von Laura Blaschko

Ich kannte die Stille. Ich hatte sie gesucht. Aber was dann kam, wollte ich nicht.

Bis 2012 war ich Rechtsanwältin. Ganzheitlich arbeitend, ja – aber Rechtsanwältin. Mein Handwerkszeug war der Verstand: Präzision, Sprache, das Denken in Zusammenhängen. Und dann begann ausgerechnet das langsam, unerbittlich, wegzubröckeln.

Wörter, die ich immer gewusst hatte, versteckten sich plötzlich. Ich verlor mitten im Satz den Faden – im Gespräch mit Mandanten, in Verhandlungen, im Alltag. Mein Gedächtnis wurde porös. Und ich versuchte, es zu verbergen. Mit aller Kraft. Denn für eine Anwältin ist der Verstand nicht nur ein Werkzeug. Er ist Identität.

Es war 2015. Was ich damals nicht wusste: Ich stand am Beginn einer der tiefsten Reisen meines Lebens.

Die, die das Nichts kannte

Ich war nicht unvorbereitet auf Fragen des Geistes. Zwischen 2008 und 2012 hatte ich bei Christian Meyer eine Ausbildung in existenzieller Psychotherapie gemacht. Ich kannte die Bewusstseinsübung. Ich kannte das bewusste Einlassen auf Stille, auf Vergänglichkeit, auf das Nichts. In Potsdam hatte ich sogar selbst eine kleine Gruppe gegründet und diese Praxis weitergegeben.

Die Sehnsucht nach dem Nichts, nach einer Stille jenseits des Denkens, war mir vertraut. Ich hatte sie gesucht, meditiert, erfahren.

Und dann, als mein Gehirn zu streiken begann, dachte ich zunächst: Vielleicht ist das eine spirituelle Krise. Vielleicht ist es eine Form des Loslassens, zu der das Leben mich jetzt führt.

Doch so fühlte es sich nicht an. Es fühlte sich nicht nach Weite an, sondern nach Verlust. Nach Angst. Nach einem Ich, das kleiner wurde und sich dagegen wehrte.

Der Anruf, der alles verschob

Eines Tages rief mich eine Bekannte an. Wir sprachen über die Bewusstseinsübung. Ich fragte sie beiläufig, woher sie diese kenne.

Sie antwortete: „Das warst doch du.“

Ich hatte es vergessen.

Die Scham in diesem Moment war körperlich. Und gleichzeitig war da etwas anderes: rohe Klarheit. Kein Schönreden mehr. Das war keine spirituelle Krise. Das war mein Gehirn, das sich verabschiedete.

Von da an hörte ich täglich Christian Meyers „Sieben Schritte“. Sie halfen mir, die ständig wechselnden Schmerzen anzunehmen. Später auch die Auseinandersetzung mit dem Tod, mit dem Ende, mit einer Frage, der ich nicht mehr ausweichen konnte: War ich bereit, mich auf den Tod meines Denkens einzulassen? Auf das Ende meines Verstandes, wie ich ihn kannte?

Nein. Ich wollte das nicht. Ich kämpfte mit allem, was ich hatte.

Ein Bild der inneren Unruhe

Irgendwann ließ ich mein Gehirn in einer Familienaufstellung stellvertretend aufstellen.

Die Stellvertreterin konnte nicht stillstehen. Sie zappelte, unkontrolliert, rastlos, wild. Sie fand keine Ruhe, keinen Halt.

Das war kein symbolisches Bild. Das war das, was ich innerlich erlebte – täglich. Mein Geist zappelte, suchte, kam nicht zur Ruhe und fand sich selbst nicht mehr.

Es war die Bestätigung dessen, was ich längst ahnte, aber nicht aussprechen wollte: Das war kein spirituelles Wachstum. Das war Krankheit.

Amalgam, Borreliose und ein verwüsteter Hippocampus

Die Antwort auf das Warum kam durch Dr. Dietrich Klinghardt. Mit seiner ART-Methode entdeckte er, was zuvor niemand gefunden hatte: eine unerkannte Borreliose und eine chronische Quecksilberbelastung durch elf Amalgamfüllungen. Jahrelang hatten diese stillen Täter in meinem Körper gewirkt – und meinen Hippocampus, das Gedächtniszentrum des Gehirns, schwer belastet.

Parallel dazu begann ich durch den Neurologen und Funktionalmediziner Dr. Datis Kharrazian mein Gehirn wirklich zu verstehen – als lebendiges System mit eigener Sprache. Und durch den amerikanischen Neurologen Dr. Dale Bredesen stieß ich auf etwas, das mir die klassische Medizin verweigert hatte: Hoffnung und eine konkrete Anleitung zur Selbstheilung.

Der Tiefpunkt auf der Konferenz

Nachdem ich 2016 eine MCI-Diagnose (Demenz-Vorstufe) erhalten hatte, wollte ich mir im Jahr danach auf der jährlichen Alzheimer-Konferenz in Berlin weitere Informationen holen. Die Journalisten stellten keine Fragen. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, sprach über meine Verzweiflung und die zunehmenden Symptome und fragte, ob man Erfahrungen mit dem Bredesen-Protokoll habe.

„Nicht ausreichend evaluiert“, hieß es. Dann folgte der Satz, der sich mir eingebrannt hat: Ich könne noch gute zwei Jahre mit Alzheimer haben.

Ich starrte den neuen Schirmherrn der Hirnliga e. V., den Filmemacher David Sieveking, an. Hatte ich mich verhört? Der Schock saß tief.

Ein Journalist wollte ein Interview führen und fragte mich, wie ich mich jetzt fühle. Am liebsten hätte ich ihn verprügelt. Stattdessen sagte ich: Mir geht’s gut – ich kenne meinen Weg.

Ich begann, nach Bredesens Metapher meine „Löcher im Dach“ zu stopfen. Mit einem Whiteboard in der Küche hakte ich täglich meine Maßnahmen ab.

Akzeptanz als Maßnahme

Es war aber nicht nur Entgiftung, Ernährung, Nahrungsergänzung und Schlaf. Es war etwas anderes, das ich nicht erwartet hatte.

Meine Praxis – Meyers Sieben Schritte, die Bewusstseinsübung, die tägliche Auseinandersetzung mit dem Vergänglichen – führte mich irgendwann an einen Punkt, den ich nicht planen konnte: den Punkt der Akzeptanz.

Ich hörte auf zu kämpfen. Nicht, weil ich aufgab. Sondern weil ich begann anzuerkennen: Das ist mein Weg. Vielleicht ist das, was ich gerade durchmache, genau das, was jetzt sein soll. Ich wechselte bewusst die Perspektive und wurde zur Beobachterin dessen, was körperlich mit mir geschah und wie ich es fühlte.

Und etwas veränderte sich. Ich wurde ruhiger. Der innere Widerstand, das Zappeln, ließ nach. Nicht weil das Vergessen aufhörte, sondern weil ich aufhörte, dagegen anzukämpfen.

Heute verstehe ich: Diese Akzeptanz und der innere Beobachter waren selbst eine Heilmaßnahme. Eine der wirksamsten.

Das Nirvana, das ich suchte

Es gibt eine tiefe Ironie in meiner Geschichte, die ich erst im Nachhinein sehe.

Ich hatte die Stille gesucht, das Nichts, das Loslassen des Egos. Das ist ja das Herz meditativer Praxis: das bewusste Einlassen auf die Auflösung des Selbst.

Und dann kam das große Vergessen – und es fühlte sich alles andere an als Nachhausekommen. Es war keine Erleuchtung. Es war Entfremdung. Eine Art innerer Dunkelheit, kalt und benebelt.

Das hat mich gelehrt: Es gibt einen Unterschied zwischen dem bewussten Loslassen des Denkens in Meditation, Gebet oder Stille – und dem unfreiwilligen Verlust des Denkens durch Krankheit. Das eine ist ein Öffnen. Das andere ist ein Verlieren.

Eine Bekannte erzählte mir kürzlich, ihre Mutter habe vergessen wollen. Ihre Demenz führe sie auf unbearbeitete Traumata zurück. Damit habe ich mich intensiv auseinandergesetzt. Ich weiß inzwischen: Es gibt Vergessen, das löst, und Vergessen, das zerstört.

Ich beschäftige mich seither eingehend mit dem Gehirn und damit, wie Amygdala und Hippocampus auf Traumata reagieren. Und ich bin überzeugt: Bei vielen chronischen Erkrankungen stehen heute nicht nur Traumata, sondern auch Toxine im Vordergrund.

Und in all dem Hype um Longevity und Demenzprävention wird oft vergessen: Entgiftung ist auf allen Ebenen notwendig – körperlich, geistig, seelisch.

Das Gehirn ist das Instrument, durch das wir hier und jetzt präsent sein können. Es ist nicht das Selbst, aber es ist der Raum, in dem sich das Selbst entfaltet. Wenn dieses Instrument leidet, leidet die Präsenz. Genau deshalb ist es so wichtig, es zu pflegen.

Rückkehr mit Narben

Heute bin ich zurück. Mein Geist ist klar. Mein Gedächtnis trägt mich – meistens. Die Scham von damals ist einer tiefen Dankbarkeit gewichen. Ich darf heute meine Enkelkinder genießen, ohne ihre Namen zu vergessen.

Die C-Pandemie war für mein ohnehin sensibles Nervensystem noch einmal eine Belastung. Sie hat Spuren hinterlassen. Doch ich war nicht mehr dieselbe wie früher: Ich hatte gelernt, mein Gehirn zu verstehen und mit meinem Körper anders umzugehen.

Ich verliebte mich in die Neurobiologie, machte eine Ausbildung zur Demenzcoachin und schrieb ein Buch, das ich vor zehn Jahren gebraucht hätte: Mein Weg aus einer beginnenden Demenz.

 

Buchtipp:

Mein Weg aus einer beginnenden Demenz
Laura Blaschko
Erscheinungstermin: ‎ 26. März 2026
Seitenzahl der Print-Ausgabe: ‎ 248 Seiten
ISBN-13: ‎ 979-8274501460

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