Interview mit Nicole von der Biotopica Farm

Auf ihrem Blog schreibt Nicole Steinfurth über ihr Leben als Selbstversorgerin auf der Biotopica Farm und hält viele nützliche Tipps bereit für alle, die in Richtung Selbstversorgung gehen wollen oder bereits auf dem Weg sind. Wer sich für Permakultur, artgerechte Tierhaltung und einen einfachen und kostengünstigen Start in die Selbstversorgung interessiert, ist hier an der richtigen Adresse. Marie Diederich vom wurzelwerk.net hat  mit Nicole Steinfurth gesprochen und spannende Einblicke in ihre Selbstversorgung erhascht.

Magst Du kurz sagen, wer Du bist und was Du machst?

Ich bin NicoleDie Biotopica Farm ist mein Selbstversorgerhof, auf dem ich gemeinsam mit meinem Mann und unseren beiden Kindern lebe und arbeite. Auf unserer Mini-Farm bauen wir nicht nur Obst, Gemüse und Pilze an, sondern bieten auch historischen Bauernhoftieren und geretteten Tieren aus Massenzuchtbetrieben einen Platz zum Leben und Wohlfühlen.

Was bedeutet Selbstversorgung für Dich?

Jeder Mensch ist so individuell in seinen Bedürfnissen, was er zum Leben braucht. In erster Linie bedeutet Selbstversorgung für mich, meine eigenen Nahrungsmittel zu produzieren. Auf unsere Mini-Farm bauen wir Obst, Gemüse und Pilze an, aber auch Eier von unseren Freilandhühnern, Ziegenmilch für Käse und Honig von unseren Bienen gehören dazu.
Wir haben eine manuelle Ölpresse, in der wir Saaten pressen und Öl gewinnen. Auch Getreide können wir bei Bedarf mahlen. Neben Lebensmittel für uns bauen wir auch Futtermittel für unsere Tiere mit an.
Aber auch Haushaltsprodukte wie Waschmittel, Shampoo und Reinigungsmittel aus Pflanzen und Pflanzenextrakten stellen wir selber her. Wir haben Medizin-Beete angelegt, um Hustensäfte und Salben im Notfall zu haben. Unsere Schafe versorgen uns mit Wolle, die wir verspinnen und Kleidung daraus machen und die dazugehörigen Färbepflanzen finden sich auch auf unserem Hof. Unsere Farm befindet sich mitten am Waldesrand, so sammeln wir auch Holz für unsere Öfen, zum Kochen und damit sie uns im Winter warmhalten können.
Kurz gesagt, für alles was wir benötigen versuchen wir Alternativen zu finden und sie selber herzustellen. Jedoch ist uns wichtig, dass wir bei der ganzen Selbstversorgung nicht den Spaß daran verlieren. Wir machen nichts, was uns schwer fällt zu bewältigen und kaufen auch mal das ein oder andere dazu.

Was sind Deine Gründe dafür, so zu leben? Gibt es Nachteile?

Es gibt mehrere Gründe, die uns dazu bewogen haben aus der Großstadt zu ziehen und einen Selbstversorger-Hof aufzubauen.
Die Antriebskraft war wohl die Geburt unseres ersten Kindes. Sie hat uns dazu angeregt, mehr über unsere Gesundheit und über die Zukunft unseres Planeten nachzudenken. Wir wollten unbehandelte, pestizidfreie Nahrung für unsere Familie haben und auch mehr auf Lokalität setzen. Der Großteil unserer Nahrung sollte nicht kilometerweit durch mehrere Länder gereist sein. Wir wollten unseren CO2-Abdruck radikal minimieren.
In Berlin, wo wir früher wohnten, haben wir uns vegan ernährt, jedoch essen wir gerne auch tierische Produkte wie Eier, Milch und Käse. Bei uns steht im Vordergrund, dass dafür wirklich kein Tier leiden muss. Im Supermarkt oder im Bio-Laden ist es nicht möglich, leidfreie tierische Produkte zu beziehen.
Ein Kalb wird immer noch von der Mutterkuh getrennt und zu Wurst verarbeitet und auch ein 100kg schweres Schwein hat rechtlich gesehen gerade mal 2,3 qm Raum für sich.
Bio ist nur eine Marke und auch hier wird das Gemüse, wenn auch mit natürlichen Mitteln, gespritzt und gedüngt. Was das jedoch auf langer Sicht für unseren Körper und für die Natur zur Folge hat wird kaum erforscht.
Die einzige Möglichkeit, für uns etwas zu ändern, bestand darin, selber einen Bauernhof zu gründen und die Tiere nach unseren Vorstellungen von einem natürlichen, freien Leben zu halten oder Bauern ausfindig zu machen, die unseren Ansprüchen gerecht werden. Deshalb zogen wir raus aus der Stadt. Hier lernten wir auch, dass nicht alle konventionelle Bauern mit chemischem Dünger und Pestiziden hantieren oder die Tiere in engen Käfigen halten.
Natürlich wollten wir auch Geld sparen und es nicht für teure biologische Lebensmittel ausgeben. Wir wollten Geld übrig haben für die Dinge, die uns am Herzen liegen und auch uns und unseren Kindern ein Leben ohne Verzicht ermöglichen, jedoch trotzdem im Einklang mit der Natur.

Es ist eigentlich ein wahrer Luxus, so zu leben. Wir haben Nahrungsmittel im Überfluss, reine Lebensmittel in mehr als nur Bioqualität und seltene Gemüse-, Obst- und Pilzsorten, die viele Menschen noch nie zuvor gegessen haben. Aber natürlich gibt es auch ein paar Nachteile. Die Flexibilität zu spontanen Reisen ist durch die Tiere nicht mehr gegeben. Wir benötigen immer jemanden, der vor Ort ist. Durch die wirkliche Freilandhaltung fallen zwar viele Aufgaben weg, wie tägliche Fütterung und mehrmalige Stallreinigung in der Woche, aber es sollte immer mindestens eine Person sicherheitshalber auf die Tiere Acht geben. Sonst fallen mir keine relevanten Nachteile ein, die gegen solch ein Leben sprechen.

Wie meisterst Du den Selbstversorger-Alltag mit zwei kleinen Kindern?

Mit einem Neugeborenen ist das Arbeiten auf einem Selbstversorger-Hof weitaus schwieriger geworden, aber mit jedem Monat, der voranschreitet und meine Tochter mobiler wird, wird es auch leichter, die täglichen Aufgaben schnell zu meistern. Beim Tiere Füttern, Holzhacken, Pflanzen Ansäen und Ernten plane ich die ganze Woche im Voraus, das erspart mir Zeit und Nerven. Ich nehme meine Tochter jedes Mal mit nach draußen, manchmal im Kinderwagen, manchmal in der Trage, je nachdem was ich auf dem Hof zu tun habe. Bei schönen Wetter kann ich sie nun auch ins Gras setzten und nebenbei das Gemüse anpflanzen. Sie liebt es, die Natur und mich bei der Arbeit zu beobachten. Die schwierigste Zeit liegt schon hinter uns.
Hochschwanger im Garten arbeiten oder Holz für unseren Ofen zu hacken schaffte ich nicht mehr, da war ich überglücklich, dass mein Mann mir zur Seite stand. Umso größer die Kinder sind, desto leichter wird es dann auch, denn Kinder lieben es, Gemüse zu ernten oder Eier zu sammeln. So fallen schnell ein paar Aufgaben weg und ich kann die Beine hochlegen.

Welche Kleidungsstücke stellst Du her und wie kommen die bei den Kids an?

Mein Sohn liebt es, wenn ich für ihn neue Kleidung mache, er fragt sogar manchmal danach und ich versuche seine Wünsche, so wie es mir möglich ist, zu erfüllen. Für die Kinder benutze ich meistens die weiche Wolle von unseren Lämmern oder von unserem Hund. Diese eignet sich für die zarte Kinderhaut am besten. So ziehen sie auch gerne Mütze, Schal und Pullover an.
Die Wolle der ausgewachsenen Schafe nehme ich für Jacken, Westen, Ponchos, Socken und Handschuhe. Die Wolle ist robuster und daher kommt das kratzige Gefühl. Ich verwende sie so, dass sie nicht mit der nackten Haut in Kontakt kommt oder auf Körperstellen liegt, die nicht so empfindlich sind.

Du melkst Eure Ziegen, ohne sie von ihren Lämmern zu trennen. Wie genau machst Du das?

Ich melke nur unsere Ziegen. Die Schafe sind zu scheu und fühlen sich nicht wohl, wenn man sie festhält, das akzeptiere ich. Unsere Ziegen im Gegensatz konkurrieren schon darum, wer zuerst gemolken werden darf. Na klar, es gibt natürlich auch besondere Leckereien, wie Getreide, Eicheln oder Kräuter. Diesen Leckerbissen lassen sie sich nicht entgehen. Wir haben einen selbstgebauten Milchstand, der erhöht steht und worein wir einen Eimer mit Futter stellen können. Die Zicklein stehen immer in der Nähe und sind stets neugierig. Wir melken nur, wenn die Tiere bereit dafür sind. Eine Ziege zum Melken zu zwingen würde bei uns nicht funktionieren, da sie sich schnell befreien und auf die Weide fliehen könnten. Das wäre auch nicht in unserem Sinne. Die Tiere sollen sich wohlfühlen und ein Gefühl von Sicherheit haben. Bei dieser Methode erhält man nicht allzu viel Milch, jedoch reicht sie uns allemal. Von zwei jungen Ziegen bekomme ich pro Tag ungefähr 250ml, das reicht um einmal in der Woche zwei kleine Käse herzustellen. Um mehr zu melken, beobachte ich die Ziegen, um zu sehen, wann der Milcheinschuss einsetzt. Den erkennt man an einen geballten Euter und am Durst der Muttertiere. So könnte ich am Tag auch weitaus mehr melken und die Milchproduktion der Ziegen erhöhen. Ein großer Vorteil dieser Haltung ist, dass ich die Tiere nicht jeden Tag melken muss, um die Milchproduktion am Leben zu erhalten. Die Zicklein tun das ganz natürlich. So kann ich in den Urlaub fahren und, wenn ich wiederkomme, immer noch Milch melken. Dadurch bleibt der Alltag flexibel.

Hast Du Pläne für die Zukunft der Biotopica Farm?

Pläne habe ich fast nie, denn die werden jedes Mal vom Schicksal über den Haufen gefahren. Ich kann hier nur von Wünschen sprechen, auch wenn diese sich genauso schnell ändern können, wie mein Garten. Wir mieten unseren Hof, deshalb wünschen wir uns schon ein eigenes Grundstück, auf dem wir unsere Vorstellung frei umsetzen können. Eine kleine Community, mit der wir zusammenleben können, wäre auch in unserem Sinne, damit man wieder etwas flexibler wird. Mein roter Faden ist es, Menschen und Tieren zu helfen, das treibt mich durch das Leben. Wo ich im Endeffekt ankommen werde, weiß ich nicht und das ist auch nicht wichtig, denn der Weg ist das Ziel.

Was würdest Du Menschen raten, die gerne in Richtung Selbstversorgung gehen wollen?

Man kann überall anfangen. Meine ersten Erfahrungen in Richtung Selbstversorgung machte ich auf einem 2 qm großen Balkon. Einen Samen in die Erde stecken und ihn feucht halten kann jeder. Das Wichtigste ist anzufangen, egal wo, wie und womit.

Viele Menschen reden nur und handeln nicht, sie haben zu große Angst vor Fehlschlägen. Bei uns hat es wochenlang gedauert, hunderte Bewerbungen und noch mehr Absagen gebraucht, bis wir unseren jetzigen Hof gefunden haben und unser Leben, so wie es jetzt ist, aufbauen konnten. Hartnäckigkeit und positives Denken führt einen an das Ziel seiner Wünsche, so kann man auch einen Bauernhof finden, bei dem die Miete weniger beträgt als bei einer Zweizimmerwohnung in Berlin. Wenn du etwas wirklich willst, gibst du nicht auf, das ist wie ein Mückenstich, der dich juckt und du erst Ruhe gibst, bis du dich gekratzt hast.

Auf Deiner Website wird es bald einen Farm-Shop geben. Wie wird das aussehen?

Der Farm-Shop ist kräftig in Arbeit. Es wird dort bald ein paar Produkte zu kaufen geben. Ich werde so oft gefragt, wie viel Gemüse und Obst eine Familie anbauen muss, um sich selbst zu versorgen. In meinem kommenden Arbeitsbuch kann sich jeder selber ausrechnen, wie viel er an Lebensmitteln benötigt, egal ob man allein ist oder eine große Community anstrebt. Das Arbeitsbuch wird voraussichtlich Ende des Jahres erscheinen.
Vorher wird es kleine Ratgeber zur natürlichen Tierhaltung geben, die Methoden aufzeigen werden, um seine Tiere fast ohne Futterkosten zu halten.
Im Farm-Shop wird man aber auch kostenlose Produkte finden, wie mein E-Magazin zur Gartengestaltung nach Permakultur-Design und einige weitere Überraschungen rund ums Thema Selbstversorgung. Ich möchte gerne meine Erfahrungen teilen und anderen helfen, sich und ihre Familie selbst zu versorgen. Im Shop soll jeder Hilfe für seinen Weg in die Selbstversorgung finden.

Danke für die tollen Einblicke!

 

Erstveröffentlichung auf www.wurzelwerk.net

Über den Autor

Avatar of Nicole Steinfurth

Nicole Steinfurth ist selbständige Mutter und Gründerin der Biotopica Farm, einem kleinen Selbstversorger-Hof zwischen Hamburg und Berlin, der sich auf fast ausgestorbene Tierrassen und historische Pflanzenarten spezialisiert hat. Durch die Einbindung der Permakultur in ihren Hofgarten gelingt es ihr, ihre vierköpfige Familie mit biologischem Obst und Gemüse vollständig zu versorgen. Unter biotopicafarm.de schreibt sie regelmäßig Artikel rund um das Thema Selbstversorgung.



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