© Cornelia WriedtWie eine Reise nach China mein Verständnis von Qigong vertiefte 13. Juli 2026 von Cornelia Wriedt Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren unterrichte ich Qigong. Vieles hatte ich gelernt, vieles selbst erfahren. Und doch blieb die Frage: Wie fühlt sich Qigong dort an, wo diese jahrtausendealte Übungskunst entstanden ist? Als sich im Mai 2026 die Gelegenheit bot, mit einer kleinen Gruppe zum zweiten Mal nach China zu reisen, hoffte ich auf Antworten. Ich ahnte nicht, dass ich weit mehr finden würde als neue Übungen. So machte sich eine Gruppe von fünfzehn TaiChi- und Qigong-Begeisterten unter der Leitung von Norbert Staab auf den Weg nach China. Unser Ziel war nicht nur, berühmte Sehenswürdigkeiten zu entdecken, sondern vor allem die Wurzeln einer Übungskunst kennenzulernen, die viele von uns seit Jahren begleitet. Natürlich begann auch unsere Reise mit den Stationen, die in keinem Reiseführer fehlen dürfen. In Dunhuang, einer alten Oasenstadt an der Seidenstraße, standen die Mogao-Grotten, die endlose Weite der Wüste und der älteste Abschnitt der Großen Mauer auf unserem Programm. Von dort führte uns der Weg weiter nach Lanzhou am Gelben Fluss und schließlich nach Tianshui. Dort änderte sich der Charakter unserer Reise. Aus Touristen wurden Schüler. Zehn Tage lang lernten wir bei den Lehrern Shen Rui und Sifu Shen Xijing TaiChi und Qigong – und ich ahnte schon nach den ersten Unterrichtseinheiten, dass ich weit mehr mit nach Hause nehmen würde als neue Übungen. Kultivierung von Körper, Geist und Qi Obwohl ich schon seit Jahren TaiChi praktiziere, habe ich mich bewusst für den Qigong-Kurs entschieden. Immerhin unterrichte ich mehrmals in der Woche selbst. Eine Weiterbildung aus erster Hand lässt man sich nicht entgehen. Dass Qigong weit mehr ist als das Ausführen sanfter Bewegungen, war mir schon lange bewusst. Während des intensiven Unterrichts konnten wir unser Wissen vertiefen und durch Meditationen Erfahrungen sammeln, die sich nur schwer in Worte fassen lassen. Immer wieder zeigte sich, wie eng Körper, Geist und Qi miteinander verbunden sind. Und je mehr wir versuchten, alles „richtig“ zu machen, desto häufiger lächelte Sifu Shen uns an und sagte nur ein Wort: „Relax.“ Gerade darin lag eine wichtige Erkenntnis. Qigong lässt sich nicht erzwingen. Innere Ruhe entsteht nicht durch Anstrengung, sondern dadurch, dass wir lernen loszulassen. Wieder einmal wurde mir bewusst, dass man sich jahrzehntelang mit Qigong beschäftigen kann und trotzdem das Gefühl behält, erst am Anfang zu stehen. Hinter jeder Erkenntnis wartet bereits die nächste. Für mich ist es, als betrete man einen Raum mit unzähligen Türen. Öffnet man eine davon, entdeckt man dahinter weitere Räume mit neuen Türen. Ein Ende ist nicht in Sicht – und genau das gefällt mir. Es geht nicht darum, irgendwann „fertig“ zu sein. Es geht darum, sich immer weiterzuentwickeln. Die Chinesen nennen diesen Prozess Kultivierung. Ich gebe zu, dass ich mit diesem Begriff früher gefremdelt habe. Das Wort erinnerte mich eher an Gartenarbeit als an innere Entwicklung. Heute hat es für mich eine ganz andere Bedeutung. Kultivierung heißt, die eigene Lebensenergie zu pflegen und gleichzeitig an sich selbst zu arbeiten – mit Geduld, Aufmerksamkeit und Regelmäßigkeit. Auch das vermittelte Sifu Shen immer wieder: Nicht Perfektion bringt uns weiter, sondern die Absicht, regelmäßig zu üben und offen zu bleiben. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass sich dieser Gedanke weit über das Qigong hinaus anwenden lässt. Vielleicht täte uns allen etwas mehr Kultivierung gut – im Umgang mit unserer Geduld, unserer Freundlichkeit und unserer Gelassenheit. Manche Fähigkeiten wachsen eben nicht über Nacht. Sie entwickeln sich, wenn wir ihnen jeden Tag ein wenig Aufmerksamkeit schenken. Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft des Qigong: Nicht das Ziel macht den Weg wertvoll, sondern der Weg verändert den Menschen. TaiChi – Verbindung ohne Worte Sicherlich kennen viele die Bilder aus dem Fernsehen, auf denen Chinesen morgens gemeinsam im Park TaiChi oder Qigong üben. Das wollten wir natürlich selbst erleben. Noch vor dem eigentlichen Unterricht machten wir uns deshalb auf den Weg in den Park, um uns einer der vielen Gruppen anzuschließen. Die Teilnehmer unseres TaiChi-Kurses fanden schnell Anschluss an die Schüler unseres Meisters. Ich dagegen stand zunächst etwas ratlos da. Die Form, die dort geübt wurde, kannte ich nicht gut genug, um einfach mitzumachen. Also zog ich weiter und hielt Ausschau nach etwas Vertrautem. Schließlich entdeckte ich eine Gruppe, die die Acht Brokate übte. Diese Übungsreihe wird auch in Deutschland häufig praktiziert. Zwar hatte ich manche Bewegungen etwas anders gelernt, doch ich fasste mir ein Herz, stellte mich unauffällig in die letzte Reihe und machte einfach mit. Lange blieb ich allerdings nicht unentdeckt. Lächelnd wurde ich nach vorne gewunken und in die Mitte der Gruppe gestellt. Als die Übung beendet war, verabschiedete ich mich mit einer kleinen Verbeugung. Eigentlich wollte ich nur noch zuschauen. Doch dann begann die Gruppe mit genau der TaiChi-Form, die ich auch zu Hause übe. Mein Rucksack landete im Gras und wenige Sekunden später stand ich wieder in der Reihe. Natürlich wurde ich erneut weiter nach vorn geholt. Manche Bewegungen wurden etwas anders ausgeführt, als ich sie gelernt hatte. Aber genau das machte den Reiz aus. Von diesem Tag an begann jeder Morgen für mich in diesem Park. Wir konnten uns kaum unterhalten, weil unsere Sprachkenntnisse dafür nicht ausreichten. Und doch verstanden wir uns. Das gemeinsame Üben war eine Sprache, für die keine Worte nötig waren. Ein Lächeln, eine kleine Geste oder ein zustimmendes Nicken reichten aus. Meist konnten wir nur wenige Worte wechseln, denn mein Chinesisch hält sich in Grenzen und nicht alle Chinesen sprechen Englisch. Wenn jemand Neues zur Gruppe kam, gab es jedoch fast immer die Frage „Where are you from?“. Auf die Antwort „Germany“ folgte fast immer ein herzliches „Welcome to China“. Danach wurde wieder gemeinsam geübt – und plötzlich waren Worte gar nicht mehr wichtig. Diese Begegnungen haben mir gezeigt, dass Qigong und TaiChi weit mehr sind als Bewegungsformen. Sie schaffen Verbindung – über Länder, Kulturen und Sprachgrenzen hinweg. Vielleicht liegt gerade darin ihre größte Stärke. Ganz im Hier und Jetzt sein – Erkenntnisse für mein Leben Eines ist mir während dieser Reise besonders klar geworden: Weder beim Üben im Park noch im Unterricht mit unserem Shifu ging es um perfekte Bewegungen. Entscheidend war etwas anderes – Aufmerksamkeit. Ganz im Hier und Jetzt zu sein. Vielleicht hat mich gerade deshalb noch etwas anderes beeindruckt. Während unserer Reise besuchten wir unzählige Tempel. Die Stufen, die hinaufführen, sind oft rau, uneben und unterschiedlich hoch. Wer sie achtlos hinaufstürmt, gerät schnell aus dem Gleichgewicht. Man muss den nächsten Schritt bewusst setzen. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erscheinen mir diese Tempelstufen wie ein Sinnbild für das Leben. Auch dort gibt es keine gleichmäßigen Wege. Mal geht es leicht voran, mal geraten wir ins Stolpern. Achtsamkeit hilft nicht nur beim Steigen, sondern auch im Alltag. Was also nehme ich aus China mit nach Hause? Natürlich Fotos, Tee und einige Souvenirs. Vor allem aber die Erinnerung an Menschen, die uns mit einer Herzlichkeit begegnet sind, die mich tief berührt hat. Ich nehme auch etwas mit, das sich nicht in einen Koffer packen lässt. Die Erkenntnis, dass Qigong nicht mit einer Bewegung beginnt, sondern mit einer inneren Haltung. Dass Regelmäßigkeit oft wertvoller ist als Ehrgeiz. Und dass gemeinsames Üben Menschen verbinden kann – selbst dann, wenn sie keine gemeinsame Sprache sprechen. Seit meiner Rückkehr unterrichte ich dieselben Übungen wie zuvor. Und doch hat sich etwas verändert. Vielleicht erkläre ich heute ein wenig weniger und lasse meine Teilnehmer stattdessen häufiger selbst erfahren, was Qigong ausmacht. Denn manche Dinge kann man nicht erklären – man muss sie erleben. Ich bin nach China gereist, um Qigong besser zu verstehen. Zurückgekommen bin ich mit einem besseren Verständnis für das Leben. Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar Antwort abbrechenDeine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.KommentarName* E-Mail-Adresse* Name, E-Mail-Adresse und Website in diesem Browser für meinen nächsten Kommentar speichern. Überschrift E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.Auch möglich: Abo ohne Kommentar. 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