von Doris Rittberger

Manche Bücher wollen nicht unterhalten oder belehren. Sie wirken auf einer Ebene, die sich schwer benennen lässt, weil sie weniger den Verstand als das innere Empfinden ansprechen. Die ersten beiden Bände einer Trilogie mit dem Reihen-Titel „Die Mäusechroniken“ gehören zu dieser seltenen Form von Literatur. Sie erzählen eine Geschichte – und zugleich öffnen sie einen Raum, in dem Leserinnen und Leser mit etwas in Kontakt kommen, das jenseits der Handlung liegt.

Die Mäusechroniken, spirituelle Wirkkräfte und die Erinnerung an das „Ich bin“

In dieser Hinsicht stehen die Mäusechroniken in einer Linie mit jenen Büchern, die nie ausschließlich als Kinderbücher gedacht waren. Ähnlich wie Michael Endes Momo oder Die unendliche Geschichte oder Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry richten sie sich an das innere Kind – verstanden nicht als erfundener Fluchtort aus einer mitunter kaum erträglichen, zu schnellen und brutalen Welt, sondern als innere Instanz von Wahrnehmung, Wahrheit und unverstelltem Sein.

Wer den Mäusekindern Ben, Josh, Marian und Ameli auf ihrer Reise folgt, erlebt eine Entwicklungsgeschichte, die weniger auf äußere Bewährung zielt als auf innere Reifung – in ihrer Struktur dem Perlenspiel nicht unähnlich.

 

Band 1: Melamoth – Die magische Reise beginnt.

Der erste Band, Melamoth – Die magische Reise beginnt, entfaltet sich aus einer existenziellen Situation heraus: dem Verschwinden von Marian, der Freundin des jungen Mäuserichs Ben. Die äußere Suche bildet den erzählerischen Rahmen, doch der eigentliche Prozess verläuft nach innen.

Ben begegnet Angst, Unsicherheit, Schuldgefühlen und innerer Zerrissenheit. Er ist kein Held im klassischen Sinn. Seine Entwicklung vollzieht sich nicht durch äußere Siege, sondern durch Bewusstwerdung. In diesen Momenten tritt Melamoth in Erscheinung – als spirituelle Kraft, die nicht nur für Ben in Zeiten der Angst spürbar wird, sondern auch für die Leserinnen und Leser des Buches erfahrbar ist.

Melamoth ist keine symbolische Figur im literarischen Sinn. Er existiert – als Bewusstseinskraft, als geistige Präsenz, als Genius. Wer sich auf den Text einlässt, begegnet dieser Wesenheit und seinen energetischen Qualitäten nicht über Erklärungen, sondern über Resonanz. Melamoth wirkt dort, wo man beginnt, sich selbst zu vertrauen.

 

Band 2: Asturel – Die Kraft der Verbündeten

Der zweite Band, Asturel – Die Kraft der Verbündeten, verändert Tempo und Dichte spürbar. Die Handlung wird komplexer, schneller und stärker vernetzt. Die erzählte Welt erweitert sich: Neue Schauplätze öffnen sich, neue Figuren treten auf, und mit ihnen neue Bedrohungen.

Eine dieser Figuren ist ein alter Freimäuserich, der hinter Regal Neun und Eins – der sogenannten kosmischen Spalte – in einem Supermarkt lebt. Dort tüftelt er an schrägen Erfindungen, mit denen man nicht nur durch die Linien der Zeit reisen kann, sondern auch Gedanken hörbar werden, selbst solche, an die sich schon lange niemand mehr erinnert.

In diesem erweiterten Gefüge lernen die Mäuse, was Helfen tatsächlich bedeutet. Nicht immer sind es kluge Ratschläge oder schnelle Lösungen, die weiterführen, sondern die Fähigkeit, wirklich zuzuhören und präsent zu sein. Hilfsbereitschaft und Mitgefühl entfalten sich dabei nicht als abstrakte Begriffe, sondern als konkrete Handlungserfahrungen.

In diesen Situationen tritt Asturel, ein Genius aus der sogenannten Erdgürtelzone, in Erscheinung – ebenso wenig zufällig wie zuvor Melamoth im ersten Band. Er begegnet Ben, Marian und Josh in Momenten, in denen sie an die Grenzen ihrer eigenen Kräfte gelangen. Die Wege werden gefährlicher, die Entscheidungen dringlicher, und das Gefüge zwischen den Figuren wird auf eine Probe gestellt, die sich nicht allein durch Mut oder Klugheit bestehen lässt, sondern Vertrauen erfordert: in sich selbst und in das, was sich nicht immer sehen, aber doch spüren lässt.

Genien als Bewusstseinsrealität

Die Mäusechroniken gehen selbstverständlich davon aus, dass geistige Wesen real sind – nicht metaphorisch, sondern wirksam. Melamoth und Asturel sind keine Fantasieprodukte, sondern Bewusstseinskräfte, mit denen Menschen seit jeher in Verbindung treten, wenn bestimmte innere Zustände erreicht werden. Dieses Wissen findet sich in den Überlieferungen vieler alter Kulturen wieder – bei indigenen Völkern, in frühen Hochkulturen, in schamanischen Traditionen ebenso wie in mystischen Strömungen des Abendlands –, lange bevor es Sprache für Psychologie oder Bewusstseinsforschung gab.

Das Lesen der Mäusechroniken wird dadurch selbst zu einem Erfahrungsraum. Wer sich offen auf die Geschichte einlässt, tritt in Resonanz mit diesen Qualitäten. Mut, Zuversicht, Hilfsbereitschaft und Mitgefühl – sie werden nicht behauptet, sondern erfahrbar. Leserinnen und Leser berichten häufig, dass sie sich nach der Lektüre innerlich stabiler, klarer und verbundener fühlen.

Nicht, weil ihnen etwas „gegeben“ wurde, sondern weil durch die symbolhafte Sprache und die archetypischen Elemente der Erzählung etwas im Unterbewusstsein in Bewegung gerät und aus tieferen Schichten des Inneren wieder ins Bewusstsein gehoben wird.

Gedanken formen Wirklichkeit

Auch wenn die Thesen von Prentice Mulford, der bereits im 19. Jahrhundert davon sprach, dass Gedanken Wirklichkeit formen können, heute vielfach bekannt sind, gewinnen sie gerade in unserer Zeit neue Schärfe. Heute weiß man, nicht zuletzt durch Erkenntnisse der Quantenphysik, dass Beobachtung und Wahrnehmung nicht neutral sind. Sie beeinflussen Prozesse, sie lenken Aufmerksamkeit, sie bestimmen mit, was überhaupt sichtbar wird. Realität entsteht nicht losgelöst vom inneren Erleben, sondern in Wechselwirkung mit dem, was ein Wesen denkt, erwartet und glaubt.

Genau diese Erkenntnis hat Ben von seiner Öpa gelernt. Doch zwischen Wissen und Anwendung liegt ein weiter Weg. Gedanken lassen sich nicht einfach kontrollieren, und immer wieder geraten ihm Zweifel, Sorgen und Ängste in die Quere – flüchtige, manchmal unsinnige, manchmal tief verwurzelte Gedanken, die ihn von seinem inneren Zentrum ablenken. Die Mäusechroniken zeigen, wie schwierig es ist, diese innere Ausrichtung zu halten, und dass Bewusstwerdung nicht darin besteht, Gedanken zu unterdrücken, sondern darin, sie wahrzunehmen, ohne sich von ihnen bestimmen zu lassen. Die Erkenntnis: Du bist nicht deine Gedanken, du bist nicht deine Gefühle, sondern du bist weitaus mehr, nämlich „Ein Geist In Deinem Körper“. Und genau das bildet den Boden, auf dem die Geschichte der Mäusechroniken ruht. Die Magie, die in Harry Potter noch mit enorm viel Tohuwabohu aufwartet, findet in der Reise, die Ben, Marian, Josh und Ameli bestreiten sehr viel mehr Ruhe und Wahrhaftigkeit und eine tiefe Bedeutung, die jede Leserin, jeder Leser für sich im Leben nützen kann.

Das „Ich bin“ – die innere Präsenz als Schutzraum

Im Zentrum beider Bände steht das „Ich bin“. Es ist keine Formel im eigentlichen Sinn, die man ausspricht, sondern ein Zustand innerer Präsenz. Wer im „Ich bin“ verankert ist, kann nicht manipuliert werden – weder durch Angst noch durch äußere Macht. Entsprechend ist jene Zauberformel, die Ben von seiner Öpa geerbt hat – I.B.E.G.I.M.K: Ich bin ein Geist in meinem Körper – keine komplizierte esoterische oder magische Technik, sondern ein stiller Hinweis auf sein innerstes Wesen, auf jenen Kern, jene Perle, die es zu entdecken gilt, um überhaupt wach und bewusst durchs Leben gehen zu können.

Diese Dynamik ist hochaktuell. Die Mäusechroniken spiegeln eine Welt, in der äußere Einflüsse, Technologien und Ideologien zunehmend versuchen, Aufmerksamkeit und Bewusstsein an sich zu ziehen – und damit vom eigenen Inneren wegzulenken.

Der Gegenspieler – nur ein Teil des Ganzen

Der Gegenspieler der Geschichte, der Schattendämon, wirkt genau an dieser Stelle. Er steht für jene verborgenen Anteile in uns, die oft lange unsichtbar bleiben. Selbst wenn wir sie wahrnehmen, zeigen sie sich meist nur dann, wenn wir ganz genau hinschauen. Dass ausgerechnet dieser fiese Typ nach etwas jagt, mit dem er im Grunde nichts anfangen kann, besitzt dabei einen gewissen, fast bitteren Humor.

In den Mäusechroniken ist er auf der Suche nach einer angeblich verschwundenen Formel, und die Einzige, die davon zu wissen scheint, wird zur Gejagten. Nur ein Teil des Ganzen – so lautet ein Kapitel, in dem offenbart wird, dass auch er, der Schattendämon, der in unzählige Gestalten schlüpfen kann, letztlich nur die andere Seite der Medaille ist. Ohne das Licht kann er nicht existieren, auch wenn er es noch so sehr scheut.

Und auch wenn er noch so sehr darauf beharrt, er sei nur Bens Spiegel, indem er sagt: „Du kämpfst gegen dich selbst, wenn du gegen mich kämpfst. Ich bin du. Du bist ich“, belehrt ihn Lumenberg – eine außerordentlich kuriose Figur in Gestalt eines alten Freimäuserichs – eines Besseren: „Er lügt“, sagte er. „Du bist nicht Teil seiner Dunkelheit, Ben, sondern Bewusstsein, das diese Dunkelheit wahrnimmt. Nur wer sich selbst als stillen Beobachter erkennt, ist frei. Der Schatten gehört zu deinen Erfahrungen, nicht zu deinem Wesen. Erkenne den Unterschied!“

Und sogar Demon Husk, der Handlanger des Schattendämons, erkennt sehr bald, dass das Geschäft, das er mit ihm eingegangen ist, einen hohen Tribut fordert.

Was beim Lesen geschieht

Die Wirkung der Mäusechroniken entfaltet sich nicht sofort. Sie wirkt nach. Viele Leserinnen und Leser beschreiben ein Gefühl innerer Ermutigung, das erst mit zeitlichem Abstand spürbar wird. Vielleicht ließe sich sagen: Auch ein Buch kann ein Reservoir sein – ein Behältnis, in dem Kräfte und Energien ruhen, vergleichbar mit einem Schutzamulett.

Die Bücher arbeiten nicht mit Belehrung, sondern mit Resonanz. Sie sprechen jene Ebenen an, die im Alltag oft übergangen werden: Intuition, innere Wahrnehmung, ein leises Wissen jenseits des Offensichtlichen. Genau darin liegt die spirituelle Kraft der Mäusechroniken.

Wie bei Momo von Michael Ende vollzieht sich Veränderung nicht allein durch Erkenntnis, sondern durch Erfahrung. Wer sich auf diese Geschichte einlässt, verändert seine innere Haltung – meist unbemerkt, aber deutlich spürbar.

Literatur als Kompass

Die Mäusechroniken sind keine Fluchtliteratur. Sie sind kein Text, der aufwühlt, Unruhe stiftet oder Sorgen nährt – und schon gar keiner, der zwischen Lesen und Einschlafen dunkle Träume hinterlässt. Im Gegenteil: Manche Leserinnen und Leser berichten, dass sich gerade nach einem anstrengenden Arbeitstag mit diesen Büchern gut entspannen lässt. Die Magie wirkt leise, aber nachhaltig.

Doch diese Ruhe ist kein Wegsehen. Die Bücher laden nicht dazu ein, der Welt zu entkommen, sondern ihr bewusster zu begegnen. Sie führen sanft zu der Erkenntnis, dass Mut, innere Stärke und Hilfsbereitschaft keine seltenen Eigenschaften weniger Auserwählter sind, sondern Potenziale, die in jedem Menschen angelegt sind – und darauf warten, entdeckt zu werden. 

 

Buchtipp

ASTUREL
Die Kraft der Verbündeten
Doris Rittberger (Autorin)
Buch | Softcover
504 Seiten
2025 | 1. Die Mäusechroniken Band 2
rittberger+knapp (Verlag)
9783902999955 (ISBN)

 

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