Feridun Zaimoglu: Siebentürmeviertel

Titel: Siebentürmeviertel

Author: Feridun Zaimoglu

Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 2015

Preis: 800 Seiten, 24,99 Euro

ISBN: 978-3462047646

Heimatgeschichten

Beschäftigt man sich mit der deutsch-türkischen Geschichte, so ist man erstaunt, wie viel an unbekannten Verbindungen existiert. So sind in der Zeit des Nationalsozialismus zum Beispiel viele deutsche Intellektuelle nach Istanbul geflohen und haben hier das Universitätswesen stark mitgeprägt. Ähnlich beginnt auch die Geschichte des sechsjährigen Wolf.

Seine Mutter starb bei seiner Geburt, sein Vater Franz – eigentlich ein Deutscher durch und durch – flieht mit ihm 1939 vor dem Zugriff der verhassten Nazis nach Istanbul. Hier findet er Zuflucht im Haus eines ehemaligen Arbeitskollegen, Abdullah Bey und seiner Familie. Als Gerüchte im Viertel auftauchen, dass es ein Verhältnis zwischen Franz und Abdullah Beys Tochter gibt, zieht dieser weg und lässt seinen Sohn bei der türkischen Pflegefamilie.

Der Sohn, als „Arierkind“ und „Hitlersohn“ bezeichnet (hier zeigt sich auch gut die zwiegespaltene Sicht der damaligen Zeit auf das Nazi-Reich), entfremdet sich langsam vom Vater und wird – trotz seines geradezu wechselbalgartigen Status‘ – nach und nach immer tiefer integriert.

Als Schauplatz dient das Siebentürmeviertel – nicht gerade eine Prachtgegend, voller verschiedener Religionen und Ethnien (Türken, Griechen, Armenier, Albaner, Tschetschenen, Kurden…) – in dem Feridun Zaimoglus eigener Vater aufgewachsen ist. Hier rasseln Neid, Geiz, Liebe, Hass, Gewalt, (Aber-)Glaube, Feminismus, alte Sitten und Bräuche wortgewaltig, bilderstark, metaphern- und gleichnisreich aufeinander zu. Die Sprache ist absolut orientalisch überhöht, gewürzt mit lyrischen Wortneuschöpfungen.

Eine Milieustudie, ein Setting, das sich so, oder so ähnlich, abgespielt haben mag. Es liegt im Rahmen des Glaubwürdigen. Und auch wenn Feridun Zaimoglus Werk schriftstellerische Fiktion ist, erweckt er eine sehr real erscheinende und brutale, aber gleichzeitig auch magische, zauberhafte Welt voller Schwüre, Ehre, Blut, Ernsthaftigkeit, Loyalität, Klugheit, Freundschaft, tiefer Bedeutung im Kleinsten und bauernschlauer Poesie.

Zaimoglu spiegelt, als in der Türkei geborener, aber hierzulande auf- und hineingewachsener Deutscher, damit wohl auch ein wenig seine eigene Biografie.

Fazit: Ein Heimatroman der etwas anderen Art. Wer reichhaltige, blumige Sprache liebt und gerne Familien über Jahre hinweg auf ihrem Weg durch die Unebenheiten der Weltgeschichte begleitet, wird mit diesem Werk – je nach Lesegeschwindigkeit – ein paar spannend verbrachte Tage oder Winterwochen verleben. Es ist ein Abtauchen in eine Welt, die nicht unbedingt Istanbul heißen muss, sondern in ihrer vielschichtigen und vielvölkerigen, selbstjustizübenden moralischen Struktur in etwas anderer Zusammensetzung auch in anderen großstädtischen Schmelztigeln der damaligen Zeit zu finden wäre. Gleichzeitig aber auch an schaurige Geschichten aus abgelegenen Dörfern erinnert.

Aber: Geduld muss man mitbringen. Feridun Zaimoglus gut 800 Seiten starkes Buch, in dem er über 80 Haupt- und Nebenfiguren auftreten lässt, ist nichts für schnelles und ungeduldiges Lesen.

Jedes sorgsam geschnitzte und zurechtgefeilte Wort will wahr- und aufgenommen werden. Anstrengend, streckenweise dann auch irgendwann langatmig, aber lesenswert.