von Regina Hörner

Gehörst du zu den Menschen, die gut und gerne schweigen können? Kann man dir etwas im stillen Schweigen anvertrauen? Oder beißt du dir manchmal auf die Zunge und denkst dir: „Ach hätte ich doch lieber geschwiegen, dann wäre das jetzt besser ausgegangen?“ Kann man mit dir nebeneinander sitzen und sich ganz ohne Worte verstehen? Ist es eigentlich Schweigen, wenn um dich herum kein anderer Mensch ist, wenn weit und breit nur eine offene, unendliche Landschaft liegt? Und was passiert, wenn wir uns absichtsvoll in Schweigen begeben? – Diese Fragen zeigen bereits, wie vielschichtig Schweigen ist. Bevor wir weitergehen, lohnt es sich deshalb, einen Schritt zurückzutreten.

Was ist das überhaupt – Schweigen?

Wenn wir schweigen, verzichten wir auf das Wort. Wir sagen nichts – und halten damit etwas zurück. Dieses Zurückhalten kann freiwillig sein oder unfreiwillig. Manchmal entscheiden wir uns zu schweigen, manchmal wird Schweigen von außen auferlegt. Dann wird uns das Wort verboten, wir zum Schweigen gebracht: „Jetzt sei still.“ – „Bist du jetzt endlich ruhig?“ – „Kein Mucks mehr von dir.“

Schweigen ist dabei kein Zustand jenseits von Sprache. Im Gegenteil: Es steht in engem Verhältnis zu ihr. Nur wer sprechen kann, kann auch schweigen. Doch Schweigen braucht mehr als die Fähigkeit zum Sprechen, denn es bleibt bezogen auf ein mögliches Gegenüber, auf ein potenzielles gehört werden.

In einer vernetzten Welt sind wir freilich fast immer in der Lage, uns Gehör zu verschaffen. Selbst im Alleinsein in dieser weiten einsamen Landschaft tragen wir die Möglichkeit der Kommunikation stets bei uns. Ein Griff zum Handy, ein Bild, eine Nachricht genügt, um aus dem Moment herauszutreten und sich mitzuteilen.

Schweigen bedeutet unter diesen Bedingungen nicht einfach, nichts zu sagen. Es bedeutet, eine vorhandene Möglichkeit der Mitteilung nicht zu nutzen. Schweigen ist also ein Verzicht nicht auf das Wort allein, sondern auf Kommunikation ganz im Allgemeinen. Auch ein Lächeln, ein Blick, eine Geste sind Formen von Kommunikation: mit einem Lächeln sage ich „Ich bin dir wohlgesonnen“, ein Blick sagt mehr als tausend Worte und wer schon mal in Italien war, weiß, man braucht nur die Hände, um ein ganzes Gespräch zu führen. Schweigen bedeutet, sich jeder Form der Verständigung zu enthalten.

 

Eine Stimmgabel für die Sinne

Vielleicht kennst du das: Wenn du gemeinsam mit einer anderen Person spazieren gehst und dabei in ein Gespräch vertieft bist, kannst du dich später kaum erinnern, wo du eigentlich langgegangen bist, was dich umgeben hat, woran du vorbeigekommen bist.

Wenn wir jedoch allein unterwegs sind oder im Schweigen gehen, steht die Energie, die sonst nach außen in den Ausdruck geht, plötzlich anders zur Verfügung. Schweigen versetzt uns in einen rezeptiven Zustand. Wir senden nicht mehr ins Außen, sondern können uns ganz auf das Aufnehmen nach innen konzentrieren.

Die Sinne öffnen sich, ohne dass wir sie gezielt einsetzen müssten. Geräusche, Farben, Bewegungen, Gerüche und Empfindungen drängen sich nicht auf – sie treten einfach hervor.

Sind wir schweigend in dieser weiten Landschaft, ohne zu sprechen, ohne uns mitzuteilen, beginnt sich der Moment zu vertiefen. Der Blick verweilt. Das Licht verändert sich. Der Wind wird spürbar. Wahrnehmung wird feiner, nicht weil wir sie schärfen, sondern weil weniger dazwischen steht, weil uns weniger ablenkt, weil wir uns ihr ganz hingeben können. – Schweigen ist wie eine Stimmgabel für die Sinne.

 

Ein Seismograph für Beziehungsarbeit

Schweigen verändert nicht nur unsere Wahrnehmung, es wirkt sich auch auf das Zwischen-uns aus.  Kommunikation ist immer Beziehungsarbeit. Im Sprechen versichern wir uns unseres Gegenübers und unserer Position zueinander: „Wie geht es dir? Wie stehst du zu mir? Magst du mich? Sind wir gut?“. Worte vermitteln, erklären, gleichen aus. Sie können Nähe herstellen oder Distanz überbrücken.

Im Schweigen fällt diese vermittelnde Funktion weg. Ohne Worte gibt es kein Ausloten, keine Erklärung, keine Einordnung. Man hängt in der Schwebe. Gerade dort, wo wir uns Beziehung wünschen oder wo sie erst im Entstehen begriffen ist, wird Schweigen daher oft als bedrohlich erlebt. Auf einem ersten Treffen, in einer neuen Begegnung, kann ein Moment des Schweigens bleiern werden. Er erzeugt Spannung, Ungeduld, das Gefühl, etwas stimme womöglich nicht. Sofort tauchen Fragen auf: „Gibt es nichts mehr zu sagen zwischen uns? Habe ich etwas falsch gemacht? Was geht gerade im anderen vor?“. Das Ausbleiben von Worten wird dann schnell als Zurückweisung gedeutet.

Daher spüren wir oft sehr deutlich den Drang, die entstehende Leere füllen zu müssen. Mit Plappern. Mit Belanglosigkeiten. Einfach irgendetwas zu sagen – nur um nicht mehr mit der beängstigenden Leere des Schweigens sein zu müssen.

Schweigen konfrontiert uns mit Unsicherheit. Es entzieht uns die Möglichkeit, uns mittels Worten abzusichern, und verlangt etwas, das nicht selbstverständlich ist: das Aushalten. Gemeinsames Schweigen prüft, ob Beziehung auch ohne fortlaufende Bestätigung trägt. Es legt etwas frei zwischen uns: ob Nähe auch ohne Sprache bestehen kann.

Gemeinsames Schweigen kann voller Vertrauen sein. Zwei Menschen sitzen nebeneinander, ohne zu sprechen, und dennoch ist da ein Gefühl von Verbundenheit. Das Schweigen wird dann nicht als Mangel erlebt, sondern als geteilte Präsenz – als etwas, das nicht gefüllt werden muss.

Vielleicht liegt genau darin seine Kraft. Schweigen prüft Beziehung, weil es nichts überdeckt. Denn Schweigen ist nicht zwangsläufig harmonisch. Es ist entblößend.

 

Eine unerlässliche Handlung für ein gutes Gespräch

Schweigen wirkt auf den ersten Blick wie ein Nicht-Tun. Als würden wir aussetzen, abwarten, uns zurücknehmen. Doch wenn wir schweigen, handeln wir. Schweigen ist nicht einfach etwas, das geschieht, sondern etwas, das gemacht wird.

Indem wir schweigen, entscheiden wir uns, eine Reaktion nicht unmittelbar zu geben, eine Antwort nicht sofort auszusprechen. Dieses Nicht-Tun ist ein aktiver Eingriff. Es verändert den Verlauf einer Situation, gerade dort, wo sonst viel und schnell gesprochen, reagiert und kommentiert wird.

Manche Arbeits- und Gesprächsformen machen sich diese Wirkung bewusst zunutze. Nach einer Phase intensiven Austauschs wird zunächst geschwiegen – nicht als bloße Pause, sondern als bewusster Schritt. Das Gesagte soll wirken dürfen, wirklich gehört werden. Gedanken dürfen sich setzen, ohne sofort in neue Beiträge überführt zu werden. Schweigen schafft hier einen Raum, in dem etwas zur Reife kommen kann.

Vielleicht kennen wir das auch aus alltäglichen Gesprächen: Manchmal warten wir nicht wirklich auf das, was gesagt wurde, sondern nur auf das Ende des Redebeitrags. Während der andere spricht, formt sich bereits die eigene Antwort. Das Gesagte wird nicht aufgenommen, sondern übergangen.

Hier hilft das Schweigen. Nicht als Höflichkeitspause, sondern als Unterbrechung des eigenen Sprechimpulses. Erst im Schweigen entsteht eine Antwort, die sich auf den anderen bezieht – und nicht nur auf das eigene Bedürfnis, etwas zu sagen. – Schweigen ist der Raum, in dem ein Wort überhaupt Antwort werden kann.

 

Ein anderes Schweigen

Es gibt jedoch auch ein Schweigen, das nicht öffnet, sondern verschließt. Ein Schweigen, in dem nicht etwas reifen darf, sondern etwas verschwindet. Dinge, über die nicht gesprochen wird. Erfahrungen, die keinen Raum finden. Fragen, die nicht gestellt werden dürfen.

Dieses Schweigen schützt nicht. Es entlastet nicht. Es hält fest, indem es der Sprache entzogen wird. Was nicht benannt werden darf, bleibt wirksam – gerade weil es nicht ausgesprochen wird. Man spricht dann vom Totschweigen. Und der Begriff ist nicht zufällig gewählt.

Auch hier geschieht etwas, wenn wir schweigen. Doch es ist ein anderes Geschehen. Kein Innehalten, sondern ein Verdrängen. Kein Lauschen, sondern ein Abwenden. Schweigen wird hier nicht zur Bedingung von Verständigung, sondern zu ihrem Gegenteil.

Das verschließende Schweigen unterbricht nicht nur Kommunikation, sondern auch die Möglichkeit, sich zueinander zu verhalten. Wo nicht gesprochen werden darf, kann auch nichts geklärt, nichts geteilt, nichts getragen werden.

 

Absichtsvolles Schweigen

In vielen religiösen und spirituellen Traditionen spielen ausgedehnte Zeiten des Schweigens eine zentrale Rolle. Schweigegelübde im Christentum, mehrtägige Vipassana-Retreats im Buddhismus oder die Sesshins im Zen sind nur einige Beispiele dafür. Über längere Zeit begeben sich Menschen dort freiwillig in ein Schweigen, das nicht zufällig entsteht, sondern bewusst gewählt ist.

Auffällig ist, dass dieses Schweigen meist nicht im Alleingang geschieht. Menschen kommen zusammen, um gemeinsam in einem Raum zu sein – und treffen zugleich die Übereinkunft, auf Kommunikation zu verzichten. Man ist in der Gruppe, aber jeder bleibt bei sich.

Solche Schweigezeiten werden häufig in bewusst reduzierten Umgebungen verbracht. Äußere Reize werden minimiert, Ablenkung vermieden. Doch hier richtet sich die Aufmerksamkeit weniger auf die Aufnahme von äußeren Sinneseindrücken, sondern mehr auf das, was im Weltinnenraum an Bewegung beobachtbar ist. Bei dieser Art des Schweigens ist man in besonderer Weise auf sich selbst zurückgeworfen. Es ist eine Praxis, sich selbst zu begegnen und den eigenen Geist zu erforschen.

 

Was also passiert, wenn wir schweigen?

Offenbar nicht das Eine. Vielmehr geschieht Verschiedenes – je nachdem, wie, warum und mit wem wir schweigen. Schweigen kann öffnen oder verschließen, klären oder verunsichern, tragen oder entziehen.

Sicher ist nur: Schweigen ist kein Nichts. Es wirkt. Und es fordert uns heraus, aufmerksam zu werden – für uns selbst, für den anderen, für unsere Umgebung und unsere Sinneswahrnehmungen, für das, was zwischen uns und in uns entsteht, wenn Worte ausbleiben.

Über den Autor

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Mehr Infos

Regina Hörner gestaltet Erfahrungsräume für Bewusst.Sein und Selbst.Sorge. Ihre Arbeit ist getragen von einer philosophischen Suche nach Antworten auf grundlegende Fragen menschlicher Existenz. In ihren Formaten lädt sie Menschen dazu ein, vom Machen ins Sein zu kommen, zur Ruhe zu finden, sich selbst zu begegnen und das eigene Bewusstsein zu erforschen.

Sie bietet im kommenden Jahr wieder mehrere drei- bis fünftägige Schweige-Retreats an, die sich besonders für Menschen mit wenig oder keiner Vorerfahrung eignen.

Kontakt:  siehe oben oder 0160-7497629



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