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Lust und Freiheit – Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution

Lust und Freiheit – Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution

Titel: Lust und Freiheit - Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution

Author: Faramerz Dabhoiwala

Verlag: Klett-Cotta

Preis: 29,95

ISBN: 978-3-608-94772-4

Es lebe die Liebe

Die gesellschaftsverändernde Kraft von Sex? Vergesst die Hippies – das waren quasi nur die verspäteten Epigonen.

Schon vor einigen Jahrzehnten erkannten Forscher, dass die Zeit von 1660 bis circa 1800 einen Wandel in der Einstellung zur menschlichen Sexualität nach sich zog, der auch geistig weite Kreise zog und den Faramerz Dabhoiwala als „Geburt des modernen Bewusstseins“ bezeichnet.

Das Buch des britischen Professors mit dem einprägsamen Namen ist im englischsprachigen Raum – trotz seinem wissenschaftlichen Hintergrund – ein zum Buch des Jahres ausgezeichneter Bestseller. Sex sells – diesmal nur auf eine etwas andere Weise. Heute blicken wir mit verwirrter, fast unfassbarer Abscheu auf andere Kulturen, wo Menschen, die einvernehmlichen Sex außerhalb der Ehe haben, geächtet, körperlich gezüchtigt, verurteilt und manchmal sogar hingerichtet werden. Nur zu gerne verdrängen wir, dass diese moralische Sanktionierung jahrhundertelang ebenfalls eines der herausstechendsten Merkmale des Christentums war.

Erst als das Licht der Aufklärung sich Ende des 17. und im 18. Jahrhundert, langsam ausbreitete, änderte sich dies. Nach unserem heutigen Verständnis ist Sexualität ein intimer und individueller Akt, der niemanden groß etwas angeht. Früher allerdings war es ein ganz selbstverständliches Anliegen der Öffentlichkeit und man ging damit gänzlich anders um. Die These: Erst als sich die sexuelle Kultur revolutionär veränderte – in die Richtung, wie wir sie heute leben – wurden die Grundlagen für die europäische und amerikanische Aufklärung geschaffen. Auf der Grundlage des Selbstverständnisses der individuellen Privatheit, Gleichheit und Freiheit entstand ein vollkommen neues Modell der westlichen Zivilisation.

Dieser entscheidende Umbruch nahm mit dem Wegfall der moralischen sozialen Kontrolle und dem Weggang aus überschaubaren Dörfern hin zur Anonymität großer Städte seinen Lauf, weswegen London als Weltmetropole ein besonderes Augenmerk geschenkt wird.

Fazit: Nirgends geben wir uns so vielen Illusionen hin wie beim Sex. Nichts ist intimer. Fast nirgendwo sind wir entblößter. Und wenn dieses Zusammentreffen schon im Kleinen manchmal die Welt erbeben lässt, lässt dies den Einfluss auf die Welt im Großen sanft erahnen. Das Buch handelt von und bezieht sich auf die britische Geschichte, aber aufgrund der politischen, wissenschaftlichen, religiösen und wirtschaftlichen Situation lässt sich diese Entwicklung laut Faramerz Dabhoiwala ebenfalls auf das europäische Ausland – wie zum Beispiel Deutschland – übertragen. Er nennt hier auch oft Beispiele, auch wenn sein Fokus auf Großbritannien liegt.

Er erzählt nicht nur anzügliche Bettgeschichtchen oder liefert pornographische Vorlagen (auch wenn natürlich pikante Überlieferungen in großer Zahl zitiert werden), sondern versucht spannend und sehr kurzweilig, manchmal auch amüsant, zu erforschen, wie der Samen neuer Denk- und Lebensweisen trotz christlichem Würgegriff vorsichtig Wurzeln schlug, wuchs, aufblühte und einen grundlegenden kulturellen Wandel verursachte, auf dem unsere Gesellschaft noch heute fußt. Es ist natürlich ein etwas schwereres (die Fülle an Material in dieser Dokumentation lässt sich hier kaum andeuten), aber für geschichtsinteressierte, hedonistische Freigeister eben ein äußerst gut geschriebenes und lesenswertes Stück Literatur.

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