© beasternchen auf PixabayWarum in die Ferne schweifen? 27. Juli 2026 von Andreas Fiedler Jedes Jahr zur Sommerzeit spüre ich eine gewisse Unruhe, einen Impuls, mich mit fernen Zielen zu verbinden. Schöne Orte, meist innerhalb Europas, die ich noch nicht erfahren, erlebt, erwandert habe. Mitunter ist es vielleicht nur ein Gedanke, ein Konzept, das besagt, dass schließlich Urlaubszeit ist und es „normal“ ist zu verreisen. Wer zuhause bleibt oder bleiben muss, hat irgendetwas falsch gemacht. Stimmt das wirklich oder ist diese Zwangsläufigkeit nur eingebildet, ein Luxusproblem, zu glauben, man müsste? Also welche guten Gründe gibt es, in die Ferne zu schweifen? Ich sehe im Wesentlichen zwei Aspekte: Die Conditio humana Der Mensch an sich als wanderndes, reisendes Wesen, ein „Homo viator“: Körper und Geist sind für Bewegung gemacht. Die Sesshaftigkeit ist ein eher unnatürlicher Zustand. Bewegung durch fremde Räume bringt etwas Natürliches, Echtes im Menschen zum Vorschein, das die Zivilisation zudeckt. Wir tragen schließlich immer noch – so zumindest die hübsche Legende von den Nomaden-Genen – etwas von jener Zeit in uns, als der Mensch noch 20 Kilometer am Tag zu Fuß umhergestreift ist (siehe auch Beitrag „Urlaub – Erfüllt unterwegs sein“). Der Mensch als Lernender „In der Fremde wird der Mensch neu geboren“ (Christoph Ransmayr). Vielleicht, weil der Körper den Ort wechseln muss, damit auch der Geist in Bewegung gerät. Durch die Konfrontation mit dem Andersartigen wächst der Mensch, bildet sich, ganz im Sinne des Humboldtschen Ideals, in dem sich das Ich an der Berührung mit dem Fremden verändert und die in sich angelegten Kräfte entfaltet, die es ohne Reibung niemals ausgebildet hätte. Auch Hermann Hesse feiert in seinem Gedicht „Stufen“ den Aufbruch als Mittel gegen „lähmende Gewöhnung“ – wobei er dort weniger vom geographischen Verreisen spricht als vom Loslassen überlebter Lebensstufen. Vielleicht ist der Ortswechsel also nur die anschaulichste, nicht die einzige Form des Aufbruchs. Die Gegenthese Gelassenheit und innere Einkehr, nicht die Bewegung im bzw. ins Außen, sind der Weg zum Heil. Blaise Pascal hat es prägnant formuliert: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“ Dass wir vielleicht auch auf der Flucht vor uns selbst sind, aus Angst vor der inneren Leere das Weite suchen? Immer neue „Sensationen“ brauchen, um uns nicht unseren Schatten und inneren Dämonen stellen zu müssen? Diese These hat ebenso ihre Berechtigung. So wie bei Henry David Thoreau („Walden“), der sich an einen See zwei Kilometer von seiner Heimatstadt zurückzog und meinte, er hätte dort mehr über sich und die Welt gelernt als jeder Weltreisende. Damit sind wir wieder bei der Ausgangsfrage, was treibt uns hinaus? Jetzt können wir unterscheiden: Ist es mehr der natürliche Entdeckerdrang oder ist es eher die Flucht vor der Stille und der Begegnung mit uns selbst? Vielleicht lautet die Kernfrage auch, ob man in Bewegung bleibt, egal wo man sich befindet. Ein hilfreicher Leitgedanke könnte also sein: Habe ich die Wahl, oder „muss“ ich weg – und wäre nicht auch das Verweilen eine Art Aufbruch, wenn ich es bewusst wähle? Vielleicht darf ich diesen Sommer in heimischen Gefilden bleiben. Wo das Gute liegt so nah. Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar Antwort abbrechenDeine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.KommentarName* E-Mail-Adresse* Name, E-Mail-Adresse und Website in diesem Browser für meinen nächsten Kommentar speichern. Überschrift E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.Auch möglich: Abo ohne Kommentar. Durch Deinen Klick auf "SENDEN" bestätigst Du Dein Einverständnis mit unseren aktuellen Kommentarregeln.