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Serenade für Nadja

Serenade für Nadja

Titel: Serenade für Nadja

Author: Zülfü Livaneli

Verlag: Klett-Cotta

Preis: 21,95

ISBN: 978-3608939637

Türkei damals & heute

Der türkische Komponist, Sänger, Filmregisseur, Unesco-Botschafter, Politiker und Schriftsteller Zülfü Livaneli wurde 1946 in der Türkei geboren. In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts war er aufgrund seiner politischen Ansichten gezwungen sein Heimatland zu verlassen. Er lebte in Paris, Stockholm und Athen und kehrte erst 1984 in die Türkei zurück. In seinem neuesten Roman „Serenade für Nadja“ widmet er sich – oberflächlich betrachtet – dem neuen, dem modernen Istanbul. Mit seiner Hauptfigur, der alleinerziehenden
Maya Duran, die als Gastbetreuerin für die Universität arbeitet, gerät man allerdings sehr schnell in den Sog der Handlung und erkennt, dass unter der polierten Oberfläche ein Netz aus alten Werten und seit Jahrzehnten mitgeschleppten Problemen liegt. Das Buch ist stellenweise spannend inszeniert wie ein Thriller, nach kleinen Anfangsschwierigkeit ist man schnell sehr vertraut mit der Hauptfigur. Im Rahmen ihres Jobs soll sie sich um einen Gast der Universität, Prof. Maximilian Wagner, kümmern. Anfangs ist sie etwas genervt und erwartet die
ewig gleichen Stereotypen, doch dann ist sie doch schnell von dem geheimnisvollen 87jährigen Amerikaner mit den deutschen Wurzeln fasziniert, der unbedingt an einem eiskalten Morgen im Februar an einem Strand Geige spielen muss. Es entspinnt sich eine interessante Geschichte, während der Maya direkt zu Anfang vom türkischen Nachrichtendienst verfolgt und erpresst wird, den Professor zu bespitzeln.

Wunden, die der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches geschlagen hat, offenbaren sich hier, die auch heute noch als Familiengeheimnisse und Tragödien vor sich hin schwären. Die Handlung kreist im Kern um die entsetzliche Geschichte des Schiffes Struma, das 1942 vor der türkischen Küste mit fast 800 jüdischen Flüchtlingen an Bord sank. Die Türkei hatte vorher monatelang verhindert, dass das Schiff anlegen konnte, schleppte es schließlich in offene Gewässer, wo ein russisches U-Boot es mit einem Torpedo versenkte.

Zülfü Livaneli flicht zudem die grausamen Massaker an anderen Völkern, an denen der türkische Staat schwer trägt, durch die leidvollen Geschichten der beiden Großmütter Mayas, die eine Armenierin, die andere Krimtatarin, mit in die Handlung ein. Auch Nazideutschland und 190 Wissenschaftler, die sich vor dem Nationalsozialismus in die Türkei flüchteten und die Grundlage für die Neustrukturierung des türkischen Hochschulwesens schufen, spielen eine wichtige Rolle.

Fazit: Sehr lesenswert. Sehr spannend. Einmal angefangen, kann man das Buch kaum noch weglegen. Zülfü Livaneli gräbt (nicht nur sprichwörtliche) Leichen im Vielvölkerstaat aus und arbeitet hier die geheimgehaltene Schuld der türkischen Regierung auf, die auch viel an heutigem Verhalten und Denken der türkischen Gesellschaft erklärt.

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