Jack Thorne, John Tiffany: Harry Potter und das verwunschene Kind

Titel: Harry Potter und das verwunschene Kind

Author: Jack Thorne, John Tiffany

Verlag: Carlsen, 2016

Preis: 343 Seiten, 19,99 Euro

ISBN: 978-3551559005

Magisch

Nach langen Jahren des gierigen Wartens auf eine neue Geschichte aus dem Harry- Potter-Universum ist es endlich so weit und es gibt eine Fortsetzung. Naja.. also zumindest so etwas in der Art. Denn geschrieben ist sie nicht von Joanne K. Rowling selbst (sie wirkte nur mit), sondern von dem Theaterregisseur Jack Thorne und dem Drehbuchautor John Tiffany.

Verkauft wird es dennoch als „das 8. Buch“ der Serie, was durchaus ein wenig schwierig ist und von eingefleischten Fans kritisch beurteilt wird. Denn kleine Logikfehler, die Storyline selbst und eben, dass ein „fremdes“ Buch jetzt in den Harry-Potter-Kanon aufgenommen wurde, machen es für manche eher zur Enttäuschung. Eventuell greift hier auch die bei Fortsetzungen erfolgreicher Werke ja oft eintretende Ernüchterung, wenn abgöttisch geliebte Charaktere sich nach Jahren (und hier befinden wir uns ja in einem 19 Jahre späteren Jetzt) in eine andere Richtung entwickeln. Aber Menschen bleiben eben nicht gleich, auch in ihren Meinungen nicht.

Die Story rasch angerissen (Achtung: Spoiler!): Harry ist ein desillusionierter Mitarbeiter des Zaubereiministeriums mit einem Hang zu Schlampigkeit, Hermione ist Ministerin und Ron der lustige Onkel, den nur die Kinder witzig finden. Im Grunde keine so großen Änderungen. Ginny und Harry haben drei Kinder, und ihr Sohn Albus (allen durch die Szene auf dem Bahnsteig am Ende des letzten Bandes bekannt) ist der Mittelpunkt der Handlung. Er trägt schwer an seinem berühmten Vater, fühlt sich missverstanden und unfähig, woraus später auch Wut erwächst. Albus wird zu Anfang seiner Schulzeit in das Haus Slytherin sortiert und freundet sich mit Scorpio, dem erstaunlich sympathischen und intelligenten Sohn Draco Malfoys an. Gruppenmechanismen, Macht- und Ränkespiele und Berechnung im Verhalten werden mal wieder offengelegt.

Es ist ein interessantes Gedankenspiel, wie Kinder ihre Eltern spiegeln, gerade dadurch, dass sie anders sein wollen. Stellenweise fragt man sich: Wie konnte Harry nur so werden, wie kann er so ein schlechtes Verhältnis zu seinem Sohn haben…? Ihm ist eben die (magische) Realität begegnet. Auch in Hogwarts wird man irgendwann erwachsen. Und ja.. er hat nie gelernt, wie ein guter Vater sich verhält und ehrlich mit seinem Kind umgeht und kommuniziert. Apropos Vaterfiguren: Selbst Harrys Beziehung zu Dumbledore erfährt nochmals eine Form von Aufarbeitung.

Fazit: Unter den richtigen Voraussetzungen gelesen, ist es eine kurzweilige und hungrig weggelesene Geschichte, die liebgewonnene Charaktere wieder aufleben lässt und einen runden Abschluss zur Buchreihe schenkt. Aber: Es ist eben kein Roman, sondern das nackte Skript für ein Bühnenstück, das natürlich nicht so tief und ausführlich ist, manche Figuren und Handlungsstränge bleiben eben blass – im Theater mit Schauspielern dürfte die Wirkung und Ausstrahlung eine ganz andere sein. Es ist eben nur „Nach einer Geschichte von Joanne K. Rowling“ und nicht direkt von ihr. Dennoch lohnt sich das Lesen. Gehört man zu den Glücklichen, bei denen die Buchstaben im Kopf dank Fantasie auf magische Weise dahinschwinden und in einen inneren Film transformiert werden, kann man das Buch tatsächlich genießen, in die Erzählung abtauchen und sich über ein Wiedersehen mit zutiefst vermissten Figuren freuen.