am 17., 18. und 19. Juni 2011 zum Weberfest auf dem Weberplatz in Potsdam-Babelsberg

Die Tarantella ist der Oberbegriff einer Familie traditioneller italienischer und regional unterschiedlicher Tänze mit verwandten Eigenschaften: die Choreografie der Tanzpartner entwickelt sich spielerisch. Im Tanz kommunizieren Tänzer und Musiker mit- und untereinander. Dabei kann es um das gegenseitige Kräftemessen gehen, um Erotik und Leidenschaft, oder einfach um den Spaß.

In der Zeit, als der Mittelmeerraum noch von Göttern und Geistern bevölkert wurde und man sich als Mittelpunkt eines magischen Universums glaubt, hatte der Tanz eine wesentlich rituelle Bedeutung. Der Name Tarantella erscheint erstmals im 17. Jahrhundert in Apulien als Bezeichnung für einen therapeutischen Tanz. Viele Ärzte und Reisende interessierten sich und interessieren sich heute wieder für dieses besondere Phänomen.

Der Tarantismus war ursprünglich der Glauben an den Biss der Tarantel. Dieser Biss schmerzte und führte zu einer Gemüts-Krankheit, zu einer Art Besessenheit durch die Tarantel, die nur durch den Tanz zu heilen war. Aus heutiger Sicht ist beides eine Imagination bzw. Autosuggestion – also nichts weiter als eine Einbildung der Betroffenen. (So kann die Spinne „Tarantel“ gar nicht beißen.) Offensicht handelte es sich aber um eine von der Dorfgemeinschaft anerkannte Imagination. Der Biß der Tarantel ist daher symbolisch zu verstehen, nämlich als Herausforderung für die musikalische Therapie mit dem Rhythmus als eigentlichem Protagonisten.

In der Einbildung der Betroffenen erhält die Tarantel durch die Klänge des Tamburellos ein neues, aber anderes Leben. Denn es ist nicht die Musik, die zur Trance führt, im Gegenteil: die Musik versucht der Trance eine Ordnung zu geben und so die Besessenheit aufzuheben, die durch den Biß der Tarantel verursacht wurde. Die Schläge des Tamburello, ordentlich und einheitlich, sind wie das Pulsieren der Lebenskraft und haben einen positiven Einfluss auf die Menschen. Das Tamburello vereinigt in sich den Gegensatz des hellen Klanges der Schellen und des Basses der Schläge, beides in die Einheit der Kreisform geschlossen. Das chaotische Geklingel der Schellen erhält durch den klaren Rhythmus der Schläge eine feste Struktur. So ist die Kreisform des Tamburellos wie auch sein Klang ein magisch-symbolischer Ausdruck für die Harmonie des ganzen Kosmos, dessen Teil die Menschen sind.
Der Tanz steht für das Heraustreten aus dem Chaos des Alltags. Durch den Tanz wird jene kosmische Ordnung wiederhergestellt, die wir vergessen haben: Der Tanz, der Rhythmus und der Klang des Tamburins tragen uns zurück zu unseren Ursprüngen, in eine Sphäre in der sich die Emotionen und Gedanken in Bewegung verwandeln und die Einheit von Körper, Geist und Kosmos gefeiert wird.

Im Verlauf der letzten Jahrhunderte verschwand die Welt der Götter mehr und mehr aus der Mittelmeerkultur.
Sie machten Platz für neue Religionen und Philosophien, die den Tanz als eine Kunstform betrachteten, als eine folkloristische Darstellung, als eine vergnügliche Spielform oder aber als eine Form von Exorzismus und religiöser Hingabe, wie es der Katholizismus versteht.

Heute gleichen die Feste in den wunderschönen und versteckten Dörfern im Landesinneren von Süditalien einer Theaterinszenierung für Musik, Tanz, Theater und Improvisation. Die neuen Einwanderer Süditaliens aus dem afrikanisch-arabischen Raum bringen ihre Einflüsse und ihr musikalisches Erbe mit ein. Es wird mit neuen Rhythmen experimentiert und neue Instrumente werden eingeflochten. Viele neue lebendige Musikgruppen sind entstanden, die sich permanent weiterentwickeln. Die Straßenmusiker spielen voller Hingabe. Sie improvisieren, tanzen, spielen Theater und treten dabei unablässig in Kontakt mit den Zuschauern. Dabei transportieren sie Geschichte und knüpfen an die Traditionen an. Damals war Tanz und Musik gerade für arme Leute, vorwiegend Feldarbeiter, ihre Form von Kommunikation und Ausdrucksmittel, das ihr Leben widerspiegelte. Andererseits wurden Leidenschaften ausgedrückt und das normale Leben dramatisiert. Und das sind auch heute noch die Themen der italienischen Straßenmusiker. Einerseits knüpfen sie an die Tradition an, andererseits verarbeiten sie ihre eigene Realität. Zum Beispiel aktuelle soziale Probleme und kulturelle Veränderungen. Diese Inhalte werden oft auch schauspielerisch verpackt und der Übergang zu Improvisation und Straßentheater ist fließend.

 

 

Über den Autor

Avatar of Margherita Damelio

geboren in Apulien, Italien, lebt und arbeitet seit 1987 in Berlin.
Sie ist die Gru?nderin der Tanzgruppe „Tarantascalza”, mit der sie im Rahmen von Musikveranstaltungen die verschiedenen Formen der Tarantella auffu?hrt.
Neben ihren Auftritten bietet sie bundesweit Tarantella-Kurse und -Workshops an und ist als ku?nstlerische Leiterin fu?r Konzeption und Durchfu?hrung verschiedener kultureller Events verantwortlich. Ferner ist sie als Dozentin fu?r das Fach Tanz an der Leo Kestenberg Musikschule in Berlin tätig.
In Kooperation mit Prof. Dr. Wolfang Martin Stroh (Universität Oldenburg) und der Global Music Academy in Berlin entwickelt sie Materialien für den Musikunterricht.
Daru?ber hinaus lehrt sie als Dozentin fu?r Fachtanz (Tarantella) und Choreografie im Fachbereich „Schauspiel” an der Theaterakademie in Berlin, Kreuzberg die Bedeutung und Ausdruckskraft des Tanzes.
Doch u?ber die Vermittlung des Tanzes und seine soziokulturelle, historische sowie gestische Bedeutung und Ausdruckskraft hinaus: Ihr besonderes Interesse gilt den therapeutischen Aspekten der verschiedenen Formen der Tarantella. Sie arbeitet eng zusammen mit verschiedenen interkulturellen Frauenzentren in Berlin. Therapeutisch tätig ist sie auch als Kursleiterin fu?r Ru?ckengymnastik, Qi Gong und Tanztherapie.
“Als Tarantella-Tanzlehrerin und Musikerin benutze ich für die Tanztherapie eine besondere Form des Tarantella-Tanzes. Bei der Tarantella-Therapie erleben die Tarantati sich in einer Symbiose mit der Tarantella. Diese Form der Identifikation entwickelt sich auf psychodrammatische, rituelle und musikalische Weise, wobei jeder Einzelne zum Protagonisten wird.
Dank meiner Erfahrung als Qi Gong Lehrerin, Musikerin, Tänzerin und Schaupielerin sowie meiner jahrelangen Arbeit mit Kindern und Erwachsenen, werde ich die Tanztherapie so gestalten, dass sich jeder Einzelne mit seinen Problemen und Erfahrungen auseinandersetzen und sie dadurch überwinden kann.“

Mehr Infos

Nächster Auftritt am 17., 18. und 19. Juni 2011 zum Weberfest auf dem Weberplatz in Potsdam-Babelsberg

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*