erwartungen, frühkindlicher Erfahrungen, gesellschaftlich etablierten Verhaltens…kurz gesagt: es gibt genug Möglichkeiten, um sich ohnmächtig fühlen zu können und die Verantwortung für sein Leben abzugeben.

Wer einmal in der Grube sitzt…

Einmal in der Ohnmachtsfalle gefangen, geschehen seltsame Dinge. Das ganze Leben wird durch den Filter der Ohnmacht betrachtet. Die Spirale dreht sich weiter, die Ohnmachtsgefühle nehmen zu und die Lebensqualität verabschiedet sich langsam aber sicher. Über die Jahre zeichnet sich dieser erlebte Zustand auch körperlich ab. Tiefe Furchen im Gesicht und starke Rückenschmerzen können Ausdruck der Ohnmachtsgefühle sein. Vielleicht werden Süchte entwickelt, soziale Kontakte vernachlässigt oder an den aktuellen Gefühlszustand angepasst. Der Freundeskreis setzt sich dann oft aus Menschen zusammen, die dieselbe Grundeinstellung haben und den Kreislauf der verstetigten Ohnmacht noch verstärken.

Ich weiß von Familien, in denen dieses Gefühl und dessen Pflege zu einer stolzen Familientradition ausgebaut worden ist. Schon den Kleinsten wird beigebracht, dass sie nichts vom Leben zu erwarten haben, Bemühungen zu nichts führen und Fehler nicht korrigierbar sind. Jede kleine Freude der Kinder wird vom Umfeld mit Abfälligkeit, Sarkasmus oder Ignoranz bewertet. Die Folge davon ist natürlich, dass die Kinder dann genau dieselbe Ohnmachtshaltung entwickeln, wie ihre Eltern. Und weil die ganze Familie ihre Einstellung für richtig hält, haben viele Menschen erst im Erwachsenenalter die Chance, ihre frühkindliche Prägung kritisch zu beleuchten.

Ich kenne sogar Menschen, die sich durch ihre Ohnmacht mächtig fühlen. Klingt absurd und ist es auch. Aber wenn Menschen ihre Situation beklagen, die Welt für ihr Scheitern verantwortlich machen und glückliche Menschen für naive Träumer halten, dann fühlen sie sich als die einzig wahren Realisten, die vom Leben nichts erwarten und somit nicht verletzt werden können. Die Ohnmacht kann dann in zynischen und sadistischen Zügen gipfeln und Menschen im Umfeld psychisch und physisch verletzen. Das wiederum erzeugt ein perfides Machtgefühl, was einzig allein auf der Schädigung anderer oder sich selbst basiert. Typisch dafür ist beispielsweise, das Feindbilder geschaffen werden und die Schädigung Schwächerer als positiv erlebt wird.

…braucht Hilfe, um wieder hinaus zu kommen

Kein Mensch ist alleinig schuld daran, dass sich solche tiefgreifenden Ohnmachtsgefühle entwickeln konnten. Jeder ist (mindestens bis zu einem gewissen Lebensalter) seiner sozialen Umwelt ausgeliefert und kann sehr schwer davor flüchten. Erst im Erwachsenenalter bestehen gute Chancen, das Ohnmachtsmuster abzulegen und positive Glaubenssätze zu etablieren. Und das geschieht dann, wenn die bewährte Strategie als „nicht zielführend“ erlebt wird, sich ernsthafte Krankheiten anzeigen oder das Leben ganz allgemein ins Stocken gerät. Vielleicht gerät man an liebe Menschen, die mit Geduld und Verständnis bei der Stärkung der Selbstwirksamkeit behilflich sind. Fakt ist jedenfalls, dass Ohnmacht nur dann verschwindet, wenn man sich aktiv um die eigene Lebensgestaltung kümmert – also die Verantwortung für sein Leben übernimmt. Das erfordert die Überwindung alter Glaubensmuster (Sicherheit aufgeben), ohne zu wissen, wo die Reise nun hingeht. Es erfordert große Motivation und Willenskraft, um der Ohnmachtsfalle zu entkommen, doch es ist in jedem Fall möglich.

Stärkung der Selbstwirksamkeit

Um das Leben in die eigene Hand nehmen zu können, ist es wichtig zu wissen, was man eigentlich möchte. Der erste Schritt besteht in der kritischen Reflektion der eigenen Weltanschauung, ohne sich selbst zu zermürben. Wie gesagt: niemand ist alleinig schuld an seinen Ohnmachtsgefühlen, aber trotzdem trägt man die Verantwortung für sein Leben. Es geht darum, sich zu hinterfragen und dabei liebevoll mit sich umzugehen (das ist das Schwerste daran). Danach lernt man sich erst einmal wirklich kennen, denn das vordergründige Gefühl der Ohnmacht hat eher etwas mit Fremdbestimmung, als mit Selbsterkenntnis zu tun. Weiß man dann, was für einen im Leben wichtig ist, gilt es, die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Dabei ist viel Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein nötig, denn in den meisten Fällen schwimmt man gegen den Strom. Egal ob privat oder beruflich…eigene Entscheidungen durchzusetzen und Bestehendes zu verändern erfordert Mut und einen langen Atem. Unterstützung ist dabei sehr wichtig, denn Motivation an der richtigen Stelle kann schon Berge versetzen. Selbstwirksamkeit entwickelt sich langsam und sicher gibt es immer mal wieder ein kleines Tal der Ohnmacht. Prägende Glaubensmuster brauchen viel Zeit, Disziplin, innere Reflektionsarbeit und äußere Unterstützung, um langfristig aufgelöst und ersetzt zu werden. Doch es lohnt sich wirklich, denn ein selbstbestimmtes Leben ist die Grundlage für Zufriedenheit, Gesundheit und Selbstverwirklichung!

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