Karl Banghard: Nazis im Wolfspelz

Titel: Nazis im Wolfspelz

Author: Karl Banghard

Verlag: Bezug unter: info@afm-oerlinghausen.de

Preis: 

ISBN: 978-3-943643-02-2

Die Tage werden kürzer, die Nächte länger – ganz klar, der Sommer hat sich verabschiedet und die kühle Herbst- und Winterzeit hält Einzug. Viele haben in den letzten Sommermonaten ihre Freizeit auf Mittelaltermärkten verbracht – tanzend, singend, lachend, vielleicht auch genüsslich Met schlürfend –, auf jeden Fall aber in guter Gesellschaft, oder nicht?

Living History nennt sich das, was viele gerne als Hobby betreiben: Wiederbelebte beziehungsweise gelebte Geschichte. Gruppen werden oft von den verschiedensten Museen zur Belebung von Ausstellungen oder Festivals gebucht. Größtenteils basierend auf historischen Funden wird hier Vergangenes inszeniert und nachgestellt und aufmerksam lauschenden Besucher/innen neu erzählt.

Darin liegt Faszination und Gefahr gleichermaßen. Denn rechte Gruppen können auf diese Weise nachhaltig und intensiv mit verfälschten Repliken ihre Weltanschauung verbreiten und Menschen beeindrucken, zusätzlich verstärkt und legitimiert durch die musealen Veranstaltungen und damit die implizite Lesart als Historikexperten.

Karl Banghard, der Museumsdirektor des Freilichtmuseums Oerlinghausen, hält diese Gefahr für nicht so gering, wie sie eventuell auf den ersten Blick erscheinen mag. Beispielhaft greift er zunächst einen einzigen beliebigen Festivaltag im Sommer 2015 im Slawen- und Wikingerzentrum Wolin in Polen heraus und streicht mit Bildbeweisen die zahlreichen NS-Anspielungen unter musealen Ausstellergruppen und Besucher/innen heraus. Die Schnittmenge mit brauner Esoterik ist zusätzlich auch gegeben. Es wäre zu simpel zu behaupten, dass dieses Problem nur auf polnischer Seite liegt.

Es sind keine Kavaliersdelikte. Bei solchen Veranstaltungen trifft man in großer Zahl auf kahlgeschorene Schädel, Hakenkreuzborten, Sticker mit Sonnenrad, die Farbwahl schwarz-rot-weiß und sogar auf offen (auch in deutschen Museen) gezeigte, riesige, in Sütterlin eintätowierte SS-Sprüche sowie optisch nur oberflächlich verschleierte Hakenkreuze auf Kampfschilden. Das Ganze dann gepaart mit Geschichtsverdrehung und braungefärbter Wikinger- und Germanenverehrung, die im Habitus des amtlich abgesegneten Bildungsgutes daherkommt. Eben rechtsextreme Propaganda im Mäntelchen des lustigen Geschichtsinteresses. Und es ist mitnichten nur ein Hobby von einigen wenigen. Banghard schätzt, dass die Zahl der aktiven Living-History-Darsteller bei über einer Million liegt.

In den weiteren Kapiteln arbeitet Banghard weiter die Hintergründe der Szene des Wikinger- und Germanenkultes auf, geht zurück in die Anfänge des Living History und macht auf schon in den 1980er Jahren rechts-missionarisch arbeitende Gruppen aufmerksam. Er zeigt hier auch deutlich die größeren Zusammenhänge auf – beispielsweise auch zum Themenkomplex Musik mit Rechtsrock und Pagan Metal. Sehr spannend und äußerst beredt, dass hier problemlos Verbindungen zum NSU-Trio ausgemacht werden können.

Erstaunt erfährt man zudem, dass rechtslastige Gruppen (auch heute noch) nicht nur mit Museen, sondern sogar mit öffentlichrechtlichen Fernsehsendern zusammenarbeiten. Gruppen – stark vernetzt mit völkisch- heidnischen Siedlungsprojekten – liefern hier Material für den Schulunterricht (!) und damit zur Indoktrination von Kindern. Fazit: Erschreckend. Die Masse an Hakenkreuzen, die sich hier bei Besuchern wie Darstellern tummeln.

Eine Parallelgesellschaft in heiter-lockerer Umgebung: Schon Kinder spielen hier Wikinger mit Schilden, auf denen rot-schwarze Swastiken gemalt sind. Dass diese kleine, aber wichtige Veröffentlichung aus dem Freilichtmuseum Oerlinghausen und vom dortigen Museumsdirektor kommt, ist nicht ohne Grund: ein Museum, das im Olympiajahr 1936 als Germanengehöft Oerlinghausen gegründet wurde und in der Verbreitung völkischer NS-Ideologie gezielt auf Jugendliche ausgerichtet war.

Das Germanengehöft tat sich sich besonders durch Lehrstunden, Ausgrabungen , Vorführungen in historischen Kostümen und viele Mitmachangebote hervor; nazideutsch-verherrlichtes Germanenbild und wissenschaftliche Funde erfuhren hier einen wilden Mix – der eindeutig funktionierte: Man erreichte beispiellos hohe Beitrittsquoten zu NS-Jugendorganisationen und wurde unter Goebbels zum Aushängeschild.

Ein Museumsdorf mit dieser Entstehungsgeschichte hat in unserem Land gar keine andere Wahl, als seine Vergangenheit transparent aufzuarbeiten und den Blick stets scharf zu halten. Gut, dass man hier gelernt hat, gerne Totgeschwiegenes anzusprechen, besonders wenn die eigene Geschichte reproduziert wird. Hier geht es nicht darum, anderen Leuten den „Spaß“ an ihrer Freizeitgestaltung zu verderben, sondern um eine Sichtbarmachung von gezielter brauner Unterwanderung, die weitgehend verharmlost wird – symptomatisch für unsere Gesellschaft, leider.

Die Broschüre kann gegen Porto im Museum bei der angegebenen Mailadresse bestellt werden. Das Museum bietet als Service den Text auch als kostenfrei herunterladbares PDF an, auch hier gilt: Bitte via Mail melden, dann wird der Link zum Download zugesandt.