von Uwe Rapp

Meine Mutter äußert sich in meinem Beisein über die Abwesenheit meines Vaters. „Er sollte mehr für die Familie da sein“ höre ich sie sagen. Aus Liebe zu ihr glaube ich als Kind, was sie sagt. Wie selbstverständlich schenke ich ihr Glauben. Ich übernehme unbewusst ihre Bewertung und bin traurig, dass die Wirklichkeit nicht so ist, wie von ihr gewünscht. Ich denke, „Mein Vater ist zu wenig für uns da, er genügt nicht, er macht etwas falsch“.

Weil mein Vater zu wenig für die Familie, also auch für uns Kinder da ist, glaube ich, meiner Mutter nicht zur Last fallen zu dürfen. Ich habe Angst, dass sie von mir auch denken könnte, ich mache etwas falsch. Und wenn ich etwas falsch mache, ist das so, als wenn ich falsch bin und fühle ich mich sofort schuldig. Deshalb versuche ich, alles richtig zu machen. Ich bin vorwiegend nicht im Haus, sondern draußen unterwegs, außerhalb ihres Blickfeldes. So muss ich nicht hören, was sie über meinen Vater sagt und ich kann mit möglichen Fehlern von ihr nicht gesehen werden. Die Angst, falsch zu sein tut so weh, dass ich ihr aus dem Weg gehe, und alles tue, um diesen Schmerz nicht zu spüren.

Weil ich nicht ausgleichen kann, was mein Vater sein und tun sollte, mache ich es mir und meiner Mutter auf diese Weise recht. Es scheint richtig so, ihr keine zusätzliche Belastung zu sein und ich habe scheinbar meine Ruhe vor ihren – meinen – Gedanken.

Fortsetzung – Schuld und Scham ohne Ende

Urteile, Etiketten, Bewertungen, Feststellungen und Überzeugungen sind an sich harmlos, solange ich sie nicht glaube. Als Kind bin ich nicht in der Lage, das, was mir von Mutter, Vater, Lehrer, älterem Bruder und auch anderen angetragen wird, nicht zu glauben. Vieles davon ist sachlicher Natur und beschreibt das, wie die äußere Welt scheinbar ist. Das ist erst mal okay so. Persönlich und peinigend wird es, wenn ich Aussagen oder das Verhalten des anderen so auffasse, dass ich denke, etwas falsch gemacht zu haben, oder falsch zu sein. Wenn ich vom Lehrer zu hören bekomme ‚Du bist oft unpünktlich zum Unterricht ‚ und mache daraus, ‚ich bin oft zu spät und sollte es nicht sein‘, dann bewerte ich das, was passiert ist, als falsch und fühle mich schuldig dafür. Oder ich bekomme zu hören, ‚Du bist zu blöd für die einfachsten Sachen‘.

Wenn ich diese Bewertung annehme, also glaube, dann bin ich selbst es, der sich bewertet und damit einher geht sofort Schuld, und auch die Scham, weil ich so nicht sein will. Als Kind kann ich nicht wissen, dass ich einer Lüge, dem Konstrukt einer Unwahrheit aufsitze. Ich bleibe zurück mit der stillen inneren Behauptung ‚Mit mir stimmt etwas nicht‘ und beginne, mich so zu ‚halten‘, – zu ver-halten! – dass andere das möglichst nicht bemerken, indem ich automatisch z.B. freundlich, nett und zuvorkommend bin. Es ist eine Art Selbsterhaltungsstrategie, weil ich so am ehesten davon ausgehen kann, dass ich nicht kritisiert werde und nicht mit meiner Selbstverurteilung konfrontiert bin. Doch weg geht sie damit nicht. Der mit dem Selbsturteil verbundene Schmerz ist durch diese Strategie lediglich verschleiert und ins Unbewusste verdrängt.

Positive Bewertung – besser?

 Jetzt zu glauben, Kinder sollten oft gelobt und möglichst nie kritisiert werden, ist die andere Seite der gleichen Medaille gewählt. Lob führt genauso in die Schuld, wenn es persönlich genommen wird, denn dann werde ich abhängig davon und strebe immer wieder danach. Ich vergleiche mich mit anderen, werte sie ab oder auf. Insofern erschafft Lob als Bewertung genauso wie Kritik ein abhängiges Verhaltensmuster. Die Aneignung einer Bewertung, indem ich sie glaube, ist immer schmerzhaft, gleich ob es sich um Lob oder Tadel handelt und sie schiebt sich als etwas Trennendes zwischen das So-sein der Wirklichkeit. Hier bin ich als etwas Besseres oder Schlechteres getrennt vom anderen. 

‚Ich‘ zu denken, zu glauben und als feststehend anzunehmen, ist die Ursache für Schmerz und Schuld. Es ist die erste, ursächliche und nie hinterfragte Bewertung oder Überzeugung. Alles was danach kommt, basiert darauf. So ist ‚Ich‘ der Urknaller, der scheinbar ‚mich‘ hier und eine ‚Welt‘ da draußen hervorbringt.

Die Lüge erkennen

Die unbewusst angenommenen und auf mich selbst gerichteten Bewertungen von anderen, erzeugen automatisch ein von mir als bedrückend wahrgenommenes Ich-Enge-Gefühl, in dem ich mich falsch, schuldig und abtrennt fühle.

Mir bewusst darüber, was die illusionäre Wahrnehmung des ‚Ich-Seins‘ erschafft und bewirkt, erkenne ich, wo die Schuld wirklich herkommt. Als gesonderte Ich-Einheit fühle ich mich abgespalten vom Ganzen und automatisch schuldig, getrennt zu sein. Das ist die ursächliche Lüge, die zu erkennen die Wahrheit ans Licht bringt. Die Wahrheit, dass ich in Wirklichkeit nie jemals getrennt bin. Es ist der Glaube, ein Ich zu haben und es zu sein, der die Ursache für den Ur-Schmerz der Trennung ist. Es tut weh, weil es nicht die Wahrheit ist. Getrennt in ‚Ich hier‘ und ‚die Welt da‘ glaube ich, ein eigenständiges, körperliches Wesen zu sein, das sich irgendwie behaupten und etwas verändern, verbessern oder erhalten kann und muss. Das irritierende Gefühl, ein gesondertes Wesen zu sein, schwingt dabei immer mit. Die Schuld in Bezug auf die Wahrheit ist getilgt, wenn ich erkenne, dass ich nicht getrennt bin. Im Bewusstsein der Wahrheit bin ich das Ganze – Eins.

Verboten – Schlechtes Gewissen

Als Kind wohnte ich mit meinen Eltern direkt an einem Bauhof. Dort stand ein hoher Kran für die Verladung. Einmal, als dort zum Wochenende Ruhe eingekehrt war, konnte ich einem Aufstieg ganz nach oben Richtung Führerhaus des Krans nicht widerstehen. Auf halber Höhe angekommen sah ich auf einmal meinen Vater unten gehen. Ich erstarrte vor Schreck, weil ich wusste, dass ich etwas Verbotenes tue und hatte sofort ein schlechtes Gewissen. Ungewiss, ob mein Vater mich gesehen hatte, wartete ich ab, bis er um die Ecke bog und kletterte dann ängstlich wieder herunter. Ich fühlte mich schuldig. Doch für was eigentlich, es war doch nichts passiert! Oder doch? Von meiner Mutter hörte ich oft den Ausspruch „Wer nicht hören will, muss fühlen“. Ich dachte, damit ist nur das körperliche Bestrafen durch erhaltene Schläge gemeint. Nun erkenne ich, dass dieser Spruch auch auf ein schlechtes Gewissen hinweist. Das mich meistens, vielleicht immer dann plagt, wenn ich etwas tue, was so nicht sein soll, weil ich dabei andere nicht berücksichtige. Es plagt mich wie innere Schläge, die ich mir selbst antue.

Eigenwille

Beim Kranbesteigen waren kindliche Neugier und sehr viel Eigenwille meine Beweggründe. Ich habe das einfach entschieden zu machen, ohne Rücksprache. Die Möglichkeit meinen Vater zu fragen, ob er meinen Wunsch erfüllen kann und bereit ist, mit mir den Kran zu besteigen, war unbewusst ausgeblendet. Er arbeitete auf dem Hof und hätte die Erlaubnis dazu einholen können; und hätte dann hinter mir her steigen können. Doch für mich war nur wertvoll, was ich allein entschieden habe. Es war ein Versuch, mein mangelndes Selbstwertgefühl auszugleichen.

Der Grundgedanke, etwas Eigenes, selbst Entschiedenes zu brauchen, taucht auch immer mal wieder auf. Das passiert, wenn ich den vollkommenen Wert meines Daseins ausblende und damit verachte, was ich wirklich bin. Wenn ich das nicht gleich bemerke und den damit verbundenen Schmerz ignoriere, setzt spontan oder verzögert das Kompensieren müssen ein und ich tue etwas, mit dem ich meinen Wert steigern will, – etwas Eigenes (Besonderes!). In der scheinbaren Notwendigkeit das tun zu müssen, lasse ich einen Kontakt, ein Nachfragen nicht zu, da mein Wille dadurch vielleicht undurchführbar wird. Hier bin ich kontaktlos, eigen, abgekapselt und damit ist der Schmerz und die Enge bereits da, schon bevor ich etwas Unerlaubtes tue. Die Möglichkeit, von meinem Vater bemerkt worden zu sein, hat mir zumindest momentan den Schmerz bewusst gemacht. Ich hatte mich über das, von dem ich wusste, dass es verboten ist, eigenwillig erhoben und das fühlte sich nicht wirklich gut an. Die inneren schmerzlichen Konsequenzen hatte ich damit schon, die äußeren einer Bestrafung sind gar nicht eingetreten.

Jedes Tun hat Konsequenzen

Im Bild vom Schmetterling, dessen Flügelschlag einen Orkan auslösen kann, wird das deutlich. Die pulsierende Lebendigkeit dieses zarten Geschöpfes als Ursache steigert sich hier zu einer immensen Naturkraft, die im direkten Vergleich zur Wirkung eines Flügelschlages eine zerstörerische Kraft hat. Wenn das so passiert, nennen wir es ein Naturereignis. Von außen betrachtet sind Menschen auch Naturereignisse. Dadurch, dass sie sich bewegen, geschieht eine Wirkung. Das ist natürlicherweise so und ich wollte sie dafür nicht beschuldigen. Solange ihr Tun keine Umstände zur Folge hat, die man Schaden nennt, scheint alles in Ordnung zu sein. Der Wunsch, dass möglichst niemand etwas tut, was unangenehme Konsequenzen für mich oder andere hat, also weder Mensch noch Tier und auch nicht ein fallender Baum, entspricht jedoch nicht der Wirklichkeit dieser Welt. Es gibt ständig Auswirkungen, und wir haben sie, genau betrachtet, nie unter Kontrolle.

Schuld und Schuldzuweisung

Sie passiert immer jetzt, wenn ‚Ich‘ als ein Gedanke geglaubt und gemeint ist. Automatisch geht damit das Gefühl einher, abgetrennt zu sein von allem Übrigen, vom Ganzen. Und ich fühle mich schuldig und schäme mich dafür, nicht vollkommen zu sein.

Zu erkennen wer ich wirklich bin, ein geistiges Wesen oder Bewusstsein, das scheinbar körperlich in allen Formen als das Ganze erscheint, ist die aufzulösende Schuld in Bezug auf die Wahrheit. In der Annahme, körperlich und damit bedürftig zu sein, ist diese Schuld jedoch verlagert und wird abgewiesen und so klagen wir uns gegenseitig für etwas an, was auf der (illusionären) Ebene der Körperlichkeit unvermeidlich ist. Denn hier bin ich automatisch darauf bedacht, mich und alles, was ich hervorbringe, also erwirtschafte, möglichst zu bewahren, zu schützen und nicht zu verlieren. Schuldig werden ist in dieser Wahrnehmung eine logische Folge, da Gegenstände und Körper der Veränderung unterworfen sind. Sie können beschädigt, gestohlen, verletzt oder zu Tode gebracht werden. Auch mental angeeignetes Wissen wird oft als persönlicher Besitz betrachtet und unterliegt ähnlichen Auswirkungen. Menschen beschuldigen andere oder sich selbst, weil sie diese Vergänglichkeit nicht aufhalten können, dazu beitragen oder aktiv zerstörerisch sind.

Jede Tat hat eine Ursache, einen Auslöser, sonst würde sie nicht geschehen können. Das eine bedingt das andere. In dem Glauben, körperlich zu sein, machen wir uns durch die dadurch hervorgerufene Bedürftigkeit alle gleichermaßen schuldig, da ist niemand besser oder schlechter.

Heilende Sicht – Die Umkehr

Die versäumte, nicht erkannte Schuld in Bezug auf die Wahrheit ist es, die die Welt zu einem ‚Ich-brauche-, ich-will-kriegen‘-Schauplatz macht, in Paar-Beziehungen, Familien, politischen Gemeinschaften, Völkergemeinschaften, überall. Hier ’schaue ich in den Spiegel‘ und was ich sehe, bin ich selbst, ich kann es in mir finden, da wo ich bedürftig bin. Die Wahrheit ist die heile Sicht, die sich durch die Verantwortungsübernahme für das, was ich denke auftut. In der Umkehrung eines Schmerz erzeugenden Gedankens kommt die Wahrheit ans Licht. Sie offenbart sich von selbst, wenn ich den weiter oben erwähnten Gedanken ‚Mit mir stimmt etwas nicht‘ umkehre in ‚Ich bin stimmig, – richtig so, wie ich bin!‘. Woher weiß ich das? Weil es dort friedlich und liebevoll ist. Einzig das bin ich der Wahrheit schuldig, dass ich hinterfrage, was ich denke. Weil es nicht die Wirklichkeit ist, die mich unglücklich macht, sondern wie ich sie aufgrund der angenommenen Überzeugungen bewertend wahrnehme. Es ist das, was ich über mich und die Welt denke, und es ist immer eine Interpretation der Wirklichkeit, nie die Wirklichkeit selbst. Ich sehe nicht was es ist, – ich sehe was ich denke, was es ist.

Im erwachten Bewusstsein ist klar, dass alles bereits da ist, was ich brauche, um zu sein. Hier ruht ES im vollkommenen Gewahrsein seiner selbst als die unsichtbare Liebe, die ES ist.

Eine Antwort

  1. Daniela
    Unschuldig

    Danke für diesen wunderbaren Artikel, der mich aus der Schuld heraus führt und an die Wahrheit erinnert, das ich Liebe bin.
    Die Unschuld war nur versteckt durch gelernte bewertende Gedanken.

    Antworten

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