„ Wir sehen nicht die Dinge, wie sie sind,
sondern wir sehen sie, wie wir sind.“
Talmud

Der kernige Spruch: „Wer reden kann, hat das Sagen“ mag gut als Werbeslogan für Rhetoriktrainer oder als Glaubensbekenntnis und zur Selbstermutigung für Moderatoren und Verkaufskanonen taugen. Doch zeigt sich darin auch ganz unverhüllt die Überbewertung des Wortes. Dass es sich wohl eher um eine Fehleinschätzung, einen Aberglauben handelt, werden all jene wissen, die zwar schnell und bestens reden können, aber dennoch nicht „das Sagen“ haben.

Wer sich das alltägliche Kommunikationsgeschehen nüchtern anschaut, kann leicht erkennen: Die wirklich etwas zu sagen haben, schweigen mehr, als dass sie reden. „Hunde, die bellen, beißen nicht“ – auch eine Volksweisheit – scheint mir der Wahrheit schon erheblich näher zu kommen. Doch will ich hier nicht letzte Wahrheiten ergründen. Mir geht es einfach um die Frage nach Präsenz und Wirkung in der Kommunikation – im Dienste von Zielen, Kontrolle, Verstehen, Verständigung und Wohlbefinden. Das lässt sich beeinflussen, stärken. Aber wie…? Das Gesetz von Watzlawick „Man kann nicht nicht kommunizieren“ umschreibt, was ich Metakommunikation nenne. Dafür lassen sich ‚Antennen‘ entwickeln.

Der große englische Theaterregisseur Peter Brook hat es durch eine besondere Arbeitsweise mit seinen Schauspielern gezeigt und in verschiedenen Äußerungen versucht, sein Geheimnis zu vermitteln: „Ein Wort beginnt nicht als Wort – es ist ein Endprodukt, das als Impuls anfängt und – durch Überzeugung und Verhalten beflügelt – den notwendigen Ausdruck findet… Für den Autor und den Schauspieler ist das Wort nur das kleine sichtbare Teilchen eines riesigen, unsichtbaren Gebildes.“ (Peter Book, Der leere Raum).

Achtsamkeit und Kommunikation

Achtsames schöpferisches Arbeiten – nicht diese moderne erzwungene ‚Kreativität‘ – Achtsamkeit überhaupt kann uns auf die Spur bringen. Inzwischen glauben wir, dank Neuroscience, Hirn- und Verhaltensforschung, über jene „anfänglichen Impulse“ und jenes riesige unsichtbare Gebilde schon etwas mehr zu wissen. Dass in anderen und erheblich älteren Kulturen dieses Wissen im Grunde längst vorhanden ist oder war, sei nur am Rande erwähnt. So hat sich der Dalai Lama in seiner verständnisvollen Güte, Offenheit und Bescheidenheit international renommierten Hirnforschern wiederholt als ernsthaft interessierter Gesprächspartner zur Verfügung gestellt. Andere aus dem Kulturkreis des Tibetanischen Buddhismus, ebenfalls in den uralten Techniken des ‚Selbstmanagements‘ geübt, lassen sich von den westlichen Forschern verkabeln und an deren Hightec-Apparaturen anschließen.

Ein wissenschaftlicher Meilenstein vielleicht, speziell zu unserem Anliegen Präsenz und Wirkung in der Kommunikation stammt von Ray L. Birdwhistell. Aufgrund experimenteller Beobachtung und Messung wird dem Wort und Inhalt der Kommunikation nur 30-35% an Wirkung zugeschrieben. Stimmlage, Timbre, Stimmvolumen, Sprechgeschwindigkeit und nonverbale Faktoren wie Mimik, Körperhaltung, Bewegung, Atmung, Hautfärbung etc. steuern hingegen 65-70% zur Kommunikationswirkung bei. Wer hätte das gedacht? Paul Ekman, später auch ein Gesprächspartner des Dalai Lama, ist aufgrund seiner langjährigen, systematischen und detaillierten Forschungen zur nonverbalen Kommunikation inzwischen zu Ehren und großen Erfolgen gekommen. Mimik, Gestik, Körperhaltung – die Kenntnisse verbreiten sich – und Buddha lächelt.

Kommunikation und Heilung

Heilkraft, wie Präsenz und Wirkung, kommen nicht aus der Sprache. Das „rechte Wort“ ergibt sich aus einer so tiefgründigen wie hochkomplexen Interaktion zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenen. Äußerlich und oberflächlich mag es sehr einfach und klar erscheinen. Oft aber mutet es auch dunkel und völlig unverständlich an. Wenn wir unsere Präsenz und Kommunikationswirkung oder auch Gesundheit und Wohlbefinden stärken wollen, dann ist es von größter Wichtigkeit, dass wir unsere Wahrnehmung, unseren Ausdruck, unser Kontakt- und Kommunikationsverhalten bewusster, sorgfältiger registrieren und ganzheitlicher, tiefgründiger und achtsamer gestalten. Dass auch Gefühl und Intuition in diesem Kontext eine nicht ganz unwichtige Rolle spielen, mag nicht nur Manager, Ärzte, Wissenschaftler besonders abschrecken. Allerdings trinken wir alle aus der gleichen Quelle. Nur hat jeder seinen ganz eigenen Zugang. Dieser kann durchaus verschüttet oder schwer zugänglich geworden sein und erst noch seiner Entdeckung und Freilegung harren.

Die Quelle erschließt sich auf unterschiedlichsten Wegen. Weil tiefes Empfinden von Emotionen, wie Freude oder Schmerz oder das Erkennen von Tod, Unendlichkeit und ‚Nichts‘, also durchaus reale geistige Gefahren mit dem Zugang, Gebrauch und Genuss ihrer Kraft verbunden sind, bleibt unser Durst, unser Sehnen danach meist gehemmt, ja – oft völlig blockiert von Ängsten, die nicht leicht zu beherrschen sind. Für unsere Sehnsucht, unseren Durst aber bieten sich zwar nicht unbedingt nachhaltig verträgliche, doch zumindest sozial akzeptierte Formen und Mittel von ‚Betäubungen‘ aller Art an: meist unbewusst bleibende Ersatzbefriedigungen.

Doch wo ein Wille ist, da ist ein Weg – nein – da gibt es viele Wege, Zugang zur Quelle in sich selbst und damit zum eigenen Potential zu finden. Gerade unsere so gern verdrängten Ängste sind ein wichtiger Wegweiser; sie tauchen meist in Bezug zu anderen Menschen auf. Diesen Gefühlen im eigenen Innern einmal nach zu gehen, sie ins Bewusstsein zu holen und zu integrieren, ist nicht einfach, aber ein Weg der sich lohnt: mehr Selbstvertrauen, ein erweitertes Bewusstsein, mehr Präsenz und Wirkung in Kommunikation und Beziehungen sind seine erfreulichen Begleiterscheinungen.

Fotos: oben tmdumont, unten privat

Über den Autor

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Jg.1948, ist Dipl.Soziologe/Sozialpsychologie und arbeitet seit über 30 Jahren selbständig als Kommunikationsberater und Trainer. Nach einigen Jahren des Rückzugs aus der Trainingsarbeit bietet er derzeit unter dem Label MÜLLER.MIND Performance seinen weiterentwickelten Trainings- und Beratungsansatz MetaMind in Einzel- und Gruppenarbeit an.

Kontakt
Thomas M. Dumont, P.O.Box 900 149 in 14437 Potsdam. TEL: +49(0)331.2009690

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