von Caroline Winning

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Kollegin vor zwei Monaten. Wir berichteten uns gegenseitig über unser Befinden mit seinen fast täglichen Schwankungen zwischen den beiden Polen „stabil und in Frieden bei sich sein“ und „völlig von der Rolle“. Sie brachte das Wort „Zwischenzeit“ auf als Beschreibung für das, wovon wir derzeit Zeug:innen werden: das Alte bricht auf und wackelt, während sich das Neue erst allmählich seinen Weg auf die Weltenbühne bahnt.

Charles Eisenstein hat bereits vor einiger Zeit über die Geburt des neuen menschlichen Zeitalters und das Zusammenbrechen der alten Ordnungs- und Herrschaftsstrukturen geschrieben und wir können unter dem Brennglas beobachten, wie wir derzeit kollektiv darauf reagieren, dass das bisherige „Normal“ nicht mehr greift. Die Pandemie, der aktuelle Krieg in der Ukraine, dazu die sich anbahnende Klimakrise mit ihren sozialen und geopolitischen Verwerfungen, für die wir bisher noch keine globale Strategie in Aussicht haben.

Wenn ich gezielt ranzoome und als Fragment all dessen das große Weltgeschehen in mir erlebe, spüre ich, wie das Wechselbad des Dazwischen mich in Dauerschleife hält. Wo heute Kraft und Lebenslust dominieren, sinkt es morgen ab in lethargische Traurigkeit und Frustration. Neutrales Durchschnittsempfinden ist derzeit ins Sabbatical abgetaucht. Die Wellen des Zeitenwandels schlagen tiefe Kerben in unser Menschheitsgewand und rütteln an uns, was das Zeug hält. Da hilft es nicht, das alte „Normal“ herbei zu beschwören: es ist vergangen und in dieser Form nie wieder herzuholen. Wir stellen uns den neuen Herausforderungen, die ihr markantes Antlitz derzeit am deutlichsten in den zwischenmenschlichen Spaltungen zeigen. Wo Angst herrscht, geht die Verbindung verloren und der Rückzug auf das Absolute beginnt.

Verunsicherung, Orientierungslosigkeit und Überforderung führen zu Kontrollwahn, Dogma und Aggression.

Es ist ein Übergang, wir stehen an einer Schwelle. Als Erstes hin zum Übertritt in die „grüne“ Entwicklungsebene nach Spiral Dynamics oder der Integralen Theorie. Sie bringt das Sehnen nach tiefer Verbundenheit mit sich – mit anderen, mit unserem heiß geliebten Planeten und mit uns selbst als Einheit von Körper, Geist und Seele. Von ihr ausgehend treten neue Aspekte in den Vordergrund: ein Leben in Einklang mit der Natur, innerer Reichtum statt äußeres Anhäufen. Mit dem Einzug der sich für danach bereits ankündigenden Entwicklungsebene „integral“ gesellt sich dazu die Integration der spirituell-göttlichen Ebene und damit eine Be-SINN-ung auf die wahre Natur des Menschseins: reines Bewusstsein, Geist, der sich verfestigt hat und damit in Verbindung mit allem steht, was war, ist und jemals sein wird.

Das Licht entzünden

Ein radikal anderes Konzept als das rein rational-materialistische Weltbild, welches einen Großteil der westlichen Länder heute prägt. So radikal, dass vielen angst und bange wird. Das Unbehagen darüber, was uns Sicherheit schenkt, wenn es nicht mehr der allgegenwärtige Verstand ist. Womit das Leben gestalten, wenn Planung, Wissen und rationale Betrachtung allein nicht mehr genügen? Wie der eigenen Existenz Sinn abringen, wenn es auf die äußeren Taten, Erfolge und Habseligkeiten nicht mehr ankommt? Der Schritt ist ein gewaltiger und wir stehen erst am Anfang. Wie lange der Ãœbergang dauert, bis sich die grüne und integrale Ebene als Leitplanken verfestigen, ist ungewiss und wird wahrscheinlich nicht von heute auf morgen geschehen. Seien wir optimistisch und rechnen wir mit 150 Jahren…

Der Schritt ist ein gewaltiger und wir stehen erst am Anfang. Wie lange der Übergang dauert, bis sich die grüne wie integrale Ebene als Leitplanken verfestigen, ist ungewiss und wird wahrscheinlich nicht von heute auf morgen geschehen. Seien wir optimistisch und rechnen wir mit 150 Jahren…

Dies bringt uns, die heute bereits für den Wandel gehen, in eine existentielle Rolle: wir entzünden das Licht, eins nach dem anderen, und sorgen so dafür, dass die Evolution ihren weiteren Verlauf nimmt. Wie sie das tut, ob schmerzvoll und krisengeplagt oder auf integrative, bewusste und verträgliche Weise, haben wir in der Hand. Wir sind die Gestalter:innen des Morgens, die Begleiter:innen auf dem Flug ins neue Unbekannte. Es könnte ruckelig werden und allemal sind wir absturzgefährdet. Doch wir sind alle längst eingestiegen, Fluggäste wie Boardcrew. In der Zukunft zeigt sich, ob wir sanft aufkommen oder uns die Bruchlandung erwartet.

Die Kraft, die uns für diese Reise immer wieder auf’s Neue auf- sowie ausrichtet, ist die Liebe, die alles trägt. Verlieren wir sie aus dem Bewusstsein, kann sich ein sinnleerer Abgrund auftun. Wenden wir uns ihr zu, schenkt sie uns Mut, Zuversicht und ein tiefes Vertrauen in die größere Ordnung hinter dem Lauf der Dinge. Sie in Herz und Geist lebendig zu halten, erinnert uns daran, dass das Leben selbst die größte Reise ist.

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Eine Antwort

  1. Uwe Rapp

    Ja, das Leben selbst, und ohne jemanden, der sie als Reise betrachtet. Ohne ein „Ich“. Kein Spieler, nur das Spiel als Wahrgenommenes. Nur das, was passiert.
    In der Verantwortungsübernahme und Hinterfragung, ob es wahr ist, was ich denke (und den daraus verursachten Gefühlen und Handlungen) löst sich das „Ich“ auf, weil es keine Geschichten mehr über sich erzählen kann. Das geschieht, wenn ich es tue, immer jetzt, nie in der Zukunft. Befreiung, Erlösung ist also kein Ding der Zeit, auf das ich warten muss, nein! Wer das glaubt, übernimmt nicht die Verantwortung für das, was er da denkt.

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