von Till Ferneburg

Das Paar, wir nennen sie hier mal Oda und Mick, spürt im Laufe der Jahre, dass die frühere Neu-Gier einer Höflichkeit im Umgang gewichen ist, in der dann manchmal doch die Unzufriedenheit zu Tage tritt. Weil die Leidenschaft fehlt, weil Sex nicht mehr so natürlich stattfindet wie früher. Weil es sich anders anfühlt. Welche Stellschrauben lassen sich also drehen, damit es wieder passiert? Für die gelebte sexuelle Beziehung braucht es Orte und Räume, Wissen und Einfühlungsvermögen sowie konkrete Schritte. Denn Verführung passiert weder von allein noch von selbst.

Wo begegnen wir uns?

Ab und zu gehen wir Menschen ins Restaurant oder organisieren ein Picknick. Doch Sex haben Oda und Mick immer in ein und demselben Bett? Spätabends, abgekämpft und müde? Nach dem Zähneputzen, immer dann, wenn die Vorhänge zu gezogen sind? Das ist so eintönig, als würde es ständig und permanent Taboulé zu essen geben. Abwechslung ist nicht nur bei der Ernährung gesundheitsfördernd.

Grundregel: Du bekommst so guten Sex, wie du bereit bist, in den Sex zu investieren. Also Aufmerksamkeit und Zeit, Leidenschaft und Liebe zu schenken. Daran mangelt es oft, denn niemand gibt sich mehr Mühe, wenn Sex zur Gewohnheit geworden ist, ihr oder ihm zuliebe, also nicht mehr lebendig ist. Alles andere, zum Beispiel Serien streamen, Bücher lesen oder im Internet surfen, ist uns wichtiger. Es füllt dann unsere täglichen Abende aus. Das Ergebnis ist unbefriedigender Sex, zunehmend und sich selbst verstärkender, liebloser Sex. Auch bei Oda und Mick, die sich deshalb aus dem Weg gehen. Man mag sich, man kennt sich, man hat sich. Und eine schöne lange Geschichte erzählen können beide auch. Aber sexuell? Dabei waren sie früher mal ganz ver-rückt aufeinander. 

Also heißt es, etwas zu ver-rücken, den passenden Rahmen zu schaffen, damit freudiges Sexuell-Geben (und nicht nur Nehmen) auch wieder in den Bereich des Möglichen rücken darf. Wenn im Schlafzimmer nicht geheizt und neben dem Bett der Wäscheständer steht, dann muss die gegenseitige Anziehungskraft schon groß sein, damit die Situation als eine erotische interpretiert werden kann. Kerzenlicht, Düfte, Musik und besondere Decken und Kissen eröffnen schon eher das Kopfkino eines Liebestempels, in dem zwei Wesen der Lust sich begegnen und ihre Körper entdecken wollen. Aber auch im hohen Gras oder auf einem Bergrücken unterm Sternenzelt lässt es sich lieben. Und im Club und im Konzert.     

Zum Einander-Zuwenden und Sich-Finden gehören besondere Räume und individuelle Plätze, die eine Bedeutung in eurer sexuellen Biografie als Paar haben. Auch Rituale und Lieblingsszenarien fallen in diese Kategorie. Hinzu kommen Zeit (viel Zeit*) und Kommunikation. Der verbale Austausch innerhalb einer Partnerschaft ist ein Thema für sich, dem sich viele Seminaranbieter widmen. Ich halte gelungene Kommunikation für einen mächtigen Schlüssel. Allerdings gibt es auch Paare, die sich seit Jahren und Jahrzehnten überwiegend paartherapeutisch lieben, also achtsam, verbal, mitunter problemorientiert bzw. in liebevoller Vorsicht immer wieder umeinander herum schleichen. Wie schreiten wir also zur Tat?

Kennen wir uns überhaupt sexuell?

In Neugier steckt das Wort Gier. Doch manche Paare waren niemals gierig aufeinander! Da war Sex immer nett und schön, aber mehr im Sinne der Beziehungsstabilität. Weil es eben dazugehört. Manche Menschen haben weniger gute Erfahrungen in der Sexualität gemacht, hatten nie ein Ekstase-Erlebnis, das Glück mehrerer Orgasmen oder eines tiefen Rausches, womöglich sogar „eine Epiphanie des Göttlichen“ (Esther Perel). Verbundenheit und Herz gehören für mich zum Sex zwar dazu, dieses warme Gefühl, ein Zuhause zu haben, Wissen und Können aber definitiv auch. 

Das ist nicht einfach, wenn da Verletzungen sind. Je mehr man sich damit beschäftigt, um so deutlicher tritt zu Tage, dass Missbrauch, Übergriffigkeit, Hierarchien und Erfahrungen im Patriarchat und im Kapitalismus, mit Rassismus und Gender uns tief geprägt haben. Über Jahrhunderte hinweg wirkt eine Tradition der Lust- und Körperfeindlichkeit fort und lässt uns immer wieder in der Sackgasse des erotischen Schweigens enden. Wenn wir überhaupt je detailliert über Sexualität gesprochen haben. In der Generation unserer Eltern und Großeltern hieß es: Er könne nicht über Gefühle sprechen. Und sie sei „verklemmt“ (dieses alte Spießer-Wort). Deshalb schliefen Oda und Micks Eltern ab einem gewissen Alter in verschiedenen Zimmern, waren aus dem Sex raus und – welche Überraschung –  redeten nicht mehr darüber. Ja, sie berührten sich auch immer seltener. Sich-Anfassen, umarmen und streicheln sind dabei so wichtig. Überlebenswichtig. 

Reden wir Tacheles: Viele Männer sind schlechte Liebhaber. Einseitig ausgerichtet auf Penetration und Samenerguss, mit einem bisschen Drumherum, weil’s ja für beide Seiten schön sein soll. Ihre Berührungsqualität als Mann, ihre Fähigkeit, Nähe und Intimität herzustellen und in Intensität zu überführen, ist wenig ausgeprägt oder nicht zielführend. Erstaunlich viele Frauen sind aber ebenso schlechte Liebhaberinnen. Wie es in durchwachsenen Zeugnissen so schön heißt: Sie hat sich stetig bemüht… Umso wichtiger ist sexuelle Kompetenz und Souveränität, wie man sie heute in weitaus mehr Formaten als früher erlernen kann. Auch im Alter von 50+.

Lasst uns in diesem Punkt einmal mehr präzise sein, um den nicht gehobenen Schätzen und Potenzialen als Paar auf die Schliche zu kommen.  

Menschen sind Gewohnheitstiere. Sie tragen ihr Päckchen, denn so wie sie als Kinder geliebt wurden, lieben sie später auch. Vor diesem Hintergrund entdecken sie in den Jugendjahren ihren sexuellen Fundus, meinen dann zu wissen, was schön bzw. geil sei. Wir lernen in den Zwanzigern unseres Lebens ein paar Gemeinsamkeiten in Beziehungen, wie es sexuell so laufen könnte und angeblich zu sein hat. Dabei ist das die Zeit, wo wir noch so erfahrungsjung und wie ein unbeschriebenes Blatt Papier sind. Kein Wunder, dass 10 oder 20 Jahre später der Ofen aus ist. 

Nötig wäre sexuelle Fort- und Weiterbildung

Warum bilden wir uns in allem Möglichen fort? In gewaltfreier Kommunikation und im Schreiben eines Businessplans, nicht aber in Liebesdingen? Warum meinen wir, dass es mit dem Kauf von Dessous oder Blumensträußen getan sei? Warum sehen wir uns gegenseitig so wenig auf der sexuellen Ebene? Warum regiert da die Zurückhaltung? Weil da immer noch Worte fehlen, uns so zu zeigen, wie wir sind: Schambehaftet, mit Ängsten, Unsicherheiten und Blockaden, mit Phantasien und Sehnsüchten, perversen Wünschen und unendlichen Möglichkeiten und vor allen anderen Dingen mit Ehrlichkeit.

Echter, offener Ehrlichkeit, auch wenn sie uns erschreckt und zunächst trennt.

Beziehungen-Führen haben wir alle nicht gelernt, Sex aber auch nicht. In den gemeinsamen Workshops mit Anne Brandt, einer Potsdamer Paar- und Sexualtherapeutin (www.sexluv.de), stellen Anne und ich mittels Fragebogen und Übungen fest, welche sexuelle Ausgangsbasis jemand hat und ob das Gegenüber ihn oder sie überhaupt sexuell erkennt. Die gewonnenen Einblicke zeigen, dass Menschen sexuell sehr unterschiedlich sind. Und nicht zueinander passen müssen. Sie erhalten dann Anhaltspunkte, um sich sexuell aufeinander zu zubewegen und abzuholen. Ja, um sich überhaupt sexuell von der Pike auf kennenzulernen! Auch wenn sie schon Jahre oder Jahrzehnte miteinander verbracht haben. 

Was machen wir künftig anders?

Zur Einsicht gehört die Verabredung, die Unterschiede anzuerkennen. WIR SIND VERSCHIEDEN. Das schreibe ich in Großbuchstaben, weil dieses Bejahen ein Zeichen von Respekt und Wertschätzung ist, das es braucht. Zum gesunden Realismus kann auch die Feststellung gehören, dass manche Paare eben schöne Reisen und gutes Essen verbindet, ein Hund, ein Ferienhaus oder ein Segelboot – nicht der himmlische Sex. Da hilft dann auch kein Coaching mehr. Was dagegen bei Oda und Mick geholfen hat? Jener Schuss Abenteuer, Fremdheit und Freiheit, der wie ein Brandbeschleuniger wirkt. Was meine ich damit? Wenn wir verschieden sind, dann müssen wir nicht alles zusammen machen. Als Paar ständig Paar-Dinge tun. Überall gemeinsam aufschlagen, immer das Gleiche wollen. Abstand schafft Gründe, wieder neu (und bewusst) aufeinander zu zugehen. Abstand lässt den Partner (m/w/d) in neuem Licht erscheinen. Es ist die Voreingenommenheit, die Angst und der Wunsch nach Kontrolle, der uns klammern lässt. Und der Lust die Luft abschnürt. 

Macht euch eure Sehnsüchte zu eigen. Das vermeintlich Verbotene, das Ungezügelte, Ungebändigte erregt uns. Mitunter steht es unserem bevorzugten Selbstbild entgegen. Doch das Irritierende fasziniert und transformiert. Ich könnte das ja nicht, heißt es dann oft, gerade in der deutschen Mittelschicht, in der ein Wettbewerb der Anpassung läuft. Bloß nicht auffallen und anecken lautet die Devise.  

Doch es kann ein Zeichen von Stärke, Erfahrung und Sicherheit sein, Freiräume zu zugestehen. Es setzt Kräfte frei. Loslassen und Einlassen sind deshalb zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Auffallend ist, dass wir in dem weit verbreiteten Konzept der seriellen, monolithischen Monogamie eher bereit sind, eine Beziehung zu opfern, als ihre Struktur infrage zu stellen.

Ein Liebesfeld als Rahmen

Was ist der Kern von Verführung? Es ist das Bekenntnis, das Gegenüber als sexuelles Wesen zu sehen. Es ist die Absicht, dieses sexuelle Wesen entdecken zu wollen; seine Eigenständigkeit, seine vielen verborgenen Schichten würdigen und eine Erotik als Paar mitsamt einer Vielzahl von Signalen entwickeln zu wollen. Gelebte Erotik innerhalb einer Partnerschaft lässt mich immer wieder staunen. Sie führt zu Demut, Verehrung und einer Weite im Herzen, wenn zwei Menschen herausfinden, wer, was und wie sie miteinander sein können. Dabei gilt es ganz praktisch, das Liebesfeld mit konkreten Schritten zu düngen: 

Sexuell mein Gegenüber immer wieder einzuladen bzw. abholen. Auch wenn er am Computer sitzt oder sie die Füße hochgelegt hat, mein Lieblingsmensch gerade grimmig oder bockig ist (und der Einstieg in die bekannte Konfliktdynamik sich bereits abzeichnet). Seid liebevoll im Umgang im Alltag, selbstfürsorglich euch selbst gegenüber. Seht diese soziale Energie als großen Schatz, der euch ermöglicht, auch asymmetrisch zu agieren: Wenn die eine Seite Vorwürfe macht, dann reagiert die andere Seite freundlich – egal was ist. Verführung ist absichtsvoll, aber nicht vorhersehbar. Sie beinhaltet Freude an der Verführung, ist auf den Prozess, nicht auf ein Ziel ausgerichtet. Es darf ein Tanz aus Nähe und Distanz, Impuls und Resonanz entstehen, was, zugegeben, einfacher gesagt als getan ist.  

Es braucht daher Willen, mehr als alles andere, jenen Willen, die Dinge künftig anders als bisher zu handhaben. Um nachhaltig einen Unterschied zu machen.

Meint tatsächlich euch!

Nicht mit dem Lieben aufhören bedeutet, nicht mit dem Fühlen aufzuhören. Auch und gerade sexuell gibt es so viel zu erfühlen. Diesen Aspekt unterschätzen langjährige Paare, die dieser Sex-Sache weniger Bedeutung beimessen. Doch wie fühlt sich der Sex tatsächlich an? Gelingt es euch, von Mal zu Mal, tiefer zu fühlen? Weiter zu gehen? Ineinander zu versinken? Oda und Mick, unser Beispielpaar, haben wie bei einer Zwiebel Schicht für Schicht freigelegt, um immer mehr Empfindungen beim Sex zu erlauben. Es entstand ein Fühl- und Erfahrungsraum über Stunden hinweg. Und jedes Mal fühlt es sich neu und anders an. Vertraut und doch bereichernd. 

Das Drehen an diesen Stellschrauben hat sie frech und frei und wunderbar gemacht. Das Drehen und Ver-rücken verschiebt Grenzen, um zu neuen Blicken zu gelangen. Aufeinander und miteinander! Es nährt den Schoß wie die Seele gleichermaßen.

Oda und Mick haben ihr persönliches erotisches Tableau gefunden, schreiben sich (wieder) Liebesbriefe und erotische SMS, überraschen sich mit einer Verabredung in einer schummerigen Bar zu später Stunde, mit Sinnlichkeit, dort, wo sie sich angeblich nicht gehört. Oda legt gerne in aller Öffentlichkeit ihre Hand auf Micks Hintern und zuhause machen sie es vormittags auf dem brotkrümeligen Küchentisch, wenn die Kinder in der Schule sind. Beide schenken sich „schmutzige“ Komplimente, während sie miteinander schlafen, reden sich auch mit „Mein Mann“ und „Meine Frau“ an, denn das sind Beschwörungen, die starken Zauber entfalten. Es wirkt sich positiv auf den Sexualtrieb aus, wenn die Schönheit von Pussys und Schwänzen gefeiert wird, der Geruch und Geschmack von Haut und Haaren und Genitalien gemocht und gelobt wird. Wenn man sich ganz genau anschaut, Millimeter für Millimeter. Wenn man die Lust und gemeinsame Erotik auch inszeniert.   

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Komplimenten, Zuwendung und Libido. Ein gemeinsames Liebesglück wird durch Imagination gewürzt. Sexuelles Verlangen wird zur Begierde, wenn man sich gesehen und gemeint fühlt. Und sie erkannten sich, heißt es in der Bibel, wenn von Sex die Rede ist. Dafür müssen Schleier gelüftet, Bedürfnisse offengelegt und Worte und Zeichen, Erfüllung und Bestätigung, Genuss und Bindung gefunden werden. Es ist ein großes Lebensglück, einen sexuell adäquaten Partner (m/w/d) zu finden. Und diesen blühenden Garten zu wässern und zu pflegen. Und da weiß ich ganz genau, wovon ich spreche.

 

Till Ferneburg unterstützt Paare in ihrer Beziehungsgestaltung. Anne Brandt und er haben gemeinsam die Workshop-Reihe „Beziehungszeit“ ins Leben gerufen. Zwei Mal jährlich laden sie zum Thema „Verführung mit allen Sinnen“ ein. Mehr Infos unter www.sexluv.de und unter Terminen.  

* Viel Zeit nehmen wir uns für alles Mögliche, verbringen Stunde für Stunde mit unseren Beschäftigungen, sei es Kuchen backen und online shoppen, gärtnern, telefonieren, Möbel bauen oder Spielfilme schauen. Nur im Bett sollen 30 Minuten reichen, um hinterher wirklich zufrieden zu sein? 

 

 

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